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Drei neue Buchtipps: Leitartikel, Religions-Texte, Max Weber

von Bernd Stößel


1. Prantl schreibt: „Die Welt als Leitartikel“

Heribert Prantl ist bekanntermaßen ein meinungsfreudiger und im besten Sinne streitlustiger Journalist. Gerade als Leitartikler tritt der Innenpolitik-Ressortleiter und Chefredaktionsmitglied der „Süddeutschen Zeitung“ häufig auf. Nun also ein passendes Buch: „Die Welt als Leitartikel“. Hervorgegangen ist es aus drei Vorlesungen, die Prantl vor einem Jahr in Wien im Zuge seiner Theodor-Herzl-Dozentur für die Poetik des Journalismus an der Universität Wien gehalten hat. Prantl vergleicht hier den Leitartikel mit einem Stein, den man ins Wasser werfe: Er verändere die Qualität des Wassers nicht, ziehe aber Kreise. Kommentare vergleicht er mit kleinen Steinen, Leitartikel – die „Juwelen“ der Kommentare – folglich mit großen. Ein gelungenes Werk. so Prantl, versuche nicht, die Mehrheitsmeinung abzubilden. Nichts wäre nach seiner Meinung nach langweiliger. Was ein Journalist, zumal ein politischer, brauche, sei Haltung. Eine Parteimitgliedschaft empfehle sich dagegen nicht. Für eine bestimmte Klientel zu schreiben, davon hält der promovierte Jurist ebenfalls nichts: Die „Süddeutsche Zeitung“ richte sich sowohl an den Universitätsprofessoren als auch an die „Standlfrau vom Viktualienmarkt“. Den drei Vorträgen schließen sich sechs Zeitungsbeiträge des Dozenten an. Recht aktuell fand noch einer vom Anfang Januar 2012 den Weg in den Band. Er beginnt mit den Worten: „Man kann Mitleid haben mit Christian Wulff“.

Heribert Prantl: „Die Welt als Leitartikel“,
Picus 2012, 144 Seiten, 14,90 Euro.

 

2. Glaubens-Sache: „Religion bei Meinungsmachern“

Wie halten deutsche Elitejournalisten es mit der Religion? Grundsätzlich, so heißt es in der Einleitung zu der Untersuchung, sei in den Medien ein Wandel festzustellen. Noch in den 1980er Jahren hätten Journalisten dazu geneigt, Religion und kirchliche Ereignisse aus ideologischen Positionen heraus zu bewerten. Ob religiöse Themen überhaupt aufgegriffen wurden, habe früher oft am Daumen des verantwortlichen Redakteurs gelegen, der entweder hoch oder runter ging. Aber auch 2006 stellte Burkhard Schröder, der seinerzeitige Chefredakteur der „Berliner Journalisten“, noch fest: „In Deutschland herrscht finsteres Mittelalter, wenn Religion zum Thema wird“. Ein besonders interessantes Kapitel beschäftigt sich mit zwei Journalisten der 68er-Generation mit religiöser Wertbindung. Unter den – übrigens bereits 2006 und 2007 – interviewten Elitejournalisten vertrat zur Überraschung der Autoren keiner einen expliziten Atheismus.

Christel Gärtner, Karl Gabriel, Hans-Richard Reuter: „Religion bei Meinungsmachern“,
VS Verlag 2012, 282 Seiten, 39,95 Euro.

 

3. Weber, neu entdeckt: „Max Weber und die Entzauberung der Medienwelt“

Max Weber, immer wieder gerne zitiert aus „Politik als Beruf“, ist vor allem für seine Studien zur Religionssoziologie bekannt. Er sah den Kapitalismus, der heute wieder die Feuilletons beschäftigt, aus dem Humus der protestantischen Ethik sprießen. Weniger bekannt, und auch eher unerwartet, da der Blick 100 Jahre zurück geht: Max Weber machte sich über die Medienwelt eingehend Gedanken. Siegfried Weischenberg fördert dieses verschüttete Werk mit seinem Buch wieder zutage. Mit Max Weber habe schließlich das Jahrhundert der Soziologie begonnen, das zugleich ein Jahrhundert des Journalismus werden sollte. Ein Zitat von Niklas Luhmann veranschaulicht, dass es sich quasi um zwei Seiten der gleichen Münze handelt: „Was wir über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“. Weischenbergs These lautet, dass Max Weber das damalige diffuse Unbehagen gegenüber den Massenmedien (daher auch der Begriff „Entzauberung“) und ihren Wirkungen „verwissenschaftlicht“ habe. Das Buch will nicht weniger als den Nachweis führen, dass Max Weber der Klassiker der Kommunikationswissenschaft ist.

Siegfried Weischenberg: „Max Weber und die Entzauberung der Medienwelt“,
Springer 2012, 441 Seiten, 39,95 Euro..

 


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