Stimmt’s, …?

01. … dass sich der „stern“ besser mal an Henri Nannen erinnern sollte?

Im Mai bekam jeder Redakteur des „stern“ eine „Checkliste“, die helfen soll, „die Qualität dauerhaft zu heben, weniger Mittelmaß zu produzieren und statt dessen mehr Texte zu schaffen, auf die wir alle stolz sind“. Wer das Schriftstück lesen will, kann dies unter www.mediummagazin.de tun und findet dort Merksätze wie „Ein guter, stern‘-Text ist aufregend“ und „Hinter einem guten, stern‘-Text steckt eine Idee“; oder aber auch Fragen wie: „Reizt der Einstieg zum Weiterlesen?“, „Kann der Leser dem Gedankengang in jeder Passage folgen?“, „Finden sich im Text, gar innerhalb eines Absatzes, Wortwiederholungen, die nicht Stilmittel sind?“ Das Beste kommt, wie so oft, zum Schluss: Die Redakteure mögen auf „Orthografie, Satzbau und Interpunktion“ achten und die Regeln zur Not trotz fortgeschrittenen Alters erlernen.

100 Jahre würde der „stern“-Gründer Henri Nannen am 25. Dezember 2013 alt – für Stephanie Nannen Anlass, eine Biografie über ihren Großvater zu schreiben. Erscheinen wird das Buch, was nicht verwundert, bei Bertelsmann, dem Mutterkonzern von Gruner+Jahr. Auf die „stern“-Checkliste angesprochen, sagt die Journalistin: „Leitlinien, schriftliche, hätte es bei meinem Großvater nie gegeben. Er selbst war die Leitlinie. Vermutlich hätte er gelacht, wenn jemand mit der Idee gekommen wäre, so etwas herauszugeben. Einfach deshalb: Texte hatten selbstverständlich gut zu sein, sonst wurden sie nicht gedruckt. Das wusste jeder der Reporter. Und wer nicht schreiben konnte, wurde gar nicht erst eingestellt.“

Was also hätte Henri Nannen seinen Redakteuren geraten, um „die Qualität dauerhaft zu heben, weniger Mittelmaß zu produzieren und statt dessen mehr Texte zu schaffen, auf die wir alle stolz sind“? Es hilft ein Blick ins Archiv. Dem NDR erzählte Nannen 1979 jene Geschichte, die jeder seiner Redakteure irgendwann zu hören bekam. Es ist die Geschichte „von den Angehörigen verschiedener Völker, die einen Aufsatz über die Elefanten schreiben sollen. Da schreibt der Franzose unter dem Titel ‚L’éléfant et l’amour‘, der Wiener schreibt unter dem Titel ‚Erinnerungen eines uralten Elefanten an das Wiener Burgtheater‘, der Engländer unter dem Titel ‚The Elephant and the Football‘ und der Amerikaner schreibt ‚How to Breed Bigger and Better Elefants in Less Time for Less Money‘, und der Deutsche schreibt: ‚Wesen und Grundlagen der Psychologie des Elefanten, Band 1, Volumen A – Der burmesische Arbeitselefant in seiner Beziehung zum Menschen.‘ Schauen Sie, bei uns sind Langweile und Seriösität Synonyme – und ich bin der Meinung, man sollte unter dem Titel ‚L’éléfant et l’amour‘ eine unterhaltsame Geschichte schreiben, aber in der müsste alles enthalten sein, was man über Wesen und Grundlagen des Elefanten zu wissen hat.“

Weiter sagte er: „Ich finde, wenn man Journalist ist, dann will man doch die Welt ein bisschen durchsichtiger, ein bisschen verständlicher, ein bisschen weniger gemein, ein bisschen ehrlicher, ein bisschen offener machen. Insofern hat der, stern‘, glaube ich, einiges bewirkt. Er hat mitgeholfen zum Beispiel bei der Ostpolitik, und er hat auch mitgeholfen, ein größeres soziales Bewusstsein in der Bevölkerung und auch bei den Politikern zu wecken.“

Aus dem Jahr 1975 stammt folgendes Zitat: „Der, stern‘ ist sicher nicht ohne Emotionen, nicht ohne Aggressivität und vor allen Dingen nicht ohne Engagement. Aber Versuche, etwa mit der Angst oder dem Gegenteil, nämlich mit schönen Illusionen, Auflage zu machen, führen nach meiner Meinung zu nichts. Erfolg hat auf Dauer nur die wirkliche Information des Lesers. Entscheidend ist doch, dass der Leser glauben kann, was da im Blatt steht.“

Zeitlos modern ist auch, was Nannen kurz nach Gründung des „stern“ gesagt hat: „Um aktuell zu sein, heißt es, den Geschehnissen immer auf den Fersen zu bleiben und die Hand dauernd am Puls der Zeit zu haben. Man muss auch fühlen, was unter der Oberfläche des Tagesgeschehens an unausgesprochenen Gefühlen, Ängsten und Sehnsüchten lebendig ist. Man muss aussprechen und ansprechen können, was in den meisten Menschen noch unbewusst und ungeklärt sein Wesen hat. Mit dem aktuellen Bildsalat allein wollen wir uns beim, stern‘ nicht begnügen. Die Engländer haben für diese Art Journalismus ein treffendes Wort geprägt, das sich nur schwer ins Deutsche übertragen lässt —, human interest‘, wörtlich etwa, menschliches Interesse erweckend‘.“

Stephanie Nannen will übrigens nicht nur eine weitere Biografie des Mannes schreiben, den sie als kleines Mädchen „Opa Nase“, bisweilen „Gropi“, meist aber „Großpapa“ gerufen hat. Ihr Antrieb ist herauszufinden, wer er als Journalist war, was ihn ausmachte, wie er es anstellte zu wissen, was eine gute Geschichte, ein gutes Heft, eine gute Blattmischung ist. Ihr größter Wunsch bleibt unerfüllt: „Wenigstens einmal mit ihm Blatt zu machen. Auch wenn wir uns dabei womöglich furchtbar in die Haare kriegen würden, weil wir beide jeweils mit ganzem Bauch davon überzeugt wären, es richtig zu machen.“

02. … dass die FAZ einen jungen Wochentitel plant?

Das tut sie schon eine ganze Weile, mindestens aber seit 2009. So alt jedenfalls ist der Dummy, den KircherBurkhardt entworfen hat: ein Tabloid, optisch eng verwandt mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, steigt mit dem doppelseitigen „Wochen-Thema“ ein und reserviert bei 48 Seiten Umfang auch Internetthemen einen Stammplatz. In der qualitativen Marktforschung mit Studenten erzielte die Zeitung gute Ergebnisse.

Trotzdem wurde das Projekt nicht weiter verfolgt. Angeblich, weil Aufsichtsratschef Wolfgang Bernhardt nicht die Meinung von FAZ-Geschäftsführer Tobias Trevisan teilte, dass für junge Leser, die in Ergänzung zum Internet hochwertigen Journalismus suchen, ein eigenes Printangebot geschaffen werden müsste. Eines, das nur einmal wöchentlich erscheint, nicht aber zu dicht am Wochenende, um die FAS nicht zu gefährden.

Seit Mitte Juni ist Bernhardt nicht mehr Aufsichtsratschef. Sein Nachfolger ist Ex-„Spiegel“-Geschäftsführer Karl-Dietrich Seikel, der mit dem Schweizer Tobias Trevisan schon bei Tamedia gut konnte. Seikel saß bei dem Zürcher Medienhaus im Verwaltungsrat, bevor er in den Aufsichtsrat der FAZ wechselte ist. Doch es stimmt nicht, dass die Wochen-FAZ für Junge bereits in den Startlöchern steht. Trevisan sagt, es gebe andere Prioritäten, außerdem sei der Dummy „nicht marktreif“. Offenbar fehlt ein redaktionelles Konzept. Voraussetzung dafür wäre, dass die Redaktion, allen voran die Herausgeber, das Projekt auf ganzer Linie unterstützen. Mit Bernhardt habe es jedenfalls nichts zu tun, dass die Idee bisher nicht umgesetzt wurde, sagt Trevisan. Er selbst lässt keinen Zweifel daran, dass er es begrüßte, wenn daraus etwas würde.

03. … dass die „taz“ ihre Sportfotos nicht mehr verpixelt?

Im August 2011 thematisierte „taz“-Sportredakteur Markus Völker im Hausblog die „aufsässige, allgegenwärtige“ Werbung im Sport. Er kündigte an, dass die „taz“ „zwei Wochen lang auf den Sportseiten die Logos von Brustsponsoren auf Fotos verpixelt“. Die Aktion war als Test deklariert.

Kurz darauf schrieben Völker und sein Ressortkollege Andreas Rüttenauer, warum es nun dauerhaft bei der Verpixelung bleibe: Der Aufwand sei nicht besonders hoch, außerdem gehe es darum, journalistische Una
bhängigkeit zu beweisen: „Wir sind nicht mehr bereit, Eure Werbebotschaft auf Trikots und Werbebanden zu verbreiten. Es kann ja auch nicht Aufgabe einer Zeitung sein, die mit kritischer Distanz über Sport berichtet, täglich kostenlose Werbung von Vereinen und deren Sponsoren ins Blatt zu heben.“

Kaum ein Jahr später gibt die „taz“ ihr Vorhaben auf und die zuvor derart engagierten Sportredakteure wollen sich zu den Gründen nicht äußern. Womöglich wollen sie ihrer Chefredakteurin nicht widersprechen. Ines Pohl behauptet, „die sehr erfolgreiche Sport-Verpixelung war als Kampagne angelegt, die als solche einen Anfang und ein Ende hat. Das Ende wird nun mit dem Ende der Tour de France kommen“. Eine Begründung liefert sie nicht. Fest steht: Eine zeitliche Begrenzung gab es nicht. Wie hieß es im August 2011: „Wir werden weiter verpixeln. Jetzt gibt es kein Zurück mehr“.

Ulrike Simon

ist freie Medienjournalistin in Berlin.

autor@mediummagazin.de

Erschienen in Ausgabe 07+08/202012 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 14 bis 15 Autor/en: Ulrike Simon. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.