Vorsprung durch Technik

„Es wird einen Punkt geben, an dem Journalisten ohne Programmierkenntnisse selbst die simpelsten Dinge nicht mehr machen können“, sagt Shazna Nessa, die Interactive-Chefin der Associated Press in einem Interview mit vocer.org. Ihre Prognose steht in krassem Gegensatz zur Realität, in der ein Großteil der Journalisten nicht einmal mit ihrem Browser und den Redaktionssystemen für Online und Print im eigenen Haus zurechtkommen. Trotzdem ist etwas dran an Nessas These: Die Trends und journalistischen Innovationen der letzten zehn Jahre wurden von technischen Entwicklungen angestoßen. Datenjournalismus, Social Media, Multimedia- und Mobile Reporting – all diese Spielformen des Journalismus gehen weit über das Befragen von Quellen und Schreiben von Texten hinaus und setzen bei Journalisten eine hohe technische Kompetenz voraus.

Daraus ergibt sich ein handfestes Problem für die Verantwortlichen in Redaktionen: Wenn sie mit der Zeit gehen und neue Tools ausprobieren wollen, brauchen sie entsprechend technikaffine Mitarbeiter. In der Regel sitzen diese aber schon in der Online-Redaktion und haben genug damit zu tun, die Beiträge ihrer Print-Kollegen einigermaßen webgerecht zu präsentieren. Sie koordinieren die Social-Media-Aktivitäten und sind in vielen Fällen auch die Einzigen, die wissen, wie man ein Handyvideo schneidet – kurzum: Die „eierlegenden Wollmilchsäue“ haben im Produktionsalltag keine Zeit zu experimentieren.

Die große Frage, die Redakteure und Redaktionsmanager daher beschäftigt, ist: Wie können wir mit unseren eigenen Mitteln unser Produkt verbessern und die dabei steigenden technischen Anforderungen bewältigen?

Erwartungen an Redakteure

„In den letzten dreißig Jahren sind immer mehr Prozesse der Zeitungsproduktion in die Redaktion gewandert“, sagt der Medienberater Joachim Blum. Dass Redakteure Zeitungsseiten layouten und die Bilder dafür bearbeiten, sei inzwischen die Regel. Erwarten könne man heute von Redakteuren, dass sie auch die sozialen Medien und Webressourcen zur Recherche nutzen. Wie gute Online-Teaser zu schreiben und Texte fürs Web zu produzieren sind, ist für professionelle Journalisten – wie Blum in etlichen Seminaren erlebt – schnell erlernbar. Allerdings: „Wenn ein Redakteur lernen will, wie man aufwendige Webvideos dreht und schneidet, dann muss man ihm ein Training und die entsprechende Ausrüstung anbieten; aufzwingen sollte man das aber niemandem.“ Als Top-down-Prozess, von der Chefebene vorgegeben, sei die notwendige Qualifizierung für den Medienwandel nicht zu erreichen.

Die wird aber die Mehrheit der Redakteure betreffen, denn – so „Zeit Online“-Chefredakteur Wolfgang Blau: „Ich glaube, dass zumindest in großen Redaktionen auch in Zukunft noch Platz ist für Redakteure, die wirklich nur schreiben möchten; die selbst mit Social Media nichts am Hut haben wollen. Sie müssen dann aber absolute Ausnahme-Talente sein, um diese Nische für sich zu rechtfertigen.“ (Das ganze Interview)

Auch in der crossmedialen Redaktion muss nicht jeder alles können, gleichwohl aber jeder wissen, welche Optionen zur Verfügung stehen. Für technisch avancierte Umsetzung im Netz oder Spezialaufgaben werden besonders qualifizierte Redakteure gebraucht. Aber „besonders bei Regional- und Lokalzeitungen“, sagt der Medienberater Steffen Büffel, „haben die Chefredakteure noch nicht überall erkannt, dass sie den Medienwandel auch personell gestalten müssen“. Der eine Teil der Personalentwicklung bestehe in kontinuierlicher Fortbildung der Mitarbeiter, der andere in der Schaffung neuer Stellenprofile für spezialisierte Redakteure.“

Wolfgang Blau beschäftigt zum Beispiel einen Redakteur, der die Userkommentare redaktionell betreut in Redaktionskonferenzen auf gute Leserdebatten hinweist und zur Teilnahme animiert. „Dadurch steigt“, so der „Zeit Online“-Chef, „auch die Kompetenz aller Redakteure im Umgang mit Userkommentaren“. Genauso sollen Videoredakteure und Datenspezialisten ihr Wissen mit ihren Kollegen teilen. „Videoredakteure haben bei uns nicht nur die Aufgabe, Videos zu schneiden und zu produzieren, sondern auch alle anderen Kollegen im Umgang mit der Kamera zu trainieren.“

Planungsaufgaben

Die Entscheidung, wie eine Geschichte erzählt wird, gehört seit jeher zum Basishandwerk eines Redakteurs. Nur ist diese Entscheidung mit der Vielfalt der Ausspielkanäle erheblich komplexer geworden: Online gibt es eben nicht nur Texte, sondern auch Videos, Audios, Grafiken, Timelines und noch viel mehr. Hinzu kommen interaktive Optionen wie die Frage, ob die Geschichte durch Crowdsourcing besser würde oder sich als Diskussionsgrundlage in den Communities eignete.

Wer solche Schritte planen und beauftragen soll, muss die Ausführung nicht zwangsläufig selbst beherrschen, aber zumindest die Optionen kennen und den Aufwand dafür genau einschätzen können. Doch das ist vielerorts noch nicht der Fall. So werden in der Alltagsproduktion spannende Innovationen nur unzureichend bedient. Die Lösung für dieses Problem liegt in der Koordination: Schon in der Themenplanung muss derjenige beteiligt sein, der entscheidet, welche Geschichten mit Video oder Slideshow erzählt werden und welche durch eine Datenrecherche vertieft werden könnten. Im Anschluss stellt er die Teams zusammen, die sich die Aufgaben für die jeweilige Geschichte teilen.

Zum Beispiel so: Ein Redakteur recherchiert die Eintrittspreise und Öffnungszeiten der umliegenden Schwimmbäder und trägt sie in ein Google Spreadsheet ein, ein Onliner fügt die Geodaten der Schwimmbäder hinzu und verknüpft die Tabelle über Fusion Tables mit einer Google Map, auf der die Bäder und Informationen angezeigt werden. Ein Fotograf sorgt für Impressionen vom Start der Badesaison, ein Infografiker wird mit einer Karte für die Printausgabe beauftragt, er kann wiederum die Google Map als Vorlage verwenden. So entsteht eine optisch ansprechende und leicht nutzbare Zeitungsseite. Die Onlineversion ist Grundlage der Printausgabe und bietet dem User Mehrwert: In der Google Map kann er gleich den Routenplaner starten und sich zum nächstgelegenen Schwimmbad navigieren lassen.

Mit ein bisschen Routine lässt sich zudem viel Zeit sparen. Das setzt allerdings eine technische Basis der Zusammenarbeit voraus. Denn in ein Word-Dokument getippte Rechercheergebnisse müssen sonst erst mühsam in eine Tabelle übertragen werden, bevor sie automatisiert in der Karte erscheinen können.

Wer die Crossmedia-Planung übernimmt, sollte nicht nur Kenntnisse der medienspezifischen Darstellungsformen, sondern auch die Autorität haben, die Planung der Ressorts zu beeinflussen. Ob dieser Planer Blattmacher, Cross- oder Multimedia-Redakteur heißt, ist zweitrangig. Es zeichnet sich bereits ab, dass crossmedial denkende Journalisten Wettbewerbsvorteile haben: Bei der Besetzung von Führungspositionen und Festanstellungen haben sie gegenüber Kollegen die Nase vorn, die bisher eine traditionelle Zeitungskarriere verfolgt haben und kein besonderes Interesse an den digitalen Kanälen zeigen.

Die Grenze zur Technik

Zurück zu Shazna Nessas These, dass Programmieren in Zukunft von der journalistischen Arbeit nicht mehr zu trennen ist. Abgesehen von digitaler Produktionstechnik, die natürlich auch von Programmierern entwickelt wird, sind Journalisten in zwei Bereichen auf Programmierer angewiesen: Erstens bei der Präsentation ihrer Informationen über digitale Kanäle, zweitens bei der Aggregation und Verarbeitung von Datenströmen.

Nessa bezieht sich auf letzteren. Sie ist der Meinung, dass Geschichten zunehmend in Statistiken, Bilanzen oder anderen Datensammlungen wie Twitterfeeds versteckt sind. Um diese nach Unregelmäßigkeiten durchsuchen zu können, muss man programmieren können. Genauer gesagt muss man lernen Application Programming I
nterfaces (APIs) zu nutzen.

Datenjournalist Kai Biermann erklärt diese Technik in seinem „Data Blog“ von „Zeit Online“ so: „Eine API ist eine Schnittstelle, damit Computer miteinander reden und automatisiert Daten tauschen können. Über sie können die in den Diensten enthaltenen Informationen – beispielsweise die Tweets – ausgelesen und weiterverarbeitet werden.“ Mit der Twitter-API kann ein Programmierer zum Beispiel genau die Tweets aus der Datenflut herausfiltern, die ein bestimmtes Hashtag enthalten oder aus einer bestimmten Region gepostet wurden. Aber nicht nur Twitter, Facebook und Google bieten APIs an, sondern inzwischen auch Institutionen wie die Weltbank, die unter anderem Daten zu internationalen Geldflüssen und zum Klimawandel über APIs verbreitet.

Keine Frage, Datenjournalismus hat Potenzial. Trotzdem müssen nicht alle Journalisten lernen APIs zu nutzen. Wolfgang Blau baut gerade bei „Zeit Online“ datenjournalistische Kompetenz auf. Für Spezialaufgaben beschäftigt er Programmierer und technisch profilierte Entwicklungsredakteure. Wichtig ist ihm allerdings eine grundsätzliche Bereitschaft seiner Redakteure, „Code als Recherche-Mittel und journalistische Ausdrucksform zu sehen.“(s. S. 50 f.).

Externe Experten

Eine weitere Möglichkeit, technisch aufwendige Datenrecherchen und Visualisierungen zu verwirklichen, besteht in der Kooperation mit Agenturen.

Für Regionalzeitungen bietet dpa mit „Regio Data“ ein bislang wenig genutztes, aber besonders interessantes Angebot: Die Redaktion bereitet Daten und Grafiken für die Verbreitungsgebiete von Regionalzeitungen auf und bietet sie sowohl als Print-Infografiken als auch als Online-Datentools an.

Die aufwendigsten Datenprojekte in Deutschland hat die Agentur „Open Data City“ von Lorenz Matzat realisiert. Matzat hat schon auf dem C64 ein Faible für Animation entwickelt und später auch Computerspiele produziert. Er hat bei der „Berliner Tageszeitung“ volontiert und sich ab 2009 in der Open-Data-Bewegung engagiert. Inspiriert von Wikileaks und dem Datablog des „Guardian“ begann er, wie er selbst sagt, „Daten mit journalistischer Brille zu betrachten“. Inzwischen ist Matzat der gefragteste Datenjournalist Deutschlands. Seine Agentur bietet in der Regel Ideen und Konzepte für datenjournalistische Projekte an und recherchiert und entwickelt die Anwendungen dann in Eigenregie. „Wir verstehen unsere Apps als ‚programmierte Artikel‘, insofern programmieren wir einen Beitrag, der ‚schlüsselfertig‘ geliefert wird, ‚redigiert‘ wird von den Redaktionen, etwa durch Tests oder Feedback.“ Open Data City hat für „Zeit Online“ die preisgekrönte Vorratsdaten-Visualisierung umgesetzt, für die „taz“ die ebenfalls preisgekrönten Anwendungen Parteispendenkarte und Fluglärmkarte entwickelt und auch den für den Grimme Online Award nominierten Zugmonitor von sueddeutsche.de.

Ideenmanagement

Auch in der Präsentation, dem anderen Bereich, in dem Journalisten auf Programmierer angewiesen sind, sollten Journalisten in gewissem Maße dazulernen: Journalisten werden auch in Zukunft nicht gezwungen sein ihr Content Management System (CMS) weiterzuentwickeln. Wer aber ein grundsätzliches Verständnis davon hat, wie CMS funktionieren, dass sie Artikel und Fotos aus einer Datenbank laden und sie nach Regeln ausgeben, die man in den Stylesheets und PHP-Dateien verändern kann, der ist schon einen entscheidenden Schritt weiter: Er kann Probleme eingrenzen und sinnvolle Vorschläge zur Verbesserung des Systems entwickeln.

Was über Embed-Code hinausgeht, das heißt über Programme wie den Youtube-Player, die sich in einzelne Artikel einbinden lassen, müssen schon deshalb spezialisierte Techniker machen, weil unprofessionell programmierte Lösungen das gesamte Redaktionssys-tem gefährden können. Das heißt aber nicht, dass sich solche Eingriffe in das System nicht lohnen. Im Gegenteil.

Ein Beispiel: Ein Redakteur hat die Idee, die Geschichte des Gazastreifens mit Hilfe eines Hintergrundkastens aus dem Fließtext zu lösen. Mit ein bisschen HTML-Kenntnis kann er die Zusatzinformationen in einen optisch abgetrennten Kasten verlagern. Ein Programmierer, der sich mit dem Redaktionssystem auskennt, könnte aber stattdessen gleich ein Modul entwickeln, das jedem Redakteur die Möglichkeit gibt, Hintergrundkästen zu einem Thema anzulegen. Das Modul ermöglicht es dann sogar, denselben Kasten immer wieder zu verwenden, wenn die enthaltenen Informationen gefragt sind. Ein weiterer Vorteil: Wenn der Hintergrundkasten aktualisiert wird, werden gleichzeitig alle Geschichten aktualisiert, in die er integriert wurde.

Der ständige Relaunch

Solche Weiterentwicklungen des Systems im laufenden Prozess gehören zum Konzept des „ständigen Relaunchs“. Stefan Plöchinger, der Chefredakteur von sueddeutsche.de, schreibt in seinem Beitrag „Wie Blattmachen online funktioniert“ für das Buch „Universalcode“ über das Konzept: Erstens brauchte man dadurch keine großen Relaunchs mehr, die im Zweifelsfall Leser verprellen, zweitens werde die Redaktion für Usability- und Layoutprobleme sensibilisiert.

Der „ständige Relaunch“ erfordert eine enge Zusammenarbeit von Redakteuren und Programmierern. Die Websites der meisten Zeitungen werden aber von Technik-Abteilungen oder Dienstleistern entwickelt, die weit ab von der Redaktion und häufig ohne Verständnis für redaktionelle Bedürfnisse ihrer Arbeit nachgehen. Umgekehrt fehlt es Redakteuren in vielen Fällen an technischem Verständnis, um mit den Technikern effizient zu kommunizieren. Sie nerven die Programmierer mit Fragen, die im Handbuch zum Redaktionssystem beantwortet werden, haben kein Verständnis für die Aufwände, die zum Beispiel ein eigenes Videoangebot mit sich bringt, und melden Fehler am System in einer Weise, die es den Technikern nicht ermöglicht, das Problem zu replizieren und zu beheben. Das führt zu Frust auf beiden Seiten: Die Redaktion fügt sich ihrem CMS und verzichtet auf Weiterentwicklungen, um sich den Ärger mit den Technikern zu sparen, und die Techniker sind frustriert, weil ihre Arbeit nicht geschätzt wird. Auch um solche Hürden abzubauen, beziehen in den nächsten Woche bei „Zeit Online“ Redakteure und Techniker einen gemeinsamen Newsroom, wie Wolfgang Blau berichtet.

Neue Allianz

In den USA gibt es inzwischen eine Bewegung von Journalisten, die Programmieren lernen und die Kooperation zwischen Programmierern und Journalisten intensivieren wollen. Die beiden Stiftungen Knight Foundation und Mozilla Foundation kooperieren im Knight-Mozilla Open News Lab (siehe Tipps unten), um Redaktionen mit innovativen Technikprojekten zu unterstützen. Die Organisation „Hacks/Hackers“ hat sich auf die Fahne geschrieben, Programmierer (Hacker) und Journalisten (Hacks) zu vernetzen. Sie veranstaltet Hackathon oder Hack Days genannte Events, bei denen Lösungen für journalistische Probleme entwickelt werden. Eine Serie von „How-to“-Texten von Hacks/Hackers-Mitgliedern mit Techniktipps für Journalisten ist auf der Website des Poynter Institute erschienen (siehe Linktipps unten).

„Meine Herangehensweise an Technik: Hab einfach keine Angst davor!“, sagt der Multimedia-Journalist Richard Koci Hernandez. Journalisten müssen nicht von heute auf morgen Programmieren lernen. Aber wer experimentiert und sich die Mühe macht, den Codes der digitalen Welt auf die Spur zu kommen, kann nur gewinnen. Sie können gleich damit anfangen – zum Beispiel mit unserem Techniktipp auf Seite 63 in dieser Ausgabe.

Thomas Strothjohann ist Online-Redakteur der „Oberhessischen Presse“ und Mitglied der „medium magazin“-Redaktion.

Erschienen in Ausgabe 06/202012 in der Rubrik „Special Technik“ auf Seite 46 bis 47 Autor/en: Thomas Strothjohann. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.