Stimmt’s, …?

01. … denn wirklich, dass die ARD keine Anti-„Bild“- Kampagne plant?

Die ARD sagt, es gebe keine Anti-„Bild“-Kampagne. Es gebe auch keine virtuelle Redaktion, die diese Kampagne mit entsprechenden Beiträgen begleite. Doch es gibt Unterlagen, die das anders interpretieren lassen: das Protokoll einer Sitzung jener Redaktion und einen Themenplan, wie man ihn aus dem Redaktionsalltag kennt.

Zur Vorgeschichte: Wie von mir schon in „Berliner Zeitung“ und „Frankfurter Rundschau“ berichtet, wollte sich die ARD gegen eine erwartete „Bild“-Serie zur Verwendung von Gebührengeldern wappnen und richtete die erwähnte virtuelle Medienredaktion zum Thema „Bild“ ein. Konkret hieß es in einer ARD-internen E-Mail, die mir vorliegt: „Die ARD hat Hinweise darauf, dass die ‚Bild‘ eine Kampagne gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk plant. So gab es diverse Anfragen der ‚Bild‘, die unter anderem Klangkörper, Sportverträge und ARD-Gehälter betrafen.“ (Anm. d. Red.: Anfang August gab es neue Anfragen. Da wollte die eigens eingerichtete „Bild“-Recherchetruppe wissen, wie viele Auslandsstudios die ARD unterhält, wie viele feste und freie Mitarbeiter dort arbeiten und wie viele Sendeminuten die Studios liefern.) Weiter heißt es in jener E-Mail: „Die Intendanten der ARD haben beschlossen, sich über die eigenen Medien mit Beginn der ‚Bild‘-Kampagne zur Wehr zu setzen. Aus diesem Grund hat der WDR eine virtuelle Medienredaktion aufgebaut, die alle Häuser mit Material versorgt und die Themen koordiniert.“

ARD-Sprecher Stefan Wirtz dementiert all das. Den Hinweis auf die schriftlichen Belege mit diesen Informationen quittierte er mit einem Lachen. Auch der WDR-Hörfunkdirektor und derzeitige Vorsitzende der ARD-Hörfunkkommission Wolfgang Schmitz blieb unbeirrt, als er mit der Existenz der Protokolle konfrontiert wurde. Im Interview mit den oben genannten Zeitungen sagte er dazu: Es gebe wegen der erwarteten „Bild“-Kampagne „keine Medienredaktion, auch keine virtuelle“. Er habe „den Medienredakteur des WDR“ lediglich „um ein Brainstorming mit seinen Fachkollegen im Rahmen einer Schaltkonferenz gebeten“. Der uns vorliegende Themenplan mit konkreten Angaben, welche Beiträge bereits fertig sind, wann die anderen folgen, wer der Autor ist und wie lang der jeweilige Beitrag zu sein hat, sei lediglich „eine Sammlung von Vorschlägen einzelner Medienredakteure“. Und der ARD-Sprecher habe das Ganze nurdementiert, weil er zum Zeitpunkt meiner Anfragen von all dem gar nichts gewusst habe: „Wir haben das Thema bisher nur hörfunkintern, in einem sehr informellen Rahmen erörtert. Das Stadium formeller Beschlüsse war und ist längst nicht erreicht. Darum war die ARD-Pressestelle in unsere Aktivitäten auch noch gar nicht involviert“, sagte Schmitz.

Ach ja? Hier ein paar Zitate aus den angesprochenen Unterlagen. Am 8. Juli verschickte einer der beiden Leiter jener virtuellen Medienredaktion namens „Bild-Störung“ an mehrere Kollegen ARD-weit das „Protokoll“ einer Redaktionssitzung vom 7. Juli mit Antworten vom „ARD-Vorsitz“, den bekanntlich Monika Piel innehat. Darin steht: „Sobald die erwartete Aktion des Blattes publik ist, entscheidet jede Anstalt selbst, wann und wie viel sie dazu macht. Da wir vom WDR aber erst liefern, wenn der ARD-Vorsitz und die ARD-Pressestelle sprechen, bleiben den Programmen bis dahin nur die eigenen Interpretationen zum Thema. Auch die gemeinsam geplanten Beiträge werden von der Zentralredaktion erst herausgegeben, wenn wir hier grünes Licht bekommen.“

Den Moderatoren wird geraten: „Aus den Stellungnahmen der ARD-Pressestelle wird sich für die Redaktionen ablesen lassen, welcher Sprachduktus und welche Strategie gewählt werden. Stefan Wirtz (sic!) kann den Wunsch nach konkreter Sprachregelung zwar nachvollziehen, doch eine Zulieferung ist bei dem zu erwartenden Ansturm auf die Pressestelle nicht machbar.“ Am Ende steht ein „P.S.“: „Von einer Kampagne spricht beim ARD-Vorsitz niemand.“ Den Begriff solle man „keinesfalls verwenden“. Und apropos „hörfunkintern“: Oben auf einer „Themenübersicht der Fernsehkollegen“ steht der Beitrag „Bild, Springer und die ökonomischen Interessen“ – vom Politmagazin „Monitor“.

02. … dass die Verlage die Klage gegen tagesschau.de verpennt haben?

Am 23. Juni fühlte sich der frühere Springer-Journalist und heutige -Lobbyist Christoph Keese bemüßigt, Antworten zu geben auf Fragen, die er in Blogs und auf Twitter zur Debatte um die Klage von acht Verlagen gegen die „Tagesschau“-App gesammelt hat.

So wollte ein Jurist wissen, warum die Verlage erst jetzt gegen die App geklagt haben, statt sich schon viel früher gegen tagesschau.de zu wehren – die App sei ja nur die Umsetzung des Online-Auftritts für Mobiltelefone, während die inkriminierten Inhalte gleich seien? Das stimme, antwortete Keese, tagesschau.de verstoße „genauso gegen den Staatsvertrag wie die, Tagesschau-App‘. Doch: „Geklagt wird nur gegen die App, weil ihr Erscheinungsdatum innerhalb der sechsmonatigen Klagefrist lag, die das Wettbewerbsrecht vorsieht.“ Kurzum: Ja, die Verlage versuchen einen längst abgefahrenen Zug einzuholen.

03. … dass auch die FAZ vergessen hat zu klagen?

Offensichtlich. Denn das, was der Verlag derzeit juristisch prüft, hätte er schon vor sechs Jahren bei der Einführung von „Welt Kompakt“ machen müssen. Aber von vorn: Die „Welt“ verkauft aktuell 252.334 und die „Welt am Sonntag“ 412.500 Exemplare. Eine Tatsache oder ein Gerücht? Der Verlag von „Frankfurter Allgemeiner Zeitung“ und „Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung“ findet: Letzteres. Wie viel die Springer-Blätter tatsächlich verkaufen, weiß ja keiner so genau. Die IVW-Zahlen weisen nur die addierten Auflagen der Broadsheet- mitsamt ihrer jeweiligen Kompaktausgaben aus. Wie viele davon Kompaktausgaben sind, verrät der Verlag nicht. Und gerade für die Frankfurter Konkurrenz wären diese Vergleichszahlen ziemlich interessant.

Der Zeitungsstatistiker Walter J. Schütz versuchte sich einmal daran, die Zahlen auseinanderzudröseln. In einem komplizierten Verfahren kam er 2008 zum Ergebnis, dass die 2004 zuletzt als Einzelobjekt mit einer Auflage von knapp über 200.000 Exemplaren ausgewiesene „Welt“ auf rund 185.000 abgerutscht sein muss. Die Auflage der zur Gesamtauflage hinzugezählten „Welt Kompakt“ berechnete er damals auf 78.400 Exemplare. Springer hat diese Berechnungen nie dementiert. Mittlerweile hat auch die „Welt am Sonntag“ eine Kompaktausgabe.

Wie hoch die Auflage ohne sie wäre, wüsste man bei der FAS auch gerne. Dort prüfen die Juristen im Auftrag von Geschäftsführer Tobias Trevisan seit längerem eine Klage wegen möglicher Wettbewerbsverzerrung gegen die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern IVW. Roland Gerschermann, ebenfalls Mitglied der Geschäftsführung, sagt, die IVW verstoße gegen ihre eigenen Regularien. Darin steht: „Exemplare, deren Umfang durch Weglassen des redaktionellen oder Anzeigen-Teiles reduziert ist, dürfen nicht in die Durchschnittszahlen der Auflage eingerechnet werden.“ Und weiter: „Exemplare eines Heftes, die in Ausgaben mit unterschiedlichen Formaten bei durchlaufender Anzeigenbelegungseinheit erscheinen, können in einer Gesamtsumme gemeldet werden, wenn der Werbeträger ansonsten in Aufmachung, Inhalt und Umfang unverändert bleibt.“ Auch die „Platzierung sämtlicher Anzeigen“ muss identisch sein, denn sonst gilt: „Die v
om Standardformat abweichenden Ausgaben müssen in diesen Fällen zusätzlich gesondert als, davon‘ gemeldet und ausgewiesen werden.“

Für Trevisan ist klar: Die IVW müsste das genau so veröffentlichen. Zunächst habe man daher beim Verwaltungsrat der IVW Beschwerde eingelegt, doch sie wurde abgelehnt. Nun könnte der Rechtsweg folgen. Schütz sagt, er würde es sehr begrüßen, wenn sich die FAS zu einer Klage aufraffe, auch „Zeit“-Geschäftsführer Rainer Esser fände eine Klage richtig.

Verleger von Regionalzeitungen warnen hingegen vor einem Flächenbrand: So könnten die mit Auflagen- und Reichweitenschwund kämpfenden Blätter noch mehr in Bedrängnis geraten. Viele Verlage weisen die Auflagen ihrer Titel nur gemeinsam aus und verkaufen Anzeigen als Zwangskombi. Das bisschen Verwässerung der noch immer härtesten aller Währungen im Printgeschäft, ist ihnen da ganz recht.

Derweil brachte Springer Mitte August eine weitere Kompaktausgabe auf den Weg: für die „Berliner Morgenpost“, angeblich für den begrenzten Zeitraum während des Berliner Wahlkampfs, bis die neue Regierung gebildet ist. Also bis weit in den Herbst hinein.

Ulrike Simon

ist freie Medienjournalistin in Berlin.

autor@mediummagazin.de

Erschienen in Ausgabe 09/2011 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 12 bis 13 Autor/en: Ulrike Simon. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.