Fataler Einfluss

Herr Fröhder, Krisenreporter, Kriegsreporter – wer macht was und was sind Sie?

Christoph Maria Fröhder: Kriegsreporter sind für mich Halbirre, die meinen, sie müssten vom einen Schauplatz zum nächsten turnen. Den Krisenreporter sehe ich primär in der Aufarbeitung der politischen Hintergründe. Er versucht, zu erklären, was vor Ort passiert. Im Unterschied zum Kriegsreporter sammelt er nicht nur dramatische Bilder.

1991 und 2003 waren Sie während der Golfkriege in Bagdad – jedoch nicht „embedded“, haben sich auf eigene Faust im Irak bewegt und nicht zusammen mit den Truppen.

Ich will doch nicht freiwillig etwas von der journalistischen Unabhängigkeit abgeben, schon gar nicht an Militärs! Diese Unabhängigkeit ist festgeschrieben, in der amerikanischen Konstitution und auch im Grundgesetz. Ich halte zum Beispiel die Ausbildung, die viele Kollegen bei der Bundeswehr machen, für fatal. Wenn wir eine Ausbildung für Journalisten in Krisensituationen durchführen, dann sollte das in der Hand der deutschen Journalistenverbände liegen. Beim „embedded“ Journalismus ist man auf das Wohlwollen des betreuenden Offiziers angewiesen. Militärs halten im Zweifel in kritischen Situationen die Hand vor die Kamera – beispielsweise wenn der Journalist zeigen könnte, wie die Soldaten mit der Zivilbevölkerung umgehen. Doch gerade solch kritische Situationen sind journalistisch wichtig!

Können Sie ein Beispiel nennen?

Im Jahr 2008 musste ich mal in einem Militär-Camp der Amerikaner übernachten. Als ich auf die Toilette gehen wollte, hörte ich plötzlich Geräusche und Jammern. Zudem stank es unheimlich nach Urin und Kot. Dem bin ich nachgelaufen und landete in einem Raum, in dem circa 20 Leute mit Tüten über dem Kopf und an Händen und Füßen gefesselt in ihrer eigenen Scheiße saßen. Wenn Sie „embedded“ sind, können Sie über solche sogenannten Black Sites der Amerikaner nicht berichten. Die amerikanischen Militärs, mit denen man als embedded Journalist vorher noch auf Augenhöhe kooperiert hat, würden ja zu Recht sagen: Sie haben unser Vertrauen hintergangen. Als unabhängiger, freier Journalist kann ich dagegen kritisch berichten. Und in diesem Fall haben wir das auch geschafft: die einzigen Bilder der Black Sites stammen von mir.

Das heißt, was wir im Fernsehen sehen, ist gesteuert und beeinflusst?

Ganz massiv! Das geht so weit, dass Ihnen sogar Sachen vorgeführt werden, die speziell für die „embedded“ Kollegen aufbereitet werden. Ich als freier Journalist komme an die gar nicht ran – bedaure dies aber auch nicht. Diese aufbereiteten Dinge haben mit der Wirklichkeit, wie ich sie kenne und darstellen will, wenig zu tun.

Auch Sie hatten in Bagdad stets einen irakischen Aufpasser an der Seite.

Offiziell war das so, aber wir haben die Jungs gnadenlos ausgehebelt. Jeden Tag haben wir mit ihnen zwei Stunden pro forma ein paar Einstellungen gedreht – Interviews und Einzelsituationen haben wir in dieser Zeit vermieden. Man muss seine Interviewpartner schützen. Was, wenn sich ein Interviewpartner verplappert? Niemand kannte die Konsequenzen des Saddam-Regimes.

Konnten Sie überhaupt alleine unterwegs sein und unbeobachtet drehen?

Am frühen Mittag gingen wir in ein Restaurant, dessen Besitzer ich seit Jahrzehnten kenne. Er hat die Aufpasser bewirtet und ihnen auf meine Kosten jede Menge Alkohol und Wasserpfeifen hingestellt. Ganz merkwürdigerweise hatten wir jeden Mittag ein technisches Problem an der Ausrüstung und mussten plötzlich ganz überraschenderweise noch mal weg. Nach ein paar Stunden kamen wir mit einem glücklichen Gesicht in das Restaurant zurück und sagten, die Kamera sei wieder in Ordnung. Meist erklärten wir das angebliche technische Problem mit der schwankenden Stromspannung. Pro forma haben wir dann auch noch einmal eine halbe Stunde mit den Aufpassern gedreht. Manchmal konnten wir uns auch abends noch mal durch die Hintertür des Hotels herausschleichen.

Wie haben Sie es geschafft, an der Zensur vorbei kritische Berichte zu senden?

Ganz nach dem Motto, Strafe muss sein, hatte ich immer 15 bis 20 alte „Hessenschau“-Kassetten mit dabei, die der regimetreue Producer, der uns an die Seite gestellt worden war, nur grob durchsah. Auf ihnen waren lediglich alte, unkritische Berichte. Diese wurden dann meist durchgewunken und mit einem arabischen Aufkleber mit dem Datum des gängigen Tages abgezeichnet. Dieses Label habe ich anschließend kunstvoll heruntergefingert, auf die richtige Kassette geklebt und diese gesendet.

Sie wurden einmal sogar von einem Jagdflugzeug aus beschossen. Dafür sind nicht alle Journalisten gemacht, nicht jeder will sich in Lebensgefahr bringen.

Dann soll er nicht hingehen – nicht mit einer solchen Auffassung! Ich bin nicht lebensmüde, aber ich versuche ein Maximum an Details zusammenzutragen, zu analysieren. Wenn ich von Anfang an weiche Knie habe, ist das die schlechteste Voraussetzung. Ich habe immer wieder erlebt, dass genau diese Kollegen am stärksten gefährdet waren.

Haben Sie nie Angst?

Wer keine Angst hat, ist ein Dummbeutel! Ich schaue nüchtern auf den Schauplatz und versuche, das Risiko einzuschätzen. Wenn ich ein ungutes Gefühl habe, gehe ich. Im Laufe der Jahre entwickelt man ein durchaus lebensrettendes Sensorium, ab wann sich eine Situation zu sehr zuspitzt.

Wie viel leidende Bevölkerung zeigen Sie?

1991 im Golfkrieg wurde mir vorgeworfen, ich hätte zu massive und zu häufig brutale Bilder gesendet. Aber: Wir Deutschen haben den Amerikanern 65 Millionen D-Mark für die Kriegsführung dazugegeben. Wenn wir bezahlen, wie in Bagdad die Zivilbevölkerung, die eh unter der Diktatur leidet, bombardiert wird, muss dieses Leid gezeigt werden. Ebenso muss man als Journalist darauf hinweisen, dass diese Angriffe auf die Zivilbevölkerung keinerlei Sinn ergeben.

Wie echt sind denn die Bilder, die Sie von der Bevölkerung drehen können?

Es ist möglich, authentisch zu berichten. Aber man muss dies immer wieder kontrollieren. Handelte es sich um eine Situation, die wirklich so von sich aus abgelaufen ist, oder nicht? Doch das ist ein Problem, das es nicht nur im Krisenjournalismus gibt. Das fängt bei ganz banalen Geschichten an: Versuchen Sie mal im Sudan zu filmen. Die Leute haben dort irgendwo alle 30 Kilometer einen Fernseher und wissen gerade mal, was das ist. Eine Kamera bestimmt sofort das Geschehen – jeder will etwas loswerden, jeder dreht sich nach der Kamera um. Dann müssen Sie geduldig sein und warten, bis sie sich an die Kamera gewöhnt haben.

Wie nah kommen Sie an die Menschen heran?

Im Irak war es für mich nie ein Problem, in die Häuser zu kommen. Was hier eine große Rolle spielt: Der Irak hat eine sehr kultivierte Oberschicht. Diese hat sich allerdings nicht um Politik gekümmert, sondern in erster Linie um Kultur bis Geschichtslehre. So hatte man trotz des Regimes viele kosmopolitische Gesprächspartner. Und dort wurde hinter vorgehaltener Hand auch über Saddam Hussein geschimpft. Man empfand ihn als Proleten-Diktator.

Wie viel davon kommt hier überhaupt an?

Ich denke, dass der Wunsch, ein Gesamtbild zu vermitteln, stark zurückgegangen ist. Es wird von den Redaktionen nicht mehr gewünscht – die wollen lieber eine Geschichte, die knackig ist, gut geschnitten, die mit Bildern aufgemotzt ist. Diese Beiträge sind ein Kunstwerk für sich, aber keine Berichterstattung.

Das heißt, es werden lieber tragische Einzelschicksale aufgegriffen?

Ja, so läuft es meist.

Und was ist mit Reporterstücken?

Die finden großen Anklang, genau wie das Subjektive überhaupt. Ständig springt ein Reporter im Bild rum. Ich halte gerade bei Interviews viel mehr davon, nur den Hinterkopf halb anzuschneiden. Der Journalist soll ja nicht durch sein Aussehen, sondern die Qualität seiner Fragen brillieren. Besonders problematisch sehe ich die Moderatorentypen &#
x2013; gerne ist dies eine große, blonde Italienerin, das habe ich in Badgad gesehen. Dieser Typ Journalist hat mit der Arbeit, die ich unter Krisenjournalismus verstehe, nichts zu tun. Sie stehen Abend für Abend in einer Live-Schalte vor der Kamera und verlesen Texte, die man ihnen zugemailt hat. Da gibt es keine eigene Recherche und keine Reflexion der Situation vor Ort!

Was belastet Sie am meisten, bevor Sie sich in ein Krisengebiet aufmachen?

Der größte Ballast ist die ARD! Die reagieren einfach nicht mehr so wie früher: All die Urgewächse, wie Fritz Pleitgen oder Nikolaus Brender, die sich für guten Journalismus pur eingesetzt haben, sind heute die absolute Ausnahme. Sie wussten, was man vor Ort leisten muss, und haben einem dafür den Rücken freigehalten.

Wie zeigt sich das?

Wenn man beispielsweise nur acht Drehtage für einen Auslandsaufenthalt genehmigt bekommen soll – ich brauche jedoch mindestens 14! Ich kenne das Prozedere vor Ort: Da will Sie der Informationsminister sprechen, dann der Protokollchef und so weiter. Das sind endlose Tee-Séancen, die gut und gerne zweieinhalb Tage verschlingen und ohne die sie nicht drehen dürfen. Mit einem achttägigen Aufenthalt kann ich also nichts anfangen.

Sieht man diese Einsparungen der Berichterstattung an?

Man sieht sie konkret darin, dass sie dies durch den Ankauf von Stringer-Bildern kompensieren. Aber das kann doch nicht sein: Stringer sind in diesem Fall regimetreue Journalisten aus dem jeweiligen Land. Die trauen sich nicht, jene Anstandsverletzungen zu begehen, die ich notgedrungen begehe, um an authentisches Bildmaterial zu kommen. Verständlich ist das aber schon: Ein Stringer muss viel mehr an morgen denken als ich, der ja wieder abreist.

Was halten Sie von angeblich authentischen Youtube-Videos aus Krisengebieten, die verstärkt gesendet werden?

Youtube hat in der Syrien-Krise eine neue Qualität gewonnen, weil es für einheimische Journalisten mittlerweile zu einer wichtigen Verteilerbasis geworden ist. Aber Youtube wird nicht nur von Leuten, die sich der Wahrheit widmen, sondern auch ganz gezielt als Machtinstrument der Despoten genutzt.

Aber auch Sie können sich doch nicht sicher sein, dass Sie nicht auf Leute treffen, die irgendwie gelenkt waren?

Dieses Risiko ist immer da. Ich habe immer versucht, mich nicht zu kumpelhaft auf Menschen einzulassen. Das gilt für Leute, die sich teilweise an mich werfen, als auch für solche, die ich gezielt auswähle. Wenn Sie zusätzlich Leute kennen, wie einen – soweit möglich – unabhängigen Universitätsprofessor, der Ihre Schilderungen verifizieren kann, kommen Sie der Wahrheit ein Stück näher.

Muss man sich Informationen auch für Geld erkaufen?

Ich habe das nie gemacht. Wenn ich Geld bezahlt habe, war das ausschließlich aus dem humanitären Ansatz. Wenn Sie aber jemanden für Informationen bezahlen, müssen Sie davon ausgehen, dass er Ihnen alles, was Sie hören wollen, für Geld erzählt und erfindet! Eine Grenze zur Fantasie ist nicht mehr nachvollziehbar.

Welche Rolle spielt die Sprachbarriere?

Sie ist ein enormes Hindernis. Nur durch eine geschickte Auswahl von loyalen Dolmetschern kann man sie minimieren. Der Kollege Stefan Buchen spricht fünf Sprachen. Darauf bin ich richtig neidisch! Er kann Arabisch und so ganz andere Eindrücke einfangen. Ich versuche, dieses Problem dadurch zu reduzieren, dass ich keine typischen Berufsstringer mitnehme, sondern Studenten von der Uni.

Wie wichtig ist es, sich in einer Krisenregion auszukennen, Kontakte zu haben?

Ich habe mich auch erst langsam an die arabische Mentalität herangetastet und bin in den letzten Jahren verstärkt – teils auch durch die Golfkriege – in den Nahen Osten gekommen. Bei anderen Reisen, außerhalb von Krisenzeiten, entstanden spontan kleinere Beiträge. Das ist die sauberste Basis für einen Kriseneinsatz und nützt immer.

Und wenn dieses Hintergrundwissen fehlt?

Ich wurde schwer angegriffen, weil ich Idi Amin – den ehemaligen ugandischen Diktator – von Anfang an als Blamage für Afrika darstellte. Die damalige Politik sagte: Zum Glück ist der vorherige Machthaber Obote weg. Mit dem gutmütigen Idi Amin kommen wir klar. Doch ich kannte ihn aus dem Südsudan, von einer Waffenschmuggelei, und wusste, wessen Geistes Kind er ist und welch blutrünstigen Machtdurst er in sich trägt. Erst nach einem halben Jahr haben die Kollegen nachgezogen. Das war eine enorme Gratwanderung: auf der einen Seite zu sagen, dieser Mann ist für Afrika ein Unheil, auf der anderen Seite keine rassistischen Vorurteile zu schüren. Das halte ich für eine große Kunst: richtig einordnen, und sei es gegen den Massentrend.

Welche Tipps geben Sie dann gerade jungen Reportern, die in Krisengebiete reisen?

Maximale Vorbereitung, ein ganz klares Konzept, was man machen will, mit der Fähigkeit, dieses Konzept vor Ort jederzeit an den Realitäten wieder verändern zu können, in Verbindung mit einer hohen geistigen Regsamkeit. Nichts ist so fatal, wie wenn sie sich ein Konzept zusammengelegt haben und es entspricht nicht der Wirklichkeit.

Christoph Maria Fröhder hat seit Ende der 1960er-Jahre als freier Journalist vor allem für die ARD über Krisen und Kriege in Asien, Afrika, dem Balkan und dem Nahen Osten berichtet, darunter über die beiden irakischen Golfkriege. Für seine kritischen, unabhängigen Berichte aus dem Ausland wie Inland (u.a. über die Nuklearindustrie) wurde Fröhder mehrfach ausgezeichnet. Er gehört zu den Gründungsmitglieder von Netzwerk Recherche und war dort bis 2010 auch Mitglied des Vorstandes.

Philipp Weber (24) ist Journalismusstudent an der Hamburg Media School.

autor@mediummagazin.de

Info

Das Gespräch ist ein leicht gekürzter Auszug aus dem Buch „Echt wahr. Wie Journalisten Wirklichkeit erzählen“, herausgegeben von Ulf Grüner und Karen Naundorf, ca. 300 Seiten. Es erscheint am 16. April in der Edition „Journalismus multimedial“. In 36 Gesprächen gehen die Studenten des Masterstudiengangs Journalismus der Hamburg Media School der Frage nach, wie Journalisten sich an die Wirklichkeit annähern, sie erzählen und inszenieren. www.kursbuch-echtwahr.info

Erschienen in Ausgabe 03/202012 in der Rubrik „Medien und Beruf“ auf Seite 38 bis 41 Autor/en: Interview: Philipp Weber. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.