„Lehrreiche Experimente“

Die Fragen

1. Welche Web 2.0-Kanäle sind für Zeitungen zukunftsträchtig?

2. Welche Aktivitäten der „RZ“ finden Sie nachahmenswert?

3. Sollten crossmediale Aktivitäten „von oben“ für alle Redakteure verpflichtend sein?

Wolfgang Büchner,

stv. Chefredakteur dpa

1.Twitter, Facebook sind die wichtigsten – auf allen weiteren würde ich je nach verfügbarer Zeit und Ressourcen experimentieren.

2. Das Twitter-Konzept der „Rhein-Zeitung“ hat sehr schöne Ansätze. Die Zeitung und ihre Macher werden transparenter und greifbarer. Trotzdem finde ich: Je besser die inhaltliche Relevanz von Tweets ist, desto spannender. Tweets der Sorte: „Kollege X hat heute schlechte Laune“ sollten wohl dosiert sein.

Jedes solche Experiment, wie MoJo und das Wahlmobil, ist gut und lehrreich. Die dpa infocom hat das Projekt Wahlfahrt09 unterstützt. Ob und wie man solche Projekte fortsetzt/wiederholt kann man ja jederzeit neu entscheiden.

3. Ja. Vor 100 Jahren hätten Zeitungen auch keine Redakteure haben wollen, die sich geweigert hätten, die „indiskrete Maschine“ (Hugo v. Hofmansthal, Der Schwierige) zu benutzen.

Tobias Köhler,

Ressortleiter online

„Stuttgarter Zeitung“

1. Es ist sicher möglich, vielleicht sogar sinnvoll, als Verlag ganz spielerisch in das Web 2.0 einzusteigen und sich an einem Kanal auszuprobieren – bei Twitter sind die Hürden besonders gering. Angesichts der vielen unterschiedlichen Social Networks wie Kwick, Wer-kennt-wen (WKW), MeinVZ oder Facebook, die völlig unterschiedliche Usertypen erreichen, ist es aber wichtig, eine Strategie auszuarbeiten, um sich nicht zu verzetteln. Wahrscheinlich wird Facebook die wichtigste Mainstream-Plattform für Verlage – sie hat eine ungleich größere Reichweite und Akzeptanz als Twitter und ist ausgesprochen vielseitig bespielbar.

2. Die Experimentierfreude, mit der die Kollegen von der „Rhein-Zeitung“ an das Thema Twitter herangehen, ist eine der wichtigsten Strategien – in fast allem, was das Web betrifft. Für Regional- und Lokalzeitungen besonders nachahmenswert halte ich alle die Ideen, die über die rein virtuellen Kontakte hinausgehen – also zum Beispiel den Followerabend.

3. Ich halte es nicht für richtig, Twitter(n) – o. Ä. – für alle Redaktionsmitglieder verpflichtend zu machen. Aber die Redakteure mit Social Media und aktuellen Entwicklungen im Web zu konfrontieren, Offenheit für dieses Thema zu wecken – meinetwegen auch durch verpflichtende Workshops – und sie dadurch fürs Twittern zu gewinnen, ist bedenkenswert.

Wolfram Kiwit,

Chefredakteur „Ruhr-Nachrichten“

und Philipp Ostrop,

Deskleiter „Ruhr-Nachrichten“

1. Die Nutzer bestimmen die Kanäle. Redaktionen müssen dort sein, wo ihre Kunden, Leser, User … sind. Heute ist dies in erster Linie die klassische Web-Site, auf die sich auch Web 2.0-Elemente integrieren lassen. Wir twittern als Redaktion und persönlich – und beginnen uns als Medienhaus auf StudiVZ, Facebook und Xing zu engagieren.

2.Das Twitterkonzept der „Rheinzeitung“ hat uns davon überzeugt, das Thema systematischer anzugehen. Projekte wie MoJo und das Wahlmobil treffen ins Zentrum des Wandels. Sie zeigen, was crossmedial geht, erreichen neue Zielgruppen – und polarisieren. Sie helfen den Wandel im Markt und in der Redaktion zu gestalten.

3. Nein. Wir sollten Twitter auch nicht überschätzen. Twitter kann als ein Web 2.0-Kanal im Projekt eingeführt werden – wo es für das Haus Sinn macht und engagiert betrieben wird.

Peter Taubald,

Chefredakteur Madsack-„Heimatzeitungen“

1. Für Lokalredaktionen wie die Madsack-„Heimatzeitungen“ halte ich eine lokale Community wie myheimat.de für geradezu zwingend. Das erweitert die Möglichkeiten enorm: Es dient als Themenseismograph, bietet eine Diskussionsplattform und ergänzt die Berichterstattung vor allem um Fotos. Twitter und Facebook sehe ich eher als Marketinginstrumente, um auf redaktionelle Leistungen hinzuweisen.

2. Marken wie Penatencreme und Klosterfrau Melissengeist müssen bleiben, wie sie sind, die Medien wandeln sich, das müssen ihre Marken mit abbilden. Projekte wie MoJane und Wahlmobil tragen bei der „Rhein-Zeitung“ dazu bei.

3. Nein. Aber wenn man das Konzept so einleuchtend wie bei der „Rhein-Zeitung“ einführt, wird es in der Redaktion Akzeptanz finden. Man muss die Kolleginnen und Kollegen bei solchen Projekten mitnehmen.

Info:

Die befragten Kollegen waren Teilnehmer der 13. mediummagazin-Chefrunde in Koblenz. Ausführlichere State-ments aus der Runde: stehen unter www.mediummagazin.de

Erschienen in Ausgabe 10+11/2009 in der Rubrik „Titel“ auf Seite 34 bis 59 Autor/en: Umfrage Annette Milz. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.