Training im Web

Kostengünstige Videoproduktion mit der, Flip‘ “ lautet ein zweitägiger Trainingskurs, den die Zeitungsorganisation WAN-IFRA im Oktober im Darmstadt anbietet. Der Preis für die Schulung an der ultraleichten Kamera, dem neuen Lieblingsgadget von Videobloggern, ist jedoch alles andere als kostengünstig: über 1000 Euro. Hinzu kommen die Kosten für die Kaufkamera (rund 200 Euro) für alle Teilnehmer, die keine eigene mitbringen. Wohl der Redakteurin, die einen spendablen und zukunftsorientierten Verleger hat. So sinnvoll und wünschenswert es ist, dass sich möglichst viele Journalisten mit praxisorientierten Multimedia-Kursen für den Wandel von Verlagen zu Multimediahäusern rüsten: Für freie Journalisten sind die wenigen wirklich bedarfs- und zielgruppengerechten Kurzseminare in der Regel unerschwinglich.

Doch zum Glück gibt es kostenlose Alternativen, mit denen man sich mindestens grundlegende Kenntnisse im Alleingang aneignen kann oder Lösungen für konkrete Probleme findet. Kostenfreie Webseminare (“Webinare”) decken vielfältige Themenfelder ab: vom Start eines eigenen Blogs bis zum Feintuning bei Videodrehs für Netz. Es gibt sie als Schritt-für-Schritt-Anleitungen per Text oder Video, als Überblicksfolien in Diashow oder in Form von Blogs, die sich ganz dem Thema Multimedia-Weiterbildung verschrieben haben. Eine der bekanntesten Bloggerinnen auf diesem Gebiet ist die Professorin Mindy McAdams, die an der Universtity of Florida Online-Journalismus unterrichtet. Sie hat ihre 15-teilige Serie “Reporter‘s Guide to Multimedia Proficiency” als Begleitmaterial für ihre Studenten konzipiert, aber die gesamte Serie unter einer “Creative Commons Lizenz” ins Netz gestellt.

Gute Englischkenntnisse sind allerdings Voraussetzung, um Webinare zu nutzen, denn die besten Anleitungen stammen allesamt aus Großbritannien und den USA, geschrieben von Journalisten, Webdesignern, Softwarespezialisten und Hochschuldozenten. Im deutschsprachigen Internet gibt es nichts Vergleichbares. Ein Grund mag darin liegen, dass in den angelsächsischen Ländern mehr Webspezialisten bloggen und ihr Wissen kollegial im Netz verbreiten. Ein weiterer darin, dass anglo-amerikanische Journalisten ihren deutschen Kollegen in puncto mobiler Journalismus, Audio-Slidehows oder Fotoblogs schon einiges an Erfahrung voraus haben.

Europäische Trends. Dass die Digitalisierung aber inzwischen auch hierzulande Berufsbild und Arbeitsweise von Journalisten rasant verändert, zeigt die Studie „European Digital Journalism” des Oriella-PR-Netwerks. Insgesamt wurden 354 Journalisten aller Mediengattungen aus Belgien, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Spanien, Schweden und Großbritannien befragt. Obwohl europäische Publikationen ihre Inhalte vermehrt in neuen, digitalen Formaten anbieten, geben zwei Drittel der Studienteilnehmer an, keinerlei Training im Umgang mit den neuen Medien erhalten zu haben.

Im europäischen Durchschnitt bloggt und filmt fast die Hälfte der Journalisten. Allerdings mit großen nationalen Unterschieden: Bereits 85 Prozent der britischen Journalisten betreuen Blogs, aber immerhin auch schon ein knappes Drittel der deutschen. Und über zwei Drittel der britischen Journalisten betreuten redaktionelle Twitter-Accounts. Damit beschäftigt sich nur ein Drittel der deutschen Kollegen. Wie wichtig es für Journalisten ist, sich in Eigeninitiative multimedial weiterzubilden, zeigt auch dieses Ergebnis aus der Oriella-Studie: von ihren Arbeitgebern keinerlei Training im Umgang mit Blogs, Webvideos, Podcasts, Twitter und Co. erhalten zu haben.

Linktipp:

Neue Folgen von Mindy McAdams‘ ins deutsche übersetzter 15-teiliger Serie „Reporter‘s Guide to Multimedia Proficiency“ erscheinen an jedem Dienstag bei http://medialdigital.de

Service

Die Links zu allen in der Tabelle aufgeführten Webinar-Anbietern sind auch abrufbar unter www.mediummagazin.de, CODE Fit10 (für Abonnenten mit Eingabe des Passworts kostenlos zugänglich)

Wer als Volontär bei der „Schwäbischen Zeitung“ („SchZ“) in Leutkirch anfängt, bekommt gleich zu Beginn einen eigenen Laptop in die Hand gedrückt. Dieses Begrüßungsgeschenk ist zugleich ein Anspruch, der den Neulingen sagt: Wir haben viel zu bieten, aber wir wollen auch viel von dir.

Da ist zunächst ein Volontariat, das länger dauert als bei jedem anderen deutschen Zeitungshaus. Der journalistische Nachwuchs wird bei der „SchZ“ nicht wie üblich zwei, sondern drei Jahre lang ausgebildet. Da ist zum anderen die crossmediale Ausrichtung, die die Volontäre durch alle Mediengattungen des Hauses führt. Neben den üblichen Stationen Print und Online verbringen die Auszubildenden insgesamt ein Jahr in Radio- und TV-Redaktionen. Und da ist ein Lehrplan, der für alle Stationen die Ziele und Inhalte der Schulung bis ins Detail festlegt.

„Wir bilden die Leute ordentlich aus und wir machen es gründlich“, sagt Chefredakteur Ralf Geisenhanslüke über das Konzept (s. a. Seite 24). Er ist überzeugt: „Wir bekommen durch die- se Ausbildung so viel zurück an Qualität – die brauchen wir, wenn wir Leser, Hörer, Seher auch weiterhin erreichen wollen.“

Grundlage für die Ausbildung ist ein 120 Seiten starkes Curicullum, das nun am 1.Oktober, mit dem jüngsten Einstellungstermin für die nächsten vier Volontäre, im Einsatz ist. 24 Volontärinnen und Volontäre beschäftigt die „SchZ“ ingesamt, alle sechs Monate werden vier neue eingestellt. Seit 2007 gibt es im Medienhaus Schwäbischer Verlag das dreijährige Volontariat – als „Testphase, in der der detaillierte Lehrplan entwickelt und mit allen Redaktionen besprochen wurde.

Der Schwerpunkt der Arbeit während des Volontariats liegt – wie bei anderen Regionalzeitungen auch – im Lokalen. 18 Monate verbringen die Volontäre in insgesamt drei Lokalredaktionen. Bei aller crossmedialen Ausbildung bleibt für Geisenhanslüke die Ausrichtung auf die Städte und Dörfer der Region wichtig. „Wir nehmen die Region ernst, gehen in die kleinste Gemeinde – letztendlich gewinnen wir nur hier.“

Weitere sechs Monate sind die Nachwuchs-Journalisten in der Mantel-Redaktion und am Online-Desk, wo das zugelieferte Material aus den Redaktionen für den Online-Auftritt technisch umgesetzt wird.

Darüber hinaus aber gehen die SchZ-Volontäre ein ganzes Jahr lang in die hauseigenen oder verschwisterten Radio- und Fernsehstationen, davon sind allein zehn Monate einer TV-Ausbildung gewidmet. Seminare (etwa bei der ABZV) und regelmäßige hauseigene Volotage runden das Programm ab.

Dieser Weg, den die Leutkircher einschlagen, ist bisher singulär in Deutschland. Beate Füth, Leiterin der Akademie Berufliche Bildung der deutschen Zeitungsverlage (ABZV), kennt kein anderes Medienhaus, das seine Volontäre in dieser Form drei Jahre lang ausbildet: „So einen intensiven crossmedialen Ansatz wie die „Schwäbische Zeitung“ hat sonst keiner.“

Intensiv ist dieser Ansatz nicht nur in puncto Länge, sondern auch inhaltlich. Es dürfe nicht mehr passieren, dass ein Volontär in einer Redaktion ein halbes Jahr lang nur Meldungen schreibt, so die Volontärbeauftragte Anouk Joester. Sie hat zusammen mit Sandra Ortner, der Leiterin der Personalentwicklung, den Lehrplan entwickelt. Darin sind die Abläufe, Inhalte und Zuständigkeiten für das crossmediale Volontariat bis ins kleinste Detail festgeschrieben. Ziel ist es, so wird in der Einleitung formuliert, „die Volontäre zu einem medienübergreifenden, lokalen Journalismus zu befähigen“.

Damit dies gelingt, werden für alle Stationen, die die Volontäre durchlaufen, exakte Ausbildungsziele definiert und ein einheitlicher Qualitätsstandard festgeschrieben. So steht etwa auf der Liste der Pflichten für jede Textgattung ein Mindestmaß, das jeder Volontär zu erfüllen hat: zehn Reportagen und zehn Features, drei große Interviews für den M
antel und fünf Kommentare. Dazu wird akribisch notiert, wer ihnen das Handwerkszeug beibringt, wer die Arbeiten betreut und wer dafür sorgt, dass das Soll auch erfüllt wird.

In jeder Redaktion ist ein Ausbilder benannt, der dafür zu sorgen hat, dass seine Schützlinge alle Aufgaben, Funktionen und Abläufe in der Redaktion kennenlernen. Dabei werde gro- ßer Wert darauf gelegt, dass die Volontäre nicht nur die Arbeiten im jeweiligen Medium einüben, sondern lernen, plattformübergreifend zu denken. „Mitdenken für das andere Medium“ nennt Geisenhanslüke eines der wichtigsten Ziele des crossmedialen Volontariats. Anouk Joester erklärt: „Es geht nicht darum, dass die Volontäre alles gleichzeitig machen, sondern ein Bewusstsein bekommen für die Abläufe und für crossmediales Arbeiten.“

Die Ausbildungsziele sind in vier Bereiche untergliedert, erklärt Sandra Ortner. In der Kategorie „Fachkompetenz“ stehen die journalistischen Klassiker: alles, was die Volontäre brauchen, wenn sie später als Reporter, Producer, Newsdeskmanager oder Onlineredakteur unterwegs sind. Dazu zählen Schreiben und Recherchieren, Themen erkennen und Informationen bewerten, Redigieren und Seiten produzieren, Fotografie und Grafik, aber auch crossmediales Denken und Arbeiten. Das Kapitel „Fach- und Verlagswissen“ umfasst die Strukturen und Prozesse des Verlagshauses ebenso wie journalistische Leitlinien und Gesetze. In der Kategorie „Sozial- und Persönlichkeitskompetenz“ wird unter anderem darauf geachtet, wie die Volontäre im Team arbeiten, wie sie mit anderen Menschen und mit Kon- flikten umgehen, wie selbstständig, verantwortungsbewusst und belastbar sie sind. Unter „Methodenkompetenz“ finden sich Ziele zur Anwendung von Arbeitsmethoden. Das reicht von der Anwendung der jeweiligen Software bis hin zum Arbeits- und Selbstmanagement des Volontärs.

Jedes einzelne Ziel soll nicht nur auf dem Papier stehen, sondern auch überprüfbar sein, so Joester. Deshalb wurde eine konsequente Erfolgskontrolle in den Lehrplan eingebaut. Hinter jedem Lernziel steht eine Prozentskala, auf der sowohl die Volontäre selbst als auch die jeweiligen Betreuer eine Einschätzung abgeben, wie gut das Ziel umgesetzt wurde. Dadurch könne man zu jeder Zeit den Ausbildungsstand jedes Volontärs und eventuelle Defizite erkennen. Zwei Mal im Jahr trifft sich die Volontärsbeauftragte mit allen Betreuern. Die Ergebnisse geht Joester dann in Einzelgesprächen mit den Volontären durch.

Dieser hohe Aufwand ist für Geisenhanslüke unerlässlich, um einen einheitlichen Qualitätsstandard der Ausbildung in allen Redaktionen des Hauses sicherzustellen. Er begegnet damit auch dem Vorwurf, die Volontäre würden drei Jahre lang als billige Arbeitskraft benutzt. Wer so denke, tue sich langfristig keinen Gefallen. „Es geht um Qualität, die wir brauchen, und die bekommen wir nur auf diese Weise.“

Deshalb sei eine nachhaltige crossmediale Ausbildung dringend notwendig, um als regionales Medium auf dem Markt zu bestehen. „Wer weiter so ausbildet wie bisher, wird am Markt vorbei ausbilden.“

Erschienen in Ausgabe 10+11/2009 in der Rubrik „Special“ auf Seite 22 bis 24 Autor/en: Ulrike Langer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.