Archiv » 2010 » Ausgabe 7+8/2010 »

Rubriken

Lass uns mal reden!

Das Attest von Dr.Med: Eine Inflation an Interviews grassiert in den deutschen Medien.

Andy Warhol hätte an den deutschen Medien in diesen Tagen seine Freude gehabt. Denn deren Credo war auch seins, als er 1969 das Magazin „Interview“ mitgründete, das ganz der Form des gedruckten Gesprächs gewidmet war. Bei uns heißen die Medien zwar nicht gleich danach, sondern taz, „Welt“, „Süddeutsche Zeitung“, „Spiegel“ oder „Focus“ – aber der journalistischen Gattung des Interviews widmen sie sich ebenfalls mit ganz besonderer Hingabe. „Lass uns mal wieder reden“ – heißt das Motto und so füllen sich die Seiten fast wie allein.

Denn eins ist doch klar:

Das Interview ist für den Journalisten die bequemste aller Formen. Er denkt sich ein paar Fragen aus, stellt das Diktiergerät auf den Tisch, vielleicht hat er anschließend sogar noch eine nette Sekretärin oder einen Praktikanten, der das Gesprochene abtippt – und fertig. In Zeiten wegbrechender Erlöse, ausgedünnter Redaktionen und latenter Überlastung der verbliebenen Belegschaft ist so ein gedrucktes Gespräch eine kosten- und recherchesparende Angelegenheit. Gerade für Magazine, die kaum Geld für journalistische Inhalte haben, sind sie ein probates Füllmittel.

Auch die Gesprächspartner freuen sich, vor allem die Politiker, bei denen Pressesprecher und Medienanwälte im Anschluss an das Interview dafür sorgen, dass auch der letzte Klartext rausredigiert wird. Gerade in der Parlamentsberichterstattung kann man es sich kaum leichter machen als mit Interviews. Anstatt einen Artikel zu verfassen, der die Statements der Politiker kritisch einordnet und kommentiert, begnügt man sich mit der Rolle des Stichwortgebers. Im ZDF-Morgenmagazin lautete die erste Frage an die SPD-Kandidatin Hannelore Kraft kurz vor der NRW-Wahl doch tatsächlich, ob sie aufgeregt sei. Dafür benötigt man wirklich keine Vorbereitung.

Das Traurige an dem Trend:

Das Interview macht also kostenbewusste Verleger und imagebewusste Promis gleichermaßen froh und das ist wahrscheinlich der Grund, warum es so inflationär eingesetzt wird. Am 22. Juni, einem ganz normalen Zeitungstag, sprach Entwicklungsminister Dirk Niebel über seinen Versuch in den Gaza-Streifen einzureisen, „Bild“-Chef Kai Diekmann über das Bloggen auf Reisen und die damit einhergehende hohe Telefonrechnung, Nationalspieler Marcell Jansen erklärte, warum man nicht auf seinem Kollegen Holger Badstuber herumhacken solle, es plauderten EU-Kommissare, Schiedsrichter, Psychologen. Das Traurige dabei ist, dass die wenigen guten Gespräche in der vielstimmigen Rednerei fast untergehen.

Zuweilen scheint es fast so, als würde das Anzeigenvolumen umgekehrt proportional mit der Anzahl der Interviews korrelieren. Also: je weniger Geld da ist, desto mehr Interviews. Der „Spiegel“, wo man in den vergangenen Monaten einen herben Werbeumsatzverlust einräumte, erschien am 21. Juni mit sage und schreibe 16 Interviews, darunter viele mit ehemaligen und aktiven Politikern: Wirtschaftsminister Rainer Brüderle kam genauso zu Wort wie Hannelore Kraft, Ex-Verteidigungsminister Rudolf Scharping, die Staatssekretärin im Umweltministerium Katharina Reiche, die kirgisische Interimspräsidentin oder der ARD-Vorsitzende. Das Interview mit der ehemaligen Bischöfin Margot Kläßmann schaffte es seltsamerweise sogar zur Titelgeschichte, obwohl dazu viel mehr der Report über die Sexualisierung der 68er Kinder getaugt hätte. Dabei ist ja gerade das „Spiegel“-Gespräch ein journalistischer Klassiker und oft genug lesenwert. Wenn es nun aber ein Gespräch unter vielen (schlechteren) ist, verliert es auch selbst an Wert. Jedenfalls erschienen vor fünf Jahren im Spiegel noch 420 Interviews, 2009 waren es schon über 500.

Rekordgespräche im Süden:

Unter den überregionalen Tageszeitungen ist übrigens die „Süddeutsche Zeitung“ der Rekordhalter in Sachen transkribierte Gespräche. Weit über 600 waren es schon im ersten Halbjahr 2010, „Welt“, taz oder „Frankfurter Rundschau“ kommen auf rund die Hälfte. Man müsste fast mal SZ-Chef Hans-Werner Kilz dazu befragen.

Ob die Leser freilich so gern aufgeschriebene Gespräche lesen, sei mal dahingestellt. Die beiden einzigen deutschen Magazine, die ausschließlich auf Interviews setzten, wurden jedenfalls mangels Nachfrage eingestellt. Das eine war „Alert“, das andere „Galore“. Dort versuchte man die Idee von einem reinen Intervieworgan im Internet zu retten – aber auch das scheiterte. Vielleicht sehnen sich die Leser inmitten des Redens doch mehr nach Einordnung des Gesagten. Das erkannte man ja auch recht schnell bei Warhols „Interview“, das zunehmend zu einem Modemagazin wurde.

Erschienen in Ausgabe 07+08/2010 in der Rubrik “Rubriken” auf Seite 61 bis 61. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.