Die Angst ist zu groß!

Nie wurde in Deutschland so viel über Menschen mit so- genanntem „Migrationshintergrund“ berichtet wie seit dem 11. September 2001. Themen aus diesem Bereich lassen sich inzwischen besser „verkaufen“ als zuvor. Und eigentlich könnten wir froh sein, dass nun auch ein mediales Interesse vorhanden ist. Medien könnten eine Hilfe dabei sein, Gräben zwischen Ethnien, Kulturen und Religionen zu erklären und bei deren Überwindung zu helfen. Das tun sie mehrheitlich auch: So sind die meisten Medien extrem um Aufklärung und Differenzierung bemüht und erledigen ihre Job sehr gut. Doch statt die positiven Entwicklungen bei der Berichterstattung zu se- hen, statt zu registrieren, dass endlich viele Tabus auch in den Medien gefallen sind, wird von mulitikulti-orientierten Politikern und Migrantenorganisationen gerne verallgemeinernde Medienschelte betrieben, weil der eine oder andere Ton nicht politisch korrekt genug sei.

Natürlich ist es abzulehnen, wenn durch publizistische Äußerungen Fronten geschaffen oder verhärtet werden, wenn durch entsprechende Berichterstattung Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile geschürt oder befördert werden. Aber ist die Berichterstattung in Deutschland wirklich so einseitig gefärbt, wie von politisch motivierter Seite gerne behauptet wird? Nein, die Themen mit sogenanntem Migrationshintergrund werden in der Regel doch eher mit Samthandschuhen angefasst, als dass klare Worte getroffen werden. Die Angst, als Rassist oder Ausländerfeind zu gelten, ist zu groß. Es wird rumgeeiert und vorauseilend tausendfach der Kniefall geübt, wenn ein Deutscher wagt, über eine andere Kultur kritisch zu berichten. Archaisch patriarchale Themen wie Zwangsheirat und Ehrenmorde werden in den Medien oft wegdifferenziert und zu „arrangierten Ehen“ und „Eifersuchtsdramen“ runtergeschrieben. Unterm Strich bleibt der Eindruck, dass wir eigentlich keinerlei Probleme haben.

Nur wenn es um Straftaten geht, traut man sich mehr. An dieser Stelle existiert tatsächlich eine Schieflage. Wenn es um Straftaten geht, scheut sich kaum einer, vom türkischen oder muslimischen Täter zu schreiben. Ist das schlimm? Ja. Das ist schlimm, wenn es keinerlei Sachbezug gibt, wenn die ethnische oder sonstige Zugehörigkeit in keinem Zusammenhang zur Tat steht und der Leser/Zuschauer diese Information nicht benötigt. Insofern ist Ziffer 12 des Pressecodex richtig und zeitgemäß. Es ist aber auch deshalb schlimm, weil an anderer Stelle der Mut fehlt, klare Position zu beziehen zu Problemen beim Zusammenleben der Kulturen. Es ist auch schlimm, weil der Grund der expliziten Nennung der ethnischen etc. Herkunft selten thematisiert wird. Dann wirkt der publizistische Umgang nachgerade berechtigterweise als fremdenfeindlich.

Es gibt aber Straftaten, bei denen es nicht nur erlaubt ist, sondern aus publizistischer und gesellschaftspolitischer Sicht und Verantwortung unbedingt erforderlich ist, den Hintergrund des Täters zu erwähnen. Selbstverständlich gilt in solchen Fällen das Credo „der Ton macht die Musik“. Wenn über Zwangsheirat und Ehrenmorde, wenn über Gewalt von rechtsextremistischen Deutschen gegenüber Deutschländern und Gewalt von Deutschländern gegenüber Deutschen zu berichten ist, sollten die Protagonisten und die Hintergründe der Tat so genau wie möglich bezeichnet und beschrieben werden, weil dies einen großen Beitrag zur Diskussion um das friedliche Zusammenleben in unserer multikulturellen Gesellschaft darstellt. Nur, wenn wir wissen, dass es Fronten gibt und was die Parteien trennt, können wir an deren Abschaffung arbeiten. Dabei sollten Begriffe wie Ausländer, Migranten oder Menschen mit Migrationshintergrund jedoch langsam aus dem Sprachgebrauch verschwinden. Die Medien könnten hierbei helfen. Schließlich handelt es sich bei Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund nicht selten um Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft, die das Land, dem sie nach Herkunft und Aussehen zugeordnet werden, kaum kennen. Wenn wir wollen, dass Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund Deutschland als ihre Heimat annehmen, dann müssen wir anfangen, einen anderen Begriff zu benutzen: „Deutschländer“ in sprachlicher Anlehnung an „Engländer“ wäre eine Alternative – ein guter Arbeitstitel auf dem Weg zu einer einheitlichen Bezeichnung für alle Menschen, die in Deutschland leben. Und wer dabei jetzt an die gleichnamige Würstchenmarke denkt, dem könnte man in Anlehnung an deren Werbeslogan antworten: „Das Beste, was Deutschland zu bieten hat“

Lesetipp:

Seyran Ates: „Der Multikulti-Irrtum“, Ullstein Buchverlage, Oktober 2007

Erschienen in Ausgabe 3/2008 in der Rubrik „Standpunkt“ auf Seite 57 bis 57 Autor/en: Seyran Ates. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.