Europas Hauptstadt-Journalisten

Für manche Journalisten kommt der Korrespondentenjob in Brüssel gleich nach dem in New York. ARD-Studioleiter Rolf-Dieter Krause z. B. würde die belgische Hauptstadt höchstens gegen den Big Apple eintauschen. Neben dem internationalen Umfeld, den unterschiedlichen publizistischen, ökonomischen und politischen Kulturen, schätzt das WDR-Urgestein besonders den Austausch mit Journalistenkollegen aus anderen Ländern (s. a. Interview S. 54). „Durch die Eurokrise, das Ringen um Griechenland und die vielen Treffen der Regierungschefs in den letzten zwei Jahren ist die europäische Politik fassbarer, anschaulicher, auch dramatischer geworden. Europa ist uns allen verdammt nahe gerückt, ob wir das mögen oder nicht“, sagt Matthias Krupa, seit September 2011 Brüssel-Korrespondent der „Zeit“: „Das mitzuerleben und zu beschreiben ist außerordentlich spannend.“ „Welt“-Berichterstatter Florian Eder schätzt „neben der ungeheuren Freiheit als Korrespondent in Brüssel vor allem den Wettbewerb um die besten Geschichten mit Kollegen aus ganz Europa und eben nicht nur aus Deutschland. Zu beobachten, ob und wie aus einem bürokratischen Apparat ein im besten Sinne politisches Kraftzentrum wird, zu beschreiben, wie die Euphorie der Einigung als Grundlage der Union abgelöst wird, ist schon ein Privileg.“ Und FAZ-Brüssel-Korrespondent Nikolas Busse erklärt: „In Brüssel werden schon seit Jahren viele der großen und wichtigen Entscheidungen getroffen, mit der Euro-Krise hat sich das noch einmal verstärkt. Wo sonst sollte ein politischer Korrespondent also lieber arbeiten wollen?“

Während sich die fest angestellten Korrespondenten unisono zufrieden über ihren Job äußern, hat die Begeisterung bei vielen Freien im Laufe der letzten Jahre nachgelassen. Zwar ist die Nachfrage nach EU-Themen durch die Eurokrise eher gestiegen, auf die Honorare hat sich das jedoch nicht ausgewirkt. Im Gegenteil: Auch in Brüssel ist die Krise angekommen. „Wenn ich selbst von Qualitätszeitungen gerade einmal 70 Cent die Zeile bekomme, dann weiß ich nicht, wie das gehen soll – zumal bei einer Geschichte, wo ich auch noch ein bisschen was recherchieren muss“, erklärt ein Freier unter zwei. „Ich kenne Kollegen, die betreiben eine Kneipe nebenbei, weil sie vom Journalismus alleine hier nicht mehr leben können.“

Spannend für Feste, ruinös für Freie

Die niedrigen Honorare sind aber nur ein Teil des Problems, wie Eric Bonse weiß, der früher für „Handelsblatt“ gearbeitet hat, inzwischen frei für verschiedene Auftraggeber unterwegs ist: „Trotz immer noch erschwinglicher Mieten ist Brüssel ein teurer Korrespondentenplatz. Und der Markt für Freie ist erstaunlich klein. Während man in Paris relativ schnell einen Bauchladen aufbauen kann, bei dem mehrere Medien dieselben Beiträge übernehmen, ist das in Brüssel kaum möglich, weil die Redaktionen eine Alles-oder-Nichts-Strategie fahren: Entweder haben sie einen eigenen Korrespondenten in Brüssel oder sie machen die EU-Themen selbst aus Berlin oder aus der Zentrale“, erklärt der 51-jährige. „Selbst große und renommierte deutsche Redaktionen bilden sich mitten in der Eurokrise ein, alle Themen aus deutschen Quellen und mit der nationalen Brille covern zu können – ein Trauerspiel!“ Um sich abzugrenzen, setzt Bonse bewusst auf den „fremden, kritischen, auch EU-kritischen Blick“, was sich letztlich für ihn auszahle.

Freie verlassen Brüssel

„Es ist besser, in Brüssel fest zu arbeiten“, sagt auch Alois Berger, langjähriger Korrespondent der „Weltreporter“ in Belgien. „Wenn man als Freier dort ist, muss man sich eine Nische suchen. Manche Zeitungen suchen sich zu ihren festen EU-Korrespondenten noch freie Mitarbeiter für die Belgien-Berichterstattung, andere suchen Spezialisten beispielweise für Forschungspolitik. Das ist möglich. Ich sehe aber relativ wenige Leute, die davon auf Dauer leben können.“ Seit Berger Anfang 2010 aus privaten Gründen nach Deutschland zurückgekehrt ist, suchen die „Weltreporter“ nun schon nach Ersatz für ihn. Bislang ohne Erfolg, was für Marc Engelhardt, den 1. Vorsitzenden des Netzwerks, auch mit der schwierigen Lage der Freien in Brüssel zu tun hat: „Die Medien, die sich für Brüssel interessieren, haben im Regelfall einen festen Korrespondenten dort, und die, die keinen haben, ein eher geringes Interesse an dem, was in Brüssel passiert. Generell sind wir ständig auf der Suche nach freien Journalisten, die zu uns ‚Weltreportern‘ passen. Und wir hoffen natürlich, den weißen Fleck im Herzen Europas bald wieder gefüllt zu bekommen.“

Konkurrenz durch PR der EU

Einen „Journalisten-Exodus“ in Brüssel beklagt seit einigen Jahren die International Press Association (API). Wie ARD-Korrespondent Krause im „medium magazin“-Interview (s. S. 54f.), so macht auch die API das kostenlose Footage-Material der EU-Kommission auf der einen und die spärliche Pressebetreuung auf der anderen Seite für den Rückgang der Akkreditierungen verantwortlich. In einer Pressemitteilung von 2010 heißt es dazu: „Für die meisten Medien in den Mitgliedsstaaten ist es billiger, zu Hause Pressemitteilungen zu übernehmen oder Videomaterial von den Websites der Institutionen herunterzuladen. Aber Nachrichten über die EU, die sich allein aus solchen Quellen speisen, sind qualitativ längst nicht mit denen zu vergleichen, die spezialisierte EU-Korrespondenten vor Ort produzieren.“

Die Europäische Kommission ficht diese Kritik wenig an. Neben Unsummen für vorproduzierte Fotos, Berichte und Livestreams flossen auch 2011 wieder 22 Millionen Euro an den TV-Nachrichtensender „Euronews“, der sich für ein Viertel seines Jahresumsatzes gerne dazu verpflichtete, in nicht geringem Umfang über die EU zu berichten.

„Das hat etwas Historisches“

Journalistisch ist Brüssel für viele nach wie vor ein begehrtes Pflaster. Rolf-Dieter Krause z. B. spricht von einem „immer noch unglaublich spannenden Projekt“. Und auch Detlef Drewes, seit September 2004 als Auslandskorrespondent für verschiedene deutsche Regionalzeitungen in Brüssel tätig, verhehlt nicht, dass er den Traum faszinierend findet: „500 Millionen Menschen gehören zusammen, teilen Wohlstand, Frieden und gemeinsame Werte. Das hat schon etwas Historisches.“ Manch einen Berichterstatter lassen Brüssel und die EU selbst nach der Pensionierung nicht los. Den 71-jährigen Rudolf Wagner zum Beispiel. Gemeinsam mit Heribert Korfmacher (zuletzt Europa-Korrespondent der Deutschen Welle), Brüssel-Berichterstatter Hans Hadler und Ralph Joachim (früher u. a. RTL-Produktionsassistent) hat er 2002 die Online-Zeitung belgieninfo.net gegründet – „vor allem damit unser mühsam erworbenes Wissen weiter genutzt wird“, erinnert sich der frühere ARD-Korrespondent und Europa-Mann von RTL. Heute umfasst belgieninfo.net eine 14-köpfige Redaktion und 150 regelmäßige Autoren, die ihre in Belgien lebende deutschsprachige Leserschaft mit Informationen über ihr Gastland und die EU versorgen. Die Website will jedoch keine Tageszeitung sein, sondern setzt auf Hintergrundberichte, News und Reportagen aus Kultur, Politik, Wirtschaft und Tourismus. Außerdem gibt es ein Forum und einmal im Jahr ein Print-Magazin zum gleichen Themenkreis.

Ein Projekt ganz anderer Art startete 2007 der Deutsche Daniel Freund mit zwei schwedischen Kumpels: „European Daily“ heißt seine Tageszeitung für „mobile, aufgeschlossene Europäer“ – „Menschen“, wie Freund erklärt, „die vielleicht in einem anderen europäischen Land als ihrem Heimatland wohnen oder die viel durch Europa reisen und deren Netzwerke ganz Europa umspannen“. Ihnen will der 27-jährige eine e
igene Tageszeitung bieten. „Der wichtigste Unterschied zu nationalen Tageszeitungen ist dabei“, sagt Freund, „dass wir Europa als Ganzes als Inland betrachten, in der „Europe Section“. Das ganze Blatt zeichne sich außerdem durch eine europäische Sichtweise auf die Dinge aus. Eine Probeausgabe ist im Juni letzten Jahres erschienen, ab Herbst soll „European Daily“ an den Kiosken liegen.

Zustand der EU-Berichterstattung

EU-Themen an die Zuschauer oder Leser zu bringen, ist nach wie vor nicht leicht. Während etablierte Sendungen wie das seit 1989 ausgestrahlte „Europamagazin“ in der ARD, der von Rolf-Dieter Krause und Marion von Haaren im Wechsel moderierte „Bericht aus Brüssel“ (WDR), die ZDF-Sendung „heute in Europa“ oder „Europa heute“ im Deutschlandfunk ein Publikum finden, tun sich vor allem Regional- und Lokalzeitungen mit der Berichterstattung aus Brüssel schwer. Keine eigenen Korrespondenten vor Ort, keine Themenstrategie, zu wenig Personal in den Heimatredaktionen, um EU-Themen für Leser attraktiv aufbereiten zu können – das sind für Gerd G. Kopper die Hauptgründe dafür, dass man „inhaltlich Beispielgebendes“ im Regionalzeitungsbereich „eher angestrengt suchen muss“. Ein Befund, der sich seit Koppers mehrjähriger Studie zum journalistischen Nachrichtenmanagement innerhalb der Europäischen Union (Erstveröffentlichung 2007) nicht geändert hat, wie der heute als Autor und wissenschaftlicher Berater tätige Journalist im „medium magazin“-Interview (s. Seite 53) erklärt.

Es gibt aber auch Ausnahmen: Die fünf Regionalzeitungen „Rheinische Post“ (RP), „Badische Neueste Nachrichten“, „Schwäbische Zeitung“, „Rhein-Zeitung“ und „Weser-Kurier“ z. B. leisten sich schon seit mehreren Jahrzehnten über die „Arbeitsgemeinschaft Korrespondenten“ (ARGE) eine eigene Auslandsberichterstattung. Die EU-Berichterstattung für die Blätter wird seit Herbst 2006 von Anja Ingenrieth betreut, zu deren Berichtsgebiet auch die Nato und die Benelux-Länder gehören. Die Brüssel-Korrespondentin sieht es als größte Herausforderung an, die Eurokraten-Sprache für die Leser verständlich zu übersetzen und ihnen die Relevanz von EU-Entscheidungen anschaulich und konkret aufzuzeigen: „Was Brüssel entscheidet, betrifft den Alltag der Menschen in Deutschland unmittelbar. Sei es im Sommerurlaub, weil die Handy-Kosten im Ausland geringer ausfallen, oder bei den Nährwertangaben auf Schokoriegeln.“ Außerdem gehe es bei Brüsseler Entscheidungen um das Geld der deutschen Steuerzahler – nicht nur bei den Milliarden-Bürgschaften für die Euro-Rettung. Denn etwa ein Fünftel des EU-Haushalts komme aus der Bundesrepublik. Wie ihre Brüsseler Kollegen, so muss Ingenrieth manchmal aber auch in den Redaktionen Überzeugungsarbeit leisten: „Die Kollegen zu Hause zur rechten Zeit für ein vermeintlich langweiliges EU-Thema zu begeistern, ist manchmal nicht so einfach.“ Trotzdem kann sich die frühere RP-Volontärin und Politikredakteurin der „Aachener Nachrichten“ mit Schwerpunkt EU derzeit nur einen ähnlich interessanten Einsatzort vorstellen: New York.

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Lesetipps

Europa in den Medien – Medien in Europa / Institut für Auslandsbeziehungen, Robert Bosch Stiftung (Hg.): http://bit.ly/HYA8tX

Black Box Brüssel: Journalismus zwischen Affirmation und Kontrolle – Studie des Mainzer Mediendisputs: http://bit.ly/IkFcr4

Europa für Dummies: Themenspecial „EU-Berichterstattung“ der Initiative Tageszeitung (itz):

http://bit.ly/IkFmie

Torsten Schäfer: Brüssel – vermeintlich fern. Zum europäischen Denken und Handeln deutscher Regionalzeitungen.

Linktipps

Europäisches Journalismus-Observatorium (EJO):

Internationaler Presseverband (IAP): www.api-ipa.org

The European Journalism Centre (EJC): www.ejc.net

Überblick über EU-Politik und Institutionen: www.eu4journalists.eu

Journalistenpreis des Europäischen Parlaments:

http:// www.europarl.de/view/Presse/Journalistenpreis.html

europäische Nachrichten

euro|topics – Die bpb-EU-Presseschau erstellt vom Netzwerk für Osteuropa-Berichterstattung n-ost: http://bit.ly/iFG33H

Café Babel, das Europamagazin im Netz:

www.cafebabel.de

Übersicht zu EU-Blogs:

www.treffpunkteuropa.de/4656

Von der EU mitfinanzierter Sender:

www.euronews.eu

Katy Walther ist Redaktionsmitglied von „medium magazin“ und freie Journalistin.

redaktion@mediummagazin.de

Erschienen in Ausgabe 04+05/202012 in der Rubrik „Special“ auf Seite 50 bis 52 Autor/en: Katy Walther. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.