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Stimmt’s, …?

Die einen tuscheln Wahres, aber hinter vorgehaltener Hand – die anderen behaupten Falsches, das umso lauter. Reden wir Klartext – über drei aktuelle Gerüchte.

01. … dass bei Sat.1 niemand mehr arbeitet, der den Sender von Beginn an kennt?

Um eine derart wechselvolle Geschichte wie Sat.1 erzählen zu können, müsste die ARD, die gerade 60. Geburtstag feiert, noch einige Jahrzehnte vergehen lassen. Die wichtigsten Stationen der Sat.1-Historie in Kürze: Als Verlegerfernsehen gestartet, wurde Sat.1 in den 1990ern blockiert durch zwei sich bekämpfende Gesellschafter, sollte nach dem Umzug von Hamburg nach Berlin der Hauptstadtsender werden, wurde stattdessen jedoch Teil der bis dahin größten bundesrepublikanischen Pleite. Heute ist Sat.1 bereits zum zweiten Mal in den Händen von Finanzinvestoren. Fast ein Dutzend Geschäftsführer sind in den 26 Jahren seit Sendestart gekommen und wieder gegangen. Nach dem letzten Umzug hat der Sender, nunmehr endgültig Teil einer Sendergruppe, seinen Sitz in München-Unterföhring. Nichts ist geblieben wie es war. Die Eigentümer, die Führungsspitze, sie kennen die Historie nur vom Hörensagen. Bis auf eine Ausnahme, die Mitarbeiterin mit der Personalnummer 97. Mehr als die Hälfte ihres Lebens arbeitet sie für Sat.1, länger als jeder andere. Die Rede ist von: Gaby Papenburg.

Im Dezember feierte sie 25-jähriges Dienstjubiläum. Zum 20. hatte es noch fünf Tage Sonderurlaub gegeben. Diesmal gab es nichts. Wer hätte sich auch daran erinnern sollen, dass Gaby Papenburg einmal ein Sat.1-Gesicht war, das der Zuschauer täglich sah – angefangen bei der Nachrichtensendung, die damals noch „APF Blick“ hieß (benannt nach der Aktuelle Presse Fernsehen, zu der sich 165 Zeitungsverlage zusammengeschlossen hatten); weiter ging es zum Frühstücksfernsehen und schließlich zum Sport, wo sie von 1992 an „ran“ moderierte. Bis 2002 berichtete sie in den Nachrichten um 18.30 Uhr täglich aus der Welt des Sports und auch danach, bei „Sat.1 am Abend“ um 17.30 Uhr, war die Moderatorin täglich bundesweit zu sehen. Doch dann geschah etwas, was man einen Identifikationsbruch nennt: 2007 schaffte der Sender aus Renditeerwägungen „Sat.1 am Abend“ ab und „Sat.1 am Mittag“ gleich dazu.

Die Geschichte des Senders ist eng verwoben mit der von Gaby Papenburg. Wird sie gefragt, wo sie arbeite, antwortet sie bis heute: „Bei Sat.1.“ Dabei ist die Informationsabteilung aller ProSieben-Sat.1-Sender längst zu N24 ausgelagert. Dort moderiert sie freitags „Transportwelt – das Fernfahrermagazin“, außerdem übernimmt sie Vertretungsmoderationen, beim Sat.1-Frühstücksfernsehen etwa, das von der N24-Tochter maz & more produziert wird. Demnächst wird N24 womöglich verkauft, wird die Sendergruppe aber weiter mit Informationsprogramm beliefern. Wird Gaby Papenburg dann immer noch sagen, sie arbeite bei Sat.1?

Am liebsten erinnert sich die 50-Jährige an die Dekade der 1990er. Bei allem, was passierte – an der Senderspitze, im Gesellschafterkreis, beim Zusammenbruch der Kirch-Gruppe und auch danach noch, bei Haim Saban, der zwar Finanzinvestor war, aber einer, der das Medienbusiness kennt und liebt: „Als Mitarbeiter fühlten wir uns aufgehoben“, sagt sie. Geradezu paradiesisch sei die Ära in der Sportredaktion gewesen, mit Reinhold Beckmann als Chef, in der „‚ran‘-Familie“, zu der sich Papenburg zugehörig fühlte. Es wurde hart gearbeitet, oft gestritten, viel gefeiert. „Es war ein großer Zusammenhalt, bei ‚ran‘ wie im gesamten Sender – auch und gerade in Krisenzeiten.“ Was davon geblieben ist? „Gar nichts“, sagt Papenburg. Sie bedauert das sehr. Und dann sagt sie, das sei der Entwicklung des Senders geschuldet. Früher sei es ums Programm, um Inhalte gegangen, heute seien die Prioritäten andere. Sie meint damit die finanziellen Zwänge. Die Mitarbeiter wüssten: „Wir haben keinen Einfluss darauf. Uns bleibt nichts anderes übrig als uns mit den Gegebenheiten zu arrangieren.“

Das hört sich nicht nur traurig an, das ist es auch. Papenburg erzählt, wie sie 1984 – noch stand die mündliche Prüfung im Literaturstudium bevor – vom Sat.1-Chefredakteur und späteren n-tv-Gründer Karl-Ulrich Kuhlo als Volontärin unter Vertrag genommen wurde. Sie erinnert sich, wie sie von ihm und seinem Nachfolger Armin Halle das journalistische Handwerk erlernte, wie sie und die Kollegen vom Sport regelmäßig in Klausur fuhren, um mitsamt freien Mitarbeitern an den Sendungen zu arbeiten. All das ist lange her. „Das Herzblut ist dünner geworden“, sagt Papenburg. Sie liebt ihren Beruf, ihre Arbeit. Doch es ist nur noch ein Job.

Gaby Papenburg war einmal ein Sat.1-Gesicht. Daran scheint sich in diesem Sender ohne Gedächtnis niemand zu erinnern. „Die Führungsspitze heute kennt meine persönliche Sat.1-Geschichte nicht“, sagt Papenburg. Es macht sich auch keiner die Mühe nachzufragen.

02. … dass Springer-Chef Mathias Döpfner Apple-Aktionär ist?

So kursierte es nach der Lobhudelei des Springer-Vorstandschefs auf Apples iPod im Fernsehinterview mit dem US-Moderator Charly Rose. Sie gipfelte in der Aussage, jeder Verleger solle sich einmal am Tag hinsetzen, beten und Steve Jobs dafür danken, dass er mit dem iPad die Verlagsindustrie rette. Es ist nicht das erste Mal, dass Döpfner seine Begeisterung für Apple offenbart. Im Juli 2008, als Springer ankündigte, konzernweit sämtliche Arbeitsplätze auf Apple umzustellen – intern hieß es, binnen fünf Jahren – sagte Döpfner: „Apple steht für Kreativität, Innovation, Ästhetik und Kompetenz und ist damit der ideale Partner für Axel Springer.“ Und weiter: Die Umstellung auf Apple sei ein „wichtiger Beschleuniger der kulturellen Modernisierung im Unternehmen“.

Zurück zur Frage: Ja, Mathias Döpfner ist Apple-Aktionär (die Axel Springer AG aber nicht). Seit 2007, um genau zu sein. Doch deshalb einen Zusammenhang zu seiner Apple-Euphorie herzustellen, würde Döpfner als grotesk zurückweisen. Seinen Angaben zufolge hat er 2007 auf Empfehlung seiner Bank ein Portfolio erworben, in dem die Apple-Aktien weniger als 0,5 Prozent ausmachten. Er habe seither weder zusätzliche Apple-Aktien gekauft noch welche verkauft.

03. … dass die „Neue Zürcher Zeitung“ von gestern ist?

Manchmal ist sie sogar von vorgestern, wenn nicht gar von vergangener Woche. Wer, sagen wir, gestern in Basel war und tags drauf im nahen Freiburg die aktuelle Ausgabe der „NZZ“ kauft, erlebt bisweilen ein Déjà-lu. Manche Artikel sind dieselben wie gestern. Das betrifft nicht nur, aber vor allem die Meinungsseite der internationalen Ausgabe, dievon Deutschland aus in der Welt vertrieben wird. Den Grund erläutert Chefredakteur Markus Spillmann so: Für den seit Beginn dieses Jahres in Frankfurt gedruckten und von der „FAZ“ vertriebenen Teil der internationalen Ausgabe gilt nicht mehr der alte Redaktionsschluss um 22 Uhr, sondern der frühere, um 17.30 Uhr. Die Maßnahme hilft der defizitären Verlagsgruppe Kosten zu sparen und hat obendrein den Vorteil, dass die „NZZ“ flächendeckend morgens um sieben Uhr in deutschen Briefkasten liegen müsste. Der Nachteil ist, dass so früh am Abend oft noch nicht alle Artikel fertig bzw. von den Autoren geliefert worden sind. Deshalb ist die Redaktion angewiesen, hintergründige und nicht zwingend tagesaktuelle Stücke als Verschiebemasse zu nutzen. Und da montags keine Meinungsseite erscheint, kommt es vor, dass erst am Dienstag international veröffentlicht wird, was sonnabends bereits in der Schweizer Ausgabe stand. Spillmann räumt ein: Aus journalistischer Sicht sei die verlegerische Entscheidung nicht optimal, doch er müsse sie akzeptieren.

Es ist sogar schon vorgekommen, dass in der internationalen Ausgabe ein und dieselbe Meinungsseite mit identischen Artikeln gleich mehrfach an unterschiedlichen Tagen erschienen ist. Das sei einer technischen Panne mit menschlicher Ursache geschuldet, sagt Spillmann. Bei so viel Hin und Her kann man schon mal durcheinanderkommen.

Um z
u wissen, was die „NZZ“ tagesaktuell kommentiert, bliebe die Möglichkeit, online zu gehen. Doch Fehlanzeige: Kommentare mögen andernorts wichtiger Bestandteil von Web-2.0-Auftritten sein, nicht jedoch bei der „NZZ“. Da das Web-Angebot gratis sei, behalte sich die Redaktion vor, längst nicht alle Artikel, schon gar nicht die Meinungsstücke der gedruckten Ausgabe zu veröffentlichen, heißt es in Zürich. So verärgert man Leser und schadet dem internationalen Renommee.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2010 in der Rubrik “Rubriken” auf Seite 14 bis 14. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.