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Praxis

Medienköpfe & Karrieren

Aufsteiger

Nein, gelassen ist er wirklich nicht, das sagt Manfred Ruch (51) auch über sich selbst: „Ich kann mich ziemlich schnell über ziemlich viel aufregen.“ Das spiegelt auch sein Blog („Ruch regt sich uff“) wieder – und animiert Leser der „Rheinzeitung“ (RZ) zum mitdiskutieren. Denn Ruchs Online-Aufreger gehören zum Netz-Angebot der Regionalzeitung, die vor allem im nördlichen Rheinland-Pfalz gelesen wird (IVW-Auflage 206.000). Zum 1. April ist Ruch – schon seit 24 Jahren bei der „RZ“, zehn Jahre als Lokalchef, seit August 2009 Chef des Newsdesks – in die Chefredaktion zu Christian Lindner und Joachim Türk aufgerückt, zuständig für die Mantelseiten und die Website. Er setzt verstärkt auf zusätzliche Online-Angebote, twittert selbst regelmäßig, die „RZ“-Internetseite hat gerade einen Relaunch hinter sich, ein „Web-2.0-Redakteur“ wurde installiert, und Ruch will das kreative Potenzial des Volontär-Pools noch stärker nutzen, zum Beispiel mit dem Promi-Blog „Bloggywood“, den eine Volontärin betreut. Bloggen will Ruch aber auch in seiner neuen Position. Und eines ist ihm noch wichtig: Er sei kein Wüterich. Er rege sich schnell auf – aber auch schnell wieder ab. „Ich bin halt ziemlich emotional.“

dpa forciert seine Online-Kompetenz – und holt Iris Mayer (35) zum 1. Juli als Nachrichtenchefin. Sie kommt von „Focus Online“, wo sie seit 2008 stellvertretende Chefredakteurin ist. dpa-Chef Wolfgang Büchner lobt sie „als eine der profiliertesten Online-Journalistinnen Deutschlands“, die die Arbeit in der neuen Zentralredaktion in Berlin „maßgeblich mitgestalten und bereichern“ soll. Die bisherigen Stationen der gebürtigen Sächsin: Volontariat bei der „Freien Presse“ (Chemnitz), Auslandsredaktion AP Deutschland, Politikredaktion des „Focus“, ab 2006 stellvertretende Nachrichtenchefin „Focus Online“, seit Frühjahr 2008 war sie dort stellvertretende Chefredakteurin. Bei dpa gehört sie als Nachrichtenchefin zu einem Viererteam mit Jens Dudziak, Thomas Pfaffe und Martin Romanczyk, die in der neuen Zentralredaktion die bisherigen Chefs vom Dienst ersetzen, aber auch u.a. das neue journalistische Kundenportal der dpa steuern sollen. Ihr Nachfolger bei „Focus Online“ wird Mitte Mai Stefan Wagner (42), bislang Vize-Chef Ausland des Print- „Focus“.

Er flog für „GEO“ im Parabelflug in der Schwerelosigkeit, berichtete aus Bangladesch über die Erfindung der Mikrokredite und kletterte im Himalaya. „Das Reisen und die Abenteuer empfinde ich als eine großartige Inspirationsquelle“, sagt Jens Schröder (37). Künftig wird Schröder eher Papierberge erklimmen: Mitte des Jahres wird er Vize-Chefredakteur von „GEO“ und löst Christoph Kucklick (46) ab, der sich selbstständig macht. Als Verlust an Abenteuer sieht Schröder seine neuen Aufgaben nicht: „Ich bin jetzt stärker konzeptionell am Heft beteiligt, muss mich in kurzer Zeit mit vielen Themen auseinandersetzen – das empfinde ich ebenfalls als sehr inspirierend.“ Seit 30 Jahren behauptet sich „GEO“ (ivw Januar 2010: 339.528 verkaufte Exemplare) auf dem Markt, setzte dabei eher auf sanfte Anpassung statt Radikalkuren. Doch auch „GEO“ muss um seine Auflage kämpfen (im Januar 2009 wurden noch fast 60.000 Hefte mehr verkauft). „Wir müssen uns verändern und können dabei viel gewinnen. Aber wir dürfen unseren treuen Leserstamm nicht verprellen“, so Schröder.

Kaum ein Wort ist so ausgeleiert wie „multimedial“: Zu oft von Zeitungsverlagen genutzt für große Ankündigungen, denen wenig folgte. Ein bisschen Misstrauen ist also angebracht, wenn die „Lausitzer Rundschau“ (LR) nun einen neuen Chefredakteur ankündigt, der „die konsequente Ausrichtung“ der Zeitung „als multimediales Medienhaus der Region weiter vorantreiben wird“. Der so Gepriesene heißt Johannes M. Fischer (49), bislang Vize-Chef der „Freien Presse Chemnitz“; zum 1. Juli tritt er an bei der „LR“ (Auflage knapp unter 100.000, ivw 4/2009). Schon jetzt zählt er auf, wo sein künftiger Arbeitgeber die Nase vorn hat: Mit 825.000 Visits und 10 Millionen Seitenabrufen im März 2010 zähle die Site zu einem der erfolgreichsten Portale unter den ostdeutschen Tageszeitungen. Das Ziel laute, Communities zusammenzuführen, Diskussionsplattform zu sein – und natürlich guten Lokaljournalismus zu bieten. Was er darunter versteht? Er sagt: „Ich bewundere den Lokalredakteur, der Tag für Tag gezwungen ist, ohne Hilfe von Agenturen und PR-Profis Geschichten auszugraben.“ Auf seiner website rät er dem Nachwuchs zu Neugier, Sprachgefühl, Hartnäckigkeit. Auch Multitasking ist für ihn kein Problem: Neben dem Tagesgeschäft, in dem er in Chemnitz 19 Lokalredaktionen koordinierte, schrieb er u.a. Krimis („Mords-Sachen“). Um eine Frage drückt er sich allerdings herum: Ob die „LR“-Online-Redaktion ausgebaut werden soll? „Ich möchte keine personalpolitische Antwort geben“, sagt er, Online sei eine Querschnittsaufgabe. Jeder müsse oOline mitdenken. Ab Juli wird sich zeigen, was das heißt.

Nils Bremer ist im April offiziell zum Chefredakteur des Stadtmagazins „Journal Frankfurt“ berufen worden. Der 31-Jährige hatte diese Position bereits im Oktober 2009 ad interim übernommen, seit Vorgänger Boris Tomic als Lokalchef zur „Frankfurter Neuen Presse“ gewechselt ist. Die erste Bilanz als (Interims-)Chef lässt sich sehen: Der Einzelverkauf des Journal ist im 1.Quartal 09 um knapp sechs Prozent auf gut 12.000 Hefte gestiegen (insgesamt: rund 26.500 verkaufte Hefte). Allerdings melden die Abozahlen einen Verlust von 5,7 Prozent. Es gibt also einiges zu tun.

Es gibt journalistische Lebensläufe, die lesen sich wie von einem Personalmanager erfunden: Mit 15 Jahren Arbeit bei der Schülerzeitung, neben dem Studium diverse Praktika im In- und Ausland beim WDR und der „SZ“, mit 26 Jahren Abschluss der deutschen Journalistenschule, dann parlamentarischer Korrespondent des „Tagesspiegel“ und Wechsel zum „Spiegel“ plus Preise wie den Axel-Springer-Preis für Nachwuchsjournalisten. „Ich habe schon früh gespürt, dass Journalismus der richtige Beruf für mich ist“, sagt Markus Feldenkirchen, Inhaber dieses Vorzeige-Lebenslaufes, und derzeit stellvertretende Leiter des „Spiegel“-Hauptstadtbüros. Im Juni übernimmt der 34-jährige das „Spiegel“-Büro in Washington. Eine Karriere ohne Knicke – „Beruflich bin ich bislang dankenswerter Weise ohne nennenswerte Rückschläge durchgekommen“, sagt er.

An seinem neuen Arbeitsplatz wird sich Feldenkirchen wahrscheinlich an mehr Gegenwind gewöhnen müssen: Denn während sich für den „Spiegel“ in Deutschland üblicherweise Tür und Tor öffnen, heißt es für ausländische Presse in den USA gerne mal: „Foreigners don’t count, foreigners don’t vote“. „Das ist mir auch zu Ohren gekommen. Ich habe mir aber vorgenommen, mich davon nicht abschrecken zu lassen“, sagt Feldenkirchen. Im Gegenteil, er wolle regelmäßig beim Weißen Haus anklopfen – mit ehrgeizigem Ziel: „Bisher hat der amerikanische Präsident dem „Spiegel“ kein Exklusivinterview gegeben: Vielleicht sollte ich Obama einen Brief schreiben und ihn an sein Motto erinnern: It’s time for a change!“ Feldenkirchen rückt in der Hierarchie auf, da sein Vorgänger Gabor Steingart im April die Chefredaktion des „Handelsblatt“ übernommen hat.

Was für eine Karriere: Seit 15. April ist Gerald Selch (40) nun also auch Unterhaltungschef, neben Textchef und Mitglied der Chefredaktion von „Bild“. Wäre da nur nicht diese alte Geschichte, als die „tz“ schrieb, drei (namentlich genannte) Münchner Fußballer seien in einen Wettskandal verwicke
lt und von der Polizei verhört worden. Gut eine Woche später zog das Münchner Boulevardblatt die Behauptungen zurück und entschuldigte sich. Einer der beiden Autoren war der damalige „tz“-Sportchef Gerald Selch, der kurz darauf gehen musste. Der Co-Autor war übrigens Max Breitner, Sohn Paul Breitners, dem Uli Hoeneß selbst ein Jahr später Absolution erteilte und ihn zum Pressereferent beim FC Bayern machte. Selch entwickelte in der Zwischenzeit eine Sonntagsausgabe der „SZ“ mit (die der Wirtschaftskrise zum Opfer fiel) und ging dann zu „Bild“, für die er früher schon mal gearbeitet hatte. Über den Wettskandal reden mag heute keiner gern, Karl Schermann, damals Chefredakteur der „tz“, heute Chef des „Münchner Merkur“, sagt nur kurz und trocken: „Ich gönne jedem alles auf dieser wunderbaren Welt.“ Vom Springer-Verlag heißt es: „Diese alte Geschichte spielt für uns keine Rolle.“ Außerdem sei die Schuldfrage bis heute nicht eindeutig beantwortet, und auf Selch bezogen erklärte Verlagssprecher Tobias Fröhlich: „Sein journalistischer Weg, nach der, tz‘ bei der renommierten, Süddeutschen Zeitung‘ und dann bei der, Bild‘ zu arbeiten, spricht doch für sich.“ Selch selbst will sich nicht äußern – weder zu alten Geschichten noch zu neuen Vorhaben. Der Kurs zeichnet sich aber bereits ab, mit Schlagzeilen wie: „Bild-Kampage gegen Menowin. So ein Typ darf nicht Superstar werden.“ Ein denkwürdiges Bekenntnis der Boulevard-Kampagneros.

Umsteiger

Michael Kramers, sechs Jahre beim ZDF-„Abenteuer Wissen“ und zuvor u. a. Redaktionsleiter von ZDF online, zieht es zu neuen Abenteuern – und nach Berlin: ab Mitte Mai betreut er dort den neuen Sonntagstalk von Peter Hahne, der am 27. Juni zum ersten Mal auf Sendung gehen wird.

Christian Renz (34) hat die neu geschaffene Position des Unterhaltungschefs bei „In – Das Star & Style Magazin“ übernommen. Sein Nachfolger als Chefreporter ist Renato Leo (33), bisher Redakteur Aktuelles von „In“.

Wechsel in der G+J Wirtschaftsredaktion: Antonia Götsch (32) übernimmt den vakant gewordenen Posten der leitenden Redakteurin Mittelstand ihres Vorgängers Rudolf Kahlen. Er lässt sich trotz Krise nicht beirren und setzt auf eigenen Ideen: Kahlen macht sich selbständig. Götsch verantwortete vorher die Themen Unternehmen und Management bei „impulse“. Bisher sorgten dort eher Entlassungen für Meldungen, nun schafft „impulse“ eine neue Position: Michael Prellberg soll als Textchef am 1.Juni anfangen.

Absteiger

Nein, bestechlich sei er zu keinem Zeitpunkt gewesen, darauf besteht Gerd Rapior, bis März noch Fernsehredakteur beim NDR. Im Kieler Studio war er zuständig für die Zulieferungen zu „Tagesschau“ und „Tagesthemen“, kümmerte sich um Berichte für das „Schleswig Holstein Magazin“ und saß der Landespressekonferenz vor. Allerdings bereitete er nebenbei einige CDU-Politiker auf Fernsehauftritte vor, darunter den heutigen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein Peter Harry Carstensen. Solche Medientrainings und andere nicht genehmigte, aber bezahlte Nebentätigkeiten sorgten jetzt für ein jähes Karriere-Ende: Rapior kündigte – und kam damit einer vom Sender bereits vorbereiteten fristlosen Kündigung zuvor. Als die Vorwürfe gegen ihn aufgekommen waren, hatte der Sender schnell reagiert und den Redakteur suspendiert. Laut NDR hat Rapior die Nebenjobs bestätigt, wies aber jeden Bestechlichkeitsvorwurf zurück. Der NDR fand allerdings, dass es keine Zweifel an der Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit der Berichterstattung geben dürfe – und Rapior gegen grundlegende journalistische Regeln verstoßen habe. Jetzt musste der geschäftstüchtige Journalist gehen, ohne Abfindung.

Nachruf

„Er mochte Menschen“ schreibt der „Spiegel“ unter seinen Nachruf: Klaus Wirtgen ist am 28. März im Alter von 71 Jahren in Bad Honnef bei Bonn gestorben. Wirtgen war ein investigativer Journalist der alten Schule, arbeitete 30 Jahre lang für den „Spiegel“, deckte unter anderem Helmut Kohls Parteispendenaffäre mit auf. Ende der 90er verließ er nach einem Streit mit Stefan Aust den „Spiegel“, arbeitete noch für den „stern“ und die „Berliner Zeitung“. Sein Herz aber, so schrieb die „Süddeutsche“, hing beim „Spiegel“. Es hätte ihn gefreut, dass der nun schrieb: „Klaus Wirtgen war ein Journalist, der als Vorbild taugt.“

Erschienen in Ausgabe 04+05/2010 in der Rubrik “Praxis” auf Seite 78 bis 78. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.