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Werkstatt

Bildaussage.

Auf die Perspektive kommt es an: Wie Bilder sprechen lernen.

Der Fotograf nimmt beim Fotografieren immer einen Standpunkt ein. Dieser Standpunkt hat zwei Dimensionen: eine physische und eine ideelle. Das bedeutet, dass die tatsächliche Kameraposition und der Kamerawinkel während des Fotografierens eine unmittelbare Auswirkung auf die Bildaussage hat und damit auf die Bildwirkung.

Das plakativste Beispiel ist der Unterschied zwischen der Vogelperspektive und der Froschperspektive: ein und dasselbe Motiv von unten oder von oben aufgenommen, hat eine dramatisch andere Wirkung. Ein Porträt beispielsweise wirkt aus der Froschperspektive erhaben, mächtig und gross und aus der Vogelperspektive niedlich, klein und unter Umständen hilflos (z.B. bei Kindern). Je nachdem, was der Fotograf mit einem Foto ausdrücken will, wählt er hier die Perspektive, seinen Standpunkt. Wobei immer die alte Designregel gilt: „form follows function", das heisst, der Fotograf wählt die Perspektive erst, nachdem er sich darüber im Klaren ist, wie sein Pendant wirken soll. Nicht umgekehrt.

Allerdings ist gerade beim Porträt meistens eine normale Perspektive, das heisst der Blickwinkel aus Augenhöhe am geeignetsten. Sie wirkt auf den Betrachter besonders authentisch – so, als ob man der Person gegenübersitzt und ihr in die Augen sieht.

Auch die Aussage eines Landschaftsfotos ändert sich unter anderem je nachdem, wo sich der Horizont im Bild befindet. Eine Berglandschaft beispielsweise kann sehr leicht und luftig wirken, wenn der Blickwinkel der Kamera leicht untersichtig (d.h. leicht nach oben geht) ist und sich der Horizont dadurch im unteren Teil des Fotos befindet. Ganz anders, nämlich eher schwer und vielleicht sogar bedrohlich wirkt dieselbe Landschaft, wenn der Horizont sich im oberen Bildteil befindet, das heisst wenig Himmel zu sehen ist. Auch hier entscheidet der Standpunkt in zweierlei Hinsicht.

Bildausschnitt oder Einstellungsgrösse

Zunächst und im Wesentlichen wird die Bildaussage durch das bestimmt, was sich beim Fotografieren im Sucher und später auf dem Foto befindet. Der Fotograf trifft diese Entscheidung mit der Wahl des Bildausschnittes: einer Totalen, einer Halbtotalen oder einer Nahaufnahme.

Die Totale ist eine Gesamtaufnahme, die einen Überblick gewährt. Sie eignet sich gut, um eine Situation zu „verorten", weil sie ein Objekt in seinem Umfeld abbildet. Der Betrachter bekommt ein Gefühl dafür, wo sich der Fotograf zum Zeitpunkt der Aufnahme befand. Oft sind Landschaftsaufnahmen Totalen – sie vermitteln dem Betrachter ein Gefühl für den Ort. Weil sie sehr viel zeigt, hat die Totale eine hohe erzählerische Qualität: ein Grund dafür, warum sich der klassische Fotojournalismus oft dieses Bildausschnittes bedient.

Mit der Halbtotalen „springt" der Blick quasi in die Szenerie und zeigt einen Ausschnitt daraus. Der Blick wird enger und konzentriert sich beispielsweise auf die Interaktion zwischen zwei Menschen. Aber auch in der Porträtfotografie kennt man die Halbtotale: sie zeigt einen Menschen bis zur Hüfte (Gürtellinie) und wird deshalb seit der grossen Zeit der amerikanischen Western auch „Amerikanische" genannt. Der Bildauschnitt reichte damals bis zum Halfter mit dem Colt.

Die Nahe oder das Close-up wäre dann zum Beispiel eine Detailaufnahme des Colts. Wir tauchen in eine Makro-Welt ein, in der das Umfeld gar keine Rolle mehr spielt und der Blick ins Detail geht. Close-ups können ein starkes Pendant zu Totalen sein, in der Grafik bedient man sich oft dieser Kombination, um aufschlussreiche optische Synergieeffekte herzustellen: das Blumendetail neben einer ausladenden Landschaft wirkt hier umso stärker!

Tipp:

Oft wirkt ein banales Motiv aufgenommen aus einer extremen Perspektive viel ungewöhnlicher und interessanter! Stellen Sie ihre Kamera auf den Boden und neigen Sie sie dann leicht nach oben oder fotografieren Sie eine Situation von oben, indem Sie die Kamera in Ihrer nach oben ausgestreckten Hand halten (den Bildausschnitt müssen Sie dann abschätzen, denn der Blick durch den Sucher bleibt Ihnen jetzt verwehrt).

Erschienen in Ausgabe 04+05/2009 in der Rubrik “Werkstatt” auf Seite 10 bis 10. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.