• Hinstellen, was aushalten

    NDR-Innenpolitik-Chefin Anja Reschke über Rückgrat

  • 33 Frauen vom Fach

    Chefredakteurinnen von Fachmagazinen über ihre Motivation

  • Die Rechercheurinnen

    Die neue Doppelspitze von Netzwerk Recherche im Interview

Journalistin 2015

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Unsere Geschichten auf einen Blick
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EDITORIAL / Annette Milz, Chefredakteurin

Haltung zeigen

„Es hat sich etwas verändert“, sagt Anja Reschke. Der Ton wird rauer, die Angriffe härter. Wehret den Anfängen.

Zugegeben, Frontfrau klingt martialisch. Wir haben bei der Titelgebung für diese „Journalistin 2015“ intensiv diskutiert, ob dieser Ausdruck zu Anja Reschke passt. Und haben uns schließlich dafür entschieden, weil er den Kern der Ge­schichte trifft: Anja Reschke steht seit August im Fokus der ausländerfeindlichen Hetzer, genauer gesagt seit dem Abend des 5. August, als sie in den „Tagesthemen“ den Kommen­tar über „Hetze im Netz“ sprach und zum „Aufstand der Anständigen“ aufrief, dazu, Haltung zu zeigen und die demokratischen Grundwerte aktiv gegen die rechten An­griffe zu verteidigen.

Danach, so berichtet die Fernsehjour­nalistin im Interview mit Silke Burmester Ende Oktober, „kam eine Riesenwelle mit unglaublich vielen Mails und Kommentaren in den sozialen Netzwerken. Das ist ein biss­chen abgeebbt, aber letztlich immer noch auf einem sehr, sehr hohen Niveau. Auf einem deutlich höheren als wir es bei „Panorama“ in dieser Kontinuität je hatten.“ Fast fünf Millionen Abrufe bei Facebook hatte der Kommentar allein schon binnen weniger Tage nach der Ausstrahlung. Seit 15 Jahren moderiert die Journalistin das Politikmagazin, das sich nicht vor harscher Kritik scheut und entsprechend harte Reaktionen gewöhnt ist.

Aber es habe sich etwas verändert: Nicht genug damit, dass die Sprache verroht, die Beschimpfungen gerade von Journalistinnen immer sexistischer werden und gewaltätige Drohungen enthalten. Letzteres ein Thema, das gerade Kolleginnen vor der Kamera als öffentliche Personen besonders betrifft – aber das sie gleichzeitig nicht weiter befeuern wollen, indem sie es öffentlich thematisieren. Es ist vielmehr die zunehmen­de Verhärtung der Fronten in der Gesellschaft, wie sie Anja Reschke in den Reaktionen beobachtet. „Insgesamt sehe ich die Hasskultur mit Sorge“, sagt sie. Im Titelinterview gibt sie einen bemerkenswerten Einblick in ihre Berufsauf­fassung und Arbeit, die seit Sommer 2015 auch hinter der Kamera eine neue Dimension hat: Anja Reschke ist seither Leiterin der Abteilung Innenpolitik im Programmbereich Zeitgeschehen / Fernsehen des NDR, (Seite 4).

Fachmedien werden gelegentlich in der Medienbranche unterschätzt. Und auch wir, obwohl doch selbst ein Fach­magazin, richten unsere Scheinwerfer nicht allzu oft auf Publikationen wie „Asphalt“, „Brauwelt“ & „Tankstellen­markt“, „Apotheke und Markting“, „Der Privatarzt“, „food service“ oder „Konstruktionspraxis“. Das ist eindeutig ein Fehler, wenn man sich die Seiten 8 bis 17 in dieser Ausga­be der „Journalistin“ ansieht: Wir stellen Ihnen dort 33 Chefinnen von Fachmagazinen vor, die uns Auskunft gaben, wie sie die Trends und Karrierechancen in der Fachbranche sehen, wer sie gefördert hat und was sie motiviert. Übrigens: Es war gar nicht so einfach, die Kolleginnen zu erreichen. Typisch frau: Die Arbeit ging vielen (erst mal) vor. Oder, wie Sylvia Mucke, Chefin von „Eselsohr“, uns dann doch noch schrieb: „Journalistische Arbeit ist kein Selbstzweck. Es geht nicht um uns, sondern um die Sache.“ Das ist ganz in unserem Sinne – und gilt erst recht für diese Ausgabe.