Suharto immer noch gefürchtet

Vor wenigen Wochen weigerte sich ein Taxifahrer, mich durch die ruhige Jalan Cendana in Jakartas Villenviertel Menteng zu fahren, obwohl es der kürzeste Weg zu meinem Fahrtziel gewesen wäre. „Die Straße ist verhext“, sagte er. Jeder Indonesier kennt die Adresse Cendana 8, den Wohnsitz des gerade verstorbenen ehemaligen Diktators Suharto. Mehr als 30 Jahre lang herrschte der „lächelnde General“ mit eiserner Militärfaust über das riesige Inselreich Indonesien, bevor ihn sein Volk 1998 zum Rücktritt zwang. Dennoch lenkt das „System Suharto“ bis heute große Teile der indonesischen Justiz und Politik. Trotz unzähliger Menschenrechtsverbrechen und horrender Unterschlagungen staatlicher Gelder kam es nie zu einem Prozess gegen den Ex-Präsidenten. Am 27. Februar verlor der 86-Jährige seinen letzten Machtkampf: den gegen seinen eigenen Körper. Doch anstatt nun auf die Aufklärung von politischen Morden und Korruptionsskandalen zu pochen, lassen die indonesischen Medien „Vater Harto“ als Begründer der Modernisierung des Landes wiederauferstehen. Polit- und Showgrößen wetteiferten mit telegenen Bitten, man möge diesem großen Mann seine Fehler vergeben, damit er Ruhe finde. Denn viele Indonesier fürchten nichts mehr als von den unruhigen Geistern Verstorbener verfolgt zu werden. Nach Suhartos Tod drängten sich daher schweigende Menschenmassen durch die von Edelkarossen und Übertragungswagen verstopfte Jalan Cendana. Ich fragte den Taxifahrer, der mich nach Hause brachte, ob er traurig oder froh sei. Lächelnd schüttelte er den Kopf und sagte: „Tote sollte man ruhen lassen.“

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Erschienen in Ausgabe 3/2008 in der Rubrik „Weltreport“ auf Seite 54 bis 54 Autor/en: Chirstina Schott, Jakarta. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.