Gute Aussicht

* Sie haben elektronisches Papier bereits 2003 als „Zeitungstechnik der Zukunft" bezeichnet. Damals verliefen die Anstrengungen allerdings im Sande. Was ist jetzt anders?

Stephan Mallik: Zunächst einmal die Verfügbarkeit elektronischen Papiers bzw. von Lesegeräten mit dieser Technologie. Lange hat uns die Industrie vertröstet, jetzt sind gleich mehrere renommierte Anbieter präsent, darunter Amazon (Kindle), Sony, Philips, Netronix und demnächst Plastic Logics. Es ist eben dieser Wettbewerb, der hoffen lässt. Denn für alle Anbieter geht es um die Frage, wer zuerst eine nennenswerte Zahl von Produkten unters Volk bringt und somit die sogenannten First-Mover-Advantages bei den weiteren Entwicklungen in diesem Techniksegment auf seiner Seite hat. Daneben hat es eine weitere Mobilisierung und Fragmentierung der Kommunikation und somit Akzeptanz für neue Medienprodukte gegeben. Die Auflagen der meisten deutschen Tageszeitungen sind weiter rückläufig, woraus ein enormes Rezipientenpotenzial für alternative Angebote erwächst und die Preise für drahtlose Datenübertragung – bisher ein echtes Problem für mobile Dienste – sind trotz höherer Übertragungsraten gefallen.

Was macht speziell den Reader von Plastic Logic so interessant?

Plastic Logics ist relativ spät dran, hat aber gute Aussicht, für den Zeitungsmarkt das Rennen der Anbieter anzuführen. Die Gründe sind einfach: ein relativ großes (zeitungsnahes) Format, Gestiksteuerung nach dem Vorbild des iPhones und eine Bluetooth-Schnittstelle. Damit kann der User über sein vorhandenes Handy überall Inhalte empfangen, auf den Reader übertragen und intuitiv nutzen. Die fehlende Farbigkeit stellt sicherlich noch eine Einschränkung dar, jedoch gilt dies für alle Anbieter. Falsch wäre es, die neue Technologie mit oberflächlichen Argumenten als untauglich abzutun. Zum Beispiel wird mit elektronischem Papier oft ein Verlust an Sinnlichkeit des Lesens assoziiert, weil das Umblättern und Rascheln von Papier entfallen. Doch wie wird dieser „Verlust" bewertet, wenn das Produkt im Gegenzug 30 Prozent billiger ist als eine gedruckte Zeitung?

Warum sollten gerade die Mobilfunkanbieter auf den Zug aufspringen?

Tatsächlich scheinen die Mobilfunker das Thema besonders zu lieben – wie die Tests von France Telecom mit „Read & Go" und das Projekt „news4Me" der Telekom zeigen (s. a. Seite 30 f.). Die Mobilfunker haben einen entscheidenden Vorteil: Sie verfügen über die Netze und somit den Zugang zum Rezipienten zum Selbstkostenpreis. Zudem wollen und müssen sie den mobilen Datentransfer als Geschäft der Zukunft pushen, nachdem der Markt für Sprachtelefonie weitgehend gesättigt ist. Im Unterschied zu den etablierten Printverlagen müssen sie sich auch nicht um unbezahlte Zeitungsdruckereien oder die Auslastung von Zustelldiensten sorgen. Dabei können sie versuchen, als Dienstleister der Verlage deren Produkte zu „digitalisieren" oder auch gleich eigene redaktionelle Produkte herstellen. Vielleicht entstehen so im ersten Schritt keine neuen Lokalzeitungen, aber die relativ gute Entwicklung der überregionalen Zeitungen sowie der Zeitschriften lässt erwarten, dass viele Themen auch ohne lokale Berichterstattung funktionieren. Selbst auf Anzeigenmärkte könnte die elektronische Zeitung theoretisch verzichten, denn Anzeigen decken ungefähr den Teil der Kosten einer gedruckten Zeitung (Druckerei, Papier, Transport), die für das digitale Produkt entfallen.

Wird die digitale Zeitung individualisiert sein?

Individualisierung ist ein interessantes Produktmerkmal im Wettbewerb mit der gedruckten Zeitung. Aus der Marktforschung wissen wir, dass viele Rezipienten sich so etwas wünschen, bei der konkreten Umsetzung dann aber doch noch überfordert sind. Hier ist die digitale Zeitung dennoch im Vorteil, weil Individualisierung in einem ersten Schritt eben auch ganz trivial darin bestehen kann, den Sport auf Seite eins zu setzen oder zusätzliche Inhalte nach Kundenwunsch anzuhängen. Umfangsbeschränkungen gibt es kaum, im Prinzip kann eine solche Zeitung eben auch 15 oder 276 Seiten haben.

Welche Entwicklungen in diesem Bereich prognostizieren Sie für die nächsten zehn Jahre?

Die Entwicklung der Zeitung oder Zeitschrift auf elektronischem Papier ist wohl nicht aufzuhalten. Wichtig ist nur, keinen Glaubenskrieg zu führen, sondern ganz pragmatisch das Für und Wider der Technologien abzuwägen. Sowohl die gedruckte als auch die digitale Zeitung haben ihre Vorzüge, der Leser und die Zeit werden über Akzeptanz und Geschäftsmodell entscheiden. Für die technische Ausstattung ist realistisch zu erwarten, dass elektronisches Papier farbig wird und Bewegtbilder zeigen kann. Spätestens dann sind alle Merkmale integrierter Kommunikation gegeben und die Fähigkeiten elektronischen Papiers werden massentauglich.

In einem Forum war unlängst ein spannender Kommentar zu lesen „Wartet nur, bis Apple so ein Teil rausbringt, dann wird es jeder haben wollen."

Ein Demovideo zum e-Papier von Plastic Logic ist abrufbar unter www.plasticlogic.com

Katy Walther ist Redaktionsmitglied von mediummagazin.

Erschienen in Ausgabe 10/2008 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 32 bis 33 Autor/en: Interview: Katy Walther. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.