Die Weltreporter

Paul Flückiger aus Warschau

1. Das gedruckte Internet

Warschau. Das große quadratische Format sticht in den polnischen Zeitungs- und Zeitschriftenauslagen sofort in die Augen. Der neue Pressetitel „W Sieci“, auf Deutsch „Im Netz“ oder „Im Internet“, liest sich allerdings wie ein schlechter Witz, weil es sich hier nicht um eine Internetfachzeitschrift handelt. Der Grund: Das Magazin wagt einen beachtlichen Umkehrschritt, denn die meisten der hier abgedruckten Artikel stammen aus dem Internet, vor allem aus konservativen Blogs und Online-Diensten. Chefredakteur Jacek Karnowski begründet dies so: „Die Welt der Freiheit, das Internet, erscheint damit nun auf Papier.“ Papier verleihe eben den Gedanken mehr Gewicht und es habe eben trotz des technischen Fortschritts „seinen eigenen Charme“. Zudem, so Karnowski, gebe es Leser, die immer noch offline seien.

„W Sieci“ steht politisch rechts und trumpft ohne großes Medienhaus im Hintergrund nicht nur gleich mit einer Startauflage von 150.000 Stück auf. Auf der Titelseite: die nationalkonservative Integrationsfigur Marta Kaczyńska, die einzige Tochter des im April 2010 verunglückten Präsidentenpaares. Der Ansatz, Blogposts zu drucken, ist wahrhaftig etwas ungewöhnlich Neues im polnischen Blätterwald, der seit dem Wechsel von den rechtskonservativen Kaczyński-Zwillingen zum liberalen Freundesgespann von Premierminister Tusk und Staatspräsident Komorowski vor mehr als fünf Jahren immer wieder durch konservative Neugründungen aufgemischt wird. Viele dieser Pressetitel sind Nischenprodukte, ein paar haben es aber dank finanzkräftiger Rückendeckung zu beachtlichen Auflagen von mehreren zehn- bis über hunderttausend gebracht.

Das Nachrichtenmagazin „W Sieci“, in dem in Polen seit langem bekannte rechte Gesinnungsjournalisten wie etwa der Kommunisten-Agentenjäger Bronistaw Wildstein publizieren, will für sich noch einen weiteren Vorteil des Nachdrucks aus dem Internet ausgemacht haben: Dort nämlich, so steht es im Editorial, seien noch alle Meinungen willkommen, dort würden sie noch nicht zensiert. Damit übernimmt das Magazin einen Diskurs, der in Diktaturen wie Weißrussland berechtigt ist – in Polen nach 1989 jedoch abenteuerlich klingt. Das Internet ist für die rechtskonservative „W Sieci“ so nicht nur billiger Artikellieferant, es stellt vor allem einen politischen Untergrund dar, die angeblich letzte Möglichkeit, frei eine „Meinung gegen den Strom“ zu äußern.

Mit solchen Verschwörungstheorien lassen sich immer mehr Polen ködern. Ähnlicher Meinung sind zum Beispiel die Mitglieder der gerade boomenden „Clubs der Gazeta Polska“, einer weiteren rechtsextremen Wochenzeitung. Es gibt bereits ein Netz von über 300 solcher Clubs, das sich vor allem auch in kleine polnische Provinzstädte erstreckt. Dort ist auch das Internet weniger verbreitet. Das erst Anfang Dezember gegründete Nachrichtenmagazin „W Sieci“ jedenfalls hat bereits so viel Erfolg, dass Chefredakteur Karnowski nun die Umgestaltung in ein Wochenmagazin ankündigte. Die zweite Ausgabe hat zudem bereits eine Auflage von 200.000 Stück.

www.gazetawsieci.pl

Klaus Bardenhagen aus Taiwan

2. Demos für Holzmedien

Taipeh. Wovon deutsche Zeitungsverlage nur träumen können, das passiert gerade in Taiwan: Junge Leute, Studenten, gehen für Pressevielfalt und Unabhängigkeit der „Holzmedien“ auf die Straße und legen sich sogar mit der Regierung an. Sie protestieren gegen den geplanten Verkauf der wichtigsten unabhängigen Blätter des Landes an eine pro-chinesische Investorengruppe. Mit Bürgerrechtsgruppen und Journalistenverbänden warnen sie vor einem Meinungsmonopol und chinesischer Einflussnahme auf Taiwans Medien.

Wenn die Behörden den bereits beschlossenen 600 Millionen US-Dollar-Deal genehmigen, steht Taiwans Medienmarkt eine Umwälzung bevor. Es geht um die auflagenstärkste Zeitung und das wichtigste investigative Nachrichtenmagazin des Landes: „Apple Daily“ und das „Next Magazine“ gehören bislang zum Imperium von Jimmy Lai. Der Unternehmer aus Hongkong gilt als unerschrockener China-Kritiker. Während die meisten Tageszeitungen Taiwans im Regierungs- oder Oppositionslager verwurzelt sind, bildet „Apple Daily“ kontroverse Meinungen ab. Korruptionsvorwürfe des „Next Magazine“ führten im Sommer zum Rücktritt eines wichtigen Regierungsmitglieds. Doch nachdem die Regierung ihm mehrfach TV-Lizenzen verweigerte, hat Lai die Brocken hingeschmissen und seinen Rückzug aus Taiwan verkündet. Verkaufen will er ausgerechnet an ein Konsortium milliardenschwerer Industrieller, die vor allem mit China Geschäfte machen und auf gute Beziehungen zur dortigen Regierung angewiesen sind. Die Sorge: Auch wenn chinesische Unternehmen nicht direkt in Taiwans Medien investieren dürfen, könnte die Volksrepublik so durch die Hintertür Einfluss ausüben.

Tonangebend ist Tsai Eng-meng, einer der reichsten Männer Taiwans, der vor vier Jahren bereits eine andere Mediengruppe geschluckt hatte. Beobachter registrieren seitdem eine beschönigende China-Berichterstattung. Außerdem missbrauche Tsai seine Medienmacht für eigene Interessen und um Kritiker zu attackieren. Mit der Übernahme von Lais Blättern sei für Tsai der Weg frei zum Printmonopol.

Taiwans Wettbewerbshüter könnten den Deal noch verhindern. Vor der zuständigen Behörde demonstrierten Hunderte Studenten aus ganz Taiwan gegen das „Medienmonster“, vernetzt über Facebook und Co. Dass ausgerechnet Studenten an der Spitze der Bewegung stehen, ist überraschend: Taiwans junge Generation gilt als extrem unpolitisch. „Die große Politik ist für uns weit weg“, erklärte ein Student bei der Demo in Taipeh. „Aber mit Medien haben wir jeden Tag zu tun. Das betrifft uns direkt.“

www.appledaily.com.tw

Clemens Bomsdorf aus Schweden

3. Politik mit Cookies

Kopenhagen. Dänen halten Deutsche gerne für paranoid, weil sie nicht verstehen, dass man so zögerlich ist, Fotos von sich auf Facebook zu posten, oder Angst vor zu viel Überwachungskameras hat. So war es denn beinahe erstaunlich, dass jüngst ausgerechnet Cookies zum großen Aufregerthema wurden. Alles fing damit an, dass die linksliberale Partei „Radikale Venstre“ (RV) sie einsetzte, um vom Internetnutzungsverhalten auf die politischen Präferenzen zu schließen. Das war der Zeitung „Jyllands-Posten“ die Titelseite wert. Dabei hatte die Werbeagentur der Partei nur eingesetzt, was in der Produktwerbung schon lange Usus ist: eben Cookies. Man wollte wissen, welche Meinung die Internetnutzer zu bestimmten politischen Standpunkten haben, welche politischen Seiten sie ansteuern, also etwa die Homepage von RV. Der Grund: Nur, wer als potenzieller RV-Wähler eingestuft wurde, bekam fortan deren Werbebanner zu sehen. An klare Gegner wie eindeutige Anhänger der Partei sollte kein Werbegeld verschwendet werden.

Weil derartige Techniken in der Werbewirtschaft nicht wirklich neu sind, würde es kaum wundern, wenn auch andere Parteien so arbeiteten, nicht nur in Dänemark. Die Journalisten von „Jyllands-Posten“ aber interessierte das nicht. Sie brachten nur RV auf die erste Seite. Womöglich deshalb, weil die konservative Zeitung für die linksliberale Partei wenig Sympathien hegt? Jedenfalls fand ich die Geschichte so interessant, dass ich sie für das „Wall Street Journal“ nachrecherchierte und nicht nur mit RV, deren Agentur und den Datenschützern sprach, sondern mir die Mühe machte, bei den anderen Parteien anzufragen. Die ganz linke Einheitsliste sagte, ihr fehle für so aufwendige Reklame ohnehin das Geld, die Sozialdemokraten verneinten, andere zogen es vor, nicht zeitig genug zu antworten. Die Antwort der mitregierenden Linkspartei SF war besonders interessant: Leider k