Archiv » 2010 » Ausgabe 7+8/2010 »

Special

Das Potenzial der Nische

Von Ulrike Langer

Hat das iPad wirklich das Zeug zum Erlösergerät? Chancen für Paid Content bietet es allemal – und für journalistisches Storytelling.

Wenn in der deutschen Verlagsszene das Zauberwort iPad fällt, hört man derzeit fast nur Superlative: „Wir sind positiv bestürzt, wie oft die Focus Online iPad App schon heruntergeladen wurde, seit dem deutschen Verkaufsstart des iPad weit mehr als 40.000 Mal“, verkündet beispielsweise Jochen Wegner, Chefredakteur von Focus Online. Die Adaption verlaufe „wesentlich schneller“ als beim iPhone. Wegner ist sich „sehr sicher, dass da eine neue Mediengattung entsteht. Der klassische Computerbildschirm mit Mausbedienung ist hässlich, das iPad ist magisch: Ich kann touchen und sliden, das ist viel intuitiver“. Und Meinolf Ellers bestätigt, dass „noch nie zuvor ein technisches Thema so schnell die Spitze des Gartner Hype Cycles erklommen hat“. Das habe viel mit „Heilserwartungen“ zu tun, relativiert der Geschäftsführer der dpa-Mobilfunk- und Multimediatocher dpa infocom allerdings etwas den Überschwang.

Das Tempo, mit dem sich die konsumfreudigen „Early Adopter“ auf den multimedia-fähigen, hochauflösenden Tablet-PC und seine Anwendungen stürzen, gibt solcher Heilserwartung in Verlagen und Entwicklungsfirmen allerdings reichlich Nahrung: Allein in den ersten zwei Monaten nach dem Start verkaufte Apple drei Millionen iPads, und ohne Lieferengpässe hätten es noch mehr sein können. Die amerikanische „Wired“-App wurde in den ersten zehn Tagen nach Start über 80.000 Mal heruntergeladen – das ist mehr als die durchschnittlich verkaufte „Wired“-Printauflage. Kein Wunder, dass Verlagsmanager Morgenluft für bezahlte Inhalte in Form von Apps wittern. Einerseits. Andererseits setzen die Befürworter von Free Content auf höhere Reichweiten und argumentieren wie Jochen Wegner: „Wir glauben, dass wir mit Werbung erheblich mehr erlösen können als mit Gebühren.“ Die auf der Webseite basierende App von Focus Online wird daher für die Nutzer kostenfrei angeboten.

Und was ist mit den Inhalten?

Zu den Erlöshoffnungen scheint das iPad auch den Journalismus in einer Weise zu beflügeln, wie schon lange zuvor keine technische Innovation mehr. „Jetzt macht Storytelling wieder Spaß“, darin ist sich Ellers einig mit dem Mediendesigner Lukas Kircher (s. Interview auf Seite 37) und dem General Manager von Welt Online, Romanus Otte. Das iPad stehe für eine neue Geräteklasse, die ungeahnte neue Möglichkeiten bietet. „Das betrifft auch die Art des Geschichtenerzählens, die sich dadurch noch mal sehr stark verändern wird“, betont Otte.

Der „Spiegel“ arbeitet bereits mit einem mehrköpfigen Team intensiv an einer eigenen Erzählform für das iPad. Im Mai ist die APP gestartet, hinter den Kulisssen wird an einem weiteren Ausbau fleißig gebastelt.

Bei Springers „Iconist“ ist die Multimedia-Anwendung nominell und organisatorisch an die Stilbeilage „Icon“ der „Welt am Sonntag“ angelehnt, aber konzeptionell eigenständig. Ein rund 20-köpfiges Team um Redaktionsleiterin Inga Griese und den Kreativchef der Welt-Gruppe, Brian O‘Connor, entwickelte ein digitales Magazin rund um Stil, Kultur und Gesellschaft, mit opulenten Bildstrecken und Videos. Es soll sich vierteljährlich in 15 Geschichten jeweils einem anderen Schwerpunkt widmen. Die Erstausgabe zum Oberthema Berlin bietet unter anderem eine Audio-Rundfahrt mit WamS-Vize Ulf Poschardt im neuen Rolls-Royce Ghost mit Bildergalerie und Zoom-Funktionen, eine virtuelle Führung durch einen exklusiven Berliner Club und einen interaktiven Blick auf den Schreibtisch von Autor und Illustrator Philippe Dumas.„Wir waren die Ersten, die, ohne ein iPad in der Hand zu haben, mit der Konzeption so weit gegangen sind“, sagt O‘Connor. 90 Prozent der Entwicklungszeit habe man ohne das Gerät auskommen müssen. Der Designer schwärmt geradezu von den Gestaltungsmöglichkeiten einer App, gegenüber einer normalen Webseite im starren Layout, die wenig mehr Freiheit biete „als die Schriftart Georgia in pink zu wählen“.

Angebote mit Endlichkeit.

Einen anderen Weg beschreitet Springer mit seiner „Welt“-App, die im wesentlichen eine Adaption der gedruckten „Welt“ mit einigen Zusatzfunktionen ist. „Die Zielgruppe sind Zeitungsleser, nicht schnelle Nachrichtensurfer“, sagt Romanus Otte. Das gilt auch für die „Spiegel“-App oder die „brand eins“ -App. Ihnen gemeinsam ist, dass sie zwar Funktionen wie Lesezeichen oder großformatige Bildergalerien bieten, im Wesentlichen aber Bedürfnisse von Magazinlesern wie Endlichkeit der Informationen und zugleich visuell opulentes Leseerlebnis auf das iPad transferieren sollen. „Jetzt tut sich etwas auf, das abgeschlossene Editionsprodukte und brillante Anzeigeninhalte ermöglicht“, sagt Ellers mit Blick auf die ersten Reaktionen von Lesern. Der Multimediaexperte glaubt, dass Verlage dank geringer Produktions- und Vertriebskosten mit buchähnlichen Produkten, die sie über den iBook-Store vertreiben, den Nischenmarkt bedienen können. Zum Beispiel mit touristischen Ratgebern, die nicht erst in den Fremdenverkehrsbüros der Urlaubsorte ausliegen, sondern in denen man schon in Ruhe vor der Abreise auf dem iPad lesen kann.

Die dpa-Tochter infocom will auf der IFRA Expo Anfang Oktober in Hamburg eine Infrastuktur vorstellen, die attraktive E-Publishing-Produkte bei niedrigen Produktionskosten und einfachen Produktionsabläufen ermöglichen soll. Denn magazinige Apps à la „Iconist“ oder „Wired“ sind für das Gros der Tageszeitungsverlage mit viel zu hohem Produktionsaufwand verbunden. Schlichte Kopien der Website oder des E-Papers wiederum mögen anfangs für überraschend hohe Downloads sorgen, auf Dauer jedoch müssen sie weiterentwickelt werden, um im iTunes-Store gegen immer mehr Wettbewerber um die Aufmerksamkeit und Kaufbereitschaft der Nutzer zu bestehen. Ohne redaktionelle Aufstockung wird das kaum gehen.

Ein neues Berufsbild entsteht.

Printdesigner Mario Garcia forderte jüngst sogar in einem Interview mit dem Webportal „Paid Content“, dass Verlage „iPad-Content-Redakteure“ einstellen sollten, die sich um die spezifische Aufbereitung von Inhalten für Tabletgeräte kümmern.

Dem stimmt Jochen Wegner zu, allerdings erst mittelfristig: „Wir investieren derzeit noch keine fünf Redakteursstellen in das iPad.“ Außerdem warnt er vor überzogenen Erwartungen an das multmediale Storytelling: „Am Ende muss all das auch jemand umsetzen, bezahlen – und vor allem: anschauen.“

Mittelfristig könnte „Tablet-Content-Redakteur“ allerdings eine gefragte journalistische und designerische Nische werden, denn die meisten deutschen Magazinverlage planen Angebote für das iPad. Über die Hälfte will außerdem bis Anfang 2011 mit Angeboten für den geplanten exklusiven E-Kiosk von Bertelsmann und jeweils ein Drittel auf den ebenfalls angekündigten Plattformen von Vodafone, Telekom und Amazon vertreten sein – laut einer nicht repräsentativen, anonymen Umfrage des Zeitschriftenverlegerverbandes VDZ Mitte Mai. Von 24 befragten Verlagen antworteten allerdings nur 15. Gleichzeitig ergab die Befragung, dass an einer Präsenz auf der iPad-Alternative WeTab (vormals WePad) zumindest bis 2011 kaum Interesse besteht. Kein Wunder, nachdem es bisher vor allem durch Pannen aufgefallen ist.

Das WeTab-Unternehmen Neofonie peilt nun Mitte September als Markteinführung an. Inoffiziell äußern Verlagsexperten zwar Respekt für das Produkt und den Innovationsgeist von Unternehmenschef Helmut Hoffer von Ankershoffen, zugleich aber auch Zweifel, dass Neofonie die Logistik für den angestrebten Massenmarkt in den Griff bekommt. Nur Gruner+Jahr (mit seiner geplanten E-Magazine-Version des „stern“) und der Schweizer Ringier-Verlag (u. a. „Cicero“) haben sich öffentlich zu Plänen für die WeTab-Plattform bekannt.

Nackte Tatsachen.

Zum Weihnachtsgeschäft wird der We
ttbewerb auf dem Markt für Tablet-PCs in Schwung kommen, prognostizieren Branchenexperten. Das wird von den Verlagen natürlich begrüßt, auch wenn Romanus Otte die Diskussion um Apples angeblich unfaire Konditionen für den App-Store für übertrieben hält. 30 Prozent Provision seien „nicht so unüblich gegenüber dem Anteil, der im Zeitungsvertrieb gezahlt wird“. Und auch die amerikanischen Moralhüter, die bislang unkeusche Darstellungen in iPhone-Apps untersagten, scheinen kompromissbereiter zu werden: Das „Bild“-Girl auf der iPhone-App dürfe sich inzwischen auch vollkommen entblättern.

Unterdessen ist es um einen anderen Hype, der noch vor einem Jahr auch für Zeitungsverlage das große Thema war, sehr ruhig geworden: E-Ink-Lesegeräte wie Amazons Kindle, der Sony Reader oder das großformatige Lesegerät von Plastic Logic scheinen – zumindest was die Printmedien betrifft – in einer technologischen Sackgasse gelandet. Niemand will seine Morgenzeitung in schwarz-weiß auf dem Kindle lesen, wenn es eine Farb-Alternative gibt, die zudem Videos abspielt, Internetzugang und eine Menge mehr bietet. Das iPad ist zwar schwer und strengt die Augen beim Dauereinsatz mehr an als ein E-Ink-Reader. Doch es ist eben magisch, wie Jochen Wegner sagt. Aber ohne Zauberformel für Inhalte wird auch die stärkste Magie ihre Anziehungskraft verlieren.

Erschienen in Ausgabe 07+08/2010 in der Rubrik “Special” auf Seite 36 bis 36 Autor/en: Ulrike Langer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.