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Medien und Beruf

Fans als Finanziers

Von Ulrike Langer

Warum Crowdfunding neue Chancen für Journalisten bietet, innovative Projekte unabhängig von Medienunternehmen zu verwirklichen.

„Überfinanziert“ – das ist das erlösende Wort, das jeder gerne hören möchte, der ein journalistisches Projekt bei einer Crowd-funding-Plattform einstellt und hofft, dass sich genügend finanzielle Unterstützer finden. Das ist schon bei klassischen journalistischen Paid-Content-Angeboten im Netz nicht einfach. Doch beim Crowdfunding ist die Herausforderung noch viel größer. Denn bei dieser Finanzierungsform geht es darum, Nutzer von einem Konzept und dem Kopf (oder den Köpfen) dahinter so sehr zu überzeugen, dass sie bereit sind, schon im Vorfeld für ein noch nicht existierendes journalistisches Produkt zu bezahlen.

Noch hat sich in Deutschland, Österreich und der Schweiz keine eigene journalistische Crowdfunding-Plattform etabliert, die meisten journalistischen Fundingprojekte werden hierzulande bei der Plattform „Startnext“ eingestellt, die kreative Projekte aus vielen Branchen versammelt. Das schon im Sommer 2011 vom Schweizer Medienunternehmer Stefan Hertach angekündigte journalistische Finanzierungsportal mediafunders.net ist bisher über eine Startseite im Netz nicht hinausgekommen. „Die Lücken in der Publikationslandschaft werden von den meisten Lesern noch nicht als so schmerzlich empfunden, dass sie durch kollektive Vorfinanzierung dagegen angehen“, glaubt die Übersetzerin, Lektorin und Autorin Andrea Kamphuis. Sie gehört zu den Pionieren, die es trotzdem wagen: Mit ihrem gemeinsam mit zwei Partnern gegründeten Verlag „Kraut Publishers“ will sie crowdfinanzierte übersetzte Bücher herausbringen.

Denn es mehren sich die Anzeichen, dass das wirtschaftliche und publizistische Konzept der Vorfinanzierung durch Nutzer allmählich auch in den DACH-Ländern relevant wird. In diesem Jahr stieg das Volumen crowdfinanzierter kreativer Projekte rasant. Etwas über eine halbe Million Euro kamen laut Crowdfunding-Monitor im III. Quartal 2012 auf den fünf im deutschsprachigen Raum maßgeblichen Crowdfunding-Plattformen für 153 erfolgreiche Projekte zusammen. Dies sind 30 Prozent mehr als im Vorquartal und mehr als eine Verdreifachung gegenüber dem gleichen Quartal des Vorjahres.

Nische mit Wachstum

„Die großen Summen in der Finanzierung der Kreativwirtschaften werden in Deutschland und auch international über Verwertungsgesellschaften und große Medienunternehmen bewegt“, sagt Karsten Wenzlaff, Gründer und Gesellschafter des Instituts für Kommunikation in sozialen Medien „ikosom“ in Berlin. Sein Institut beobachtet den Crowdfunding-Markt, vergleicht die Plattformen und veranstaltet Workshops, an denen auch Journalisten und Autoren teilnehmen. Crowdfunding ist laut Wenzlaff derzeit „immer noch ein Nischenthema, aber wenn man die Anzahl der Projekte und der Unterstützer als Maßstab nimmt, bewegt es sich sehr schnell raus aus dieser Nische“. Grundsätzlich sieht der Crowdfunding-Experte außer der Anzahl der potenziellen Geldgeber und dem kleineren Sprachraum keinen kulturellen Unterschied zwischen den Geldgebern im angloamerikanischen Raum und dem deutschsprachigen oder europäischen Raum. „Es wird zwar immer vermutet, dass in den USA das Charity-Potenzial größer sei, weil dort viele kulturelle Projekte von privaten Mäzenen getragen werden, aber in Bezug auf Crowdfunding gibt es keinerlei Daten, die darauf hinweisen, dass Deutsche weniger als Amerikaner für Crowd-funding zu begeistern sind.“

Für deutschsprachige Journalisten wird Crowdfunding gerade jetzt auch deshalb interessant, weil es inzwischen einige erfolgreiche journalistische Beispiele gibt, die als modellhaft gelten. Das deutsch-österreichische Start-up „Newsgrape“ konnte im Sommer 2011 seinen Social News Reader nach einer erfolgreichen Kickstarter-Kampagne starten. Das Lifestyle-Magazin „Päng“ erzielte per Crowdfunding im Frühjahr 2012 nicht nur die Anschubfinanzierung, sondern auch viel Aufmerksamkeit.

Das gilt erst recht für das Projekt von Dirk von Gehlen, Leiter „Social Media/Innovation“ bei der „Süddeutschen Zeitung“. Er stellte sein geplantes Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ am 22. Oktober 2012 bei Startnext vor. Schon nach fünf Tagen hatte von Gehlen die erbetene Summe von 5.000 Euro beisammen, 60 Tage hätte er dafür Zeit gehabt (s. Interview S.46).

Ein weiteres journalistisches Projekt, die von der „taz“ und der Multimediaagentur 2470media koproduzierten „berlinfolgen“, wurde nach zunächst zähem Start 2011 doch noch erfolgreich finanziert (startnext.de/berlinfolgen). Die „taz“ hatte angekündigt, die beliebte Fotofilmserie nach der ersten Staffel mit 52 Folgen finanziell nicht mehr alleine stemmen zu können. Dank beharrlicher Eigenwerbung in sozialen Netzwerken (s. Kasten „Erfolgsstrategien“ S. 47) und dem Rampenlicht dank Grimme Online Award im Juni stand der Zähler Ende August dann doch bei 14.600 Euro (13.000 Euro sollten es mindestens werden). Damit können nun weitere 52 Porträts über interessante und ungewöhnliche Berliner Bürger produziert werden.

Oft vergehen Monate zwischen den Vorbereitungen für eine Finanzierungskampagne und der Verwirklichung des Projekts. Das gilt selbst für Durchstarter. Das neue Online-Magazin „Matter“ für lange Reportagen und Essays war im März 2012 schon nach wenigen Tagen finanziert, startete aber erst im November. Diese Zeitdauer ist eine deutliche Hürde, die sich nicht einfach beseitigen lässt. „Viele Leser erwarten beim Journalismus ‚instant gratification‘: jetzt zahlen – sofort lesen“, sagt Andrea Kamphuis. Wegen des großen Aufwands, den man für eine Kampagne betreiben muss, sei Crowdfunding vor allem für aufwendige Reportagen oder Sachbücher geeignet, die monatelange Recherchen und Strukturierungsarbeit erfordern. Bei solchen Projekten müssten die Unterstützer aber lange auf das Produkt warten. Auch Kamphuis’ eigenes Projekt, der Verlag Kraut Publishers, liegt weit hinter dem Zeitplan, denn bei den lizenzgebenden Verlagen herrscht noch großer Aufklärungsbedarf in puncto Crowdfunding.

Einig sind sich die Experten, dass Crowdfunding sicher nicht die Marktrelevanz klassischer Journalismusfinanzierung erreichen wird. Crowdfunding bringe aber „Dynamik und Optionen in einen doch relativ innovationsscheuen Medienmarkt, insbesondere für Journalisten, die Lust haben, einfach etwas Neues auszuprobieren“, glaubt Karsten Wenzlaff. Für besonders spannend hält er Crowdfunding dann, wenn die Nutzer nicht nur bei der Finanzierung, sondern per Crowdsourcing auch bei der Recherche und Inhalte-Aggregation mithelfen. Das könnte sich vor allem bei aufwendigen datenjournalistischen Projekten lohnen.

Ulrike Langer

ist freie Journalistin in Seattle und Mitglied der „medium magazin“-Redaktion.

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Erschienen in Ausgabe 12/202012 in der Rubrik „Medien und Beruf“ auf Seite 44 bis 44 Autor/en: Ulrike Langer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.