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Special

Die Non-Profit-Reporter

Von Interview: Philipp Jarke

?Was müssen investigative Reporter leisten?

Iain Overton: In einem Satz zusammengefasst: Die Mächtigen zur Verantwortung ziehen, wenn ihr Handeln Unheil anrichtet. Im Fokus stehen vor allem drei Akteursgruppen: supermächtige Einzelpersonen, Regierungen und multinationale Konzerne.

Warum muss man dafür eine Stiftung gründen? Machen die Reporter in den Redaktionen ihren Job nicht mehr richtig?

Doch, aber die Finanzierung des Nachrichtengeschäfts hat sich radikal geändert. Die Zeitungen verlieren Leser, Werbeerlöse sinken und die Verlage verdienen im Internet kein Geld. Die Redaktionen sind zunehmend abhängig von Pressemitteilungen und lancierten Geschichten, viele Nachrichten werden mit wenig bis gar keiner Recherche produziert. In diesem Umfeld einen Monat lang für eine Geschichte zu recherchieren, ist absoluter Luxus. Anspruchsvoller investigativer Journalismus lebt aber von Zeit und Freiräumen. Nur so kommt man an den Kern der Geschichten. Beim Bureau sollen die Reporter sechs bis zwölf Monate an einer Geschichte recherchieren können.

Aber wer verlangt wirklich nach diesem aufwendigen investigativen Journalismus – die Leser, die Politiker? Oder doch nur wir Journalisten?

Politiker bestimmt nicht. Sian Simons, der Staatssekretär im britischen Kultusministerium, sagte neulich, dass man investigativen Journalismus eigentlich gar nicht brauche. Grundsätzlich denken britische Politiker bei investigativer Recherche an die Untersuchung ihrer Spesen, was ihnen natürlich gar nicht passt. Das schadet ihrem Ansehen vielleicht kurzfristig, aber langfristig retten solche Enthüllungen die demokratischen Ideale.

Die Leser scheinen das aber nicht zu honorieren.

Das würde ich nicht unbedingt sagen. Zum Beispiel stieg die Auflage des „Daily Telegraph“ rasant, als er den Spendenskandal aufdeckte. Und er hat so deutlich mehr eingenommen, als er für die Daten bezahlt hatte. Wenn die Geschichten fesselnd genug sind, kommen auch die Leser und Zuschauer. Nur: Derzeit ist der Medienmarkt übersättigt. Um im Rennen zu bleiben, wollen die Zeitungen alle Zielgruppen gleichzeitig erreichen und pusten sehr schnell so viel Material wie möglich raus.

Was ist die Alternative?

Ich glaube an folgendes Modell: Man nimmt sich elf Monate Zeit für die harte Recherche und veröffentlicht die Geschichte dann auf möglichst allen Vertriebskanälen. Ein Beispiel: Wenn das Bureau zehn Monate über chinesische Investitionen in Afrika recherchiert, wollen wir daraus einen Co-Produktions-Deal für einen Dokumentarfilm machen, um die Recherche teilweise durch den traditionellen Rundfunk zu finanzieren. Zusätzlich soll ein Buch entstehen, das zur Ausstrahlung im TV erscheint. Es wird ein Radio-Feature geben, nicht nur in Großbritannien, sondern vielleicht auch in der Schweiz, eine Co-Produktions-Doku in Deutschland, eine Reportage in „Le Monde“, einen Artikel in der „New York Times“.

Das BIJ will darüber hinaus neue Wege zur Finanzierung von Recherche gehen. Woran denken Sie konkret?

Das Material aus zehn Monaten Recherche soll nicht in der Schublade verschwinden. Warum sollte man nicht seine Archive über das Internet zur Verfügung stellen? Gegen eine Gebühr könnten die Nutzer auf alle Hintergrundinformationen und Details zugreifen. Außerdem wollen wir versuchen, investigativen Journalismus und Computerspiele zusammen zu bringen. Ich verhandele derzeit mit einer Softwarefirma, die von den Schöpfern von Lara Croft gemanagt wird. Es geht darum, wie man die 25- bis 35-jährigen Männer erreichen kann, die sich von der konventionellen Medienwelt verabschiedet haben und PC-Spiele spielen. Das heißt ja nicht, dass diese Zielgruppe von wichtigen Nachrichten ausgeschlossen sein will. Vielleicht ergeben sich hier neue Vertriebswege, auch wenn ich noch nicht weiß, welche.

Die US-Stiftung ProPublica stellt hingegen ihre Inhalte den Redaktionen kostenlos zur Verfügung.

ProPublica wird ausschließlich durch Spenden finanziert. Auf dem amerikanischen Markt mit seinen unzähligen Milliardären mag das langfristig funktionieren. Aber in Europa haben wir einfach weniger Superreiche. Deshalb muss man das Projekt nach der Anschubfinanzierung selbst am Leben halten. Wir haben bislang zwei Millionen Pfund (rund 2,236 Millionen Euro) bekommen und wollen weitere Spenden sammeln. Aber selbst mit fünf Millionen Pfund könnte man nur 30 Reportagen, 5 Dokumentarfilme und 150 kurze Nachrichtenstücke produzieren. Und was passiert 2015, wenn das Geld aufgebraucht ist? Auch eine Stiftung muss zumindest kostendeckend arbeiten, um langfristig in neue Recherchen zu investieren. Zumal sicher etliche Recherchen nach drei Monaten im Sande verlaufen.

Können Sie auf das Kapital voll zugreifen oder nur auf die Überschüsse?

Ich kann im Grunde alles investieren. Im ersten Jahr werden es vielleicht 800.000 Pfund sein. Im zweiten auch. Im dritten wären noch 400.000 übrig, wenn zusätzliche Spenden ausbleiben.

Ich wäre aber absolut inkompetent, wenn nach zwei Jahren nur 400.000 Pfund übrig wären. Ich hoffe, im ersten Jahr 300.000 zu erlösen, 500.000 im zweiten, dann hätte ich im dritten Jahr noch 1,2 Million. Ab dann hoffe ich, die laufenden Kosten durch die Erlöse zu decken. Hoffentlich haben unsere Geschichten so große Resonanz, dass nach einiger Zeit weitere Geldgeber in das Bureau investieren.

Welche Rolle spielt der Aufsichtsrat?

Er verwaltet den Fond, aus dem das Bureau finanziert wird. Ich brauche die Zustimmung für Investitionen ab einer gewissen Summe – wie hoch, ist noch offen. Vielleicht 100.000 Pfund. Inhaltlich hat der Rat aber keine Rechte, ich habe alle Freiheiten.

Woher bekommen Sie die Geschichten?

Das Bureau wird sehr schlank sein. Zum Redaktionsteam werden ein Printredakteur und ein Produzent für Radio und Fernsehen zählen. Wir drei liefern die Ideen und werden freie Journalisten befristet beschäftigen, um die Themen umzusetzen. Aber wir sind auch offen für Angebote von außen.

Werden die befristet beschäftigten Reporter auch an den Erlösen beteiligt?

Wenn ein Radioreporter mit einem gut vorbereiten Thema kommt, und wir sorgen dafür, dass daraus auch eine Print- und ein Fernsehreportage wird, kann man über die Radiorechte verhandeln. Aber kommt jemand lediglich mit einer rohen Idee, dann eher nicht. Schließlich profitiert er von den elf Monaten bezahlter Arbeit.

Was zahlt das Bureau?

Wir zahlen Marktpreise. Doch ich hoffe, die Leute kommen zum Bureau, weil ihnen ihre Geschichte am Herzen liegt, und nicht, was sie damit verdienen. Wir bieten Reportern die Möglichkeit, viele Monate an einer Geschichte zu arbeiten. Solche Freiheiten bekäme man sonst nirgends.

Was ist ein vernachlässigtes Thema, dem sich das Bureau widmen könnte?

In den letzten 15 Jahren haben sich sehr reiche sogenannte Geschäftsmänner aus aller Welt in unserem Land niedergelassen. Und niemand fragt ernsthaft nach, wo deren Geld herkommt. Die „Millionaires’ Row“ in Nordlondon steckt voller Geheimnisse. Solche Dinge interessieren mich, in England oder weltweit. Mich reizen auch Unternehmer, die ihre Beschäftigten nicht an ihrem enormen Erfolg teilhaben lassen. Wie Lakshmi Mittal, der Stahlmagnat. Es gibt Dutzende von Todesfällen in seinen Fabriken, Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften werden verletzt. So etwas wird gelegentlich regional berichtet, aber nicht international zusammengeführt zu einer Gesamtschau. Darum geht es: Die einzelnen Punkte zu verbinden in einer multinationalen Welt.

Lässt sich Ihr Konzept auf andere Länder übertragen?

Die Refinanzierung funktioniert nur durch international bedeutende Geschichten und internationale Mehrfachverwertung. Da sind wir hier in Großbritannien in einer glücklichen Lage. Zum einen schätzen die Leser und Zuschauer Auslandsnachrichten, zum anderen können wir unsere Geschichten ganz einfach auf dem amerikanischen Markt anbieten, oder in Australien oder Südafrika. Der englischs
prachige Markt ist einfach riesig. Für Recherche-Stiftungen in anderen Ländern könnte die internationale Vermarktung schwieriger werden, allein schon wegen der Sprache. Aber das Bureau ist nicht das erste philanthropisch finanzierte Journalistenbüro und wird auch nicht das letzte sein.

Erschienen in Ausgabe 12/2009 in der Rubrik “Special” auf Seite 36 bis 36 Autor/en: Interview: Philipp Jarke. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.