„Journalisten denken mir oft zu konservativ“

Sie sind Astronom mit eigener Sternwarte. Werden Sie uns in Ihrem neuen ARD-Format „Wissen vor 8“ in zwei Minuten die Sterne erklären?

Ranga Yogeshwar: Nicht nur, doch es gibt auch „astronomische“ Themen. Ich werde Ihnen zum Beispiel in der ersten Staffel erklären, woher das Croissant seine Form hat.

Was hat das mit den Sternen zu tun?

Es hat damit zu tun, dass das Croissant eigentlich nicht aus Frankreich stammt, sondern aus Österreich. Während der Belagerung Wiens durch die Türken im 17. Jahrhundert versuchten die Belagerer einen Tunnel unter der Stadtmauer zu graben. Ein Bäcker hörte des Nachts die unterirdischen Arbeiten und schlug Alarm. Wien wurde gerettet. Als Hommage wird seitdem der Türkenkipferl gebacken in der Form des türkischen Halbmonds. Marie Antoinette bringt das Kipferl nach Frankreich, dort wird es dann Croissant genannt. Das Wort stammt von „la lune croissante“ ab, dem zunehmenden Mond. Aber auf der türkischen Fahne ist es ein abnehmender Mond. Je nachdem, wie man es wendet, ist es also ein Croissant oder ein Kipferl! Ist das nicht eine hübsche Geschichte? Es gibt auch andere Erklärungen, aber diese ist am spannendsten und im historischen Archiv in Wien gut belegt. Ich erkläre auch, warum Sterne funkeln, Planeten aber nicht. Oder warum die Mondsichel auf der türkischen, pakistanischen und mauretanischen Fahne gedreht ist, gegenüber der Stellung, die wir vom Himmel über Deutschland kennen, und warum australische Kinder den zu- und abnehmenden Mond genau andersherum lernen als deutsche.

Aber was reizt Sie an der extremen Kürze des Formats?

Ich verstehe das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer noch als Bildungsfernsehen, als Fernsehen der Aufklärung. Es ist eine Herausforderung, in dieser Ritualzeit unmittelbar vor der „Tagesschau“, den Menschen, die sich vor dem Fernseher versammeln, jeden Tag eine Sache zu erklären. Die Kürze hat einen eigenen Charme und ist eine besondere Herausforderung. Ich habe ja auch Kolumnen geschrieben und weiß, dass das hohe Kunst ist. Es ist viel einfacher, einen 15-Minuten-Beitrag zu machen als einen Zwei-Minuten-Beitrag. Der Rechercheaufwand ist allerdings identisch. Für mich liegt der eigentliche Spaß hinter der Kamera beim Recherchieren, Schreiben, Nachprüfen, selber verstehen. Das geht natürlich viel weiter als das, was ich dann im Fernsehen vermitteln kann.

Sehen Sie Analogien zu Wissens-Miniaturen in Print wie z. B. Christoph Drössers Kolumne „Stimmt’s?“ in der „Zeit“ oder „Rätsel des Alltags“ im „SZ-Magazin“?

Die Motivation solcher Kolumnen ist oft eher schmückendes Beiwerk. Drösser hat sich zum Beispiel an der Kolumne „The Last Word“ in der Zeitschrift „New Scientist“ orientiert. Das Fernsehen hat jedoch andere Spielregeln als eine Zeitung. Mit Glück erreiche ich auf Anhieb Menschen, die normalerweise eine solche Zeitungskolumne überspringen würden. Die Herausforderung besteht darin, genau diesen Zuschauern täglich ein Stück ihres Alltags transparenter zu machen.

Wir werden in der ersten Staffel zum Beispiel einen Beitrag über Blutgruppen senden. Blutgruppen sind nicht unbedingt kolumnengeeignet, aber sie sind wichtig. Man sollte schon wissen, welche man hat und welche man von Spendern empfangen darf. Das bekommt man in 2:15 erklärt, aber es ist keine triviale Aufgabe. Dabei muss ich mit allen medialen Mitteln arbeiten, Experimente, grafische Tricks, Requisiten …

Sie arbeiten auch mit Lasereffekten, um Papiermaße zu verdeutlichen, Sie treten einen Haufen Tennisbälle, um Flüchtlingsströme zu symbolisieren. Ist das die Bildsprache, die man heute braucht?

Entscheidend für mich ist der Inhalt. Wenn die Vermittlung besser funktioniert mit einer Animation oder einem starken Bild, so nutze ich diese Möglichkeiten. Ein Effekt ohne inhaltliches Motiv hingegen ist absurd.

Eine Folge „Wissen vor 8“ ist nicht länger als ein Videoclip bei YouTube. Kommt die Kürze dem veränderten Sehverhalten entgegen?

Heutzutage flimmert das Fernsehen oft stundenlang in den Wohnzimmern, aber wenn man sich das Sehverhalten näher anschaut – die Zuschauer gucken eine Sendung in den seltensten Fällen von Anfang bis Ende. Die lassen sich oft gar nicht darauf ein, sich eine Viertelstunde oder eine Dreiviertelstunde mit einem Thema auseinander zu setzen. Die Chance, dass sich ein Zuschauer zumindest zwei Minuten lang konzentriert, ist ganz gut. Auf zwei Minuten lässt ein Zuschauer sich gerne ein, bei einer längeren Betrachtung hingegen verliere ich ihn. In den Printmedien beobachte ich einen ähnlichen Effekt: Eine knappe Übersicht ist zugänglicher als der lange Essay. Das Normalverhalten der Zuschauer geht immer mehr in Richtung Kürze. Die Fernbedienung ist immer unruhiger geworden, denn unsere Gesellschaft zappt immer mehr hin und her.

Welche Konsequenzen hat das Multitasking für Journalisten und Medienmacher? Müssen wir uns darauf einlassen, dass Zuschauer Handy, Laptop und Fernsehen gleichzeitig nutzen?

Das ist schwer zu beantworten. Bei jungen Menschen beobachte ich einen souveränen Umgang mit der Gleichzeitigkeit. Vielleicht stehen wir am Ende der Linearität. Das Denken springt ähnlich den Hyperlinks im Internet. Alleine die enorme Auswahl der Konkurrenzprogramme hat das klassische Erzählen und Erklären völlig verändert. Heutige Zuschauer sind immer weniger bereit, „Durststrecken“ zu durchschreiten. Sie schalten um. Dieses Verhalten ist gut für Gags und zunehmend problematisch für komplexere Betrachtungen. Stellen Sie sich vor, Sie könnten in einer Schulklasse den Lehrer per Fernbedienung abknipsen. Es wäre das Ende der klassischen Lernkultur. Doch das Neue bietet auch eine Chance. Junge Menschen lernen, jedoch anders. Ich glaube, dass wir in den nächsten Jahren einen gewaltigen Wandel innerhalb der Medien erleben werden. Die Möglichkeiten des Internets sind bei Weitem nicht erschöpft. Journalisten denken mir da oft zu konservativ.

Wird Wissen in Deutschland überhaupt genügend geschätzt?

In Deutschland wird Kultur nicht wirklich hoch gehalten. Wir reden zwar gerne von Kultur und es gibt Kulturbeauftragte, aber eine von einer breiten Bevölkerung getragene Euphorie für Kultur mit Stolz auf Errungenschaften ist nicht da. Bei uns zählt mehr, wie viel jemand verdient und welches Auto er fährt. Die Wertschätzung des Nichtmateriellen, des Geistigen ist ziemlich unterentwickelt. Ich vergleiche das mal mit meiner anderen Heimat Indien. Mein indischer Großvater S.R. Ranganathan war ein weltbekannter Bibliothekswissenschaftler. Der lief durch die Gegend wie Gandhi, er hatte Lehraufträge an amerikanischen Universitäten, er verdiente wahrscheinlich ganz gut. Aber er lebte extrem bescheiden. Selbst heute noch gibt es in Indien eine Kultur, die sich nicht nur auf das Materielle beschränkt. Das Geistige und Intellektuelle genießt einen höheren Stellenwert. Auch arm gekleidete, aber weise Menschen werden hoch respektiert, weil eine Kultur existiert, die genau darin noch einen Wert sieht.

Wird die Geringschätzung von Wissen und Kultur hierzulande befördert durch TV-Quotenrenner wie „DSDS“ und „Dschungelcamp“?

Die Lautstärke der Niederungen der Kulturen ist auf jeden Fall aufgedreht worden. Aber vielleicht war das immer schon so. Ich war im Herbst mit meinen Kindern in Rom und musste mit einer gewissen Traurigkeit feststellen, dass das Kolosseum schon 1000 Jahre stand, bevor die erste Universität in Rom ihre Türen öffnete. Vielleicht ist panem et circenses (Brot und Spiele) das ältere Lebensprinzip. Aber damit anfreunden kann ich mich nicht. Ich glaube, dass die Chance einer Gesellschaft darin besteht, dem Leben ein bisschen mehr zu entlocken als profane Lustbefriedigung oder eine Steigerung des Materiellen. Das setzt natürlich voraus, dass Menschen auch die Lust und Freude an der Erkenntnis erleben und schätzen.

Was kann das Fernsehen dazu beitragen?

Wir könnten da im Fernsehen weit mehr leisten. Vielleicht haben wir zu lange ein fal
sches Bild von Kultur und Bildung transportiert. Zu steif, zu trocken und lustlos. Es gibt jedenfalls viele spannende gesellschaftliche Fragen, die trotz all der TV-Kanäle nicht vorkommen. Kultur ist eine gesamtgesellschaftliche Haltung, keine intellektuelle Zwangsfütterung, kein Tribunal des Wissens und auch kein Gefecht unverständlicher Worte. Es ist eine Haltung. Ich höre nie, dass unsere Bundeskanzlerin von einem bestimmten Buch schwärmt oder der Wirtschaftsminister ein Herz für die Musik offenbart. Die Lust am Geistigen muss erlebbar sein für jeden und überall.

Aber wann und wodurch wird das Interesse an Wissenschaft ausgetrieben?

Wir erleben derzeit, dass in der Bildung immer mehr das Utilitaristische durchkommt. Es geht nur um das, was man gebrauchen kann. Mir sagte mal ein junger Mensch: „Warum soll ich denn Geschichte lernen? Die sind doch alle tot!“. Der Erkenntnisgewinn der Wissenschaft wird nicht als Gewinn empfunden. Und gerade die Vermittlung der Mathematik ist natürlich extrem schwer. Viele Lehrer und viele Lehrbücher haben ein Mathematikverständnis, bei dem es nur immer einen einzig und allein selig machenden Weg zur Lösung gibt. Kinder sind aber unglaublich kreativ bei ihren Lösungen. Mathematik ist ein Spiel und etwas, das man immer auch wieder mit dem realen Leben in Zusammenhang bringen kann. Mein 15-Jähriger Sohn fand Zinsrechnung in dem Moment interessant, wo wir uns zu Hause im Internet konkret den Ratenkauf angeguckt haben. Plötzlich merkte er: „Hey, die ziehen dich ja über den Tisch.“ Aber in der Schule wird Mathematik meistens als etwas gelehrt, das muffelig und grau ist und nach nasser Tafelkreide riecht. Kein Wort darüber, warum Sonnenblumenkerne so ästhetisch aneinandergereiht sind. Das ist auch Mathematik, das sind Fibonacci-Reihen!

Kann guter Wissenschaftsjournalismus das Manko ausgleichen?

Er kann es versuchen, aber die Gesamtstimmung muss quer durch die Bevölkerung gemacht werden. Eine Stimmung, bei der der Bundespräsident, die Bundeskanzlerin, der kleine Kommunalpolitiker wie der Popstar aus innerer Überzeugung den Charme des Wissens vorleben. Wir reduzieren in heutigen Medien Wissen auf „Antwort B ist richtig.“ Wir haben viel zu viele Quizsendungen, in denen man dem Moderator geradezu anmerkt, wie unglaublich uninteressiert er an dem Umstand ist, dass Antwort B richtig ist. Es gibt so viele Sendungen, die sich „Wissen“ schimpfen, und sich im Grunde genommen daran beteiligen, eine Entmündigung des Wissens herbeiführen. Nicht nur, dass der Charme fehlt, die Darstellung ist oft auch überzogen. Hören Sie sich mal die Sprache bei Natur-Dokus auch im Öffentlich-Rechtlichen an. Jeder Schritt ist „gefährlich“ und „dramatisch“, alles ist ein „Riesenabenteuer“ und der Erkenntnisgewinn ist dürftig.

Sind Wissenschaftsjournalisten zu unkritisch gegenüber Wissenschaftlern?

Nicht nur gegenüber Wissenschaftlern. Ich wundere mich, wie unkritisch und apolitisch Journalisten überhaupt geworden sind. Die meisten Journalisten haben keine feste Position mehr. Das Denken in naturwissenschaftlichen Kategorien kann sehr hilfreich sein, um überhaupt eine kritische Haltung in der Gesellschaft einzunehmen. Ich greife noch mal das Beispiel Zinsen auf. Wenn Sie in einer Sendung erläutern, was da wirklich passiert – als mathematische Lektion –, dann tun Sie mehr für die Aufklärung, als wenn Sie einen mehr oder weniger unwissenden kritischen Bericht über eine Bank drehen. Wir Journalisten sollten eher den Menschen, und zwar jeden einzelnen, dazu befähigen, mit dem, was er verstanden hat, selbst eine kritische Haltung einzunehmen. Es ist meine Überzeugung von Demokratie: Der Bürger ist mündig und fällt sein Urteil selbst.

Unterliegt Wissenschaftsjournalismus Moden und politischen Stimmungen – vom Waldsterben der 80-er Jahre bis zu den erneuerbaren Energien?

Es gibt überall Moden, sowohl in den Themen als auch in der Machart. Es gab vor einigen Jahren die große Mode des Re-Enactments. Plötzlich wurde der Pyramidenbau mit Abertausenden von animierten Arbeitsameisen nachgestellt. In den 80-er Jahren gab es Naturdokus, die immer mit einem ökologischen Zeigefinger endeten. Jede dieser Sendungen endete damit, dass „auch diese Art aussterben wird, weil wir Raubbau am Planeten betreiben …“. Das war damals wohl ein Muss. Es gibt natürlich auch Moden im Sinne einer Gesamtkultur, in der die Bevölkerung für bestimmte Themen eher sensibel oder unsensibel ist. Vor einem Jahr war die Sensibilität für das Thema „Klima“ plötzlich groß und jeder musste darüber berichten.

Was sollte guter Journalismus in Zeiten von Google und Wikipedia vermitteln?

Google und Wikipedia zwingen uns interessanterweise dazu, noch einmal über Wissen, Information und Erfahrung genauer nachzudenken. Als ich studiert habe, bin ich noch in Universitätsbibliotheken gegangen, habe Bücher bestellt. Eine Recherche war nicht einfach. Und ich glaube, dass genau dieser Prozess des Recherchierens das Ausschlaggebende ist. Je mehr Mühe und Gedanken ich beim Recherchieren investieren muss, umso besser verstehe ich. Die Tatsache, dass wir dieses ständig verfügbare Fast-Food-Wissen haben und eigentlich überhaupt nichts mehr machen müssen, außer bei der Suche ein Stichwort einzugeben, führt dazu, dass wir keinen Bezug mehr zum Wissen bekommen. Ich beobachte das auch bei meinen Kindern. Die gehen auf die Wikipedia-Internetsite, drucken ein paar Seiten aus und meinen, sie hätten damit die Hausaufgabe gemacht.

Linktipp:

Das ausführliche Gespräch mit Ranga Yogeshwar ist komplett nachzulesen unter www.mediummagazin.de, Rubrik download.

Ranga Yogeshwar hat ein Onlinetagebuch mit Texten, Fotos und einem Videostream über eine Nacht in seiner privaten Sternwarte geschrieben. Nachzulesen ist es unter: www.wdr.dt/tv/sendungsbeitraege/2008/0115/004_asteroiden.jsp

Erschienen in Ausgabe 3/2008 in der Rubrik „Beruf“ auf Seite 26 bis 29 Autor/en: Interview: Ulrike Langer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.