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Migranten für die Medien

Von Interview: Jan Söfjer

Menschen mit Migrationshintergrund werden selten Medienmacher. Uwe Schulte will das mit einer speziellen Ausbildung ändern.

Herr Schulte, wozu braucht man eine Journalistenschule für Menschen mit Migrationshintergrund?

Uwe Schulte: Wenn die Demokratie ernst genommen werden soll, müssen die Medien die Realität so wiedergeben, wie sie von der Bevölkerung wahrgenommen wird. Jeder Fünfte in Deutschland hat einen Migrationshintergrund, aber nur eineinhalb Prozent der Journalisten.

Und warum bewerben sie sich nicht auf ein Volontariat oder bei einer anderen Journalistenschule?

Wenn Sie diese Schulen fragen, sagen die, es bewerbe sich niemand Entsprechender bei ihnen. Vielleicht fehlt der Mut – aber wir müssen dann fragen, warum das so ist und ob das tatsächlich nur an den Bewerbern liegt. Für den aktuellen Jahrgang hatten wir 250 Bewerbungen.

Wie interessiert sind die Medienmacher denn an diesem Nachwuchs?

Bei Axel Springer suchen sie gerade händeringend nach Journalisten mit türkischem Hintergrund, um die entsprechende Leserschaft zu erschließen. Die Nachfrage steigt. Je mehr Migranten nicht nur in Alibi-Funktion im Fernsehen zu sehen sind, sondern substantielle Berichterstattung machen, desto mehr werden folgen.

Der erste Jahrgang ist gerade fertig. Wie ist ihr Fazit?

Eine unserer Absolventinnen, Marianna Mamonova wurde als eine von drei Leuten für den Kausa-Medienpreis nominiert. Eine andere Absolventin arbeitet zurzeit als Schlussredakteurin beim ZDF. Manche haben Angebote von Radiosendern oder TV-Produktionsfirmen oder für Volontariate. Wieder andere machen noch Praktika. Aber selbstverständlich sind auch einige ohne realistische Perspektive geblieben.

Wie kam es eigentlich zur Gründung Ihrer Ausbildung?

Die Idee kam von Maria Böhmer am Rande des Integrationsgipfels 2007. Auch Heinrich Alt, Mitglied des Vorstandes der Bundesagentur für Arbeit, und der emeritierte Journalistik-Professor der Universität Dortmund, Ulrich Pätzold, haben dem zugestimmt. Pätzold leitet unsere Ausbildung nun inhaltlich. Böhmer war besorgt, dass es so wenige Journalisten mit Migrationshintergrund gebe.

Wer unterrichtet bei Ihnen?

Daniela Milutin vom WDR ist für die Radioausbildung verantwortlich, Christian Keller vom WDR fürs Fernsehen, Fanny Facsar vom ZDF für Online und Pätzold für Print. Dazu kommen viele Dozenten von unseren Partnern.

Wie viele Schüler sind im aktuellen Jahrgang?

Wir haben nach dem Assessmentverfahren 25 Bewerbern einen Platz angeboten, davon hatten 8 einen Bildungsgutschein. Nun sind noch 16 dabei, zwölf sind finanziert. Ich kann diese Sachbearbeiter aber teilweise verstehen. Es ist schwer vermittelbar, jemandem, der schon einen oder mehrere Hochschulabschlüsse hat, einen teuren Bildungsgutschein hinterherzuwerfen. Trotzdem, dass wir von 23 Schülern mit Gutschein im letzten Jahrgang auf zwölf runterbrechen, war nicht zu erwarten.

Und nun?

Der Kurs trägt sich so nicht mehr. Er ist für knapp 20 Leute konzipiert. Wir sind nach wie vor eine GmbH und können das nicht subventionieren.

Erschienen in Ausgabe 12/2010 in der Rubrik “Rubriken” auf Seite 12 bis 13 Autor/en: Interview: Jan Söfjer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.