Nachrichten rund um die Uhr

ZDF-Intendant Markus Schächter schlägt seit einigen Monaten deutlich neue Töne an: Sein Wortschatz ist vor allem von medientauglichen Formulierungen geprägt wie „Wir führen das ZDF in das digitale Zeitalter “ oder gerne auch „Unser Archiv ist ein Schatz in der digitalen Zukunft des Fernsehens“. Und so rüstet das „Zweite“ seitdem mächtig auf. Auf dem Mainzer Lerchenberg entsteht beispielsweise gerade für 17 Millionen Euro ein neues Nachrichtenzentrum. Neben einem neuen, größeren und für multimediale 3-D-Präsentationen gerüsteten „heute“-Studio wird der Bau spätestens Ende nächsten Jahres auch ein zweites Studio „N“ (für Nachrichten) bereithalten. Wofür? Um noch mehr Programm zu machen – und das eben zusätzlich zu dem Angebot des Hauptprogramms, dem klassischen Fernsehen also.

Mehr Unabhängigkeit. Wenn der neue Leiter der ZDF-Hauptredaktion „Aktuelles“, Elmar Theveßen, sagt, sein Sender wolle „im Grunde genommen den Menschen bald seriöse Information zu jeder Zeit verfügbar machen“ (siehe Interview Seite 20 ff.), dann meint er konkret: Die Nachrichtenredaktion soll zusätzliche Formate für das Internet und den bisher weitgehend ungenutzten Digitalkanal ZDF.info produzieren. Das Ziel: Der Zuschauer soll unabhängig vom starren Raster des Hauptprogramms jederzeit auf frische Nachrichtensendungen zurückgreifen können. „Zeitsouveräne Nutzung“ heißt das im Fachjargon.

Möglich wird das alles durch neue, erst seit einigen Jahren etablierte digitale Produktionseinheiten. Was denkbar ist, wenn alle Beiträge und aufgezeichneten Korrespondentengespräche einer Sendung nicht mehr auf Bändern, sondern auf zentralen Servern bereitgehalten werden, führt die ARD bereits täglich vor. Ihr digitaler Informationssender „EinsExtra aktuell“ strahlt nämlich bereits werktäglich vier Stunden Nachrichten aus – von 18 bis 19 Uhr sog seit bald zehn Jahren ar eine volle Stunde am Stück und das völlig unabhängig von der „Tagesschau“. Dieses Angebot sieht schon sehr nach einem Nachrichtensender aus: Ein Nachrichtenlaufband, Moderationen zwischen den Beiträgen und – angelehnt an diverse Infokanäle des ARD-Hörfunks – zu jeder Viertelstunde ein knapper Nachrichtenüberblick sorgen dafür, dass sich der Zuschauer in einem Nachrichtenprogramm wiederfindet. Produziert wird das ganze übrigens von der „Tagesschau“-Redaktion „ARD Aktuell“ in Hamburg.

Konkurrenz-Konstellation. Von einem Nachrichtensender wollen ARD und ZDF allerdings lieber nicht sprechen. Denn für die privaten Sender n-tv (RTL) und N24 (ProSiebenSat.1) wäre ein öffentlich-rechtlicher Konkurrent eine Horrorvorstellung. Ohne Frage würden sie über ihren Dachverband VPRT Sturm laufen und auf Wettbewerbsverzerrung klagen. Entsprechende Drohungen häuften sich in den vergangenen Monaten.

Damit es nicht so weit kommt, verzichten die digitalen Infokanäle – ob bereits eingeschränkt auf Sendung oder nur auf dem Papier – auf die Live-Übertragung von Pressekonferenzen, Großereignissen oder auch auf Schalten mit Korrespondenten. Das ZDF beteuert, zur Abgrenzung auch Wiederholungen von Dokumentationen und Magazinen aus dem Hauptprogramm einspeisen zu wollen. So wichtig dürften Liveübertragungen und Schalten für die Infokanäle aber ohnehin nicht sein. Darauf hat sich nämlich bereits seit zehn Jahren der von ARD und ZDF gemeinsam betriebene „Ereignis- und Dokumentationskanal“ Phoenix spezialisiert.

Öffentlich-rechtlicher Ausbau. Anfang Juni wird der ZDF-Fernsehrat über den Ausbau des Info-Kanals entscheiden. Noch in diesem Sommer sollen sich auch die Gremien der ARD mit einem bereits geplanten Ausbau von „EinsExtra aktuell“ befassen, heißt es jedenfalls im Haus. Und zusätzlich zu den Digitalkanälen werden auch die Internetauftritte der Sender erweitert: Das ZDF will die Hälfte seines Programms für mindestens sieben Tage als Stream ins Netz speisen und baut dafür sein Online-Tool „Mediathek“ aus, das auch von Internetfähigen TV-Geräten oder videotauglichen Mobiltelefonen angewählt werden kann. Und auch die ARD, die sich mit raschen Weichenstellungen als Gremien-Haufen naturgemäß etwas schwerer tut, will spätestens zur nächsten Internationalen Funkausstellung Ende August in Berlin ein Pendant der „ZDF Mediathek“ vorstellen und fortan mehr TV- und Radioinhalte auf Abruf ins Netz stellen. Werbewirksam hat das ZDF übrigens damit begonnen, einzelne Sendungen bereits vor Erstausstrahlung online zu stellen.

Was „Web first“ im Nachrichtengeschäft heißt, zeigt sich ebenfalls am Format „EinsExtra aktuell“. Dessen 100-sekündige Kurznachrichten, die zu jeder Viertelstunde über den Sender gehen, werden im Internet als sogenanntes „Video on Demand“ ausgestrahlt. Natürlich ist es auch möglich, bereits für die 20-Uhr-Ausgabe bereitliegende Stücke nicht nur vorab in einen anderen Sender, sondern auch ins Netz zu speisen. Und weil es für die Bestückung zusätzlicher Kanäle mit ohnehin von einer übergreifenden Redaktion bestellten Beiträgen statt des Aufbaus eines völlig neuen Senders nicht einmal einer Handvoll zusätzlicher Redakteure bedarf, müssen ARD und ZDF noch nicht einmal mit nennenswerten Ausgaben rechnen. Von neuen Studios einmal abgesehen.

Erschienen in Ausgabe 6/2007 in der Rubrik „Titel“ auf Seite 24 bis 25 Autor/en: Daniel Bouhs. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.