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Stefan Plöchinger über Fort McMoney und Glitzter im Onlinejournalismus

Das Dokugame Fort McMoney wurde  am Freitagabend bei den Grimme Online Awards in der Kategorie Wissen und Bildung ausgezeichnet. Das Special gehört zu den vielen Arte-Webproduktionen. Sueddeutsche.de war der deutsche Medienpartner des Projekts. Vor dem Start im November 2013 haben wir mit Stefan Plöchinger, dem Chefredakteur von sueddeutsche.de darüber ein E-Mail-Interview geführt.

MM: Was ist der Beitrag von sueddeutsche.de zu Fort McMoney?

Stefan Plöchinger: Wir werden eine Reihe von Hintergrundanalysen über diese umstrittene Ölfördermethode bringen – und das Spiel aktiv begleiten. Die Leser sollen nicht nur spielen, sondern wirklich von vornherein verstehen können, um was es bei dem Thema geht.

MM:  Wie ist es zu der Kooperation gekommen?

Plöchinger: Arte hat uns angesprochen, nachdem wir schon einige Male gut kooperiert haben – übrigens auch mit anderen Medienhäusern – und uns das auch in Zukunft vorstellen können. Wir verstehen uns da als offene Redaktion.

MM: Glauben Sie, dass Sie viele Nutzer animieren können, sich an dem Spiel zu beteiligen? Was ist Ihre Strategie?

Plöchinger: Wir sind gespannt. Das gab es so noch nicht, wir werden vielfältige Erfahrungen machen – was die Zahl, aber auch die Spiellust der Teilnehmer angeht. Das ist hochinteressant, weil wir journalistisch dazulernen werden, welche Erzählformen wie funktionieren.

MM: Welche Rolle spielt Ihrer Ansicht nach der Spieltrieb im Onlinejournalismus?

Plöchinger: So generell ist das nicht zu beantworten. Wir als Onlinejournalisten spielen gerne mit neuen Formen und Formaten. Wir als Nutzer von Onlineseiten auch. Inwieweit Gamification als journalistisches Ausdrucksmittel funktioniert, ist damit aber nicht gesagt. Wir werden’s sehen.

MM: Ihre Partner NFB und ARTE sammeln seit 2007/8 Erfahrungen mit multimedial-interaktiven Webdokus, nach Snowfall ist jetzt auch Zeit Online mit der Stalin-Allee und dem Tour-De-France-Special auf dem Markt – arbeiten Sie bei sueddeutsche.de auch an einem vergleichbaren Projekt?

Plöchinger: Schauen Sie auf sz.de/datagraph oder hierhin – wir arbeiten ständig an solchen Erzählformen. Die Grenzen sind fließend, deshalb werden Sie bei uns nicht nur die aufwändigen Webreportagen finden, sondern vielfältige neue Erzählformate.

MM: Wie schätzen Sie das Potenzial dieser Online-Longreads ein?

Plöchinger: Aufwändig produzierte, inhaltliche herausragende Longreads sind toller Onlinejournalismus, keine Frage. Nicht so aufwändig produzierte, inhaltlich herausragende Longreads – der Standard auf vielen guten Nachrichtenseiten – sind es allerdings auch, und manchmal sind sie sogar besser, weil sie sich auf den Text fokussieren. Es kommt eben aufs Thema an, welche Produktionsmittel die richtigen sind.

Was ich sagen will: Man darf sich von der Glitzerproduktion eines Textes nicht dahingehend verführen lassen, das Geglitzer für ein Allheilmittel im Onlinejournalismus zu halten, wie es jetzt viele tun. Ich kenne zum Beispiel nur wenige Leute, die die aufwändig produzierten Longreads der vergangenen Monate wirklich komplett gelesen haben. Weil sie sich von den interaktiven Elementen haben ablenken lassen, hatten viele keine Lust mehr auf den Text. Darum Vorsicht: Wir müssen diese wie viele andere Online-Formate erst noch austesten, damit sie wirklich gut funktionieren. Was nicht gegen das Experimentieren mit diesen Formaten spricht, sondern dafür.

von Thomas Strothjohann