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Medien

Sorglos im Schwarzwald

Von Jan Söfjer

Die „Schwarzwälder Post“ ist klein, arbeitet antiquiert, aber hochprofitabel. Das Portrait einer Zeitung weit weg von der Krise.

Von der Zeitungskrise hat Hanspeter Schwendeman schon gehört. Doch wenn der Inhaber der „Schwarzwälder Post“ & Druckerei Fuchs über die Krise spricht, wirkt es, als rede er über etwas Abstraktes, das keinen Bezug zu seiner Welt hat. Der kleinsten eigenständigen Zeitung Baden-Württembergs geht es blendend.

Vielleicht hat die Krise das Städtchen einfach übersehen. Zell am Harmersbach liegt inmitten des Schwarzwaldes – 8.000 Einwohner scheinbar abgekoppelt vom Rest der Welt. Gut vorstellbar, dass die Republik hinter dem Wald einfach vorbeirauscht. Zell ist ein friedlicher Ort, umringt von Hügeln und Nadelhölzern. Jetzt im Sommer liegt er wie auf einem Gemälde unter blauem Himmel im Tal. Menschen schlendern an rosa oder gelben Fachwerkfassaden vorbei.

Gleich neben der Kirche in der Innenstadt liegt der Firmensitz der Zeitung. Der Name ist in alten Lettern an die Wand gepinselt. Ein einfaches Haus. Holzläden an den Fenstern. Hinter einem sitzt Barbara Wagner, die einzige Redakteurin der „Schwarzwälder Post“. Es ist Montag, der stressigste Tag der Woche. Auf Wagners Tisch liegt ein Stapel mit Berichten, vom Heimatsportverein, von freien Mitarbeitern, von der Polizei. „Gestern Abend habe ich noch die Berichte über Veranstaltungen am Wochenende geschrieben. Da hätte ich jetzt keine Zeit für“, sagt Wagner. Heute redigiert sie nur. Im Eiltempo. Der Aufmacher ist ein Stück über den „Besuchermagneten Töpfermarkt und Geschenkesonntag“. Ein anderer Text beschäftigt sich mit dem neuen Zeller Pfarrer, der in Tübingen und Princeton studiert hat, aber nur vorübergehend bleibt.

Die „Schwarzwälder Post“ erscheint montags und mittwochs, sowie freitags mit Amtsblatt. Sie ist eine Abend- oder eigentlich Nachmittagszeitung. Deshalb muss Wagner jeden Werktag um 7.30 Uhr anfangen. Um halb elf am Vormittag werden bereits die ersten überregionalen Seiten gedruckt, der sogenannte Mantel, der vom „Schwarzwälder Boten“ eingekauft wird. Um 14 Uhr muss die Zeitung fertig sein. Die Austräger werden sonst ungeduldig.

Den Büroraum teilt sich Wagner mit zwei Schriftsetzern und einem Grafiker. Hat sie einen fertigen Text ausgedruckt, greift ihn sich ein alter Herr mit blauem Kittel, Bernd Hannemann, Schriftsetzer und ab und an auch Fotograf. An einem Pult bastelt er die Zeitungsseiten mit Schere und Kleber zusammen. Druckvorstufe heißt das. So wie zu der Zeit, als es noch keine Computer gab. Die Seiten werden dann auf Film kopiert, mit dem wiederum die Druckplatten hergestellt werden. Die Druckmaschinen rattern gleich hinter einer wenig schalldichten Tür. Zeitungsproduktion auf engstem Raum, schon seit 113 Jahren.

Drucker statt Journalisten.

Hanspeter Schwendeman steht im Pullover vor dem Archiv und zieht einen Wälzer mit verschlissenem Einband aus dem Schrank. Auf einem Kasten mit Fächern voller Bleisatz-Buchstaben legt er das Buch ab und schlägt es auf. „Zell a. H. 18. September 1897“ steht da. Zehn Reichsmark-Pfennig kostete das Blatt damals. Heute sind es 1,05 Euro. Es ist die allererste Seite der „Schwarzwälder Post“. Der Beginn einer Erfolgsgeschichte, die eher von Handwerkskunst und weniger von Edelfedern handelt.

„Wir kommen mehr von der technischen Seite“, sagt Schwendeman mit Schnauzer und schwäbischem Sound. Seit 49 Jahren lebt er hier, also schon immer, ein herzlicher Mensch mit eher kleiner, aber kräftiger Statur. Ein Mann, bei dem man gerne einkehren würde, um ein Bier zu trinken. Seit 33 Jahren arbeitet er im Betrieb. Er hat mit einer Schriftsetzerlehre angefangen und dann seinen Meister gemacht, wie schon sein Vater vor ihm. 2001 hat der Junior übernommen, die Zeitung, die ihre Wurzeln im Druckereigeschäft hat. Nebenher wird allerlei Gewerbliches gedruckt – zum Beispiel die Monatszeitschrift für die Volksbank. Auch die „Post“ wird hier primär als Drucksache verstanden.

Bis vor neun Jahren gab es nicht einmal eine Redaktion, die auch heute nur aus Barbara Wagner und dem Chef besteht. Die „Schwarzwälder Post“ ist mehr Handwerksbetrieb als Journalistenhort, ein Familienunternehmen, in dem es auf der Toilette für jeden Angestellten ein eigenes Handtüchlein mit Namensschild gibt. Auf einem steht Herbert Schwendeman.

Die Wurzeln im Gewölbe.

Eine Glühbirne auf einer Stange erleuchtet das Kellergewölbe. In einer Ecke sitzt ein alter Herr im Karohemd und sucht Fraktur-Bleibuchstaben an einem Stehpult mit Fächern. Er wirkt, als habe man ihm vor 50 Jahren vergessen zu sagen, dass Feierabend ist. Es ist der Senior. Herbert Schwendeman, der Vater von Hanspeter Schwendeman. Eigentlich ist der Senior schon lange in Rente, aber er kommt immer noch jeden Tag.

Herbert Schwendeman hat sein ganzes Berufsleben hier verbracht. 60 Jahre sind das in diesem Jahr, der Mai war Jubiläumsmonat. Mit 15 fing er als Schriftsetzerlehrling an. Später machte er seinen Meister. 1973 kaufte er den Betrieb, den bis dahin die Tochter des Gründers Josef Fuchs geführt hatte. Schwendeman senior zeigt auf ein altes Foto, das an der Wand hängt. Mit ausladendem Schnurrbart und Anzug steht Josef Fuchs an einem schwarzmetallenen Ungetüm aus kindergroßen Zahnrädern, Walzen und Stahlprofilen. Eine Druckmaschine aus dem Jahr 1903.

„Der Buchdrucker aus Ravensburg hatte auf Wanderschaft ein Mädchen aus Zell kennengelernt“, sagt Schwendeman senior. 1897, Fuchs war 25 Jahre alt, heiratete er seine Theresia und richtete im Nebengebäude einer Apotheke eine Druckerei ein. Die Stadt beschloss, ihre amtlichen Bekanntmachungen dort drucken zu lassen. Es war der Anfang der „Schwarzwälder Post“. „1918 verlieh der Großherzog von Baden Josef Fuchs sogar das Kriegsverdienstkreuz, weil der Verleger die ‚Schwarzwälder Post‘ an Zeller Soldaten an die Front bringen ließ“, erzählt der Schriftsetzermeister und legt eine Hand auf eine große, alte Druckmaschine. Es ist die vom Foto. Schwendeman greift sich einen roten Starkstromstecker. Plötzlich quietscht und rumpelt es, als würde eine alte Geisterbahn in Bewegung gesetzt werden. 1930 hat Fuchs die Druckmaschine gekauft, 47 Jahre lang war sie in Betrieb. Der Zylinder mit der Druckplatte schiebt sich vor und zurück. Das Räderwerk mahlt. Ein Bogen Papier wandert durch die Rollen, wird gefaltet und verschwindet in einem Schlitz. Schwendemans Augen funkeln.

Der Spagat.

Es ist früher Nachmittag, die Zeitung ist fertig. Barbara Wagner sitzt im Pausenraum und raucht. Feierabend. Vorerst zumindest. Am Abend hat sie noch einen Termin, wie fast jeden Tag. Gemeinderatssitzungen, Firmenjubilars-Ehrungen. Konzerte. Alles zusätzliche Arbeit, auch wenn sie offiziell nur 38,5 Stunden arbeitet. Wagner sagt: „Man braucht einen Partner, der das toleriert, und man darf keine kleinen Kinder haben.“ Wagner hat sich mit ihrem Job arrangiert. Wozu auch aufregen? Sie ist 60 Jahre alt und hat einen sicheren Job.

Bevor sie vor neun Jahren hierher kam, arbeitete sie 20 Jahre lang beim „Offenburger Tageblatt“ als freie Autorin. Die Schwendemans machten in dieser Zeit die Zeitung alleine, die letzten sechs Jahre verstärkt von einer Halbtagskraft. Heute konzentriert sich der Chef auf die Geschäftsführung und Firmenberichte, die man auch PR nennen könnte, würden sie nicht auf Sonderseiten stehen, die sich zwar optisch von den redaktionellen Beiträgen unterscheiden, aber das Wort „Anzeige“ vermissen lassen. Da heißt es in so einem Bericht zum Beispiel: „Seit 20 Jahren führt ‚Domino‘ Premium-Marken bei Schmuck, Uhren und Accessoires. Mit der immer aktuellen Auswahl und dem kompetenten Service ist das von Andrea Fey geführte Fachgeschäft selbst zu einer Premium-Marke in der Einkaufsstadt Zell geworden.“ Barbara Wagner findet das „einen guten Service“. In dieser Kollektiv-Werbung komme immer jemand anders dran, der sich vorstellen dürfe, mit einem redaktionellen Text und Bild sowie einer Anzeige
des beschrieben Geschäftes. „Dann wissen die Leute, was es hier in der Region gibt.“

Schwendeman sagt dazu: „Es ist ein Spagat, wenn man solche PR-Texte schreibt. In der Regel hat es aber bisher gut funktioniert.“ In der Tat: Die Abonnentenzahl steigt und Anzeigen gibt es reichlich. Die Zeitung ist hochprofitabel.

Der Nachteil an dem System.

Wenn bei Lokalzeitungen normalerweise Kritik an der örtlichen Wirtschaft schwierig ist, so ist sie bei der „Schwarzwälder Post“ unmöglich. Aber Schwendeman hat auch kein Interesse daran, zu kritisieren. Zum einen, weil viele Unternehmen Drucksachen bei ihm in Auftrag geben, und zum anderen: Wer kritisiert sich schon gerne selber? Schwendeman ist Vorsitzender der örtlichen Werbegemeinschaft, in der 120 Firmen vertreten sind. Seit 18 Jahren bereits. Schwendeman sagt trotzdem: „Alle sollen neutral die Möglichkeit haben, sich in der ‚Schwarzwälder Post‘ zu äußern.“ Barbara Wagner sagt: „Es gab schon mal Ärger, weil ich einen Widersacher der Werbegemeinschaft zu lang zitiert habe.“

Weniger Probleme hat Wagner mit den Vereinberichten. Die schreiben die Vereine nämlich selber. Möchte einer in der Zeitung vertreten sein, muss er liefern. Dafür gibt es auch Zeilengeld. Schwendeman sagt: „Auf die Berichterstatter aus den Vereinen waren wir immer schon angewiesen.“ Außerdem sei es wichtig für die „Leser-Blatt-Bindung, dass die Vereine Raum bekommen, um sich darzustellen. Aber selbstkritische Berichte bekommt man da natürlich nicht.“

Es ist Dunkel geworden in Zell am Harmersbach. Auf vielen Tischen in Zell und den Nachbargemeinden Biberach, Oberharmersbach und Nordrach dürfte schon die „Schwarzwälder Post“ liegen. 3.200 Haushalte haben sie abonniert. Da in jedem mehrere Personen wohnen, erreicht die Zeitung eine Abdeckung von 60 bis 70 Prozent. Der Zeller Bürgermeister, Hans-Martin Moll, sagt: „Wir können dankbar sein, dass wir diese Zeitung haben.“ Moll, der von den Freien Wählern gestellt wurde, der mit Abstand stärksten Partei in Zell, schätzt auch die politische Unabhängigkeit des Blattes und dass Schwendeman parteilos ist.

Moll sagt, die „Schwarzwälder Post“ genieße in der Bevölkerung hohes Ansehen. Die Einwohner können sich sicher sein, dass es die Zeitung noch lange Zeit geben wird. Keine Selbstverständlichkeit in einer Zeit, in der Zeitungen oft nur noch als Renditeobjekte verstanden werden.

Expansion? Nein danke.

Die Verlegerfamilie Schwendeman wird zwar keinen Preis für kritischen Journalismus gewinnen, aber sie stehen hinter ihrer Zeitung, sie besitzen Haltung. Es ist ihr Handwerksbetrieb, ihr Leben. Nicht einmal wachsen soll das Blatt. Es soll so bleiben, wie es ist – auch wenn der Chef langsam über einen Online-Auftritt nachdenkt. „Man muss den Mut haben, klein zu bleiben“, zitiert Hanspeter Schwendeman die Tochter des Gründers Josef Fuchs. „In dem Moment, in dem wir mit einer großen Zeitung fusionierten, würde hier nur noch ein Redaktionsbüro übrig bleiben.“ Das wäre schade für die Tochter, die gerade in Stuttgart Medienwirtschaft studiert. Der Vater sagt, sie sei in Zell sehr verwurzelt. Sie könnte die „Schwarzwälder Post“ eines Tages übernehmen.

Medium:online

Tipp: Jan Söfjer hat aus den Interviews und Fotos eine sehenswerte Audioslideshow gebaut – exklusiv zu sehen unter www.mediummagazin.de

Erschienen in Ausgabe 07+08/2010 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 40 bis 43 Autor/en: Jan Söfjer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.