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Beruf

Das große Streichkonzert

Von Christian Thiele

Die Krux mit der Autorisierung: Wie lässt sich vermeiden, dass Gesprächspartner „ihr“ Interview radikal umschreiben? Mit Gegenstrategien!

Das Autorisierungshickhack, das PR-Agenten, Publizisten und sonstige Verantwortliche der „Gegenpartei“ veranstalten, wird immer lästiger: Da streicht der Pressesprecher eines Ministerpräsidenten so ausgiebig in einem Interview herum, dass nichts mehr davon übrig bleibt. Da lässt die Filmproduktionsfirma die Journalisten einen – rechtswidrigen – Vertrag unterschreiben, in dem mit Zehntausenden von Euro Strafe gedroht wird, sollten die das Interview begleitenden Bilder nicht eigenhändig vom Interviewten ausgesucht werden. Da will die Schauspielerin dem Magazin, dem sie ein Interview gegeben hat, verbieten, dass in der Agenturmeldung über das Interview bestimmte Wörter benutzt werden („Girlie-Wunder“ etc.).

Gesagtes wird zu Ungesagtem gemacht, Ungesagtes und Ungefragtes zu Gesagtem. Die Journalisten sollen sich gefälligst in ihre Rolle als Lautsprechorgane des jeweiligen Schauspielers, der jeweiligen Politikerin oder der jeweiligen Sportlerin bequemen.

Und die Autorisierungsvereinbarung ist das Instrument dazu. Der Journalist gibt also seine Arbeit aus der Hand.

Steril und steif. Eingeführt hat die Autorisierung ausgerechnet der „Spiegel“: Weil die Redaktion ihre Gesprächspartner traditionell so hart anging, ließen die sich auf ein „Spiegel-Gespräch“ nur ein, wenn sie die Chance hatten, das Interview vor dem Druck gegenzulesen. Die Gesprächspartner, so das Argument pro Absegnung, sprechen freimütiger, wenn sie die Chance haben, vor Abdruck noch einmal drüberzulesen, als wenn sie schon im Gespräch druckreif reden müssen.

So sieht das etwas Dirk Metz, ehemaliger Journalist und als Sprecher der hessischen Landesregierung bei so manchem Interview mit Roland Koch auf der anderen Seite des Schreibtisches. Er betont, dass drei Parteien bei einem Interview mit am Tisch sitzen: der Interviewer, der Interviewte und der Leser. Und der Leser profitiere von der Autorisierung: „Ohne die Autorisierung würden Interviews steril und steif, weil jedes Wort auf die Goldwaage gelegt würde. Und die Sterilität bekämen die Leser am nächsten Morgen zu spüren.“ Politik sei ein Kampf um Worte und Begriffe. „Wenn dann in den schriftlich vorgelegten Interviews des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch fast regelmäßig der von diesem gebrauchte Begriff „Kernenergie“ von den Bearbeitern durch „Atomkraft“ ersetzt wird, so ist das keine Petitesse.“

Den Konjunktiv bei „bekämen“ allerdings könnte sich Metz sparen. Denn abgesegnete Interviews lesen sich fast immer steifer und steriler, es wird jedes Wort mehrfach auf die Goldwaage gelegt. Die Sitten sind so weit verkommen, dass es immer schwieriger ist, einen Menschen so zu präsentieren, wie er sich gibt, wie wir als Journalisten sehen. Stattdessen müssen wir ihn immer mehr so präsentieren, wie er oder seine PR-Helferlein ihn sehen wollen.

Interviews drohen immer mehr zu Verkaufsgesprächen zu werden, in dem die Befragten nur noch stromlinienförmige Gestanztheiten von sich geben. Doch es gibt Gegenstrategien!

Strategietipps. Wir sollten uns immer darüber im Klaren sein: Autorisierung ist Verhandlungssache! Wir Journalisten müssen nicht sämtliche Änderungswünsche der Gegenpartei widerspruchslos hinnehmen. Und es geht beim Autorisieren nie nur um unseren eigenen Text: Je mehr wir kuschen bei der Absegnung, je bereitwilliger wir bei der Textschönung mitmachen, desto schwieriger wird es der nächste Kollege nach uns haben, sich gegen all die Verwässerungstaktiken zur Wehr zu setzen.

1. Eine Möglichkeit: den reinen Interviewtext (ohne Überschrift, Bildunterschriften etc., das weckt nur schlafende Hunde) zur Autorisierung faxen oder als PDF-Datei schicken – gemailte Worddokumente sind eine Einladung zum Herumdoktern!

2. Damit wir nicht untätig auf die Freigabe warten müssen, sollten wir dem Gesprächspartner bei der Übersendung des Textes auch eine angemessene Frist einräumen. Hat er in der Zeit keine Wünsche angemeldet, ist der Text als freigegeben zu betrachten – wenn wir das so mit ihm vereinbart haben.

3. Etwas mehr Text zur Autorisierung zu geben als nötig (ca. 10 bis 20 Prozent), schafft Manövriermasse. Allerdings sollten wir uns vorher überlegen: Welche Aussagen sind besonders wichtig und unverzichtbar? Der Satz: „Aber genau so haben Sie’s laut Tonband doch gesagt!“ kann in Autorisierungsverhandlungen immer ein Argument sein.

4. Dem Gesprächspartner oder seinem Pressesprecher gegenüber sollten wir stets professionell argumentieren, wenn es Gezerre um Änderungen gibt. Zum Beispiel: „Das ist ein Fremdwort, das müssen wir für unsere Leser erklären.“ Oder: „Hier mussten wir kürzen, weil es an diesem Punkt für unsere Zielgruppe nicht mehr so interessant ist.“ Oder: „Dieser Satz ist so kompliziert formuliert und so lang, dass jeder Leser nach dem ersten Drittel aussteigt.“

5. Die nächsten Eskalationsstufen wären: Drohen mit weniger Platz, dem kompletten Verzicht auf den Abdruck oder dem Abdruck eines (dann unautorisierten) Porträts.

Gegencheck. Wenn schon das Autorisieren sein muss, so können wir es auch nützen. Damit´s der Wahrheitsfindung dient.Um zum Beispiel von der PR- Agentur auch die Fakten für den Infokasten autorisieren und damit bestätigen zu lassen. Denn so manche Angaben über die Anzahl der Ehepartner etc. schleppen sich von Artikel zu Artikel und von Datenbankeintrag zu Datenbankeintrag, ohne dass sie jemals wahrer werden …

Feindaufklärung. Zickig, besonders zickig oder nur mäßig zickig? Zur optimalen Vorbereitung auf ein Interview gehört, dass wir Bescheid wissen über die Gepflogenheiten unseres Interviewpartners. Wer bei Kollegen als besonders schwieriger Partner in Autorisierungsverhandlungen gilt, für den sollten wir eine Alternative zum nächsten Erscheinungstermin in petto haben. Ansonsten sind wir in einer schlechten Verhandlungsposition.

Zwischen der vereinbarten Rückgabe des vom Gesprächspartner autorisierten Interviews und dem Redaktionsschluss sollten wir immer außerdem noch ein wenig Zeitpuffer einbauen – für den Fall, dass der Gesprächspartner die Autorisierung bis zum Redaktionsschluss hinauszögern will und wir dann keine Gelegenheit zum Nachbessern haben. Es gilt allerdings: Je wichtiger der Interviewpartner (und seine Agentur) und je unwichtiger das Medium, das wir vertreten, desto kleiner unser Spielraum.

Feinarbeiten. Der vom Gesprächspartner autorisierte Interviewtext muss und darf exakt so, und zwar ausschließlich so in vollständiger Länge abgedruckt werden, ohne dass noch ein Komma veränderbar ist? Nein, auch nach dem Autorisieren sind geringfügige redaktionelle Änderungen möglich, üblich und erlaubt. Oft ist schließlich das endgültige Layout noch gar nicht gebaut, wenn das Interview zur Autorisierung verschickt wird, je nach Anzeigenlage oder aus sonstigen redaktionellen Notwendigkeiten muss gekürzt, umplatziert o. Ä. werden. Auch kann es – zum Beispiel aufgrund von Foto-/Layoutänderungen – notwendig werden, dass Interviewpassagen nachträglich noch einmal umgestellt werden. Der Fairness halber sollten wir allerdings dabei darauf achten, dass durch diese Änderungen dem Gesprächspartner nicht das Wort im Munde umgedreht wird. Sinnverändernde oder gar entstellende Eingriffe in den Text sind also nach der Autorisierung tabu. Im Zweifelsfall lieber noch einmal nachfragen beim Befragten oder bei seinem Hilfspersonal.

Linktipp

Unter www.interviewsfuehren.de bloggt Christian Thiele über das Führen von Interviews.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2009 in der Rubrik „Beruf“ auf Seite 70 bis 71 Autor/en: Christian Thiele. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.