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Beruf

Im Land der Morgenröte

Von Markus Wanzeck

2009 gingen die ersten drei deutschen „Medienbotschafter“ als Gastjournalisten nach China. Ein tendenziöser Rückblick.

Süffisante Scherze oder ein mal verbal, mal nonverbal geäußertes „Pass gut auf dich auf!“ – erzählt man im Kollegenkreis, man gehe demnächst nach China und arbeite für einige Monate als Gastjournalist bei einer Pekinger Zeitung, sind das die beiden typischen Reaktionen. Chinesischer Journalismus hat ein Imageproblem, und das nicht von ungefähr. Seit Jahren rangiert das Land am unteren Ende der Rangliste der Pressefreiheit von „Reporter ohne Grenzen“: Zensiertes Internet, inhaftierte Journalisten, staatliche Medienkontrolle. China erscheint als Partnerland eines Journalistenaustausches ebenso überraschend wie naheliegend.

Durch das neu ins Leben gerufene Programm „Medienbotschafter China – Deutschland“ bot sich Anfang 2009 drei Journalisten aus Deutschland die Möglichkeit, Erste-Hand-Erfahrungen mit chinesischen Medien zu machen: als Gastjournalisten bei deutsch- und englischsprachigen Redaktionen in Peking. Meine Medienbotschafter-Mitreisenden Sonja Broy und Falk Hartig arbeiteten bei dem Internetmagazin „Beijing Rundschau“ und der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua. Meine Gastredaktion war die Tageszeitung „China Daily“.

Verkaufsfenster. Die „China Daily“ ist die auflagenstärkste englischsprachige Zeitung des Landes. Sie wurde 1981 von der Kommunistischen Partei gegründet als journalistisches Fenster zur westlichen Welt. Ihre Zielgruppe sind vornehmlich ausländische Diplomaten und die stetig wachsende Zahl der Expatriates aus Europa und Nordamerika. Man könnte die Zeitung als Corporate-Publishing-Projekt der KP charakterisieren: Teilweise bietet sie professionelle, informative journalistische Kost. Teilweise dient sie, insbesondere was als „sensibel“ eingestufte Themen wie Tibet oder Taiwan angeht, als Verkaufsfenster für die offizielle Parteipolitik.

Als im März vergangenen Jahres Taiwans Ex-Präsident Chen wegen Korruption vor Gericht stand, veröffentlichte die „China Daily“ dazu eine Agenturmeldung von AP. Konnte man jedenfalls meinen, beim Blick in die Zeitung. Ein Blick auf die Originalmeldung, ein paar Klicks entfernt im Internet zu finden, offenbarte allerdings ein filigranes Feintuning: Aus APs „ehemaligem Präsidenten“ war ein „ehemaliger ‚Präsident’“ geworden, umstellt von Anführungsstrichen. Statt „anti-chinesischen Ansichten“ hatte er nur mehr „politische Ansichten“. Der AP-Satz „Taiwan and China split amid civil war in 1949“ war auf dem Weg vom Ticker ins Verkaufsfenster gleich ganz abhanden gekommen. Dieses Verkaufsfenster steht im Übrigen auch anderen Interessengruppen offen: Zahlreiche ausländische Unternehmen und Verbände buhlen in der „China Daily“ mit Anzeigen um Kundschaft oder Investitionen („North Rhine-Westphalia – Leading Region in Europe“).

Die Themen, über die ich bei der „China Daily“ während meiner Zeit als Gastjournalist geschrieben habe, waren eher unheikler, tabuferner Natur: Der Reiz, den der chinesische Arbeitsmarkt auf krisengebeutelte Nichtchinesen ausübt. Oder die deutsch-chinesische Zusammenarbeit beim Wiederaufbau in der Erdbebenregion Sichuan. Hin und wieder stieß ich beim Recherchieren für meine Artikel an landestypische Grenzen. Da waren zum einen die von offizieller Seite lahmgelegten Internetseiten – eine Kollegin in Berlin half mir einmal aus der Bredouille, indem sie mir einen Artikel der gesperrten Deutsche-Welle-Homepage per E-Mail zuschickte. Zum anderen machte manches Mal der Mangel an verlässlichen statistischen Informationen zu schaffen. Ob mir wohl das chinesische Statistische Bundesamt verraten würde, wie viele Ausländer in Peking leben? „Vergiss es“, sagten die „China Daily“-Kollegen. „Warum sollten sie solche Informationen an Journalisten rausgeben? Wir schreiben doch dann nur wieder negative Sachen.“

Die andere Sicht. Journalismus findet in China unter anderen Bedingungen statt als in Mitteleuropa. Meine Medienbotschafter-Kollegen und ich trafen uns mit drei chinesischen Journalisten zum Gespräch: Yan Huang von der Nachrichtenagentur Xinhua, „China Daily“-Reporterin Fangfang Li sowie Michael Anti, der 2005 weltweit bekannt wurde, als Microsoft seinen Blog wegen allzu politischer Artikel der KP zuliebe aus dem Internet löschte. Wir unterhielten uns mit ihnen über ihre Erfahrungen als Journalisten in China und ihre Eindrücke von der China-Berichterstattung westlicher Medien (s. Linktipp).

Anti erzählte, wie die Zeitung, für die er arbeitete, 2003 wegen eines kritischen Artikels von der Kommunistischen Partei kurzerhand dichtgemacht wurde – während er gerade als Kriegsreporter im Irak war: „Drei Tage, nachdem ich in Bagdad gelandet war, gab es meine Zeitung nicht mehr. Ich fühlte mich wie der Soldat eines Landes, das plötzlich von der Erdoberfläche verschwunden ist.“ Er verwies auf die Liste an Tabuthemen, über die chinesische Journalisten nicht frei berichten könnten. Li entgegnete darauf, dass diese Liste in den letzten Jahren immerhin kürzer geworden sei und die Liberalität der Medien zunehme: „Zu Themen, über die wir vor fünf Jahren nur in den rosigsten Farben berichtet haben, können wir nun ausgewogenere Artikel schreiben, die auch kritische Aspekte enthalten.“

Darin, dass China hinsichtlich Pressefreiheit kleine, aber merkliche Fortschritte mache, waren sich alle drei einig. Huang sagte, verglichen mit dem Westen stecke der chinesische Journalismus noch in der Pubertät und müsse eben noch einiges lernen. Allerdings attestierte sie auch westlichen Medien bisweilen pubertäre Züge: „Sie sind oft auf der Suche nach reißerischen Geschichten, und manchmal werden sie dabei das Opfer ihrer Sensationsgier.“ Dem pflichtete auch Anti bei: „Viele westliche Medienberichte über China sind tendenziös.“ Allerdings führt er das nicht auf „propagandistische Absicht“ zurück, sondern vielmehr auf „Unwissenheit, interkulturelle Missverständnisse, hohen Zeitdruck“. So berichtet er: „Einmal habe ich mit dem Korrespondenten eines sehr renommierten amerikanischen Mediums zu tun gehabt. Er hatte keinen blassen Schimmer von der chinesischen Politik – aber er musste ja irgendetwas schreiben. Also schrieb er über China wie über Afrika. Er fabrizierte Abenteuergeschichten.“

Nun ist auch dieser Erfahrungsbericht über meine Zeit als Medienbotschafter in China etwas „tendenziös“ ausgefallen: fokussiert vor allem auf kritische Aspekte und Seltsamkeiten. (Als eine Art Ablasshandel habe ich meinen chinesischen Journalistenkollegen Berichte über den Fall des ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender geschickt: Seht her, auch bei uns werden Journalisten von Politikern vor die Tür gesetzt.) Die vielen interessanten, aufgeschlossenen Gespräche, die es gab, die wunderbaren Menschen, die ich kennenlernen durfte, all die positiven Erfahrungen, die noch regelmäßig mein Fernweh nach Peking wecken, kommen darin kaum vor.

Wer ein ausgewogeneres Bild von China bekommen will, kann sich allerdings selbst eines machen: Bis 14. Februar können deutsche Journalisten sich für die Teilnahme am Medienbotschafter-Austausch 2010 bewerben.

Linktipp:

Das vollständige Interview mit den drei chinesischen Journalisten über die Arbeit in ihrem Land und die Außenwirkung westlicher China-Berichterstattung sowie weitere Link- und Literaturtipps sind dokumentiert unter www.mediummagazin.de

Erschienen in Ausgabe 01+02/2010 in der Rubrik “Beruf” auf Seite 44 bis 44 Autor/en: Markus Wanzeck. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.