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Praxis

Blasen und Phrasen

Kommunikationswissenschaftliche Erkenntnisse für Journalisten

„Das müssen Sie xy fragen“

Die Zahl der Vermeidungsphrasen ist schier endlos. Hier haben wir mal wieder einen typischen Vertreter dieser Spezies. „Das müssen Sie xy fragen.“ Wenn ein Interview dahin geht, wo es anfängt wehzutun, sollten man sich rhetorisch tunlichst im Tarnen, Täuschen und Verpissen üben. Also: Her mit der Vermeidungsphrase. Besonders gerne wird für das xy der Name der Konkurrenz oder einer übergeordneten, ungreifbaren, kafkaesken Behörde.

„Das müssen sie Google fragen“, könnte z.B. ein deutscher Verlagsvertreter sagen, wenn er partout nicht weiter weiß. „Das müssen Sie Apple fragen“, geht natürlich auch. Weitere Möglichkeiten, wen man fragen könnte, wären: „Das müssen Sie die Regulierungsbehörde fragen“ oder, geht eigentlich fast immer, „Das müssen sie die Chinesen fragen“. Man kann eigentlich jeden fragen, nur bitte nicht das Gegenüber.

„Aktives Multi-Channel-Management“

Bitte nicht laut lachen, diesen Begriff gibt es tatsächlich und er wurde bereits auf freier Wildbahn gesichtet, ohne dass sich der Urheber erkennbar geschämt hätte. Im konkreten Beispiel, der Phrasendrescher soll hier aus Diskretionsgründen anonym bleiben, setzte er sogar noch mit der folgenden Erklärung eins drauf: „Man nimmt es beim E-Commerce nicht nur hin, dass Kunden hin und her springen, sondern versucht Kunden aktiv zwischen den Kanälen hin und her springen zu lassen.“ Alles klar? Das Ganze hat selbstverständlich keine tiefere oder sonstige Bedeutung. Bitte versuchen Sie erst gar nicht, irgendeinen verqueren Sinn in dieser Phrase oder dem hinterhergeschobenen „Erklärungssatz“ zu finden – es gibt keinen. Die Phrase zeigt aber sehr schön, mit wie viel aufgequirltem Bla hoch Zwei man heutzutage durchkommt, ohne verbal geteert und gefedert zu werden.

„Die DNA der Marke“

Andreas Bartl hat wieder zugeschlagen. Der Vorstand fürs deutsche Free TV und bei Drucklegung dieser Ausgabe noch amtierende Sat.1-Chef (die wechseln ja öfter) ist ein begnadeter Fernsehmacher, aber auch ein Phrasen-Ritter aus Leidenschaft. Unvergessen sind seine Wort-Kreationen „Content is King Kong“ und „TV 3.0“. Vor Journalisten hat er jüngst eine umfassende Programmreform von Sat.1 verkündet. Mal wieder. Klar, dass dabei auch phrasenmäßig kein Auge trocken blieb. So erklärte er, die „DNA der Marke Sat.1 entschlüsselt“ zu haben. Genial! Die Markenfetischisten aus dem Top-Management gehen nun sogar schon genwissenschaftlich an die Sache ran. Man sieht die TV- und sonstigen Manager förmlich vor sich, im weißen Laborkittel mit dampfenden Reagenzgläsern, wie sie die „DNA der Marke“ entschlüsseln. Wobei die „DNA der Marke“ schon vor Sat.1 zu einer geflügelten Phrase in Manager-Kreisen geworden ist.

Egal ob bei Lamborghini-Autos, Jeans, Uhren oder Marken-Seminaren von der Stange: Die DNA der Marke, früher „Markenkern“, ist ein Buzz-Wort der Stunde.

„Dingsbumstainment“

Noch besser als die schon ein bisschen ausgelatschte „DNA der Marke“ hat uns die Dehnung des Begriffs „Tainment“ gefallen. Infotainment ist im TV ja ein alter Hut seit „Stern TV“. Später gab es Dokutainment, Histotainment (Geschichtsfilmchen mit Spielfilm-Sequenzen) und Edutainment („Wissens-Shows“ mit Promis und/oder lustigen Spielen). Sat.1 hat sich nun für seine Programmreform zwei neue Tainments einfallen lassen: Medicaltainment und Countrytainment. Mit ersterem wird eine Show bezeichnet, bei der kranke Leute mit der Kamera verfolgt bzw. „begleitet“ werden, die heißt dann mit Arbeitstitel „Diagnose Hoffnung“. Bei zweiterem geht es um eine Art Übertragung des Landlust-Prinzips ins TV mit einem Land-Magazin und einer Bauernhof-Reality. Echtes Bartltainment.

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Erschienen in Ausgabe 04+05/2010 in der Rubrik “Praxis” auf Seite 68 bis 68. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.