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Titel

Lobby für Freie

Von Daniel Kastner

Schlechte Arbeitsbedingungen, aber keine gemeinsame Stimme: Es brodelt unter den freien Journalisten. Jetzt gründen sie ihren eigenen Verband – die „Freischreiber".

Die Rebellion beginnt in einem Wohnzimmer. In einer Altbauwohnung in Berlin-Charlottenburg sitzen zehn Frauen und drei Männer, knabbern Kekse und Oliven. Alle Beteiligten sind Journalisten zwischen Anfang dreißig und Mitte fünfzig, alle arbeiten frei, alle spüren seit Langem den scharfen Wind, der ihnen aus den Redaktionen entgegenbläst.

Eine jüngere Kollegin berichtet, sie könne nur deshalb als Freie überleben, weil sie auch Texte an Kundenmagazine verkaufe. Eine Fernsehjournalistin beklagt die drastisch geschrumpften Honorare der öffentlich-rechtlichen Sender, die sie „in die Armut geführt" hätten. Die dritte erzählt vom Auftrag einer Frauenzeitschrift für ein aufwendiges Porträt. Nach einer Woche wurde der Auftrag abgesagt, Ausfallhonorar gab es keines.

Ein ganzer Berufsstand scheint von Zorn und Frust erfasst: Frust über fruchtlose Zusammenarbeit mit den Redaktionen. Zorn über Knebelverträge, Geringschätzung und miese Honorare, die ohne ungewollte Kompromisse kaum mehr die wirtschaftliche Existenz sichern.

Dabei spielt die Entwicklung ihnen eigentlich in die Hände: „Journalismus ohne freie Journalisten wäre heute undenkbar", das wissen nicht nur die dreizehn Berliner. In nahezu allen Redaktionen wurden in den letzten Jahren so viel Stellen gekürzt, dass ohne Zuarbeit von Freien die meisten Publikationen nicht mehr erscheinen oder Sendungen nicht mehr produziert werden könnten. Doch statt selbstbewusst diese Chance zu nutzen, stellen sich die Freien ihren Auftraggebern in der Regel als versprengte Einzelkämpfer dar. Weil sich gemeinsame Interessen so aber nur schwer vertreten lassen, finden sich neuerdings in der ganzen Republik Freie zusammen, nicht nur in Berlin.

Die Idee. Denn aus dem Zorn hat sich die Erkenntnis entwickelt, dass sich etwas ändern muss. Eine Organisation soll her, eine Standesvertretung, die den Freien den Rücken stärkt, Maßstäbe für Qualität und Zusammenarbeit setzt und die Mitglieder miteinander vernetzt. Das ist auch der Grund für die Zusammenkunft in Charlottenburg: Hier trifft sich die Berliner Regionalgruppe der „Freischreiber" – der Arbeitstitel der Interessengemeinschaft. Regionalgruppen gibt es mittlerweile auch in Hamburg, Köln, Oldenburg, Karlsruhe und München.

Der Zulauf ist so stark, dass aus dem losen Interessenverbund nun ein veritabler Verband entstehen soll: Am 15. November findet in Berlin der Gründungskongress statt, deshalb haben sich nun in Hamburg fünf Mitglieder zur Organisationsvorbereitung zusammengefunden. Alle fünf sind gut im Geschäft und tragen renommierte Namen: so wie Wolfgang Michal (54), lange „Geo"-Redakteur und seit 1999 freischaffend, mehrfach preisgekrönt und für den Kisch-Preis nominiert. Oder Benno Stieber (36), Absolvent der Deutschen Journalistenschule, Autor von „Merian" und Rechts-Korrespondent in Karlsruhe für die „FTD", und Eva Maria Schnurr (33), freie Wissenschaftsjournalistin, Mitbegründerin des Journalistenbüros Plan 17 und seit über vier Jahren auch Mitglied der„mediummagazin"-Redaktion (s.a. Seite 3). Mit in der Runde sitzen Felix Zimmermann (34) und Kai Schächtele (34), die Initiatoren des ersten Sondierungstreffens im vergangenen Februar, ebenfalls in Hamburg. „Schon da haben wir einen großen Gesprächsbedarf bemerkt", erzählt Schächtele. 60 Leute kamen und redeten sich zunächst einmal den Ärger von der Seele. Doch was sie auf Anhieb einte, war keineswegs die gemeinsame Klage, sondern der Wille, aktiv etwas an der Situation verändern zu wollen. Schnell war klar: „Wir müssen uns organisieren." Schächtele selbst arbeitet frei in Berlin und war zuvor freier Journalist in Kapstadt, wo er als Mitglied des Korrespondenten-Netzwerks „Weltreporter" Erfahrungen mit Selbstorganisation und Verhandlungsmacht gesammelt hat. So wie auch Felix Zimmermann, den er bei den Weltreportern kennenlernte. Zimmermann hat die Henri-Nannen-Schule absolviert, war mehrere Jahre Nahost-Korrespondent der „Berliner Zeitung", lebt seit 2005 in Oldenburg und schreibt als Freelancer für beispielsweise „Zeit", „taz" und „Park Avenue". Der Dritte im Gründungsbund, Tobias Zick, seinerzeit beim Hamburger Redaktionsbüro Plan 17, ist seit Kurzem angestellter Redakteur bei „Neon" . Was wiederum auch einen Teil des Grundverständnisses der „Freischreiber" verdeutlicht: Sie sind Freelancer aus Überzeugung, aber nicht grundsätzlich gegen eine Festanstellung. Es muss halt passen, eben nicht um jeden Preis.

Nerv getroffen. Bereits wenige Tage nach dem ersten Treffen im Februar hatten sich über 100 Leute in den „Freischreiber"-Mailverteiler eingetragen. „In kürzester Zeit hatte jeder täglich Hunderte Mails im Postfach, deshalb mussten wir schnell eine Website mit Forum online stellen", erzählt Schächtele. Bis Ende September hatten sich dort mehr als 600 Personen registriert. Auf dem Gründungskongress im November werden sie sich drängeln: In die dafür angemietete Aula der Berliner Universität der Künste passen nur 200.

Unverhoffte Geburtshelferin der „Freischreiber" war die Berliner freie Autorin Gabriele Bärtels. Im November 2007 schilderte sie in der „Zeit" unter der Überschrift „Schreiben macht arm" und kurz darauf im Interview in „mediummagazin" 12/07 mit drastischen Worten ihre berufsbedingten Geldnöte. Sie beklagte den Umgang der Redaktionen mit ihren freien Zulieferern: „Wird der Text nicht gedruckt, erfahre ich (das) manchmal erst nach Monaten. Nur in Ausnahmefällen benachrichtigt der Redakteur mich, meistens vergisst er es. (…) Dass die Geschichte dann für andere Zeitungen nicht mehr aktuell ist, ist nicht sein Problem. Dass ich ihm geglaubt habe, auch nicht", schrieb Bärtels. „Ich dachte, ich kann doch nicht allein sein", sagt sie heute über ihre Motivation. Ein Manifest zu schreiben, habe ihr fern gelegen. „Ich war nur die Erste, die es gesagt hat."

Was folgte, war ein Sturm. Bärtels wurde überschüttet mit Solidaritätsadressen, aber auch hämischen Kommentaren in Onlineforen wie jonet.de. In jedem Fall hatte sie einen Nerv getroffen und der schwelenden Diskussion über eine starke Organisation plötzlichen Auftrieb verpasst. Kurz darauf meldete sich Kai Schächtele bei ihr, und beim Berliner Treffen sitzt sie auch mit am Tisch.

Seit Anfang an ist auch Wolfgang Kiesel mit an Bord. Kiesel, nach langjähriger Mitgliedschaft im DJV-Bundesvorstand heute noch aktives Mitglied des DJV Rheinland Pfalz, hat nach eigener Einschätzung etwa 5.000 Kollegen in die Selbstständigkeit begleitet und kennt daher die Sorgen der Freien wie kaum ein anderer. Auch „Freischreiber"-Mitbegründer Tobias Zick saß einst in Kiesels Gründerseminar. Da lag es nahe, ihn als Experten zu holen. Für den künftigen Verein bastelte Kiesel an juristisch wasserdichten Statuten, die er den angemeldeten Mitgliedern per Mail zur Diskussion stellte.

„Drei Dinge wollen wir verbessern", sagt Kiesel. „Die Arbeitsorganisation zwischen Redaktionen und Freien, die Honorare und deren Rahmenbedingungen – und vor allem die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Verlage."

„Mittlerweile zwingen die Verlage freie Journalisten, ihnen alle juristisch überhaupt abtretbaren Rechte zu überlassen", so Wolfgang Kiesel. Alle Nutzungsrechte liegen bei den Verlagen, die an den Texten mehrfach verdienen, etwa durch den Verkauf an Datenbanken. Der Autor selbst erhält ein einziges Mal ein Honorar, nämlich nach der ersten Veröffentlichung. Unterschreibt er den Vertrag nicht, wird sein Text gar nicht erst gedruckt. In manchen Fällen werde den Journalisten gar untersagt, einmal veröffentlichte Geschichten weiter zu recherchieren. „Da werden Fakten als geistiges Eigentum der Verlage betrachtet", kritisiert Kiesel.

In Sachen „Organisation der Arbeit" geht es den „Freischreibern" vor allem darum, zwischen Redakteuren und Freien wechselseitig um Verstän
dnis zu werben – und sich für hohe Professionalität auf beiden Seiten einzusetzen. Redakteure wandeln sich mehr und mehr zu Organisatoren und Blattmachern – und sind natürlich genervt, wenn ihre freien Mitarbeiter unpünktlich liefern oder schlechte Texte verfassen. Die Freien wiederum ärgern sich, wenn Rückrufe ausbleiben, Honorarzahlungen auf sich warten lassen, der eigene Name nicht im Impressum auftaucht – und über Sprüche wie „du hast ja eigentlich immer Urlaub".

Und schließlich geht es ums Geld. Viele Freie ächzen unter sinkenden Honoraren. Wenn etwa eine überregionale Tageszeitung für eine ganze Seite nur 300 Euro zahle oder ein Onlineportal 150 für einen längeren Artikel, dann gehe das zulasten der Qualität, fürchtet Schächtele: „Viele Kollegen überlegen sich dann, ob sie ihren Arbeitsaufwand dem Honorar anpassen sollen." Das hieße: Weniger Recherche, weniger fundierte Texte. Wer sich das nicht erlauben will, greift zu ungeliebten, aber lukrativen Alternativen, geht in die PR oder arbeitet für Kundenmagazine. Doch wo ziehen die „Freischreiber" die Grenze zwischen Journalismus und PR, wie definieren sie journalistische Qualität? Wolfgang Kiesel schwebt in der PR-Debatte eine Art „Biosiegel" für künftige „Freischreiber"-Mitglieder vor. Typische Öffentlichkeitsarbeit wie Sprechertätigkeiten sind leicht abzugrenzen; für den Graubereich der Kundenmagazine ist dagegen eine Ehrenerklärung im Gespräch. Danach soll „klassische" journalistische Arbeit auch für Kundenmagazine einer Mitgliedschaft bei den „Freischreibern" nicht im Wege stehen. Draußen bleibt dagegen, wer Geld vom Hersteller eines Produkts erhält, über das er gleichzeitig schreibt. Anders als beim Deutschen Journalisten-Verband (DJV), bei dem auch hauptberufliche Pressesprecher Mitglieder sind, werden die „Freischreiber" Anwärter wohl strenger aussieben.

Zusammenarbeit mit dem DJV? Gleichwohl betonen Kiesel und Schächtele die gemeinsamen Ziele: „Im Grunde will der DJV dasselbe wie wir: bessere Arbeitsbedingungen", sagt Schächtele. Um nicht am Ende mit ihren eigentlichen Verbündeten ringen zu müssen, gehen sie schweigend über vergangene Konflikte hinweg – darüber etwa, dass das Freien-Referat des DJV die Landesverbände einst vor den „Freischreibern" warnte – von denen die meisten DJV-Mitglieder sind. Und trotzdem wollen die „Freischreiber" jetzt ihr eigenes Ding machen. Warum? Eine Teilnehmerin an der Berliner Runde findet, dass der DJV ihr höchstens bei der Anpassung an die Verhältnisse Hilfe bietet. „Schulungen in Sklaventum" nennt sie die Freien-Seminare. Wolfgang Kiesel drückt sich diplomatischer aus: „Der DJV ist einfach zu schwerfällig, um die Bedürfnisse der Freien erfüllen zu können."

Von dort kommen mittlerweile positive Signale. Der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken sieht die „Freischreiber" als eine „Ergänzung" – vor allem bei der Vernetzung von Kollegen, die nicht dem DJV angehören. Eine Konkurrenz, so sagt er gegenüber „mediummagazin", könne er nicht erkennen, im Gegenteil: „Wir sind im Gespräch, und nach der Gründung wird es sicher weitere Gespräche geben." Den Riesenapparat, den Wolfgang Kiesel für schwerfällig hält, sieht Konken im Gegenteil als Stärke: „Rechtsschutz und anderen Service könnten die, Freischreiber‘ ja gar nicht leisten."

Das ist denen auch klar, aber natürlich muss dieser Zustand nicht für alle Zeiten gelten. Vorbild für die „Freischreiber" ist „Freelens", eine ganz ähnlich gelagerte Standesorganisation für freie Fotografen und Fotojournalisten (s. a. Seite 22 f.), die ihren Mitgliedern eben doch eine Rechtsberatung bietet und sogar Presseausweise ausstellen darf. Gegründet 1995 als Reaktion auf den Versuch des „Stern", seine freien Fotografen zu ungünstigen Verträgen zu drängen, zählt Freelens heute 1600 Mitglieder. Der Verein fungiert zudem als Kontaktbörse zu möglichen Auftraggebern, bietet Workshops und Fortbildungen an, und auf der Homepage können Mitglieder ihre Bilder in eigene Galerien hochladen. Dafür kostet die Mitgliedschaft bei Freelens aber auch 20 Euro monatlich.

Lutz Fischmann, Geschäftsführer von Freelens, freut sich auf einen analogen Verband bei der schreibenden Zunft; er sieht bei den freien Journalisten ähnliche Organisationsmängel wie damals bei den Fotografen. Gleichzeitig warnt er aber vor überzogenen Erwartungen: „Die Situation der freien Fotografen hat sich insgesamt trotz Freelens weiter verschlechtert", resümiert er. Der Masse gehe es schlechter als in den Neunzigern – auch weil immer mehr Fotografen auf den Markt drängten. Dem Einzelnen aber könne Freelens durchaus helfen.

Genau deshalb setzt die Runde im Charlottenburger Wohnzimmer große Erwartungen in die „Freischreiber". Denn dort wie in Hamburg und den anderen Treffpunkten der „Freischreiber" sitzt niemand am Tisch, der seinen Beruf nicht liebt. Eigentlich.

Info:

Die „Freischreiber" im Internet: www.freischreiber.de

Erschienen in Ausgabe 10/2008 in der Rubrik „Titel“ auf Seite 14 bis 14 Autor/en: Daniel Kastner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.