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Special

Wissen lohnt sich wieder

Von Anne Haeming

Seit der Atomkatastrophe in Japan Mitte März sind die Fachjournalisten in den Redaktionen gefragt wie nie. Aber die Extremsituation zeigt auch, wo es knirscht.

„GAGGAT GTGGAG AAATAG GAACAC TTCTAC ACTGTT GGTGGG ACTGTA“, so zog sich das über mehrere Feuilletonseiten. Vier Buchstaben, endlos kombiniert, unlesbar kryptisch. Aber FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher hatte einen Narren daran gefressen. An Adenin, Thymin, Cytosin und Guanin, den Basen, die sich zusammen in Doppelhelixform zur DNS verschrauben.

Elf Jahre ist dieses Zeitungsereignis jetzt her. Die Seiten vom Juni 2000 hängen, heißt es, bis heute auf dem Gang vor seinem Büro. „Genom-Geist“, lästerten manche Kollegen neidisch, schrieben über die „Fruchtfliegen des Feuilletons“.

Sievert ist nicht Becquerel

„Schirrmacher hat damals andere dazu gebracht, nachzuziehen“, sagt Holger Wormer, Leiter des Studiengangs Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund. Und das mediale Dauerthema seit Mitte März, der atomare Super-GAU in Japan, könnte nun dafür sorgen, dass Wissenschaftsjournalismus erneut einen Schub bekommt. Allerdings: Auch wenn sich die Kollegen Fachjournalisten gegenseitig für die Berichterstattung loben, zeigt dieser journalistische Extremfall deutlich, an welchen Stellen es knirscht. Da ist die Omnipräsenz von Wissenschaftserklärer Ranga Yogeshwar (siehe Interview Seite 79ff.) bei ARD, ZDF und sogar privaten Sendern – als ob die Fernsehsender sonst niemanden hätten, als ob gerade bei einem derart komplexen Thema nicht ein vielstimmiger Chor vonnöten sei. Und dann sind da die Fälle, in denen dann doch die Politikredakteure die Leitartikel und Kommentare schrieben – als ob die Redaktionen kein Fachpersonal hätten, das die Ereignisse und ihre Folgen viel kompetenter abschätzen kann. Und nicht dauernd Sievert und Becquerel durcheinanderbringt.

Und das, obwohl es eigentlich kompetente Kollegen gibt: 11.000 Journalisten sind allein im Deutschen Fachjournalistenverband DFJV organisiert. Die Diskussionen im Verband zeigten seit Jahren die gleiche Tendenz, so Präsidiumsmitglied Silke Liebig-Braunholz. Sie wünscht sich, dass die Generalisten in den Häusern enger mit den Spezialisten zusammenarbeiten: „Mein Traum ist, dass der Futterneid in den Redaktionen endlich aufhört.“ Denn nur, wer sich auf einem Gebiet detailliert auskenne, sei es Osteuropa oder Molekularbiologie, könne potenzielle Themen vorausahnen. So aber gehe Vielfalt verloren: „Man muss sich nur den Sportteil anschauen: Außer Fußball findet dort quasi nichts mehr statt, dabei werden in Deutschland mehr als 240 Sportarten betrieben. Viele Fachjournalisten resignieren schon.“ Die Extremsituation in Japan habe vor allem gezeigt, dass in den Nachrichtenredaktionen eine Lücke klaffe, stellte auch Holger Wormer fest: „Die haben jahrelang versäumt, Journalisten mit naturwissenschaftlichem Hintergrund einzustellen.“

Die Begriffe verschwimmen

Wissensressort oder Wissenschaftsredaktion? Rein naturwissenschaftlich oder nicht? Fachjournalist oder was? Moderedakteure, Gastrokritiker und Royalisten-Spezialisten wie Rolf Seelmann-Eggebrecht sind auch Fachjournalisten. Nur arbeiten sie in der Regel für Fachformate – zumindest wenn sie fest angestellt sind. Wissensthemen sind für die einen pauschal alles, was man eigentlich aus Schulzeiten bereits kennen müsste, Wissenschaftsgeschichten hingegen bereiten Forschungsthemen allgemeinverständlich auf.

Die Realität: In allen Ressorts wurde in den vergangenen zehn Jahren, seit die Dotcom-Blase platzte, Personal abgebaut. Die Sportredaktion hat nun vielleicht keinen Leichtathletikspezialisten mehr, die Kulturredaktion keinen genuinen Architekturkritiker, das Wissensressort keinen studierten Chemiker. Die Lösung allerorten: verschiedene Schattierungen von Generalisten. Da sind die Newsroom-Generalisten, die für alles zuständig sind, die Mantel-Generalisten, die aus politischer oder ökonomischer Perspektive alles kommentieren, oder die Spezial-Generalisten, die in ihren Fachressorts einen Themenschwerpunkt selbst beackern können, für alle tiefer gehenden Geschichten über andere Facetten ihres Ressorts aber auf thematisch spezialisierte Freie angewiesen sind.

Dabei boomen gerade Wissensthemen, und das lässt sich selbst oberflächlich feststellen: Tageszeitungen hievten im vergangenen Jahrzehnt eigene Wissensseiten ins Blatt, Ressorts wurden teils zu eigenen Büchern ausgebaut, allein Gert Scobel und Ranga Yogeshwar bespielen seit Jahren gleich mehrere Wissens-Formate im Fernsehen, „Zeit Wissen“ wurde gelauncht und mit DRadio Wissen ging sogar ein eigener Radiosender on air. Von den Fachpublikationen ganz zu schweigen.

Mit Zahlen belegbar ist dieser Boom auch. Wissenschaftsjournalist Wormer untersuchte mit Kollegen zweimal SZ, FAZ und „Welt“, zuerst 2003/2004, dann 2006/2007; sie evaluierten 4.077 Texte – und stellten Erstaunliches fest: Der Anteil an Wissensthemen in den Blättern stieg in dieser Zeit um 48 Prozent. Und außerhalb der Ghetto-Seiten gar um 136 Prozent: Die Wissenschaftsredaktion wandelte sich zum Querschnittsressort für die gesamte Zeitung. Der Trend ist seither ungebrochen.

Einen eigenen Wissenssender zu starten, „das war überfällig“, kommentiert Dietmar Timm, Leiter des Anfang 2010 gestarteten DRadio Wissen. „Wir haben in unseren Stammprogrammen festgestellt, dass es einen sehr, sehr großen Bedarf an Wissensthemen gibt“, allein seit dem Tsunami in Japan und dem anhaltenden Reaktorunglück seien die Hörerzahlen wie verrückt gestiegen. „Und wir sind überzeugt, dass wir gerade mit diesem Angebot jüngere Zielgruppen erreichen“, sagt Timm. Dass dieser Plan aufgehe, zeigten die Rückmeldungen der Hörer, darunter vor allem 30- bis 40-Jährige. Sogar die Vorträge und Vorlesungen von Wissenschaftlern, die sie in der Rubrik „Hörsaal“ abspielen, werden stark nachgefragt. Damit hatte selbst er nicht gerechnet.

Diese Themen sind „Ausdruck der Jetztzeit“, findet Timm, der den „Wissensbegriff“ bewusst nicht eingrenzt; Geisteswissenschaften könnten für seinen Geschmack in Zukunft häufiger auftauchen, daran müsse noch gearbeitet werden. Die „Dritte Kultur“, für die Schirrmacher vor elf Jahren euphorisiert plädierte, eine, die die Grenzen zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft aufhebe, sie ist bislang nicht entstanden.

Sachkenntnis für alle Ressorts

Kathrin Zinkant, studierte Biochemikerin und seit einem Jahr Leiterin des Wissensressorts beim „Freitag“, unterscheidet zwischen jenen Formaten, die eher die nützlichen Aspekte herausarbeiten, und jenen, die Wissen als kulturelles Gut begreifen. Wie die meisten ihrer Kollegen betreut sie eine Ghetto-Seite in der Mitte der Zeitung, strategisch angehängt an den Kulturteil, und bespielt zunehmend alle anderen Ressorts. Die Grenzen sind bewusst fließend: „Wir leben schließlich in einer Wissensgesellschaft. Wir sind von morgens bis abends mit Technologie konfrontiert, die sich aus der Wissenschaft ergibt.“

Doch die Aufhebung der klassischen Trennung hat ihre Tücken: „Wenn ich selbst über Gene schreibe, ist das weniger glaubwürdig“, erklärte Schirrmacher nach seinem Genom-Coup in einem Interview dem „Spiegel“, denn „ich gehöre nicht zur mathematisch-naturwissenschaftlichen Intelligenz, ich bin Geisteswissenschaftler“. Hajo Neubert würde ihm da zustimmen: Der Vorsitzende der Vereinigung der Wissenschafts- und Technikjournalisten in Deutschland TELI und Präsident des entsprechenden europäischen Dachverbands ärgert sich jedes Mal, wenn wieder ein Politikredakteur das Unglück in Fukushima kommentiert und jede Menge Fehler einbaut: „Wieso lassen die Redaktionen solche Texte nicht einfach diejenigen schreiben, die sich damit auskennen, also die Kollegen aus dem Wissenschaftsressort?“ Allerdings: Unisono erklären die Fachkollegen, eine naturwissenschaftliche Vorbildung „schade nicht“,
sei aber nicht zwingend.

Auch wenn es im Zusammenspiel über Ressortgrenzen hinweg Nachholbedarf gibt: „Im internationalen Vergleich stehen wir sehr gut da“, sagt Wormer. „Die Kollegen aus den USA sind neidisch auf uns.“ Deutschland habe auf dem Gebiet die längste Tradition, erklärt Hajo Neubert, die TELI etwa sei schon 1929 gegründet worden. Wurde Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem mit einem aufklärerischen Impetus über wissenschaftliche Themen berichtet, wandelte sich die Haltung der Journalisten hin zu einer immer kritischeren Haltung gegenüber wissenschaftlichen Ergebnissen – wie auch dem akademischen Betrieb insgesamt. Zu hinterfragen, welcher Wissenschaftler für welche Institution arbeitet, von wem welche Forschung finanziert wird, wie der Wissenschaftsbetrieb aufgebaut ist, gehört längst zum Beritt der Fachjournalisten. Aha, eine Studie zu einem neuen Medikament kommt auf den Markt – cui bono?

Bloß kein Fachchinesisch

Kritik ist aber längst keine Einbahnstraße mehr: Exemplarisch zeigt das Portal www.medien-doktor.de, initiiert vom Studiengang Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund, wie das funktionieren kann: Die Betreiber haben es sich zur Aufgabe gemacht, medizinjournalistische Beiträge öffentlich auf Fehler abzuklopfen.

Vorbei auch die Zeiten, in denen man als Fachjournalist vor allem all die anderen Experten als Zielgruppe anvisierte. Hauptsache verständlich – diese banale journalistische Formel ist für Fachjournalisten heute noch wichtiger als für alle anderen. Allerdings: Noch immer gebe es viele Fachjournalisten, die sich in „Fachchinesisch“ ausdrückten, bemängelt DFJV-Frau Liebig-Braunholz. Eine fundierte fachliche wie journalistische Ausbildung sei daher unumgänglich.

„Die Yogeshwars dieser Welt sind rar gesät“, erklärt auch Dietmar Timm. Beim Deutschlandradio ziehe man sich ja zumindest über die wissenschaftsjournalistische Ausbildung den Nachwuchs selbst. Zwei Hochschulen bieten Wissenschaftsjournalismus als eigene Studiengänge an – jeweils als Kombination aus journalistischer Ausbildung und regulärem naturwissenschaftlichem Studium. In den Journalistenschulen spielt Fachjournalismus kaum eine Rolle, klammert man zum einen Kulturjournalismus als Modul aus, das hier und da in der Ausbildung angeboten wird, oder die Möglichkeit, sich in den externen Lehrredaktionen zu spezialisieren. Bei der Evangelischen Journalistenschule taucht das Thema gar nicht auf, beim ifp gibt es Ausbildungsgänge mit explizit theologischem Schwerpunkt, die Kölner Journalistenschule ist wiederum von vorneherein ökonomisch ausgerichtet. Die Henri-Nannen-Schule hat zumindest eine eigene Wissenschaftsjournalismus-Einheit – gerade einmal eine Woche, aber immerhin. Schulleiter Andreas Wolfers führte sie mit Amtsantritt vor vier Jahren ein, gerade überlegt er, das Ganze wenigstens auf zwei Wochen auszudehnen. Er sagt, er fände es kurzsichtig, diese Sparte nicht zu bedienen: „Ich will meine Schüler schließlich mit den besten Startchancen versehen.“ Und DJS-Leiter Ulrich Brenner, der selbst lange bei „P.M.“ und „Natur“ gearbeitet hat, können es gar nicht genug potenzielle Wissenschaftsjournalisten sein: „Ich würde mir viel mehr Bewerber aus dem ingenieurs-technischen oder naturwissenschaftlichen Bereich wünschen. Absolventen dieser Studienrichtung haben den Journalismus leider viel zu selten im Fokus.“ Vor drei Jahren führte er das Thema in den Masterstudiengang seiner Schule ein – ein Tag Einführung, dann zwei Schreibaufträge über ein Semester verteilt, in Kooperation mit Fraunhofer-Instituten. Doch im Curriculum des Kompaktkurses sei keine Zeit dafür: „Ich grübele schon lange, wie ich das auch dort unterbringen könnte“, aber nur zwei, drei Stunden, das sei in diesem Fall einfach zu wenig.

Die Veränderung der Wissenschaftsredaktion zum Querschnittsressort, die Zunahme von Spezialformaten, die Hoffnung, dass die Medienhäuser realisieren, dass die Politikredakteure manchmal eben nicht die Richtigen sind, eine Situation korrekt zu beurteilen: All das zeigt, dass die Wissenschaftssparte jener Bereich im Journalismus ist, in dem man relativ schnell relativ weit kommen kann. Denn Konkurrenz wie in anderen Ressorts ist kaum vorhanden.

„Die Nachfrage nach diesen Spezialisten hat ganz klar zugenommen“, sagt HNS-Leiter Andreas Wolfers. „Es ist sehr lukrativ, diesen Weg einzuschlagen, der Bedarf ist sehr groß“, verspricht auch Dietmar Timm. Aber damit auch die überregionalen Zeitungen und Sender etwas von diesem Fach-Nachwuchs abbekommen, muss sich wohl etwas an den Honoraren ändern. Denn, so Verbandsfrau Silke Liebig-Braunholz: „Die Fachpresse zahlt in der Regel einfach mehr“.

Link:Tipps

Hinter „idw Online“ steckt der Informationsdienst Wissenschaft, der Meldungen der deutschen Hochschulen bündelt.

www.idw-online.de

„Medien Doktor“ ist ein Portal, auf dem medizinjournalistische Texte kritisch überprüft werden.

www.medien-doktor.de

Lese:Tipps

Holger Wormer, Michael Dietz: „Endlich Mitwisser!“ (KiWi 2011), 8,95 Euro.

Michael Bechtel, Volker Thomas: „Schreiben über Technik“ (UVK 2011), 24,90 Euro.

Siegfried Quandt, DFJV (Hrsg.): „Fachjournalismus. Expertenwissen professionell vermitteln“ (UVK 2010), 29,90 Euro.

CD-ROM „Natur und Wissenschaft 1993-2009. Wissenschaftsberichte aus der FAZ“ (FAZ-Archiv 2009), 29,90 Euro.

Veranstaltungen:tippS

Konferenz für Wissenschaftsjournalismus „Wissenswerte“

21. bis 23. November 2011, Bremen

www.wissenswerte-bremen.de

6. Deutscher Fachjournalistenkongress

28. Oktober 2011, Berlin

www.fachjournalistenkongress.de

Seminare für Fachjournalisten, gebündelt vom DFJV:

www.journalistenkolleg.de/weiterbildungsuebersicht.html

Erschienen in Ausgabe 04+05/2011 in der Rubrik “Special” auf Seite 76 bis 76 Autor/en: Anne Haeming. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.