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Medien und Beruf

Das Netz hilft

Von Daniel Bouhs

Aktivisten aus Krisenregionen wie Syrien stellen immer mehr Amateuraufnahmen ins Netz. Redaktionen stellt das vor immense Herausforderungen: Was ist echt – was ist inszeniert?

„Man muss schon wissen, ob ein Mensch wirklich so hängt, wenn er denn erhängt worden ist. Ist das Genick gebrochen?“ Dara Hassanzadeh stellt sich Fragen wie diese immer häufiger. Der ZDF-Redakteur verifiziert Videos, auf die seine Kollegen und er bei Recherchen im Netz stoßen und die in Beiträge des Nachrichtenflaggschiffs „Heute Journal“ einfließen sollen.

Hassanzadehs Job ist kein Zuckerschlecken. Er sitzt nicht bloß da und schaut Youtube-Videos. Er ist, was im Angelsächsischen „Fact Checker“ heißt. Hassanzadeh glaubt nichts, bis er sich von der Authentizität selbst überzeugt hat. In Zeiten, in denen Facebook und Twitter nicht mehr Spielzeuge von Technik- und Medienjunkies, sondern in den Alltag der Bevölkerung vorgedrungen sind, braucht es Journalisten wie ihn.

„Alles kann fingiert sein“

Der ZDF-Redakteur erklärt gerade seinen Zuschauern, wie er mit solchen Bildern umgeht – als Teil des Angebots „Heute Journal plus“, das hinter die Kulissen blicken lässt (siehe Fotostrecke). Hassanzadeh sagt, alles könne fingiert sein. Die Interessenslagen gerade in Kriegs- und Krisenregionen seien immens undurchsichtig. Für ihn gebe es daher keine Alternative: „Man muss zu diesen Details wirklich vordringen, um herauszufinden, ob die Szene echt ist oder inszeniert.“ Er spricht also mit Ärzten oder mit Amnesty International. Die wissen, wann ein Genick gebrochen ist und wie es aussieht, wenn einer einfach nur da hängt.

Alle großen Sender, Nachrichtenagenturen und auch viele Online-Portale gehen diesen Fragen nach: Was ist echt, was eine Falle? ARD-aktuell produziert „Tagesschau“, „Tagesthemen“ und „Nachtmagazin“ und hat sich ebenso gewappnet. Die Hamburger Zentralredaktion, zuständig für die „Tagesthemen“, hält sich gleich zehn Experten, die Internet-Videos aufspüren und unter die Lupe nehmen.

Die ARD-Experten sind Teil des „Content Centers“ im Großraumbüro auf dem Fernsehgelände in Hamburg-Lokstedt. Chef der Einrichtung, die auch das Material von Korrespondenten und Partnersendern einsammelt, ist Michael Wegener. Er hat Mitarbeiter gezielt fortbilden lassen. Sie kennen sich mit der Technik hinter den Youtube-Sequenzen aus, können Kontakt zu den Aktivisten aufnehmen und gezielt Blogs und Tweets durcharbeiten.

Wegener sagt, seine Leute hätten soziale Netzwerke heute „ständig“ auf dem Schirm: „Das läuft schon lange nicht mehr nebenbei, sondern ist für uns eine Echtzeitquelle wie die Live-Übertragung eines Großereignisses.“ Wer bei Facebook und Twitter nur ab und an reinschaue, der laufe Gefahr, etwas zu verpassen. Inzwischen bestehen einzelne Beiträge nahezu ganz aus „Internet-Videos“.

Ein eindrucksvolles Beispiel für die Macht der Amateuraufnahmen ging am 27. Dezember 2011 über den Sender. Die „Tagesschau“ begleitete die ersten Beobachter der Arabischen Liga, die das Gebaren in Syrien im Auge behalten sollten. Wie ein Beobachter in Homs von Bewohnern umringt wird, wie am Tag zuvor in diesen Straßenzügen noch gekämpft wurde, wie Leute über ihren toten Angehörigen kauern und weinen: Die Autorin des Beitrags greift durchgehend auf „Internet-Videos“, teils „von gestern“, zurück.

Ohne Netzwerk geht es nicht

Natürlich sitzt bei ARD-aktuell niemand da, der dafür nur einen Suchbegriff bei Youtube eingibt und aus den Treffern bequem das tragende Stück einer Sendung baut, die im Schnitt neun Millionen Menschen sehen. Content-Center-Leiter Wegener sagt, das Zentrale an der Arbeit seiner Experten sei, ein eigenes Netzwerk aufzubauen. ARD-aktuell sei bestrebt, immer Kontakt zu den Urhebern der Videos aufzubauen. „Auch wenn es schnell gehen muss, müssen wir sauber arbeiten“, sagt Wegener. Von seinen zehn Experten seien in der Regel zwei konkret für die Netz-Auswertung im Dienst. Die anderen gingen ihren klassischen Aufgaben nach. Sie rotieren also.

Nicht selten spannt ARD-aktuell auch die Studios der neun Landessender ein, die sich nicht nur das Inland aufgeteilt haben, sondern auch das Ausland. Jörg Armbruster und Thomas Aders in Kairo etwa arbeiten für den SWR. Das Prinzip beim Checken der Amateurvideos ist dabei so simpel wie effektiv: Korrespondenten oder auch ihre örtlichen Mitarbeiter mit ausländischen Wurzeln kennen die Orte, teils sogar die gezeigten Personen aus eigener Anschauung. Außerdem können sie oft „mal eben“ Bekannte oder Verwandte anrufen, um frische Einschätzungen einzuholen.

Spitze sich eine Lage zu, was meist absehbar sei, dann bitte Hamburg seine Korrespondenten außerdem, Kontakt zu etablierten Bloggern aufzunehmen. So wisse sein Team, auf welche Quellen im Netz sie sich verlassen könnten, sagt Wegener. Er berichtet von weißen und schwarzen Listen, die bei ARD-aktuell geführt würden: Welche Videoblogger, welche Profile bei Facebook, Twitter und Youtube seien wiederholt verlässlich gewesen – und welche nicht? Das sei aufwendig, helfe aber sehr.

Ähnlich arbeiten natürlich auch viele internationale Sender und Nachrichtenagenturen. Die BBC etwa betreibt in ihrem gigantischen Newsroom in London ein eigenes „Social Media Hub“. In der Regel beobachtet dort ein Team von fünf Mitarbeitern, was Nutzer aus aller Welt dem Sender schicken. Bei Großereignissen ruft dieser per Laufband offensiv dazu auf. Nur was das Fachteam letztlich freigibt, dürfen die Reporter wiederum in ihre Beiträge einfließen lassen. Bisher, heißt es bei der BBC, habe es keine einzige falsche Szene aus dem Netz ins Programm geschafft.

Agenturen wie die Associated Press beschäftigen wiederum auch in ihren Zentralen Experten mit guten Kontakten. Tamer Fakahany beispielsweise ist teils im Nahen Osten aufgewachsen. Heute sitzt er im sogenannten „Nerve Center“, dem Herzstück des AP-Newsrooms in New York. Gemeinsam mit Ortskräften in Syrien und über das Netz verifiziert er, was in Syrien vor sich geht. Als @TamerFakahany verbreitet er Geprüftes auf Twitter.

Ist der Film geschnitten?

Was sie alle eint, sind ihre Prüfmechanismen. ZDF-Redakteur Hassanzadeh erklärt das an einem weiteren Beispiel, ebenfalls aus Syrien. In der verwackelten Aufnahme fahren Demonstranten auf Motorrädern durchs Bild – nicht in der Stadt, sondern auf dem flachen Land. Die Männer schwenken die syrische Flagge, rufen etwas auf Arabisch. Das „heute journal“ überlegt, die Szene ins Programm zu heben. Der „Fact Checker“ muss ran.

„Ich frage mich: Ist der Film geschnitten? Sind Geräusche zu hören, die nicht ins Umfeld gehören? Und was sagen die Kleinigkeiten?“, sagt der ZDF-Journalist. Ihm helfe, dass von ein und derselben Szene gleich mehrere Aufnahmen von verschiedenen Handys existierten: „Das Ereignis hat also genau so stattgefunden.“ Auch ARD-aktuell sucht stets nach weiteren Aufnahmen, die eine Szene aus weiteren Winkeln zeigen. Damit nehme die Wahrscheinlichkeit ab, dass etwas inszeniert wurde.

Hassanzadeh und seinen Kollegen helfen letztlich aber vor allem die Werkzeuge, die ihnen überhaupt erst einen Zugang zu dem Material verschafft haben: soziale Netzwerke wie Facebook. Auf den Plattformen wimmele es nur so von Menschen, die in den dargestellten Gegenden groß geworden seien, teils sogar noch dort lebten. „Die kennen sogar das Bahnwärterhäuschen, das hier im Hintergrund zu sehen ist“, sagt Dara Hassanzadeh. „So kommt ein Puzzlestückchen zum anderen.“ Journalismus ist eben auch im Digitalen ein mühsames Geschäft.

Daniel Bouhs ist Leiter Netzwelt bei der Nachrichtenagentur dapd. Er schult Redakteure bei dapd, Zeitungen und Sendern im Umgang mit sozialen Netzwerken.

post@daniel-bouhs.de

Daniel Bouhs: „Soziale Netzwerke für Nachrichtenjournalisten“, Tredition 2011, 116 Seiten
, 24,90 Euro.

Erschienen in Ausgabe 03/202012 in der Rubrik „Medien und Beruf“ auf Seite 36 bis 37 Autor/en: Daniel Bouhs. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.