Milchkaffee mit Wachmacher-Garantie

Barcelona. Während in Spanien etablierte Medien wie „El País“ ein Drittel ihrer Belegschaft entlassen, gewinnt engagierter Lokaljournalismus mit Unterstützung von Social Media an Einfluss. Ein Beispiel ist das katalanische Gratis-Wochenmagazin „Café amb llet“ (Milchkaffee) aus der Provinz Girona, ein von einer Zwei-Personen-Redaktion betreutes Liebhaber-Projekt, das sich einem kritischen Bürgerjournalismus verschrieben hat. Zwei Jahre lang haben die Journalisten Albano Dante, studierter Philologe, und Marta Sibina, im Hauptberuf Krankenschwester, recherchiert, wie in den Krankenhäusern in Blanes und Calella Verträge unter der Hand vergeben und Gelder zweckentfremdet wurden. 2,4 Millionen Euro Steuergelder flossen in die Taschen des Politikers Xavier Crespo der konservativ-nationalistischen katalanischen Regierungspartei CiU und des Unternehmers Ramón Bagó. Ihre Recherche veröffentlichten sie unter anderem auf Youtube, wo die Filme knapp 700.000 Mal angesehen wurden. In ruhiger Stimme erzählt Sibina dort auch vom Schweigen der Verwaltung: Die Unregelmäßigkeiten lagen dem Rechnungshof vor, hatten aber keine Konsequenzen. Stattdessen wurden die Journalisten wegen Ehrenrührigkeit zu einer Geldstrafe von 10.000 Euro verurteilt.

Um die Strafe zahlen zu können, suchten Dante und Sibina auf dem Crowd-Funding-Portal Verkami nach Unterstützern – und bekamen in sechs Tagen rekordverdächtige 23.000 Euro zusammen. Das Geld fließt nun in ein Buchprojekt, in dem sie auch erklären, wie Bürger den Verbleib ihrer Steuergelder recherchieren können.

Eine notwendige Lektion: Große katalanische Medien wie die Tageszeitung „La Vanguardia“ oder der öffentlich-rechtliche Fernsehsender TV3 haben den Fall Crespo-Bagó lange totgeschwiegen. Und die Macher von „Café amb llet“ mussten sich als „Fünfte Kolonne“ bezeichnen lassen, weil sie Mitglieder der für Unabhängigkeit eintretenden Regierungspartei CiU angegriffen hatten.

www.cafeambllet.com

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Erschienen in Ausgabe 03/202013 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 18 bis 18 Autor/en: Julia Macher aus Spanien. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.