Drei-Klassen-Journalismus

Es ist die Geschichte einer Liebe. Die Geschichte von Menschen, die ihren Beruf von Herzen ausüben. Es geht um Wertschätzung, um den Wert von Worten. Von Solidarität wird die Rede sein und vom Ziel einer Branche, ein besonders gutes Produkt abzuliefern. Gute Arbeit, gutes Geld. Das galt jahrzehntelang. Nun, das ist nicht neu, sinken die Auflagen der Zeitungen und Zeitschriften dramatisch, die Leser wandern ins Internet, wo derzeit nicht annähernd genug verdient wird.

Gespart wird deshalb nicht nur, aber doch sehr deutlich in den Redaktionen. Um mehr als 600 ist die Zahl der Redakteursstellen bei deutschen Tageszeitungen innerhalb nur eines Jahres gesunken. Dem aktuellen „Jahrbuch Zeitung“, herausgegeben vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), zufolge waren es im Vorjahr 13.573 Stellen, heute sind es 12.966. Der Journalist ist zum Kostenstörfaktor geworden. Längst gibt es einen Drei-Klassen-Journalismus: Redakteure, Berufseinsteiger und Freie. Diese Entwicklung dauert schon Jahre an, nun aber scheint die Entfremdung so groß wie nie. Es gibt einen Aufbruch zum Aufstand, zum Aufbegehren, denn längst geht es nicht mehr um das Geld allein. So wie für Katja Kullmann, die als Ressortleiterin bei „Petra“ hinschmiss, weil sie die Massenentlassungen beim Jahreszeitenverlag nicht mittragen wollte (s. Interview S. 18). So wie für den Jungjournalisten Daniel Stahl, der im Sommer mit einem offenen Brief an die Verleger branchenweit für Aufmerksamkeit sorgte. Und auch der jüngste Tarifstreit zwischen BDZV und den Gewerkschaften hat gezeigt, dass etwas ganz grundsätzlich im Argen liegt. Erstmals ging es bei den Streiks auch um die Frage, wie die Branche mit dem Nachwuchs umgeht. 15 Prozent niedriger sollte den Verlegern zufolge das Einkommen von Berufsanfängern ausfallen. Wer will da noch Journalist werden.

Sehr geehrte Zeitungsverleger

Zum Beispiel eben Daniel Stahl aus Bamberg. Der 26-Jährige spielte bei einem Fußballturnier der Journalistenschulen in München mit, als ihm die Idee mit der Unterschriftenaktion kam. „Sehr geehrte Zeitungsverleger in Deutschland,

wir sind der Journalistennachwuchs in Deutschland“, schrieb er in seinem Brief. „Mit einem Billiglohn wollen Sie unsere Berufsaussichten kaputtsparen. Auch wenn Sie oft etwas anderes behaupten, Sie gefährden dabei auch die Zukunft des Journalismus.“ Sehr gute Leute würden von der Honorar- und Lohnpolitik der Verleger vom Beruf abgebracht und lieber in die PR gehen (s. S. 26), heißt es in dem Brief. Und weiter: „Wir sind Idealisten. Wir lieben diesen Beruf. Und wir glauben, dass Medien eine wichtige Rolle in der Demokratie spielen. Aber wissen Sie was? Wenn Sie die Löhne so drastisch senken, geben Sie uns das Gefühl, dass Sie nicht mehr so recht an den Journalismus glauben. Es wirkt auf uns, als wären Zeitungen für Sie nur noch Spekulationsobjekte, die bis zum endgültigen Zusammenbruch des Geschäftsmodells eine größtmögliche Rendite abwerfen sollen.“ 1.727 Menschen haben die Petition unterschrieben.

Die Kommentare auf der Internetseite der Petition sind flammende Plädoyers für den Journalismus, sie erzählen aber auch von Desillusion und Angst. Einige schreiben, die Aktion sei klasse, nur unterzeichnen könnten sie nicht, eine Vertragsverlängerung stehe an, sie seien in der Ausbildung. Eine Volontärin schreibt: „Ich möchte fair behandelt werden und nicht zu einem mickrigen Lohn schuften, während meine 20 Jahre älteren Kollegen das Drei- oder Vierfache mit nach Hause nehmen.“

Katja Kullmanns Aussichten als Freie waren düster. Bis sie auf der anderen Seite des Schreibtisches saß. Sie war plötzlich die Redakteurin, die Ressortleiterin gar. Jahrelang hatte sie versucht, sich in Berlin durchzuschlagen, fernzubleiben von PR-Aufträgen, sie hielt ihr Idealismusschild hoch, lebte von Ersparnissen aus dem Erfolg ihres Bestsellers „Generation Ally“, lebte dann von Hartz IV. In ihrem aktuellen Buch „Echtleben“ räumt die 41-Jährige auf mit dem Klischee vom leichten hip-kreativen Leben und erzählt, wie sie dabei war, einen Job im Callcenter anzunehmen, als der Anruf vom Jahreszeitenverlag (Jalag) kam: Wenig später leitete sie das Ressort Report bei der Frauenzeitschrift „Petra“. Anderthalb Jahre lang machte sie ihren Job gerne. Bis der Jalag Mitte letzten Jahres sämtlichen Redakteuren und Grafikern kündigte. 70 Stellen fielen weg. Ehemals Festangestellte sollten sich nun als Freie um die gleiche Arbeit bemühen – für drastisch weniger Geld, ohne sozial abgesichert zu sein. Kullmann war als Ressortleiterin von den Kündigungen zwar nicht selbst betroffen, musste aber die Entlassungen mittragen und die Honorare von Freien kürzen. Das wollte sie nicht, sagt sie. Sie kündigte. „Petra“-Chefredakteurin Nina Maurischat schwärmt heute, wie viel kreatives Potenzial und Vielfalt die Autoren ins Heft bringen. „Die Zusammenarbeit ist unheimlich positiv. Es gibt eine große Loyalität zwischen Redaktion und Freien.“ Die guten Autoren seien häufig so beschäftigt, dass sie schwer zu kriegen seien. Allerdings sei die „Petra“-Redaktion bereits schmal besetzt gewesen, die Umstellung deshalb nicht sehr groß. In anderen Blättern des Verlags sei das wohl anders. Ihr gegenüber habe Katja Kullmann die Kündigung damit begründet, wieder frei sein und mehr schreiben zu wollen, sagt Maurischat.

Himmel und Hölle

Gut anderthalb Jahre nach Kullmanns Kündigung steht ein Dutzend freier Journalisten vor dem Jalag und verteilt Glückskekse. Die enthalten Botschaften, erzählen davon, wie bei fairem Umgang mit den Freien „immer Sonne auf dein Haus“ scheint. Die Aktion soll auf den „Code of Fairness“ aufmerksam machen, einer Liste mit klaren Regeln zum Umgang zwischen Redaktion und Freien. Erarbeitet haben ihn die „Freischreiber“, der 2008 ins Leben gerufene Interessensverband für freie Journalisten. Rund 30.000 gibt es davon, mehr als 400 sind Mitglied bei den Freischreibern. Bei Magazinen liefern die Freien längst mehr als die Hälfte der Inhalte, bei Zeitungen ist es kaum anders – Tendenz steigend.

Das Durchschnittseinkommen bei Freien aber hat sich seit 1998 praktisch nicht verändert, sie verdienen im Schnitt mehr als die Hälfte weniger als ihre angestellten Kollegen. Das Ökonomische sei das eine, sagt Jakob Vicari, auch davon abgesehen liege vieles im Argen. Vicari ist freier Wissenschaftsjournalist in Hamburg, er hat den „Himmel- und-Hölle-Preis“ der Freischreiber mitorganisiert, der für die fairste und die fieseste Redaktion ausgelobt wurde. Auch der Preis soll auf den „Code of Fairness“ aufmerksam machen, den nach Wunsch der Freischreiber möglichst viele Redaktionen unterzeichnen sollten. Verbindliche Absprachen werden da etwa gefordert, Beiträge sollen nicht wirklichkeitsverzerrend verändert und Themen nicht geklaut werden. 150 Einsendungen bekamen die Freischreiber von freien Journalisten, die meisten hatten Positives zu berichten. „Das hat uns überrascht“, sagt Vicari. Kritik wurde gegenrecherchiert. Dass kaum Tageszeitungen nominiert wurden, hat einen einfachen Grund: Da arbeite kaum einer, die Honorare seien zu gering, so Vicari.

Die Vorwürfe gegen die drei für den Preis der „fiesesten Redaktion“ Nominierten reichen von unklaren Absprachen, zu gering vergütetem Rechercheaufwand und nicht immer plausiblem Redigat („Für Sie“) über mangelnden Respekt und fehlende Transparenz im Umgang mit Themenideen („Neon“) hin zu unverhältnismäßiger Zuspitzung von Texten, unangemessener Vergütung und schlechter Kommunikation („Spiegel Online“). Die Nominierten, vor allem „Neon“-Chefredakteur Michael ebert, zeigten sich erbost; die Kritik an der Verhältnismäßigkeit der „Hölle“-Kategorie wurde schließlich so laut, dass die
Freischreiber den Preis kurzerhand wieder absetzten. Die drei fairsten Redaktionen der Zeitschriften „Brand Eins“, „Enorm“ und „P.M. Magazin“ wurden für schnelles Antworten, faire Bezahlung und verbindliche Absprachen gelobt. „Die positiven Beispiele zeigen: Es ist nicht weltfremd, was wir da fordern“, sagt Vicari. Es gehe nicht nur um Geld, sondern um Zusammenarbeit auf Augenhöhe und Wertschätzung. Der „Code of Fairness“ soll ein Gütesiegel werden. „Wir verbünden uns nicht gegen Redakteure. Wir ziehen ja an einem Strang“, bekräftigt Vicari.

Worte sind wertvoll

Die Freischreiber hatten sich zuvor auch schon an Mathias Müller von Blumencron, Chef von „Spiegel Online“, gewandt, monierten die Honorierung und den Umgang mit Nutzungsrechten. Neue Vertragsbedingungen seien in der Mache, versprach der. Auch die „Zeit“ hatte Post von 50 freien Autoren bekommen: Sie kritisierten die neuen Rahmenverträge für Freie, die weitreichende Nutzungsrechte einforderten. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo antwortete – und zog zurück. Die Journalistengewerkschaften sorgten dann dafür, dass die neuen Verträge auch per Gericht gestoppt wurden. Sogenannte Buy-Out-Verträge für Freie, die den Verlagen umfangreiche Nutzungsrechte pauschal gewähren, sind laut dem Deutschen Journalisten-Verband DJV das neue große Problem. Klage um Klage wird ausgefochten, gerade erfolgreich gegen die AGBs der G+J-Wirtschaftsmedien (siehe Rechtstipp S. 42). Auch eine Regelung des Braunschweiger Zeitungsverlags, mit 40 Cent pro Zeile und für alle Urheber- und Verwertungsrechte, hielt vor Gericht nicht stand.

„Der große Teil der Verleger behandelt Freie als billige Lieferanten, auf deren Rücken man Aktiendividenden und Villen finanzieren und große Spenden tätigen kann“, sagt Michael Hirschler, Freienbeauftragter des DJV. Wer sich beschwere, werde mit Rausschmiss bestraft, die Redakteure stünden dazwischen.BDZV-Präsident Helmut Heinen, Herausgeber der „Kölnischen Rundschau“, kritisiert zurück – gegen die Gewerkschaften: „Der neue Flächentarifvertrag, den wir nach einem langen Arbeitskampf abgeschlossen haben, ignoriert die von uns benötigten strukturellen Veränderungen praktisch völlig und leistet damit keinerlei Beitrag zur Fortentwicklung unserer Unternehmen.“ Freie seien natürlich wichtig, es bestehe kein Zweifel, „dass nur der beste Journalismus unsere Zukunft ist, und dass guter Journalismus Geld kostet“.

Daniel Stahl hat seine Petition im August persönlich in Berlin beim Verlegerjustitiar abgegeben. Es gibt ein Foto, wo der den großen Umschlag mit sehr spitzen Fingern hält. „Wir nehmen den journalistischen Nachwuchs und seine Wünsche und Forderungen sehr ernst“, sagte er. Stahl hat vom BDZV nie mehr etwas gehört, es heißt, man plane einen eigenen Vertrag für Jungredakteure. Präsident Heinen fürchtet keine Nachwuchsprobleme, der Beruf sei „attraktiv“, „das Tarifniveau in unserer Branche ist nach wie vor hoch“.

Allerdings schwindet auch die Zahl der Verlage, die im ganzen Unternehmen noch Tariflöhne zahlen. Beim „Schwarzwälder Boten“ etwa wird seit Wochen dafür gestreikt, dass die in eine tariflose Tochterfirma ausgegliederte Redaktion zumindest einen Haustarif erhält, beim „Südkurier“ hat man das Streiken schon aufgegeben. Auch wer bei „Zeit Online“ seit dem Umzug nach Berlin neu dazukommt, wird bei der Tochterfirma „Zeit-Digital“ angestellt, die nicht an den Tarif gebunden ist. Von Verlagsseite heißt es: „Für uns ist wichtig, bei einem Unternehmen, das sich im Aufbau befindet, mehr Flexibilität zu haben, als es eine tarifliche Bindung zulassen würde.“ Es sei ein gefährliches Spiel, das die Verlage da spielen, meint Medienwissenschaftler Hörst Röper: „Man glaubt, Qualitätsstandards nicht mehr finanzieren zu können. Die Gefahr, die das beinhaltet, wird sehenden Auges hingenommen.“ Die Gefahr sehen immer mehr erfahrene Journalisten. Anlässlich der Verleihung des Theodor-Wolff-Preises für sein Lebenswerk forderte Publizist Klaus Harpprecht einen Solidaritätsfonds für Journalisten, in den Spitzenverdiener einzahlen sollten, um faire Honorare und Gehälter gewähren zu können: „Ich sehe mit Schrecken die Meldungen von den Ausdünnungen der Redaktionen. Ich sehe aber nirgendwo, dass unter den Spitzenkräften unserer eigenen Profession und des Medien-Managements Solidarität gezeigt wird, um unseren für die Demokratie so wichtigen Berufsstand zu retten“, sagte er dem „medium magazin“.

Einen künstlerischen Ansatz zur Rettung des Berufsstandes haben gut 50 Journalisten aus Süddeutschland. Unter dem Motto „Worte sind wertvoll“ wollen sie mit Lichtinstallationen und Videos wieder ein Bewusstsein für Qualitätsjournalismus schaffen. „Wir sind nicht gegen die Verleger. Wir sitzen doch alle in einem Boot“, sagt Mit-Initiatorin Karin Seibold, 30, von der „Augsburger Allgemeinen“ (s. S. 23). Dem Print-Journalismus fehle eine Marketingstrategie: „Wir müssen den Leuten wieder zeigen, dass Zeitunglesen etwas Schönes ist. Ein Luxus, den man sich für 1,30 Euro gönnen kann.“ Es muss Liebe sein.

Erschienen in Ausgabe 10-11/2011 in der Rubrik „Titel“ auf Seite 20 bis 22 Autor/en: Daniela Zinser | Fotos: Stephan Obel, Privat. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.