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Werkstatt

Das Motiv und sein Inhalt.

Ein journalistisches Foto soll nicht nur schön, sondern auch informativ sein. Wie Ihnen beides in einem gelingt.

Warum ist ein gut gestaltetes Foto noch lange kein aussagekräftiges, journalistisches Bild? Wie gelingt es, nicht nur schöne, sondern auch informative Fotos zu machen?

Der Schlüssel zu dieser Frage liegt in der Bildaussage: noch bevor sie Ihre Kamera einpacken, um sich zu Ihrem Fototermin zu begeben, sollten Sie sich darüber im Klaren sein, was Ihr Foto erzählen soll: zeigen Sie Ihren Protagonisten eher als sympathisch, exotisch oder unsympathisch? Was ist das Wesentliche des Ortes, den sie porträtieren? Ist es beispielsweise die Weite, die ihn so speziell macht? Vielleicht ist es die dunkle, magische Atmosphäre, die den Ort ausmacht. Oder charakterisieren Sie eine Veranstaltung eher als todernste Angelegenheit oder als lustiges Event?

Noch wichtiger sind diese Fragen bei der Fotoreportage: wenn Sie eine ganze Geschichte in Bildern erzählen wollen, müssen Sie sich überlegen, ob es sich überhaupt um ein optisches Thema handelt: gibt es starke Motive, die sich fotografiern lassen? Wovon lebt Ihre Fotoreportage, was ist ihr roter Faden? Die Farben, die Exotik, der Protagonist, die Atmosphäre? Gibt es vielseitige Motive oder eine grosse Anzahl von Situationen, die Sie fotografieren können? Wenn Sie sich diese Dinge im Vorfeld überlegen, werden Sie beim Fotografieren in der Lage sein, nicht nur schöne Fotos zu machen, sondern mit Ihren Bildern Ihren Standpunkt zu vermitteln, Ihre persönliche Bildsprache.

In der journalistischen Fotografie steht der Mensch im Mittelpunkt: das Porträt, das Interview-foto und das Gruppenfoto gehören für den fotografierenden Journalisten zum Tagesgeschäft. Umso wichtiger ist es, zu wissen, wie diese drei Genres schnell und souverän umgesetzt werden können:

Das „schnelle Porträt"

Das Spektrum der Porträtfotografie ist unerschöpflich und reicht vom Passfoto bis hin zum grossen, inszenierten Porträt, wie es beispielswiese die amerikanische Fotografin Annie Leibovitz praktiziert. Sie werden vor Ort immer wieder kurzfristig ein aussagekräftiges Porträt machen müssen, das „schnelle Porträt". Wenn Sie diese fünf Punkte beachten, klappt das:

1. Wählen Sie einen neutralen, ruhigen Hintergrund. Eine leere Wand oder eine Mauer lässt sich überall finden.

2. Stellen Sie die Person leicht schräg zur Kamera. Wenn sich die Schultern etwa im 30-Grad-Winkel zur Kamera befinden und das Gesicht direkt zu Ihnen blickt, erreichen Sie einen dynamischen Ausdruck.

3. Arbeiten Sie im leichten Tele-Bereich (ca. 50 mm Brennweite ist die klassische Porträt-Brennweite). So erreichen Sie eine knappe Tiefenschärfe, die den Hintergrund leicht verschwimmen lässt.

4. Wählen Sie eine weiche Lichtführung. In Innenräumen wirkt ein indirekter Blitz (schräg gegen die Decke oder gegen die rückwärtige Wand gerichtet) oft Wunder. Wenn Sie mit vorhandenem Licht arbeiten wollen, suchen Sie sich einen Ort mit möglichst weichem, diffusem Licht aus. So vermeiden Sie unangenehme Schlagschatten.

5. Sorgen Sie dafür, dass sich Ihr Gegenüber wohl fühlt, erzählen Sie einen Witz oder machen Sie ein Kompliment: Ihr Ziel ist ein „gewinnendes Lächeln".

Das Interviewfoto

Das Interview ist eine ausgezeichnete Gelegenheit, einer Person fotografisch näherzukommen und sie authentisch abzulichten. Ihre Konzentration sollte dabei auf zwei seiner Wesenszüge gerichtet sein, die der Gestik und der Mimik.

Dabei spielt die Vielzahl des Ausdrucks eine grosse Rolle: je mehr verschiedene Handhaltungen, Gesichtsausdrücke und Blicke, desto besser. Erfahrungsgemäss macht man während eines Interviews viele Bilder, um zu gewährleisten, dass genügend scharfe Motive dabei sind, bei denen auch die Augen geöffnet sind und die Hände sich nicht in einer ungünstigen Position befinden.

Es gibt zwei Arten von Interviewpartnern: den lebhaften und den ruhigen. Beim lebhaften, der viel mit den Händen gestikuliert, wählen Sie natürlich einen Bildausschnitt, der die Hände berücksichtigt. Beim ruhigen ist es meistens interessanter, einen dichteren Bildausschnitt zu wählen, der sich noch mehr auf die Mimik konzentriert. So gelingen Ihnen selbst bei einem ruhigen Menschen ausdrucksstarke Momentaufnahmen.

Wie beim Porträt ist es auch beim Interview wichtig, dass Sie einen möglichst ruhigen Hintergrund wählen, der nicht von Ihrem Hauptmotiv ablenkt. Versuchen Sie, frühzeitig an der Location zu sein, um sich genau zu überlegen, wo die beste Position für den Interviewpartner ist und bitten Sie ihn, sich entsprechend zu setzen.

Die Kamera befindet sich auf Augenhöhe mit dem Interviewpartner: nur so hat der Betrachter das Gefühl, emotional nah dabei zu sein. Die Perspektive ist die des Beobachters: die erreichen Sie am besten, wenn Sie eine Position neben dem Interviewer einnehmen. Übrigens sollte der Blick des Interviewpartners NICHT in die Kamera gehen, denn es sieht einfach merkwürdig aus, wenn er sich sozusagen mit der „Kamera unterhält".

Tipp: Falls Sie ein Interview alleine führen und fotografieren müssen, versuchen Sie Folgendes. Bitten Sie eine Kollegin oder die Sekretärin ihres Interviewpartners, sich dazuzusetzen und ein wenig Smalltalk mit Ihrem Gegenüber zu führen (quasi an Ihrer Stelle). Fordern Sie Ihren Interviewpartner auf, dabei zu gestikulieren (beschreibende Gesten sind am effektivsten). So wird es Ihnen gelingen, authentische und lebendige Interviewfotos zu schiessen.

Das Gruppenfoto

Das Potenzial des Gruppenfotos wird oft unterschätzt, wahrscheinlich, weil es mühsam ist und Zeit kostet. Aber wenn Sie die investieren und ausgetretene Pfade verlassen, macht sich das immer bezahlt. Das sollten Sie dabei beachten:

> Seien Sie frühzeitig vor Ort, um sich eine geeignete Location auszusuchen. Oft entscheidet die Wahl eines originellen Umfeldes über den Erfolg eines Gruppenfotos.

> Führen Sie aktiv Regie: nichts ist langweiliger als eine Gruppe von Menschen, die nebeneinander aufgereiht vor der Kamera steht. Also, bringen Sie Ihre Subjekte in Bezug zueinander.

Staffeln Sie sie in der Tiefe (die Grossen hinten, die Kleinen vorne), versetzen Sie ihre Standpositionen zueinander (also nicht Schulter an Schulter, sondern leicht schräg zueinander) und achten Sie auf möglichst viele unterschiedliche Arm- und Handpositionen. Denn solange es sich nicht um eine Fussball-Elf oder eine Bundeswehr-Kompanie handelt, sollte es Ihr Ziel sein, eine möglichst entspannte und lockere Bildkomposition zu schaffen.

> Und vor allem, seien Sie auf freundliche aber bestimmte Weise autoritär und sorgen Sie dafür, dass alle in die Kamera blicken. In den meisten Fällen reicht es nicht aus, nur einmal darauf hinzuweisen. Appellieren Sie vor jedem Auslösen an alle, Sie anzusehen. Die Kunst ist es, mit der „Strenge", die Sie an den Tag legen müssen, nicht die Sympathie zu verlieren. Schliesslich sind Sie auf freundlich aussehende Menschen in Ihrem Foto angewiesen.

> Machen Sie lieber zu viele Aufnahmen als zu wenige, denn es wird immer jemanden geben, der gerade seine Augen geschlossen hat oder wegguckt.

Exkurs: Fotoreportage

Wenn Sie eine Geschichte in Bildern erzählen wollen, fotografieren Sie eine Fotoreportage. Der Inbegriff der grossen Fotoreportage war bis in die späten 1950er-Jahre das amerikanische „LIFE-Magazine" mit vielen grosszügigen Fotostrecken aus aller Welt. Mit der Popularität des Fernsehens begann ein schleichender Prozess, der den Magazinen das Leben immer schwerer machte. Interessant ist die Entwicklung von innovativen Multimediaformaten im Internet – wer weiss, vielleicht erleben wir bald eine Renaissance der Fotoreportage im Netz?

Egal, ob Print oder Web, die Prinzipien der Fotoreportage bleiben die gleichen: ein optisches Thema, der rote Faden, eine Dramaturgie und Abwechslung in Perspektive und Einstellungsgrösse sind die Grundvoraussetzungen für eine spannende Geschichte.

Die Fotografen des legendären „LIFE-Magazine" bekamen von ihrem Fotochef ei
nst einen „Spickzettel" mit, der bis heute unverändert gelten kann. Demnach sollte eine Fotoreportage folgende Motive vorweisen:

1. Die Totale – zeigt die Szenerie bzw. den Ort des Geschehens in seiner Gesamtheit, sodass sich der Betrachter vorstellen kann, wo er sich befindet.

2. Die Halbtotale – konzentriert sich auf einen Aspekt der Totalen: das kann ein Gebäude sein, aber auch ein anderer Ausschnitt.

3. Die Nahe – bildet ein Detail ab. Beispielsweise eine Hand, die irgendetwas hält. Oder ein aussagekräftiges Objekt.

4. Das Porträt – stellt einen Menschen vor. Das kann ein Gesicht sein oder aber eine Person in seinem Lebensumfeld.

5. Interaktion – erzählt von Menschen, die im Dialog stehen. Leute, die sich unterhalten oder sich sonst irgendwie austauschen.

6. „Der entscheidende Augenblick" – ist die Situation, die idealerweise all die Elemente in einem Foto zusammenbringt, die die Geschichte ausmachen (das gelingt allerdings nur selten!).

7. Die Sequenz – zeigt einen Vorgang in mehreren aufeinander folgenden Bildern – sozusagen als „Geschichte in der Geschichte". Ein in sich zusammenstürzendes Haus (wie bei einer Sprengung) wäre ein Beispiel dafür. Aber auch der Prozess des Kaffeekochens.

8. Das Endbild – suggeriert das Ende der Geschichte und erscheint im Layout gerne zum Schluss. Ein Sonnenuntergang oder ein Mensch, der sich von der Kamera weg bewegt, wären zwei klassische Beispiele.

Tipp: Ein wichtiger Schlüssel zur erfolgreichen Fotoreportage ist also die Abwechslung: Nur wenn Sie Ihren Blick variieren, um dem Betrachter viele verschiedene Aspekte eines Themas zu vermitteln, wird Ihre Fotoreportage aussagekräftig und interessant.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2009 in der Rubrik “Werkstatt” auf Seite 12 bis 14. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.