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Austs „Woche 1, 2, 3, 4 …“

Rudolf Augstein machte Stefan Aust 1994 zum Chefredakteur des „Spiegel“, weil er in ihm den richtigen Mann sah, der angesichts der Neuerscheinung „Focus“ einen Weg findet, mit der veränderten Marktsituation umzugehen. Mit ihren kürzeren Texten und grafischen Elementen hatte die Burda-Nachrichtenillustrierte damals eine ganz neue Form von Magazinjournalismus präsentiert. Das mussten selbst die Hamburger „Spiegel“-Leute zugeben, deren Selbstbewusstsein plötzlich ziemlich angeknackst war. Nicht viele hatten damals geglaubt, dass es in Deutschland neben „Spiegel“ und „stern“ Platz gibt für ein drittes Wochenmagazin.

Heute, 17 Jahre nach der Einführung von „Focus“ und mitten im Zeitalter der Digitalisierung, schrumpfen nicht nur die Anzeigen, sondern auch die Auflagen der drei Wochenmagazine. Umso größer sind die Zweifel, dass in dieser Situation auch noch Platz für ein viertes Wochenmagazin sein soll. Doch Aust wäre nicht Aust, wäre er nicht überzeugt davon, dass es diesmal er ist, der den Magazinjournalismus neu erfindet. Das ist der Eindruck, den er hinterlässt, fragt man ihn nach den Marktchancen für sein Magazinprojekt.

Ein Beispiel, wie das gehen soll, ist aus der Entwicklungsredaktion zu hören. Das Blatt, dessen wohl endgültiger Titel „Woche“ – vorausgesetzt sie wird wirklich erscheinen – nach letztem Wissensstand immer die Zahl der entsprechenden Kalenderwoche im Anhang trägt („Woche 18“, „Woche 19“…), verfolgt demnach ein strikt multimedial angelegtes Konzept, bei dem etwa die Fernsehdokumentation eines nach Afghanistan gereisten Journalisten ganz selbstverständlich zur Print-Reportage fürs gedruckte Blatt umgewandelt wird, während Anwendungen für den Tablet-PC zusätzliche Eindrücke und Informationen zum selben Thema vermitteln.

Die „Woche“ – eine multimediale Marke mit einem Chefredakteur, der selbst eine multimediale Marke ist: als Fernsehjournalist, Buchautor, Produzent, Blattmacher, Themenfinder – und dann auch als Kommentator zum Thema der Woche. Hier hat Stefan Aust offenbar Nachholbedarf: Letzteres war beim „Spiegel“ seinerzeit ausschließlich Rudolf Augstein vorbehalten. Ulrike Simon

Erschienen in Ausgabe 04+05/2010 in der Rubrik “Rubriken” auf Seite 6 bis 9. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.