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[Praxis]

Zwei Fragen

über den Umgang mit dem alltäglichen Aufregerthema „Autorisierung“.

Frage 1

Wenn Sie jemanden interviewen – wie sieht Ihre gängige Autorisierungspraxis aus?

Frage 2

Und was, wenn Sie der/die Interviewte sind?

Ines Pohl

Chefredakteurin der TAZ

Meine Erfahrung ist: Wenn man vorweg die Autorisierung anbietet, spricht der Gesprächspartner freier, er lässt zu, dass sich Gedanken entfalten. Und was Porträts oder andere Fließtexte angeht: Die offizielle Linie der TAZ ist hier, dass ganze Texte auf keinen Fall zum Gegenlesen rausgegeben werden. Ich lasse nur wörtliche Zitate autorisieren, schicke auch nicht den Kontext mit, etwa ganze Paragrafen. Und wenn ein bereits autorisiertes Interview gekürzt werden muss, etwa um eine Print- und eine Onlinefassung zu haben, kürzen wir hier nur ganze Fragen und Antworten, nicht einzelne Sätze. Diese Fassung wird dann nicht noch mal zum Gegenchecken geschickt – es ist Teil der journalistischen Sorgfaltspflicht, verantwortungsvoll damit umzugehen.

Ich musste leider lernen, dass es sinnvoll ist, sich auch wörtliche Zitate schicken zu lassen. Ideal wäre mitunter, den Kontext zu kennen, in dem sie auftauchen – danach fragen würde ich nie. Ich gehe davon aus, dass die Kollegen ihre journalistische Sorgfaltspflicht ernst nehmen. Wenn ich ihnen nicht vertraue, etwa wenn ich falsch zitiert wurde, wird derjenige auch kein Interview mehr bekommen. Mich wundert nicht, dass einige Medienpublikationen gegenüber vorsichtig sind: Der Drang zuzuspitzen ist da oft groß.

Ariel Hauptmeier

„Geo“-Redakteur und Mitgründer des Reporter-Forums

Erzählt man englischen oder amerikanischen Kollegen von der deutschen Unsitte, nicht nur Interviews, sondern auch einzelne Sätze autorisieren zu lassen, kommen sie aus dem Staunen nicht heraus. Für sie ist das Zensur. Für mich auch. Ich bin grundsätzlich dagegen. Ich biete Autorisierungen nie an, argumentiere immer dagegen, und wenn es gar nicht anders geht, schicke ich Zitate erst in allerletzter Minute, um künstlich Zeitdruck zu erzeugen. Auch bei Wortlaut-Interviews bin ich grundsätzlich gegen Autorisierungen. Gesagt ist gesagt. Die jetzige Praxis, das Gesagte komplett umzuschreiben, befördert nicht nur das Weichspülen von Aussagen, sondern auch die Faulheit des Interviewers – er kann ja irgendwie fragen, Kraut und Rüben, weil er weiß, am Ende macht er es dann noch mal schön.

Wie ungenau, wie unpräzise wir Journalisten bisweilen arbeiten, erfährt man, wenn man selbst zum Gegenstand von Berichterstattung wird. Bislang ist zwei Mal über mich geschrieben worden, beide Male fand ich mich und meine Aussagen schlecht bis gar nicht getroffen. Autorisierungen helfen da auch nicht weiter. Verstehen ist Glückssache, das wissen wir seit langem aus der systemischen Kommunikationstheorie. Fatalistisch füge ich mich dieser Erkenntnis.

Eva Kohlrusch

„Bunte“-Autorin

Immer: Autorisation bei Wortlaut-Interviews. Schriftlich! Kann sonst teuer werden. Titel/Vorspann gibt’s nur nach Vereinbarung (unter anderem wegen des Zeitdrucks); keine Fahnen. Bei Porträts, die nach langen Gesprächen entstehen, ebenso – schon, um Fehler zu korrigieren. Manche Befragte verstehen’s falsch und texten auch deine Prosa um. Wenn Porträts in Büchern erscheinen, biete ich die Option, den gesamten Text zu verwerfen, falls jemand sich falsch erfasst fühlt.

Bei einer reinen Interview-Form bestehe ich darauf, den gesamten Text abzusegnen und notfalls ganze Passagen kompakter formulieren zu dürfen. Nur wenige Redakteure können ausdünnen; streichen lieber ganze Absätze, eliminieren damit ungewohnte Sichtweisen und Details. Werden nur Quotes gesammelt, reicht mir, meine wörtlichen Zitate zu sehen. Das kann aber daneben gehen – wirkt bescheiden, ist aber zu vertrauensselig, konfliktscheu gegenüber Kollegen und Kolleginnen.

Dieter Wonka

Hauptstadtkorrespondent der „Leipziger Volkszeitung“

Wer nicht ausdrücklich fragt, wird nicht mit Autorisierung bedrängt. Wortlaut-Interviews werden, bei Wunsch, komplett zur Verfügung gestellt. Zitate in direkter Rede werden entweder direkt im Gespräch gleich verabredet oder, auf Anforderung, übermittelt. Dann aber in der Regel nicht im kompletten Fließtext eingebettet: Meine Gesprächspartner wissen, vor welchem Hintergrund ich befrage. Überschriften/Vorspann etc. werden allerhöchstens im besonderen Ausnahmefall vorab übermittelt (wenn es „um Kopf und Kragen“ gehen könnte) – aber nicht als Angebot zur Mitsprache, sondern als Info, was auf Befragte im Zweifelsfall am nächsten Tag zukommen könnte. Kürzungen von mir werden, auch bei Wortlaut-Interviews, im Rahmen journalistischer Verantwortung, eigenständig bei redaktionellem Bedarf durchgeführt.

Wenn ich interviewt werde, gehe ich im Prinzip nach den gleichen Kriterien vor.

Patricia Dreyer

Chefin vom Dienst bei „Spiegel Online“

Bei „Spiegel Online“ bieten wir dem Interviewpartner vor dem Gespräch an, dass dieser das Interview beziehungsweise in einem Lauftext zitierte O-Töne vor Veröffentlichung nochmals schriftlich vorgelegt bekommt – die Mehrheit der Interviewten macht davon Gebrauch. Fahnen, Vorspann, Überschrift schicken wir nicht. Wie ein Interview im Medium präsentiert wird, sollte der Redaktion überlassen sein. Was Wortlaut-Interviews angeht, die nach der Autorisierung erneut gekürzt werden: Es sollte grundsätzlich immer nur so gekürzt werden, dass der Tenor jeder Aussage erhalten bleibt. Bei starker Kürzung sollte man dem Interviewpartner die Passagen jedoch noch einmal vorlegen.

Was man als Standard anbietet, sollte man auch selbst erwarten dürfen.

Christian Thiele

Freier Journalist, Dozent und Buch-Autor („Interviews führen“)

Wenn ich interviewe, biete ich die Autorisierung praktisch immer an, gehört halt dazu. Zähneknirschend akzeptiere ich auch die Autorisierung direkter Zitate in Fließtexten – ohne Kontext, ohne Indirekte-Rede-Zitate. Ich sage aber auch immer, dass es nur um die Antworten geht, dass Titel, Bildunterschriften etc. grundsätzlich nicht vorgelegt werden. Und dass kleine Redigaturen, etwa layoutbedingte Kürzungen, auch nach Autorisierung üblich sind. Klappt, außer bei Til Schweiger, immer. Aber wer will schon Til Schweiger interviewen? Wichtig finde ich: Bei der Autorisierung müssen wir Journalisten schachern, feilschen, handeln bis aufs Letzte. Wer sein Gegenüber das Interview ungehemmt umschreiben lässt, der macht es sich im Moment vielleicht leicht. Aber dem nächsten Interviewer umso schwerer.

Wenn ich interviewt werde, geht es meistens ums Interviewen. Da geben sich die KollegInnen eh schon Mühe mit den Fragen. Ich gebe mir Mühe mit den Antworten. Dann sage ich immer: „Ich lasse erst autorisieren, wenn ich das erste Mal schlechte Erfahrungen gemacht habe. Also machen Sie was Gutes draus.“ Das hat bis jetzt gut funktioniert.

Erschienen in Ausgabe 01+02/202012 in der Rubrik „[Praxis]“ auf Seite 54 bis 55. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.