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Medien

Stimmt’s?

Von Ulrike Simon

Die einen tuscheln Wahres, aber hinter vorgehaltener Hand – die anderen behaupten Falsches, das umso lauter. Reden wir Klartext – über zwei aktuelle Gerüchte.

1.Stimmt’s, dass sich die Jury des Henri-Nannen-Preises von „Bild“ vorführen lässt?

Als sich die „taz“ im vergangenen Jahr auf das unselige Hickhack mit Kai Diekmann einließ, indem sie den „Bild“-Chef mit einem meterhohen Pimmel-Bild auf der Redaktionshauswand verewigte, konnte man das damit entschuldigen, dass die „taz“ bisweilen eben pubertär ist. Es wäre so viel klüger, Provokateure, die nur auf Aufmerksamkeit aus sind, einfach zu ignorieren. Stattdessen ließ sich die „taz“ vorführen. Dass den Henri-Nannen-Preis dasselbe Schicksal ereilt, ist allerdings nur noch traurig. Der Reihe nach:

Bekanntlich findet es Diekmann ungerecht, dass die Jury des „medium magazin“ nicht „Bild“, sondern Stefan Kornelius von der „Süddeutschen Zeitung“ für die Kundus-Berichterstattung ausgezeichnet hat (s. MM 1+2/2010, „Journalisten des Jahres 2009“). Also, dachte sich „Bild“, folgen wir der alten Fußballer-Regel „nach dem Preis ist vor dem Preis“. Sie richtete ihre ganze Hoffnung auf die Verleihung des „Henri“ Anfang Mai in Hamburg.

Ein typisches Branchengespräch zu diesem Thema, irgendwann Ende Januar, Anfang Februar geführt, verlief wie folgt: „Der Henri-Nannen-Preis für die ‚Bild‘-Zeitung? Um Himmels Willen! Das wird die Jury doch wohl zu vermeiden wissen!!“ – „Wieso denn nicht? Mal sehen, wie die das verhindern will!“ – „Guck dir an, wer da in der Jury sitzt. Die würden sich eher die Hand abhacken, als für Bild zu stimmen!“ – „Wieso? Schirrmacher, Markwort, … da gibt es genug Juroren, die Diekmann unterstützen. – Vergiss den Kilz nicht. Bevor der seinem potenziellen Nachfolger Kornelius einen Preis gönnt, stimmt er lieber noch für Diekmann. Hast doch gehört, wie er bei der dpa-Feier zum Abschied von Wilm Herlyn in Diekmanns Handykamera sagte, die ‚Bild‘ hätte den Preis verdient.“ Wie sie eben so reden, die nach Gerüchten süchtigen Journalisten. Tatsache ist: Es kam alles noch viel schlimmer.

Es begann damit, dass am 6. Februar die Vorjury tagte und jene drei für die Kategorie Investigation zuständigen Juroren (Karl Günther Barth vom „Hamburger Abendblatt“, Kuno Haberbusch vom NDR und Michael Seufert, früher „Stern“, heute freier Autor) die sechs Arbeiten vorstellten, die sie für die Shortlist ausgewählt hatten. Dazu gehörten weder das „Bild“-Stück über den Feldjäger-Bericht noch das von Kornelius über den Isaf-Bericht. Prompt gab es Nachfragen – wegen „Bild“. Doch damit hatten die drei Vorjuroren gerechnet.

Sie erklärten, dass ausschließlich die journalistische Leistung zu würdigen sei. Es gehe um die Nachhaltigkeit, um die Hartnäckigkeit einer Recherche und die richtige Einordnung der Fakten, und eben nicht, wie es „Bild“ getan habe, um das bloße Zitieren oder Abdrucken eines Dokuments. Da spiele es auch keine Rolle, dass der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung über den Feldjäger-Bericht in „Bild“ gestürzt sei. Diese Erklärung erschien den übrigen Mitgliedern der Vorjury einleuchtend. Und damit es nicht so aussieht, als hätten drei Juroren eine einsame Entscheidung gegen „Bild“ gefällt, wurde gemeinschaftlich zu Protokoll gegeben, dass das Ergebnis für die Shortlist in der Kategorie Investigation von allen Vorjuroren unterstützt wird. Da Kornelius‘ Beitrag ebenfalls unberücksichtigt blieb, hofften sie, dass das Thema damit abgehakt sei. Dem war nicht so.

Zählte die online auf der Webseite des Henri-Nannen-Preises veröffentlichte Shortlist am Freitag, den 19. Februar, zunächst nur die sechs ausgewählten Arbeiten, war sie montags auf neun angewachsen. Zwei Mitglieder der Hauptjury hatten kurzerhand Texte aus ihren eigenen Medien nachgereicht. Das mochte „Spiegel“-Chef Georg Mascolo, in diesem Jahr erstmals Mitglied der Hauptjury, für die Artikel von Erich Follath und Holger Stark sowie jenen aus dem Sport-Ressort über den Bestechungssumpf Handball nicht bestätigen – mit Verweis auf die Verschwiegenheitsvereinbarung der Jury.

Anders „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, der einen Artikel seines Autors Roland Kirbach nachgereicht hat und auf unsere Anfrage bestätigte: „Ja, das war ich, wohlwissend um meine Befangenheit und obwohl ich weiß, dass er aufgrund dieser Befangenheit wohl chancenlos bleibt.“ Ihm sei es darum gegangen, „dass diese für Investigation beispielhafte Arbeit nicht untergeht“.

Es mag eine Geschmacksfrage sein, doch es entspricht den Regularien, sagt die für den Henri-Nannen-Preis zuständige Sprecherin, dass ein Hauptjuror Arbeiten (auch aus dem eigenen Medium) nachreicht, sobald die Shortlist erstellt ist, und diese dann entsprechend ergänzt wird. Schon zu diesem Zeitpunkt fühlten sich viele der Vorjury gerade so, wie Kirbachs Artikel überschrieben ist: „Für dumm verkauft“. Auch manche/r Hauptjuror/in sprach da schon von Mauschelei und überlegte, ob er nächstes Jahr wieder mitmachen soll oder die Jury nicht lieber verlassen will.

Wieder einige Tage später, am 28. Februar, schrieb Peter Sandmeyer, der Sekretär der Henri-Nannen-Jury, eine Mail an die Hauptjuroren. Es sei „sicherlich ungewöhnlich und äußerst erklärungsbedürftig, wenn ich Ihnen drei Tage vor der ersten Jury-Sitzung noch einen weiteren Text zusende mit der Bitte, ihn der Endauswahl der Vorjuroren hinzuzufügen“.

Es ging um den Feldjäger-Bericht der „Bild“-Redakteure Julian Reichelt und Jan Meyer über den Luftangriff in Kundus. Die Vorjury nominierte ihn mit folgender Erklärung nach: „Bei der Diskussion über diese Berichte sind wir davon ausgegangen, dass der Feldjäger-Bericht, auf dem die Artikel fußten, der „Bild“-Zeitung zugespielt wurde. So hatte es jedenfalls den Anschein.“ Nun aber habe sich herausgestellt, „dass insbesondere Julian Reichelt in intensiven Recherchen vor Ort die Informationen gesammelt und den Bericht beschafft hat und sich von seinen Informanten das komplizierte NATO-Chinesisch hat erklären lassen, um nachzuweisen, dass die politische und militärische Führung in Berlin frühzeitig darüber unterrichtet war, dass es in Kundus auch zahlreiche zivile Opfer gegeben hatte“. Zu Recht glaubte Sandmeyer, in seiner Mail an die Juroren „zum besseren Verständnis“ noch eine eigene Erklärung abgeben zu müssen: Das erste „Making of“, das von „Bild“ eingereicht worden sei, habe „nur ein paar allgemeine und nichtssagende Angaben über das Zustandekommen dieser Enthüllung“ enthalten. Nachdem „Bild“ es jedoch nicht auf die Shortlist geschafft habe, hätten die Autoren das „Making of“ so nachgebessert, dass „nun ihre Leistung und die erste Entscheidung der Vorjury in anderem Licht erscheinen“.

Wohl gemerkt: Am Artikel selbst, der von der gesamten Vorjury, nicht nur von Barth, Haberbusch und Seufert, einstimmig als nicht prämierungswürdig abgewiesen worden war, hatte sich nichts geändert. Lediglich am „Making of“. Es reichte, dass zumindest die Mehrheit der dreiköpfigen Vorjury der Kategorie Investigation ihre Ansicht revidiert hat.

Und so dürfte der Knatsch vom vergangenen Jahr, als die Vorjury den „Stern“ für die Aufdeckung des Spitzel-Skandals bei Lidl auf die Shortlist gesetzt hatte, die Arbeit dann aber nicht nur von der Hauptjury ignoriert, sondern sogar von der Liste der Nominierten gestrichen wurde, in diesem Jahr seine Fortsetzung finden.

PS. Am Abend des 3. März tagte die Hauptjury, um aus der Shortlist die drei Beiträge pro Kategorie zu bestimmen, aus denen am Vorabend der Preisverleihung am 7. Mai die Sieger zu wählen sind. „Bild“ kam an diesem Abend nicht in die finale Auswahl.

2.Stimmt‘s, dass Chefredakteure das Gespür für Titelgestaltung verlor
en haben?

Für Henri Nannen verkörperte Lieschen Müller alles, was den typischen „Stern“-Leser ausmacht. Auf die Frage, wer sich hinter diesem Namen verberge, soll er geantwortet haben: „Ich bin Lieschen Müller.“ Stefan Aust soll interessiert zugehört haben, wenn ihm einer aus der Marktforschung erzählte, was einen erfolgreichen „Spiegel“-Titel ausmacht. War der Kollege wieder weg, machte Aust trotzdem, was er wollte. Der das erzählt, ist Sven Dierks, mittlerweile Chef des Hamburger Markforschungsinstituts IF-Com. Er hat eine Methode entwickelt, mit der aus mehreren möglichen Titelmotiven und -themen genau jener gefunden werden kann, der die höchste Verkaufschance hat. „Titelbild-Calculator“ heißt das Verfahren.

Mangelt es den Chefredakteuren von heute an Bauchgefühl? Sind sie derart verunsichert, dass sie bei der Wahl des Titelbilds auf Computer vertrauen? Dierks gibt zu bedenken, wie komplex die Zielgruppen geworden sind. Insbesondere für Illustrierte und Zeitschriften mit hoher Volatilität im Einzelverkauf sei seine Methode geeignet, sagt Dierks und nennt einen vertriebsstarken Verlag, den er als Kunden gewonnen hat, sowie die Filmzeitschrift Cinema, die Dierks Methode im Januar erprobte. Bei dem Verfahren wählen 200 Testpersonen aus dem weitesten Leserkreis unter bis zu 16 Covervarianten aus, welche sie am ehesten zum Kauf reizen würden 5.000 Euro kostet der Test, mit dem sich einzelne Verkaufsfaktoren herausfiltern lassen. Es lässt sich auch ermitteln, ob und wie Verkaufsfaktoren einander stützen oder stören.

Gänzlich neuartig ist Dierks Methode nicht. Die „Zeit“ lässt seit anderthalb Jahren Titelthemen und -entwürfe regelmäßig darauf testen, wie hoch das Interesse ist, das sie wecken, und welche Form der Visualisierung am besten ankommt.

Giovanni di Lorenzo erfuhr von der Möglichkeit in einem Gespräch mit Roland Tichy, seinem Chefredakteurskollegen vom Holtzbrinck-Schwestertitel „Wirtschaftswoche“. Tichy arbeitet seit zweieinhalb Jahren mit dem Düsseldorfer Institut Innofact. Er sagt: Vorausgesetzt, es gibt in einer Produktionswoche tatsächlich zwei bis drei alternative Titel und Titelgeschichten, teste er so mögliche Themenfelder, Archetypen und Visualisierungsmöglichkeiten (Foto, Grafik, Ironisierung). Auf diese Weise sei ein „Werkzeugkasten“ entstanden, der zum positiven Verlauf des Einzelverkaufs beigetragen habe.

Di Lorenzo hat die Tests schätzen gelernt, weil sie die Möglichkeit geben, aus journalistischen Ritualen auszubrechen. Was ihn manchmal an der Validität der Ergebnisse zweifeln lässt, ist die Tatsache, dass den Testpersonen die Titelentwürfe nur online zur Begutachtung vorgelegt werden. Andererseits ist es nur so möglich, die Testergebnisse schon am nächsten Tag zu verwerten und in die Zeitungsproduktion einfließen zu lassen. Die Ergebnisse seien differenziert zu bewerten, warnt di Lorenzo. Nils von der Kall, Marketingleiter der „Zeit“, nennt als Beispiel Leser, die nur vorgeben, sich für ein bestimmtes Thema zu interessieren. Es ist wie bei Arte, das höchste Quoten einfahren müsste, würden ihn alle einschalten, die das bei Umfragen behaupten.

Ob nun IF-Com oder Innofact zu Rate gezogen werden: „Wir sind auf die Ideen der Redaktionen angewiesen“, sagt Dierks. Anders formuliert: Kreativität und Bauchgefühl lässt sich durch nichts ersetzen. „Diese Tests sind als reines Serviceinstrument für die Chefredaktion zu verstehen“, sagt von der Kall.

Erschienen in Ausgabe 03/2010 in der Rubrik “Medien” auf Seite 16 bis 17 Autor/en: Ulrike Simon. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.