Dunja Ramadan

Außenpolitische Redakteurin, "Süddeutsche Zeitung"

Wichtigste Stationen?

– Studium der Judaistik, Arabistik und Islamwissenschaft am Institut für den Nahen und Mittleren Osten an der Ludwig-Maximilians-Universität in München
– Ausbildung zur Redakteurin an der Deutschen Journalistenschule
– Stipendiatin beim Journalistischen Förderprogramm der Hanns-Seidel-Stiftung
– Stipendiatin bei der FAZIT-Stiftung
– Teilnahme am einjährigen Mentorenprogramm des PresseClub Münchens
– Praktika bei Al Jazeera, BR, SWR und SZ

Auf welche Geschichte sind Sie besonders stolz?
– Meine erste längere Geschichte über eine muslimische Rechtsreferendarin mit Kopftuch, die wegen Einschränkungen in ihrer Ausbildung den Freistaat Bayern verklagte, löste bundesweit eine Debatte über die Neutralität im Gerichtssaal aus. Ich recherchierte die Geschichte ursprünglich für das Klartext-Magazin der Deutschen Journalistenschule und verkaufte sie anschließend an die „Süddeutsche Zeitung“, worauf zahlreiche Medien den Fall erstmals aufgriffen. Konkret geht es um die Augsburgerin Aqilah Sandhu, die zu Beginn ihres juristischen Vorbereitungsdienstes bestimmte Auflagen vom Freistaat Bayern erhielt. So durfte sie wegen ihres Kopftuchs keine Zeugen vernehmen, keine richterlichen oder staatsanwaltschaftlichen Aufgaben übernehmen. Sandhu forschte nach, las sich durch Gesetzestexte und kam zu dem Schluss, dass die Einschränkungen auf keiner rechtlichen Grundlage fußen. Mit 25 Jahren verklagte sie deshalb auf eigene Faust den Freistaat Bayern. Kurz nach Erscheinen des Artikels kam es zum Gerichtsurteil: Sie gewann den Fall. Das Kopftuchverbot für Rechtsreferendarinnen war rechtswidrig.
– Auch die Geschichte über die erstaunlich hohen Scheidungsraten in der arabischen Welt, die im Gesellschaftsteil der „Süddeutschen Zeitung“ erschienen ist, scheint viele Leser überrascht zu haben. Die Frauen in der Geschichte haben die Entscheidung sich von ihren Männern zu trennen selbstbestimmt getroffen, und zwar aus ähnlichen Gründen wie hierzulande und nicht etwa weil sie missbraucht wurden. Der Text wurde ins Englische und Holländische übersetzt.

Was planen Sie als nächstes?

Ich glaube, ich darf nicht alles verraten, aber ich würde die islamische Mehrehe gerne mal aus der Nähe betrachten. Nächstes Jahr steht noch ein Großprojekt an, Schauplatz: Arabische Halbinsel.

Wie würden Sie gerne in zehn Jahren arbeiten?
Ich könnte mir vorstellen, mehr in den Nahen Osten zu reisen, um dort nicht nur über politische, sondern auch über gesellschaftliche Themen zu schreiben. Ich habe oft das Gefühl, dass diese Region medial in Terror und Krieg versinkt, doch immer, wenn ich dorthin reise, merke ich, dass auch das nur ein Bruchteil von dem ist, was dort den Alltag der Menschen bestimmt.

Welcher gute Rat hat Ihnen in Ihrer Laufbahn besonders weitergeholfen?
Ich wollte schon immer Journalistin werden, und als ich nach dem Abi überlegte, welches Studium mich auf diesen Wunsch am besten vorbereitet, las ich den während meines Abiturs erschienenen Artikel von SZ-Redakteur Detlef Esslinger „Journalistik, ein Leerfach“. Er riet Nachwuchsjournalisten Fächer zu studieren, die sich direkt und nicht nur indirekt mit Dingen befassen. Er schrieb damals u.a.: „Orientalistik, Sinologie, Indologie – Autoren, die sich mit Weltgegenden beschäftigen, die eher wichtiger als unwichtiger werden, kann jede Redaktion gebrauchen.“ Ich interessierte mich schon damals für die arabischsprachige Welt und sah mich nun darin bestärkt, die Sprache meines Vaters, Arabisch, in meine Arbeit als Journalistin mit einfließen zu lassen. Ich merke immer wieder, wie schnell sich Menschen mir gegenüber öffnen, wenn sie sich wirklich verstanden fühlen. Und außerdem wollte ich nicht, dass all die Stunden auf der Sprachschule am Wochenende, die man als Teenager nur minder angenehm fand, umsonst waren. Mittlerweile empfinde ich es als einen Schatz, an einem Tag mit gebrannten Mandeln in der Hand durch den Münchner Weihnachtsmarkt zu spazieren und am anderen Tag auf dem Souk der ägyptischen Nildelta-Stadt Mansoura um eine Lampe zu feilschen.

Welche/r Kollege/in hat Ihnen besonders geholfen?
– Lutz Knappmann, Leiter Editorial Innovation bei der SZ und mein Mentor während der Zeit in der Journalistenschule: Er hat mir geraten, bei mir selbst zu bleiben, und mir das Gefühl gegeben, dass das Unmögliche auch möglich werden kann.
– Jörg Sadrozinski, damaliger Leiter der Deutschen Journalistenschule: Er hat mir in unserem Abschlussgespräch so viel Aufwind gegeben, dass ich danach voller Elan ins Berufsleben starten wollte.
– Detlef Esslinger, stellvertretender Ressortleiter der SZ-Innenpolitik: Er hat mir jedes Jahr auf der LMU-Jobmesse Medien alle Fragen beantwortet (auch wenn diese sich wahrscheinlich wiederholt haben) und mich darin bestärkt, ein Praktikum in der SZ-Lokalredaktion zu machen, um mich dort richtig auszutoben.
– Özlem Sarikaya, Fernsehjournalistin und Moderatorin beim Bayerischen Rundfunk: Sie hat mich darauf vorbereitet, dass der Weg zum Erfolg steinig werden kann, aber er sich definitiv lohnt.

Warum tun Sie eigentlich, was Sie tun?
Dafür gibt es mehrere Gründe: Ich glaube, es ist wichtig, dass der Journalismus vielfältiger wird – genauso wie Deutschland sich verändert, sollte sich auch die Medienlandschaft als Spiegel der Gesellschaft verändern. Da ich mich als kultureller und sprachlicher Hybrid fühle, habe ich auch andere Zugänge zu bestimmten Themen und Menschen – und ich hoffe, dass sich das auch in meinen Texten und Themen widerspiegelt. Erst kürzlich wurde die aktuelle mediale Berichterstattung über Geflüchtete untersucht (Studie der Macromedia Hochschule). Das Ergebnis: Geflüchtete kommen kaum zu Wort. Oft soll es an Sprachbarrieren der Journalisten zu Geflüchteten gelegen haben – und hier sehe ich es auch als meine Pflicht an, dem entgegenzuwirken. Außerdem schreibe und lese ich einfach sehr gerne, es ist eine der wenigen Aktivitäten in unserer durchdigitalisierten Welt, wo ich wirklich alles um mich herum noch vergessen und ausblenden kann.

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