Protestwelle

Herr Fend, Sie waren Redakteur beim WDR, heute sind Sie im Ruhestand. Herr Lenger, Sie lehren als Professor für Philosophie in Hamburg, sind Jahrgang 1952. Für die Befürworter der WDR-3-Reform sind Sie nicht „Radioretter“, sondern „Radiorentner“, die sich einem Kulturbegriff der siebziger Jahre verpflichtet fühlen. Ärgert Sie das?

Hans-Joachim Lenger: Erst mal weiß ich gar nicht, was der Kulturbegriff der siebziger Jahre überhaupt sein soll. Wenn wir über Kultur sprechen, dann sprechen wir doch über Jahrhunderte, wenn nicht gar über Jahrtausende. Also dass nun alle zehn Jahre eine neue Kultur stattfinden sollte, wäre mir völlig unbekannt. Ich glaube, das ist ein Kulturbegriff, der bekennt, dass er durch und durch modisch ist. Es geht doch darum, dass das Kulturradio unter veränderten gesellschaftlichen, politischen, technologischen, sozialen Bedingungen neue Aufgaben bekommt. Wie kann es einen Beitrag zur Selbstreflexion der Gesellschaft leisten, in deren Auftrag es arbeitet?

Lothar Fend: „Radiorentner“: das war ja ein Versuch, die Leute, die diese Initiative gegründet haben, auszugrenzen mit diesem Witzchen, über das ich auch erst lachen konnte. Die Argumentation zu verhindern oder zu verniedlichen ist aber zum Glück nicht gelungen. Wir haben ja nicht nur 18.500 Unterschriften gesammelt. Wir haben Veranstaltungen durchgeführt, auf denen über die Zukunft des Radios geredet wurde. Wir haben eine Internetseite auf die Beine gestellt, auf der viele Beiträge zu lesen sind, wie wir uns das Radio der Zukunft vorstellen können. Es geht um Weiterentwicklung.

Der WDR argumentiert, es gäbe gar keine umfassende Reform der Kulturwelle. Was werfen Sie denn dem WDR konkret vor?

Fend: Dass der WDR diesen Konflikt, den wir öffentlich gemacht haben, überhaupt nicht austrägt. Wir haben für eine offene Debatte gesorgt. Der WDR hat sich bräsig verhalten. Er hat Sendungen gemacht, in denen nur eine Meinung vorkam. Er hat einseitig berichtet über diesen Konflikt. Er hat keinen „Radioretter“ eingeladen. Er ist vollkommen unfähig gewesen, auf diese Herausforderung, die wir da nach Köln geschickt haben, zu reagieren.

Lenger: Die Sprache ist ja verräterisch. „Das Haus“ hat entschieden. „Das Haus“ ist der Meinung, dass … Wo ist sonst eigentlich von Häusern die Rede? Das Haus Wittelsbach. Das Haus der Hohenzollern. Also allein die Sprache verrät einen neofeudalen Geist. Und die Leute, die an der Spitze dieser neofeudalen Häuser sitzen, sind Widerspruch nicht gewohnt. Die Unfähigkeit, in irgendeiner Weise auf eine Kritik, auf eine Auseinandersetzung zu reagieren oder einzugehen, die hat schon mit diesem neofeudalen Geist zu tun. Dieses Von-oben-Herab im Zusammenhang mit Unternehmensberatungen, die hier agieren, zeigt, dass der WDR mit demokratischen Entwicklungen auf Kriegsfuß steht.

Fend: „Radioretter“ ist vielleicht ein bisschen pathetisch, ein bisschen großmäulig, sicher sogar selbstironisch, aber in der Unterzeile heißt es ja: „Initiative für Kultur im Rundfunk“. Das bedeutet nicht nur Kultur im Radio, sondern auch im Apparat. Damit meine ich nicht diesen Kasten mit den Knöpfchen oder den Schiebern, sondern Kultur in den Redaktionen, in der Hierarchie des Hauses, im Umgang der fest angestellten Redakteure mit den freien Mitarbeitern, die ja einen großen Teil des Programms, tragen und auch in den Rundfunkgremien, die dazu da sind, diesen öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu begleiten in den wesentlichen Entscheidungen und auch zu kontrollieren. Also dafür setzen wir uns ein, für Kultur im Radio, in diesem mehrfachen Sinne.

Es gibt einen Medienwandel, es gibt einen Wandel in den Hörgewohnheiten. Der WDR sagt, wir wollen nicht Kultur streichen, sondern man muss sie anders an die Hörer bringen.

Fend: Das ist ja schon mal falsch, dass dieses Programm sich verändert und irgendwelchen Hörgewohnheiten anverwandelt. Es sind ja bisher, was wir gehört haben, eigentlich nur Streichungen. Am Anfang vorgetragen mit einem Taschenspielertrick: politische Berichterstattung soll durch Nachrichten mit Originaltönen ersetzt werden. Also jeder, der sich ein bisschen in den Medien auskennt, weiß, was Nachrichten sind. Das sind von Nachrichtenredakteuren zusammengestellte Agenturmaterialien, die für das Radio aufbereitet werden. Aber ein Nachrichtenredakteur kann nicht leisten, was ein politischer Redakteur leisten muss nachfragen: Was ist die Sprache der Politik, welche Interessen stehen dahinter? Diese Analysen kommen in den Nachrichten nicht vor. Und ich finde es fatal, wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk wieder mal auf Plätze verzichtet, in denen er eigenständig das Politische senden und ausstrahlen kann. Was kann eine Abendzusammenfassung als einzige politische Sendung bringen? Das kann eigentlich nur das sein, was die „Tagesschau“ berichtet, nur ohne Bilder.

Es gibt aber doch sogar zwei WDR-Kulturprogramme: WDR 3 und WDR 5. Das ist doch sehr viel.

Lenger: Ja sicher, nur welcher Charakter zeichnet WDR 5 aus? Das ist zunächst mal ein Sender der Information. Da argumentieren die WDR-Leute immer: Da findet Wort ja statt. Die Frage ist aber, ob Wort sich auf Information reduziert. Das Wort ist zwar Information, aber erst ganz zuletzt. Das Wort ist zunächst einmal Begründung von Kultur, das Spielen mit sich selbst. Die ersten frühen Zeugnisse des Wortes sind magische Formeln, Hexensprüche, Zaubersprüche, die heute noch in der Lyrik andauern. Was passiert nun, wenn man sagt, in WDR 3 muss das Wort gar nicht mehr so stattfinden, wir entworten dieses Programm und verlagern es in WDR 5, die Informationswelle? Dann verschwinden wesentliche, gerade die kulturellen Dimensionen des Wortes. Wie soll dann noch von einem Kulturradio die Rede sein, wenn das Wort bei einer von zwei Wellen unten durch gefallen ist?

Fend: Wir wissen nicht, was diesen Streichereien, mal hier, mal da, eigentlich an Konzeption zugrunde liegt. Die Sendung „Resonanzen“, die man als politisch-kulturelles Feuilleton bezeichnen kann, wird zwar ihre Sendezeiten behalten, aber die Beiträge, die dort ausgestrahlt werden sollen, sind im wesentlichen Wiederholungen von WDR 5. Dann werden natürlich auch, wie bei fast jeder Programmreform, Features gestrichen. Dies alles wäre nicht so sehr viel und die Leitung betont immer, dass es eigentlich nur vier Prozent von WDR 3 sind. Wie die die Zahl ausgerechnet haben, möchte ich mal wissen. Aber selbst, wenn sie stimmte: Wir erleben es seit 2000, dass wesentliche Wortsendungen gestrichen werden. Manche neuen Sendungen sind hinzugekommen, das stimmt.. Aber entpolitisiert ist das Programm auf jeden Fall. Ich will das „Kritische Tagebuch“, für das ich einst Redakteur war, nicht zurückhaben. Ich möchte nur die Räume erhalten, in denen neue Radioentwicklungen möglich sind. Und wenn man diese Räume hat, braucht man auch Personen, die diese Räume mit neuen Ideen füllen. Wenn man das Programm mit lauter Routine füllt, dann verlieren die Mitarbeiter ihre Kompetenz und sie verlieren auch die Lust, neue Programme zu machen.

Dann ist aber Ihr Kulturbegriff vor allem ein politischer, oder?

Fend: Kultur schließt die Politik ja ein. Ein Kulturvollprogramm bedeutet, dass man Kultur herstellt, dass man über Kultur berichtet und dass man auch dem Politischen den Platz einräumt, der ihm in der Gesellschaft zusteht. Man darf nicht nur fragen: Was sind die Hörgewohnheiten? Sondern man muss als Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auch fragen: Was braucht die Gesellschaft?

Was müsste man neu entwickeln? Denn die Hörerzahlen für solche Programme gehen ja zurück? Was würden Sie denn ändern?

Lenger: Das Programm muss beweglicher werden. Das bedeutet viele kleine Programmformen, aber auch große Formen. Es ist doch ein Ammenmärchen zu meinen, jüngere Menschen würden keine längeren Texte mehr lesen oder längere Beiträge mehr hören. W
ir brauchen die Entwicklung von Formen, die ihren Gegenständen angemessen sind. Unsere Gegenwart ist z. B. durch äußerste Beschleunigung gekennzeichnet. Darauf müssen solche Formen reagieren, nicht um sich nun auf dieses Tempo wiederum draufzusetzen, sondern um die Themen in einer angemessenen Geschwindigkeit, in einer angemessenen Tiefe, mit angemessenen Hintergründen zu bearbeiten.

Auf der Ebene der Musik erleben wir doch ganz weit reichende Einschnitte. Jeder hat heute, sei es im Handy, sei es gesondert, einen Mp3-Player. Er ist sein eigener DJ. Wie kann eine Musikpublizistik darauf eingehen? Doch nicht allein dadurch, dass das öffentliche Konzert im Rundfunk einfach so fort gesetzt wird. Es muss eine Höranleitung geben für den Musikgenuss.

All das verlangt aber nach neuen journalistischen, publizistischen Formen, an denen man arbeiten muss. Aber wenn man experimentellen Raum nicht freigibt, der notwendig ist, um das erarbeiten zu können, dann kommt natürlich auch nichts dabei heraus und man bleibt als WDR-Reformer vollständig in Begriffen der Vergangenheit verfangen. Man fragt nicht danach: Was könnten wir Neues bringen? Man fragt nur: was können wir an Altem zerschlagen? Nur, das verdient den Begriff der Reform gar nicht.

Der WDR sagt, es müsse mehr Geld für den Internetauftritt da sein.

Fend: Diesen wunderbaren Gedanken haben aber auch viele andere Leute. Ich finde den Internetauftritt sehr wichtig und der von WDR 3 lässt sicherlich zu wünschen übrig, wenn man sieht, was z. B. vom Deutschlandfunk geleistet wird. Nur: wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk sich darauf einlässt, nur programmbegleitende Beiträge ins Internet zu stellen und gleichzeitig sein Programm politisch und kulturell verarmt, dann wird das Angebot, das im Internet möglich ist, auch immer kleiner. Insofern ist diese Argumentation widersprüchlich.

Das klassische Bildungsbürgertum stirbt langsam aus. Muss der öffentlich-rechtliche Rundfunk darauf nicht reagieren?

Lenger: Den Begriff der Bildung umweht so ein etwas problematisches Flair aus gehobenen Kreisen, ein wenig Dünkel und der Möglichkeit, jederzeit das rechte Zitat parat zu haben. Das sind ja nicht die Formen, um die es hier geht. Es geht um Formen eines kulturellen Wissens. Natürlich verändern die sich mit den gesellschaftlichen Bedingungen, mit den technologischen Veränderungen. Wenn die klassische Bildung abnimmt, dann heißt das aber nicht, dass die Probleme des Wissens geringer würden. Sie werden größer. Und da muss der öffentlich-rechtliche Rundfunk seine spezifischen Aufgaben neu erfüllen.

Trotz der über 18.500 Unterschriften unter Ihren Appell – das Engagement der kulturellen Elite im Land bleibt verhalten.

Fend: Wenn diese Initiative nicht in der Öffentlichkeit ihre Stimme erhoben hätte, wäre die WDR-Leitung nicht gezwungen gewesen, ihre Entscheidungen zu begründen. Allein das finde ich schon einen großen Gewinn unserer Initiative. Man hat ja im WDR geglaubt, man könne diese Reformen so mit der linken Hand durchsetzen. Auch die Gremien des WDR mussten sich intensiv mit diesen Programmstreichungen auseinandersetzen. Auch das ist ein Erfolg. Nicht zuletzt: Seit langer Zeit beschäftigen sich erstmals wieder viele Menschen mit dem Sinn des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Aus dem WDR hört man, dass sich das Klima im Hause allerdings noch einmal wesentlich verschlechtert habe. Statt Diskussionen gebe es eher eine Art Basta-Mentalität.

Lenger: Einige Redakteure haben Sorge, in Schwierigkeiten zu kommen. Mitunter haben sie sogar Angst, mit uns zu reden. Das ist natürlich höchst bedenklich, wenn ein öffentlich-rechtliches Medium in seinem Inneren eine Atmosphäre schafft, in der das Klima einer freien Meinungsäußerung, einer offenen Debatte, eines kreativen Nachdenkens immer weiter abnimmt und möglicherweise bald zum Erliegen gekommen ist. Eine Einrichtung wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk, wie der WDR, dessen Aufgabe ja nicht zuletzt ist, für demokratische Strukturen in der Gesellschaft einzustehen: wie soll er das machen können, wenn es solche Strukturen in seinem Inneren zusehends weniger gibt?

Fend: Alles, was wir versuchen, ist doch, eine Denkpause zu erreichen. Damit die Widersprüchlichkeiten im Konzept des Hauses aufgedeckt werden. Damit diskutiert wird. Damit alternative Vorstellungen entwickelt werden. Das ist im Augenblick unser Ziel.

Reformen gibt es bei WDR 3 seit Ende der neunziger Jahre. Warum erst jetzt dieser Protest?

Fend: Es gab immer schon Versuche, diese Reformen zu verhindern oder mit anderen Vorstellungen zu verbinden. Dies ist der vorletzte Schritt. In drei, vier Jahren wird, wenn diese Reform oder diese Streichungen durchgesetzt werden, der letzte Schritt gemacht werden. Und dann ist gar nichts mehr zu retten. Jetzt wollen wir die Räume, die da sind, bewahren und in diesen Räumen mit den Kollegen innerhalb des Hauses neue Formen, neue Themen entwickeln. Also insofern ist es spät, aber nicht zu spät.

Lenger: Ich frage mich das schon seit langer Zeit, warum sich die WDR-Leute im Inneren dieses Apparates nicht schon seit vielen, vielen Jahren wehren. Aber das hängt natürlich zusammen mit dieser Salamitaktik, mit der da vorgegangen worden ist. Erst wird eine Scheibe abgeschnitten, dann kommt noch eine. Es gibt ein wenig Protest und dann ist wieder Ruhe. Drei Jahre später passiert wieder etwas. Wir sind nur jetzt in einer Situation, in der, wenn weiter geschnitten wird, nichts mehr übrig bleibt, und deswegen dieser Protest, der zugegebenermaßen viele Jahre zu spät kommt.

Brigitte Baetz ist freie Journalistin in Köln und arbeitet u. a. für die DLF-Sendung „Markt und Medien“

autor@mediummagazin.de

Lothar Fend (66) hat sein ganzes Berufsleben beim WDR-Hörfunk verbracht: Nach dem Studium (Geschichte, Germanistik) und Volontariat verantwortet er die Jugendsendung „Radiothek“ und prägte als Redakteur u.a. der Sendungen „Kritisches Tagebuch“, „Gedanken zur Zeit“ und „Funkhausgespräche“ das Hörfunkprogramm des WDR entscheidend mit. Seit 2010 ist er im Ruhestand.

Hans-Joachim Lenger (60) ist Professor für Philosophie an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und arbeitet seit 30 Jahren als nebenberuflicher „Journalist aus Leidenschaft“. Nach dem Studium heuerte er zunächst beim „Kritischen Tagebuch“ des WDR-Hörfunk an, um Geld zu verdienen. Bis heute macht er Beiträge für WDR, SWR und DLF zu Themen aus Politik, Kultur und Kunst.

Erschienen in Ausgabe 06/202012 in der Rubrik „Titel“ auf Seite 20 bis 22 Autor/en: Interview: Brigitte Baetz. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.