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6 Wochen ohne dpa

Von Annette Milz

Wie funktioniert es ohne dpa? Die "Hessische/Niedersächsische Allgemeine" HNA wollte es genau wissen. Der Werkstattbericht:

Die WAZ tut es seit Kurzem, die „Rheinpfalz“ schon seit 2000 und auch die „Rheinische Post“ verzichtet schon seit Langem auf dpa als Nachrichtenlieferant. Und viele Zeitungsredaktionen überlegen derzeit unter dramatisch wachsenden Kostendruck, ob sie auf dpa verzichten sollen – und können. Einige haben bereits den laufenden Vertrag mit dem Nachrichten-Marktführer vorsorglich gekündigt, um einen Handlungsspielraum zu behalten, wenn es in die nächste Sparrunde geht. Redakteure entlassen oder auf dpa verzichten – vor dieser Alternative stehen immer mehr Redaktionen, die gleichzeitig selbst unter hohem inhaltlichen Veränderungsdruck stehen. Diese Situation macht das Experiment der „Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen“ HNA (zweitgrößte Zeitung der Ippen-Gruppe) so brisant: Sechs Wochen lang arbeitet sie freiwillig ohne dpa, um herauszufinden, wie sich der Verzicht tatsächlich in der Tagesarbeit einer Regionalzeitung auswirkt.

Denn anders als die WAZ, die ihre dpa-Kündigung mit internen Synergien ihrer NRW-Titel zu kompensieren sucht (s.a. medium magazin 12/08), arbeiten die Ippen-Titel eigenständig, tauschen über das hauseigene Intranet nur sporadisch Texte aus. Die HNA (140 Redakteure, 232.000 Auflage) ist also eher vergleichbar für andere Regionalzeitungen. Chefredakteur Horst Seidenfaden und Verlagsgeschäftsführer Harold Grönke haben das Experiment bewusst „ergebnisoffen“ angelegt und wollten es weder als Druckmittel noch als PR-Gag verstanden wissen. „Jetzt können wir mitreden, wenn das Thema Agenturen bei Sparrunden aufkommt“, sagt Seidenfaden. Und auch wenn sich die Ippen-Gruppe und damit auch die HNA nun mit dpa erneut einigt (siehe Interview mit Verleger Dirk Ippen, Seite 22 f.) bedeutet der Ausgang des Experiments keineswegs einen Persilschein für dpa.

Die Ausgangslage: Während der sechswöchigen Testphase vom 23. März bis 3. Mai machte das Redaktionssystem das dpa-Material für die Redaktion quasi unsichtbar. Betroffen war auch die Internetredaktion – nicht aber das Berliner Korrespondentenbüro, das auch für andere Titel in der Gruppe arbeitet. Wie gewohnt wurden die Dienste der Associated Press (AP) angezeigt, dazu probeweise im Testzeitraum die Meldungen und Bilder vom Deutschen Depeschendienst (ddp) sowie des Sport Informations Dienstes (sid), einer Tocher der Agence France Press (AFP). Fotomaterial kam weiterhin auch von AP-Images. Die jeweiligen Ressortleiter führten Protokoll über die Stärken und Schwächen der Zeitung im Test-Zeitraum.

Die Erfahrungen. Anders als von vielen Redakteuren zu Beginn befürchtet, entpuppte sich das Experiment „ohne dpa“ keineswegs als Produktionsdesaster – obgleich sich bald herausstellte, dass die täglichen Vorschauen von ddp und ap nicht annähernd mit der dpa-Fülle und -Verlässlichkeit mithalten können. Die Blattmacher strukturierten den Ablauf anders, planten mehr Zeit ein für Diskussionen über eine eigene Tages-Themen-Agenda und wie diese notfalls auch ohne Agentur zu stemmen sei. „Das reine Reagieren auf Agenturmeldungen geht ohne dpa nicht mehr. Aber das kann sich heute sowieso eigentlich keine Zeitung mehr erlauben“, sagt Horst Seidenfaden. Doch darin sieht er sogar redaktionell ein deutliches Plus im dpa-Verzicht: Der Bruch mit der Agentur-Routine setzte neue Kräfte und journalistische Motivation in der Redaktion frei, sagt er – in einer Redaktion freilich, die ausreichend ausgestattet ist, um aus eigenen Kräften Alternativen stellen zu können.

Denn im Detail zeigten sich sehr unterschiedliche und ressortspezifische Vor- und Nachteile in der Arbeit ohne dpa und mit ddp, AP und sid, wie sie die Ressortchefs protokollierten:

> Politik: Bei den großen Themen kaum ein Qualitätsunterschied, sagt Politikchef Tibor Pesza, wobei AP für die HNA vor allem für die internationale Politik relevant sei. Ähnlich wie seine Kollegen lobt er jedoch die stilistische Qualität der ddp-Texte, die häufig deutlich frischer daher kämen als von der dpa-Konkurrenz.

> Wirtschaft: Zwar keine eklatante Versäumnisse bei den Top-Themen, aber bei ddp deutliche Lücken und Verzögerungen. ddp habe z. B. die Meldung, dass Fiat Opel übernehmen wollte, erst spät am Nachmittag gebracht, als sie längst im Netz kursierte, so Wirtschaftschefin Martina Wewetzer.

> Vermischtes: Starke Lücken im Angebot von ddp, z.B.: Während bei Kollegen die skurrile dpa-Meldung, dass ein Mann in Spanien Zwillinge erwarte, gut lief, ebenso wie die Berichte über das angebliche Phantom von Heilbronn, musste sich die HNA da mangels Infos von ddp mit anderem Material behelfen.

> Kultur: ddp konzentriert sich auf nationale Ereignisse, AP biete außer Showbusiness sowie CD- und Filmbesprechungen wenig Kulturelles. Beides ein Manko, meint Kulturchef Werner Fritsch, denn die Kulturlandschaft gehe eher nach Sprachgrenzen. So hätten beide „keine Zeile“ über die Premiere eines Stücks von Christoph Schlingensief am Wiener Burgtheater geliefert: „Da muss sich natürlich jede Zeitung fragen, ob sie solche Defizite in der kulturellen Auslandsberichterstattung dulden kann. Ich will es nicht“.

> Sport: Punktegleichstand – der sid lieferte zu einigen Bereichen wie Trendsportarten und US-Sport sogar mehr als dpa. „Um auswählen zu können, würde ich gerne beide Agenturen nehmen. Als Zeitung kommt man aber auch gut nur mit einer aus“, sagt Sportchef Frank Ziemke.

> Foto: Während die Lücken in der Textalternative nicht so gravierend seien, dass sie nicht zu füllen seien, wie die HNA meint, fällt das Urteil im Bildbereich anders aus: Zwar böten ddp-Bilder häufiger bessere Motive und Bilddramatik, während bei dpa der konventionelle Dokumentationsstil dominiere. Aber: ddp kann anders als dpa nicht mit einem umfangreichen Archiv für Symbol- und historische Fotos zu deutschen Themen aufwarten. Dieser Mangel wird in der Tagesarbeit zu einem Problem für Redaktionen – und für ddp (die zum Teil aus dem ostdeutschen Agentur ADN hervorgegangen ist, nach der Wende deren Bildarchiv an Dritte verkauft hat und so keinen Zugriff mehr darauf hat).

> Internet: Das HNA-Online-Angebot lebt zu 80 bis 85 Prozent von dem lokalen Angebot, sagt Seidenfaden. „Ausland holen sich die Leute bei Spiegel Online“, beim Regionalen aber hätten sie die Nase vorn und könnten sogar auf Agenturdienste ganz verzichten. Was die HNA jedoch gerne hätte und weder bei dpa noch den Alternativ-Agenturen findet, seien Dienstleistungs-Tools wie beispielsweise Kranken- oder Pflegeversicherungsrechner. Und so etwas wie der „HNA-Scout“, für den Ippen Digital als zentraler IT-Dienstleister der Verlagsgruppe über den ganzen Tag hinweg eine Netzschau zusammenstellt. Weil so etwas nicht zum Kerngeschäft von Regionalzeitungen gehört, ärgert sich Seidenfaden: „Das macht bisher keine Agentur. Da könnte sich eine Agentur wie dpa gut profilieren.“

> Regional: Punktegleichstand für dpa wie ddp – im Minus: Landespolitik und große Themen wie der Frankfurter Flughafen würden zwar beide zuverlässig abdecken, doch ddp liefere ebenso wenig wie dpa ausreichend Geschichten, die auch für Leser jenseits der Metropolenregion Rhein-Main interessant wären Insbesondere moniert die HNA bei ihrem Wieder-Agenturlieferanten dpa, dass sie für das Wochenende „keine ordentliche Vorausplanung, keinen Aufmacher, noch nicht mal verlässliche Lesegeschichten“ liefere, sich „offensichtlich nur als Korrespondentenbüro für den Basisdienst verstehe“, so Seidenfaden. „Dass allerdings könnten auch die eigenen Korrespondenten in der Landeshauptstadt liefern. Dazu bräuchten wir keinen Länderdienst.“

Um branchenweit Kosten zu sparen, kann sich der HNA-Chef aber auch ein ganz anderes Modell vorstellen: Statt aufwendige Landesberichterstattung selbst gewährleisten zu müssen, solle dpa doch mit Regionalzeitungen als Subunternehmer zusammenarbeiten. Was dpa übrigens bereits anbietet und praktiziert. Nur: Die meisten Zeitungen täten sich schwer, ihre eigenen Nachrichten in einen Dienst einzuspeisen, auf den auch die Konkurrenz gleichermaßen
Zugriff habe, sagt dpa-Geschäftsführer Michael Segbers (s.a. Seite 3).

Jan Schlüter, Vize-Chef der „HNA“, sagt dagegen: „Wir wissen schon, dass dpa auch Rundfunksender und andere Kunden bedienen muss. Aber dpa muss darauf achten, wer sie eigentlich im Kern finanziert. Das sind Verlage, deren Situation sich verändert. Unser Gefühl ist, dass das Anpassungstempo, das die Verlage vorlegen, weitaus höher ist als die Geschwindigkeit, in der sich dpa bewegt.“ Der Vorwurf zielt auf die ihrer Meinung nach zu wenig zielgerichteten Angebote für die Bedürfnisse der (Zeitungs-)Kunden von dpa (wie z.B. Servicedossiers und Online-Tools), aber vor allem auf das Preismodell, dessen hohe Kosten und Inflexibilität vielen Kunden ein Dorn im Auge ist.

Das Fazit der HNA: „In größeren Regionalredaktionen geht es auch ohne dpa“, sagt Seidenfaden, aber auch das: „Eine kleine Lokalzeitung ohne Kapazitäten an Korrespondenten und Mantelredaktion kommt an dpa nicht vorbei“. Und wer keine Möglichkeit hat, mit der dpa einen Gruppentarif abzuschliessen wie die HNA als Teil der Ippen-Gruppe (was auch anderswo üblich ist), hat schlechte Karten.

Dann aber stünde mehr auf dem Spiel als „nur“ die Kostenersparnis zugunsten eigener Redakteursstellen. Es sei denn, Gesellschafter und dpa finden bald neue Wege aus dem Dilemma, den aufwendigen Agenturapparat dpa in den engen Grenzen ihrer geltenden Satzung finanzieren zu müssen.

Linktipp:

Weitere Details aus den Redaktions-Protokollen und Statements sowie zum Thema den Beitrag „Dienste unter Druck“ mm 309 siehe www.mediummagazin.de

Mitarbeit: Daniel Bouhs

Erschienen in Ausgabe 06/2009 in der Rubrik „Titel“ auf Seite 20 bis 21 Autor/en: Annette Milz. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.