Archiv » 2013 » Ausgabe 03/2013 »

Medien und Beruf

Brüderle im Lokalen

Von Katy Walther

Der „Stern“ erntete heftige Kritik für seine Brüderle-Berichte. Wie sich dagegen Lokalzeitungen dem Thema widmeten – und sich einen Kampagnenvorwurf ersparten. Beispiele von der Basis.

415 Facebook-Kommentare zum stern.de-Beitrag „Heiter bis zotig“, der Laura Himmelreichs Brüderle-Porträt „Der Herrenwitz“ im „Stern“ Nr. 5/2013 anmoderierte. 556 Facebook-Kommentare zur anschließenden Erklärung von Chefredakteur Thomas Osterkorn an die Kritiker des Magazinbeitrags. Das Porträt des FDP-Spitzenkandidaten hat hohe Wellen geschlagen und sich für das Magazin zur Medienaffäre ausgeweitet. „Kampagnenjournalismus“, „Tabubruch“, „billige Auflagenschinderei“ waren nur einige der Vorwürfe, die dem „Stern“ von seinen Lesern gemacht wurden (ein paar beispielhafte Kommentare siehe Kasten rechts).

Wie aber sind Regionalzeitungen mit den „Stern“-Veröffentlichungen und der sich anschließenden Sexismus-Debatte umgegangen? Mussten auch sie sich gegen Kampagnen-Vorwürfe wehren oder war das Thema für die Zeitungsleser gar weniger wichtig als für die Medien selbst? Stefan Kläsener, Chefredakteur der „Westfalenpost“ (WP) erinnert sich: „Die Brisanz des Themas war uns schnell klar, als sich die Himmelreich-Geschichte an einem Mittwoch ankündigte und an einem Donnerstag erschien. Und brisant heißt ja immer auch: Das wird jetzt kontrovers! Die Leserreaktionen spiegelten das sofort wider, denn natürlich wurde uns Medien gleich wieder eine Kampagne und eine Hetzjagd unterstellt.“

Für die WP-Redaktion stellte sich damit die Frage des eigenen Umgangs mit dem Thema. Und die Marschrichtung war nach einigen Diskussionen klar: die „Stern“-Veröffentlichungen in Kommentaren kritisch hinterfragen, das Sexismus-Thema jedoch unabhängig davon alltagsnah und ja, auch selbstkritisch für die Leser aufbereiten. So kommentierte Chefkorrespondent Miguel Sanches am 25. Januar auf der WP-Politikseite: „Zur Wahrheit gehört auch, dass einige Redaktionen gern attraktive Journalistinnen ins Testosteron-übersäuerte Milieu entsandten; wohl nicht nur wegen des weiblichen Blickes auf die Politik.“ Und weiter: „Eine Journalistin, die mit dem damaligen Kanzler Willy Brandt ein Verhältnis hatte, musste nach jedem Schäferstündchen zum Rapport zu ihrem Büroleiter., Vor der Tür lauerten so manche Kollegen, auch ich, spitzten die Ohren bis zur Halsstarre‘, erinnert sich der Korrespondent Reimar Oltmanns. So war das, früher beim, Stern‘.“ An Beiträgen zur Sexismus-Debatte fanden sich in der „Westfalenpost“ u. a. das Umfrageformat „Frage des Tages“ („Muss das Verhältnis der Geschlechter neu geordnet werden?“), Hinweise auf Diskussionsveranstaltungen zum Sexismus-/Gender-Thema in der Region (u. a. mit der konservativen Journalistin Birgit Kelle), ein Beitrag mit einer Gender-Forscherin und Praxistipps zum SMS-Flirt unter der Überschrift „Besser als Brüderle“ auf der „Leben“-Seite. Das Miteinander von Männern und Frauen in der Gesellschaft hat die „Westfalenpost“ auch in Zukunft auf der Agenda: „Das Thema Mann und Frau ist zu ernst, um es anekdotisch über die Plumpheiten eines Spitzenpolitikers abzuarbeiten (und dann über Tage auszuwalzen)“, sagt Kläsener. „Daher: Wiedervorlage für ruhigere Tage.“

Sind Chefredakteurinnen das Thema anders angegangen? Die „Ludwigsburger Kreiszeitung“ hat die Sexismus-Debatte wie jedes andere relevante Thema abgebildet, erklärt Chefredakteurin Ulrike Trampus: „Wir haben das Thema nicht besonders hochgezogen, aber auch nicht klein gehalten, uns hauptsächlich aus Agenturmaterial bedient und eine Analyse unseres Berlin-Korrespondenten abgedruckt. Es gab nur einen Leserbrief. Das Thema hat unsere Leserinnen und Leser nicht sonderlich berührt, vielmehr fanden sie die Sexismus-Debatte überzogen.“ Das bestätigte der Redaktion auch eine Online-Umfrage mit 90 Teilnehmern, abgebildet auf Seite 3: Demnach sahen 20 Prozent der Befragten die Debatte als gerechtfertigt an. 80 Prozent der Leser bewerteten sie hingegen als völlig überzogen.

„Wir hatten eine Reihe von Beiträgen zur Sexismus-Debatte im Blatt“, berichtet wiederum Isabell Funk, Chefredakteurin des „Trierischen Volksfreund“ (TV). „Unsere Korrespondenten aus Berlin und Mainz haben sich der Thematik mehrfach angenommen: u. a. in Analyse-Form unter dem Tenor, Wenn Politiker und Medien sich zu nahe kommen‘. Ich selbst habe während eines Wortlaut-Interviews mit der rheinland-pfälzischen Oppositionsführerin Julia Klöckner (CDU), die ja bekanntlich eine Landsfrau von Rainer Brüderle ist, die Sexismus-Frage gestellt. Auf lokaler Ebene kam das Thema aus Sicht einer Gleichstellungsbeauftragten zur Sprache. Daneben gab es noch einige Wasserstandsmeldungen von dpa.“

Trotz breiter Aufarbeitung waren die Leserreaktionen beim TV dürftig. Sehr zur Verwunderung der Redaktion: „Obwohl wir eine sehr kommentierfreudige Leserschaft haben, die Zahl der Briefe in den letzten Monaten signifikant gestiegen ist, erreichten uns zu diesem Thema gerade mal drei Zuschriften“, erzählt Funk.

Ähnliches berichtet auch Chefredakteur Joachim Braun vom „Nordbayerischen Kurier“: „Den Kampagnenvorwurf, mit dem wir immer wieder konfrontiert sind, gab es diesmal nicht. Auch Leserreaktionen nur wenige. Nicht mal den Vorwurf, wir würden unwichtiges Zeug unnötig aufwerten. Das ist fast beängstigend gewesen. Die Oberfranken haben die Anzüglichkeiten des Herrn Brüderle einfach nicht wirklich interessiert.“

Kontroversen in der Redaktion

Die Herausforderung für die Redaktion bestand nach Brauns Angaben darin sich zu überlegen, wie stark sich das Thema lokal herunterbrechen lässt.

Am Ende entschieden sich die Zeitungsmacher neben Agenturtexten für Kommentare, Interviews mit örtlichen Politikern und Gleichstellungsbeauftragten, eine Twitter-Auswertung und eine Straßenumfrage zur Brüderle-Affäre auf „kurier.tv“ (http://tiny.cc/gnlktw). Einhellige Meinung der Passanten in Bayreuth: Brüderle hat sich respektlos verhalten.

Interessant war für Redaktionschef Braun eine Kontroverse innerhalb der Redaktion, „inwieweit wir selber Geschlechterunterschiede transportieren, zum Beispiel indem wir bei Frauen in Politik und Wirtschaft gerne auf das Aussehen abheben (was vielfach die Kolleginnen tun)“. Ganz persönlich hätte sich der Chefredakteur für sein Blatt eine Geschichte im Stil von „Wir haben abgetrieben“ gewünscht, in der Kolleginnen aus Redaktion und Verlag über ihre Erfahrungen mit Sexismus berichten. Doch die Kolleginnen wollten nicht. Nicht weil es an Begebenheiten gemangelt hätte, wie der anonymisierte Ersatzartikel „Von Gaffern, Grapschern und blöden Sprüchen – Kurier-Mitarbeiterinnen berichten“ zeigt, sondern weil die Scham der Betroffenen auch unter den Journalistinnen immer noch überwiegt. Kein Einzelfall, wie auch aus anderen Regionalredaktionen zu hören war. Hinzu kam das oft gehörte Argument: „Selbst wenn ich das anonymisiere, ist derjenige hier doch schnell identifiziert. In der Region kennt doch jeder jeden – und als Journalistin muss ich doch morgen wieder mit denselben Personen arbeiten. Wie soll das dann gehen?“

Dreigeteilter Tenor

Über Agenturmaterial und die politische Hintergrundberichterstattung ihrer Berliner Korrespondentin hinaus großflächig und beispielhaft eigene Akzente gesetzt hat die „Rhein-Zeitung“ (RZ). Zwölf Kommentare von sieben Redakteurinnen und fünf Redakteuren erschienen auf einer Doppelseite, „die in ihrer bewusst gewählten Meinungsvielfalt aus unterschiedlichen Perspektiven gar nicht erst den Anschein einer einseitigen Kampagne erwecken konnte“, wie Chefredakteur Christian Lindner findet. Ebenfalls auf der Seite zu lesen war eine Entgegnung auf die „Stern“-Veröffentlichung von Volontärin Stefani
e Helsper, wie Laura Himmelreich ebenfalls 29 Jahre und Politikjournalistin, die sagt: „Herrenwitze sind nicht das größte Übel.“ Eine Sonderseite von Digitalchef Marcus Schwarze über Reaktionen im Netz via Twitter und Facebook und eine weitere Sonderseite mit Beiträgen der RZ-Korrespondenten in Washington, Moskau, Paris und London über die internationalen Aspekte der Sexismus-Debatte rundeten die Berichterstattung ab. Leserzuschriften, von denen es bei der RZ eine Menge gab, wurden auf einem der prominentesten Plätze im Blatt, auf Seite 2, veröffentlicht. „Den Vorwurf einer Kampagne haben wir bzw. unser Leseranwalt in dieser Form nicht zu hören bekommen“, resümiert Lindner. „Der Tenor der Zuschriften war dreigeteilt in:, Man(n) wird doch noch einen Witz machen dürfen‘,, Hat die Zeitung über nichts Wichtigeres zu berichten?‘ und, Gut, dass endlich über das Thema Sexismus im Alltag geredet wird‘. Generell fiel auf, dass die Leser von Beginn an gut über den Fall informiert waren, sich nur ganz wenige in Stammtisch-Manier äußerten und sich die große Mehrheit, im Gegensatz etwa zur Affäre Wulff, ein kritisch-differenziertes Bild über die vermeintliche, Affäre Brüderle‘ gemacht hat.“

Kritische Gegenfragen

Wenn Peter Stefan Herbst, Chef der „Saarbrücker Zeitung“ (SZ), erklärt: „Wir haben das Thema mehrfach in der Chefredaktion und in der Redaktionskonferenz diskutiert. Dabei wurde nicht nur das Verhalten von Brüderle, sondern auch das der, Stern‘-Autorin, der, Stern‘-Chefredaktion und die Aufbereitung anderer überregionaler Medien kritisch angesprochen. Dies fand auch Eingang in die Kommentierung und Analyse“, ist das schlichtweg untertrieben. „SZ“-Vize Bernard Bernarding hat in zwei bemerkenswerten Kommentaren („Wahrlich, keine Sternstunde. Der Fall Brüderle oder: Schlingert der Journalismus in die Krise?“, (SZ, 25. Januar), und „Warum sich der, Stern‘ entschuldigen sollte. Von Brüderle, Sexismus und der Doppelmoral der Gesellschaft“, (SZ, 4. Februar) dem „Stern“ nämlich nicht nur schlechten Journalismus bescheinigt, sondern der ganzen Branche eine Krise attestiert, die sich in der Berichterstattung zu Brüderle, aber auch über Wulff und Steinbrück offenbare: „Jetzt arbeiten sie sich beim Aufpumpen von Petitessen an SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück ab. Oder eben an Brüderle, der mit seinen 67 Jahren, wie es beim, Stern‘ heißt,, aus der Zeit gefallen‘ sei. Welch ein Verständnis von Anstand und Moral. Soll das etwa heißen, bei einem knackigen Jungpolitiker wäre alles halb so schlimm gewesen?“, fragt Bernarding und meint: „Es wird Zeit, dass sich die Journalisten … mal wieder mit ihrem Selbstverständnis beschäftigen. Wir kennen die Missstände des britischen Gossen-Journalismus, der sogar zu kriminellen Auswüchsen geführt hat. Wenn sich die Tendenz zur Skandalisierung fortsetzt, droht auch der deutsche Journalismus (noch weiter) abzugleiten.“

Aber auch die „furchtbare Doppelmoral der Gesellschaft“ kritisiert Bernarding, indem er fragt, ob Sexismus nur dann schlimm, wenn man selbst davon betroffen sei: „… jenseits dieses journalistisch anrüchigen Falles lohnte es durchaus, mal grundsätzlich darüber nachzudenken, warum Sexismus in unserer Gesellschaft verwurzelt ist. Als Generator insbesondere von Werbewirtschaft und Medien, die ohne Sex gar nicht mehr auszukommen glauben. Einer Gesellschaft übrigens, die verschämt (oder unverschämt?) wegschaut, wenn Kinder und Jugendliche mit einem Tastendruck ungestört durch die schmutzige Welt der Pornografie surfen. Einer Welt, in der Frauen nicht mit dem bourgeoisen Charme beschickerter Gockel angemacht werden, sondern in perverser Form als, Gebrauchsgegenstand‘ – und sich kein Schwein darum schert …“ Es gab auch kritische Leserbriefe zur Aufbereitung der Brüderle-/Sexismus-Debatte durch die SZ. Ein Kampagnenvorwurf wurde den Saarbrückern, wen wundert’s, nicht gemacht.

Katy Walther ist Redaktionsmitglied von „medium magazin“ und freie Journalistin.

redaktion@mediummagazin.de

Erschienen in Ausgabe 03/202013 in der Rubrik „Medien und Beruf“ auf Seite 30 bis 30 Autor/en: Katy Walther. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.