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Medien

Zwischen UKW und digital

Von Inge Seibel-Müller

Kaum ein anderes Medium profitiert so vom Internet wie das Radio. Viele Sender haben die Technikdiskussion ad acta gelegt, jetzt steht der Hörer wieder im Mittelpunkt.

Eine Zeit lang sah es so aus, als könne der Hörfunk die Zukunft verschlafen. Da drehten sich alle Zukunftsvisionen nicht um Inhalte, sondern nur um die technischen Verbreitungswege. Das war vor 2009, als alle wie gelähmt auf den großen „Big Bang“ warteten, mit dem die Digitalisierung der Übertragungswege eingeläutet werden sollte, um die guten, alten UKW-Transistorradios nach dem Willen der Bundesregierung und der EU-Kommission bis spätestens 2015 auf den Müll der Geschichte zu werfen. Seit am 28. Februar 1949 der erste UKW-Sender Europas in Bayern in Betrieb genommen wurde, haben sich rund 300 Millionen UKW-Radioempfangsgeräte in deutschen Haushalten angesammelt.

Nach den bisherigen Pleiten und Pannen bei der Digitalisierung des deutschen Hörfunks haben vor allem private Radiomacher aber immer weniger Lust auf technische Experimente in Richtung Digitalradio DAB+ und Co. Sie gehen einerseits von höheren Kosten für die Verbreitung ihrer Programme aus, fürchten Verluste bei ihren angestammten UKW-Sendegebieten – erwarten andererseits jedoch keine zusätzlichen Einnahmen durch Werbung.

Ultrakurzwelle lebt weiter

Während öffentlich-rechtliche Anstalten, allen voran der Bayerische Rundfunk, weiterhin mit digitalen Programmangeboten experimentieren und die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) am 15. Dezember endgültig darüber entscheiden will, ob nochmals 42 Millionen Gebührengelder in die Entwicklung der digitalen Radiotechnik fließen sollen, sehen die meisten privaten Hörfunkanbieter die vermeintliche digitale (DAB-)Zukunft bereits als Vergangenheit an. Vor einem Jahr sprachen sich die Mitglieder des größten privaten Rundfunkverbands VPRT unter Führung des damaligen Vizepräsidenten und Geschäftsführers der hessischen Radio/Tele FFH, Hans-Dieter Hillmoth, gegen die Einführung von DAB+ aus.

Im neuen Entwurf des Telekommunikationsgesetzes wurde der Termin 2015 für die Abschaltung von UKW mittlerweile fallen gelassen. Jetzt heißt es 2025. Vielleicht. Aus München warnt Helwin Lesch, Leiter der Hauptabteilung Programmdistribution beim Bayerischen Rundfunk: „Das Internet allein mit seinen Kapazitätsgrenzen kann nicht die Technik der Zukunft für das Radio sein – Radio braucht zwingend einen eigenen Verbreitungsweg.“

Hans-Dieter Hillmoth sieht das ganz anders: „Kein Mensch wird sich noch eine Extrakiste fürs Radio ins Wohnzimmer stellen“, glaubt er. „Viele versuchen uns Radioleuten einzureden, UKW sei die Technik von gestern. Das sehen die Hörer so nicht. UKW ist der Ast, auf dem wir senden.“ Für ihn muss Radio da hin, wo die Hörer sind. Auf Endgeräte, auf denen möglichst viele Medien und Angebote konzentriert zu finden sind. Denn der Trend zu Endgeräten, die alles können, wird anhalten. Da ist Hillmoth sicher. Bereits seit zwei Jahren ist etwa das populäre Hit Radio FFH über iPhone und iPod touch von „Apple“ zu empfangen. Seit Ende 2009 bietet FFH, wie viele andere Radiosender auch, spezielle Player für die meisten anderen Smartphone-Handys an. Als im Mai 2010 der Verkauf für das iPad in Deutschland startete, zeigten sich die Radiostationen im Gegensatz zu vielen Tageszeitungen einmal mehr bestens vorbereitet. Die Applikationen für das Tablet-Gerät waren längst fertig.

Im eigenen Haus setzt Hillmoth vorerst ganz auf das Internet als ergänzenden Verbreitungsweg zur Ultrakurzwelle. Mögliche Engpässe und Datenstaus im Internet schrecken ihn nicht. Der FFH-Chef ist zuversichtlich, dass die Netzbetreiber die Kapazitäten schon rechtzeitig erweitern werden. Anders als Verlage haben Radiosender keine Angst auszusterben. Sie vermehren sich im Netz: 23 Webstreams zählt mittlerweile allein das Angebot aus dem Hause Radio/Tele FFH. Neben den drei lizensierten UKW-Programmen ist für jeden Geschmack etwas dabei: von Electrobeat über Jazz bis zu Hits für Kids. „Die Produktionskosten sind überschaubar und die Nachfrage nach originären Webradios steigt“, sagt Hillmoth. Der Radiomarkt differenziere sich nicht mehr nach Alter, sondern nach Lebensgefühl – ideal für die unterschiedlichen Musikstreams.

Radio im Social Web

Natürlich nutzen Hillmoth und seine Mannschaft auch den Boom der sozialen Netzwerke. Seine Sender sind längst bei Twitter, Facebook und in anderen Online-Communitys vertreten. Bewegtbilder, Podcasts, Zusatztexte, die ganze Vielfalt wird eingesetzt. Das Internet als Echtzeit-Web entpuppt sich für die Radiomacher immer mehr als ideale Ergänzung zur Interaktion und Kommunikation mit dem Zuhörer und stärkt die emotionalen Bindungen. Communitys hießen früher einfach Hörerclubs – na und? Jetzt wird eben intensiv über das Netz kommentiert, gevotet und mit den Hörern gespielt. 77.000 „Fans“ zählt bereits die Facebook-Seite von planet radio aus dem Hause FFH, täglich kommen Hunderte hinzu.

Gibt es denn bald auch das personalisierte Radio? Das sieht Hillmoth so nicht. Der Hörer sei doch froh, wenn er einmal nur einschalten und sich zurücklehnen könne.

Auch Bezahlradio hält er für utopisch: „Radio war immer ein Free-Medium, das sich über hohe Einschaltquoten durch Werbung finanziert. Das klassische Geschäftsmodell wird auch ein Großteil des zukünftigen sein.“

Mittlerweile gibt es immer mehr private Webradios, wie es last.fm oder das User-generierte Radio laut.fm. Doch die Vielfalt der Konkurrenten im Internet fürchtet Radiomann Hillmoth nicht. „Unser großes Plus ist die Marke, die wir uns aufgebaut haben“, der werde der Hörer ins Internet folgen. „Und auch die Verbindung zur Region zwischen Radio und Hörer, die uns schon immer wichtig war, wird noch viel bedeutender werden.“

Ein unterschätztes Medium

In der Tat: Allen Unkenrufen zum Trotz, die vielbeschworene Konkurrenz durch das Internet hat das Medium Radio bisher scheinbar unbeschadet überstanden. 79 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ab zehn Jahren schalten täglich wenigstens einmal ein. Die zuletzt im Juli 2010 veröffentlichten Radionutzungsdaten der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse dokumentieren stabile Hörerzahlen und steigende Hördauer – auch in den jungen Zielgruppen. Selbst die aktuellen Bruttowerbeumsätze, monatlich geliefert von der Nielsen Media Research GMBH, sind für die meisten Radiosender eher erfreulich.

„Online ist für uns eine Ergänzung. Kein Konkurrenzmedium, sondern lediglich eine Plattform, auf der Audio ebenso wie Print und TV abgerufen werden kann“, sagt Lutz Kuckuck, Geschäftsführer der Radiozentrale Berlin, eine Marketing-Initiative privater und öffentlich-rechtlicher Radiostationen. Der Initiative geht es ums Image – auch deswegen gibt es seit 2010 den Deutschen Radio-preis. Die Macher haben den Eindruck, ihr Medium werde unterschätzt: „Die Schar der Medienjournalisten jagt den neuen Trends hinterher und lässt die klassischen Medien liegen. Die Medienjournalisten erstarren in Ehrfurcht, wenn Apple-Boss Steve Jobs eine neue Erklärung verlauten lässt. Dabei interessiert das nur eine Minderheit“, meint Dietmar Timm, Programmchef von DRadio Wissen, dem dritten Programm des Deutschlandradios.

„Der Hörfunkjournalismus hat eine glänzende Zukunft“, sagt Dietmar Timm seit Jahren, wenn er gefragt wird, was die rasante Entwicklung neuer Verbreitungswege wie Internet und Handy für das klassische Radio bedeutet. Für den Programmchef von DRadio Wissen ist das Internet derzeit der wichtigste Verbreitungsweg für sein Programm, und DAB+ sein Wunschkanal – denn DRadio Wissen verfügt über keinerlei UKW-Frequenzen.

Podcasts, Communitys, Interaktion mit den Hörern – für Timm schon fast ein alter Hut. „Machen wir alles, beim Deutschlandradio schon seit Jahren und bei DRadio Wissen von Anfang an.“ Seit DRadio Wissen im Januar 2010 als „Versuchslabor mit Internetanschlussȁ
C; gestartet ist, hat seine Mannschaft nahezu täglich am Programm geschraubt. „Und zwar immer auf Wunsch der Hörer, die sich aktiv an unserem Programm beteiligen können“, betont Timm. Und was sich die Hörer laut Timm als Erstes wünschten, waren längere Wortbeiträge und keine Häppchen von zwei bis drei Minuten. Von 6 bis 20 Uhr wird live gesendet, man probiert neue Formate aus. So gibt es immer werktags eine abendliche „Redaktionskonferenz“ von anderthalb Stunden, die im Radio übertragen wird: Redakteure und Gäste aus anderen Medien besprechen ausführlich den aktuellen Radiotag.

Hörfunk für die Generation Internet

Die sogenannten „Digital Natives“ mit offenen Armen zu empfangen und Kommunikation auf Augenhöhe, das haben sich die Redakteure fest vorgenommen. Auch wenn die Beteiligung der User nach der Anfangseuphorie merklich abgenommen habe, so Timm. Woran das liegen mag, wird bei DRadio Wissen noch analysiert. Die Mehrheit der Zuhörer will offenbar nicht aktiv werden, sondern gefällt sich in der Konsumentenhaltung.

Eines jedoch mag Timm nicht mehr hören: dass Radio sich in den letzten zehn Jahren nicht verändert habe. „Podcasts, Twitter, mobile Applikationen, Facebook, Redaktionsblogs und Kommentarmöglichkeiten, all das ist bei vielen Radioprogrammen längst vorhanden“, sagt Timm und fügt hinzu: „Wenn man über neues Radio nachdenkt, sollte man zur Kenntnis nehmen: Das ‚alte‘ Radio gibt’s schon nicht mehr.“ Was Timm damit meint: „Es versendet sich nichts mehr linear. Wir stellen unser Angebot dauerhaft

zur Verfügung.“ Vor DRadio Wissen war Timm zuständig für den gesamten Multimediabereich beim Deutschlandradio. Unter seiner Leitung entstand ein großes Podcast-Archiv, das erstmals zeitunabhängiges Radiohören ermöglichte.

Für eine wegweisende Bilanz ist Timm der Zeitpunkt noch zu früh. Sein „Wissensradio“ sei gerade mal zehn Monate auf Sendung. Durchschnittlich 30.000 Streamingabrufe pro Tag werden gezählt. Wie viele Hörer sich hinter solchen Streams verbergen und wie viele das Angebot noch über Kabel, Satellit und DAB hören, lässt sich nur schätzen. Anerkannte Erhebungsmethoden gibt es noch nicht.

„In der Top-100-Liste von Phonostar fühlen wir uns ganz gut einsortiert, unserem Anspruch, eine jüngere Zielgruppe als unsere Schwesternprogramme zu erreichen, scheinen wir gerecht zu werden“, glaubt Timm. Phonostar ist ein Internetradioportal. Der gleichnamige Player hat in Deutschland rund zwei Millionen Nutzer.

Besuch bekommt DRadio Wissen oft, von Kollegen anderer öffentlich-rechtlicher Stationen, aber auch vom Privatfunk. Sie interessieren sich insbesondere für den modernen und funktionalen Online-Auftritt von DRadio Wissen und die digitale Sendeabwicklung.

Auch Timm will dorthin, wo die Hörer sind. Und zwar wortwörtlich. Auf großen Messen wie der Expolingua in Berlin oder der Bibliothekswoche in Hamburg moderieren er oder sein Redaktionsleiter regelmäßig Podiumsdiskussionen. Demnächst ist eine Hochschultour durch Nordrhein-Westfalen ge-plant, um mit dem studentischen Publikum in Kontakt zu kommen. „Wir gehen davon aus, dass uns noch nicht jeder kennt“, meint Timm verschmitzt, „das wollen wir natürlich ändern.“

Neues Radiopublikum will sich Timm auch in der netzaffinen Zielgruppe erschließen. Daher gibt es bei DRadio Wissen die Netzreporter, allen voran Markus Heidmeier, die täglich mehrmals für den Sender aus der Welt der Bits und Bytes berichten. Produziert wird der „Netzreporter“ von Journalisten, Künstlern und Netzarbeitern, die sich vor einigen Jahren in der „Kooperative Berlin“ zusammengeschlossen haben. Das Netzwerk begreift sich als Medienlabor und Ideenmanufaktur an der Schnittstelle klassischer und digitaler Medien. Das jüngste Projekt mit Aufmerksamkeitswert für die Netzgemeinde, dessen Abschlussdiskussion als „Onlinetalk“ im Radio gesendet wurde, war das „SpeedLab Journalism Berlin“, die Kombination aus einer Konferenz mit Barcamp-Atmosphäre und einem Speeddating von Experten und Besuchern. Thema: „Wir bauen uns einen neuen Journalismus.“

Erschienen in Ausgabe 12/2010 in der Rubrik “Medien” auf Seite 46 bis 49 Autor/en: Inge Seibel-Müller. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.