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Christoph Reuter über Syrien: "Es ist das Grauen dort. Bitte helft!"

Christoph Reuter, der als „Reporter des Jahres 2012“  für seine Berichte aus dem Bürgerkrieg in Syrien ausgezeichnet wurde, schrieb uns zwei Tage vor Heiligabend 2013  einen erschütternden Brief und Hilferuf mit der Bitte um Spenden, den wir mit seinem Einverständnis hier dokumentieren:

„Liebe Freunde,

ich tue sowas sonst nie – aber ich habe auch noch nie so etwas erlebt wie in den vergangenen zwei Jahren. Wie Menschen, die nichts Unstatthaftes gefordert haben, von Scharfschützen wie Tiere gejagt werden, wie Hubschrauber über Krankenhäusern kreisen und Raketen dorthin feuern, wo sich jemand regt. Wie ganze Häuser einstürzen, und ihr wollt gar nicht wissen, wie Menschen aussehen, die wir dann in den Kellern der Notkrankenhäuser sehen, wenn sie auf Pickups, Motorrädern, getragen von den anderen eingeliefert werden.

Ich habe ziemlich viel gesehen in den letzten 20 Jahren, soviel Irrsinn, Gaza, Irak, Afghanistan, Libyen, aber so etwas Grausames wie jetzt in Syrien habe ich noch nie erlebt. Alle paar Wochen stirbt jemand von denen, die wir kennen, und das sind nicht die Kämpfer, sondern jene, mit denen wir zu tun haben, die Helfer bei den Fahrten durchs Land, die Leute der lokalen Räte, die Ärzte, die Logistiker, die Journalisten, die ganz normalen Menschen, die versuchen, ihr Land zu retten gegen die Vernichtung durch dessen Regierung.

Ihr habt das sicher schon alle gehört, dass Millionen auf der Flucht sind, ihre Städte zerbombt, ihre Existenzen vernichtet, sie selbst ausgehungert, frierend und voller Angst. Aber ich erlebe das. Und dann wird aus Zahlen eine nicht abreißende Kette kurzer, langer Begegnungen mit Menschen.

Es fehlt an allem: Nahrung, Medikamenten, Ärzten, Lehrern, Zelten, Brennstoff, die Liste ist endlos. Nach zwei Jahren und zwölf Reisen ins Landesinnere kenne ich verlässliche Hilfsorganisationen, die unter den extremen Umständen Krankenhäuser, Schulen, die Bewohner belagerter Stadtviertel versorgen.

Und ich bitte euch zu spenden!

Ich habe einen kleinen Text für die Korrespondentenberichte im „Spiegel“ geschrieben, hier die längere Fassung:

„Warum bist du hergekommen?“, fragte er an einem Nachmittag im April, als die Panzer der 4.Division wie jeden Tag von den Hügeln auf die Häuser schossen. Es war zu gefährlich, vor die Tür zu gehen. Er sprach nicht gern, schon gar nicht über sich. Aber nun saßen wir fest und redeten. Er erzählte davon, dass er mal Polizist war, nun koche er für eine kleine Rebelleneinheit. Irgendwann fragte er: „Hast du Kinder?“

Ja, einen kleinen Sohn.

„Ich auch. Einen kleinen Sohn.“ Und dann entstand eine Pause, er schaute stumm auf die Wand, bis er sich räusperte und weitersprach. Dass er eigentlich zwei Kinder habe, nein, hatte, bis vor sechs Wochen. Als eine Granate wie jene, die wir aus der Ferne hörten, sein Haus traf. Das abgegriffene Foto eines kleinen, lachenden Jungen war alles, was ihm von seinem jüngsten Kind geblieben war.

Vom Koch aus der Stadt Zabadani haben wir so wenig berichtet wie über die entkommene Frau, die wir mit ihren zwei überlebenden Kinder trafen. Die anderen beiden und ihr Mann waren vor dem Haus ermordet worden, in dem sie sich versteckte. Oder über den Cousin unseres Übersetzers, der im Sommer beim Brotholen von einem Scharfschützen erschossen wurde. Oder den Chronisten aus Damaskus, mit dem wir immer wieder über Skype sprachen, bis er im November unter den Trümmern seines einstürzenden Hauses für immer verstummte.

Als Reporter dem gewaltsamen Sterben anderer beizuwohnen, ist für gewöhnlich eine große Geschichte. So ist das, ganz nüchtern. Aber wenn dieses Sterben selbst gewöhnlich wird, einfach immer weitergeht, ist es irgendwann nicht einmal mehr eine Nachricht.

Je furchtbarer die Lage, desto geringer wird unsere Anteilnahme. So nüchtern. Aber manchmal wäre es schön, wenn das Sterben der anderen nicht nur auf gelangweiltes Schulterzucken stieße.

Weihnachten, dieses aufreibende Fest zu oft gespielter Lieder und opulenter Mahlzeiten, werden wir Deutschen auch dieses Jahr wieder in geheizten Räumen verbringen. Es wird Strom geben, Trinkwasser und eine medizinische Versorgung, falls doch jemandem etwas passiert. Auch wird das Geräusch eines nahenden Flugzeugs niemanden in bodenlose Furcht davor versetzen, dass Sekunden später Hunderte Kilo TNT und Stahl das Haus zerreißen und jeden töten, der sich darin aufhielt.

Es mag seltsam klingen, all diese Dinge zu erwähnen.

Aber ungefähr neun Millionen Syrer auf der Flucht haben fast nichts mehr. Jene Glücklichen, knapp drei Millionen, die ins Ausland geflohen sind, sitzen in Lagern und Zelten zumindest ohne Angst vor Bomben. Aber auch von ihnen werden manche den Winter nicht überleben.

Es wäre überdies schön, wenn wir uns daran erinnern würden, dass diese Menschen vor fast drei Jahren nichts anderes forderten, als wir für selbstverständlich halten. Freiheit, Rechte und das, was im Grundgesetz so weit oben steht, von der Würde des Menschen, die unantastbar sei. Falls diese Worte auch für Syrer gelten, wäre es eine Würdeform der Anteilnahme, ihnen wenigstens beim Überleben jetzt zu helfen. Zu spenden. Ganz nüchtern.

Wer sich anschauen mag, wie ein Krankenhaus sich in einen Ort der Apokalypse verwandelt, nachdem eine Schule mit Napalm bombardiert wurde und wie die Ärzte versuchen, die jähe Flut von Patienten zu retten: 
(Anm.d.Red: „Die Story im ersten: Syriens Kinder“: Der vielfach ausgezeichnete Kameramann Darren Conway und der BBC-Reporter Ian Pannell werden Augenzeugen der ganzen Brutalität des syrischen Bürgerkrieges – und des Leidens der Kinder. Veröffentlicht am 13.11.2013)

 Es sind im wesentlichen zwei Organisationen, die ich gut kenne:

adoptrevolutionwww.adoptrevolution.org

unterstützt Schulen, Krankenhäuser und Medienteams, die dokumentieren was geschieht und Kontakt zur Außenwelt halten

 

 

 

Syrienhilfewww.syrienhilfe.org

unterstützt mit Nahrung, Medikamenten, etc. die Flüchtlinge im Land und in den Lagern in den Nachbarstaaten.

Es gibt weitere, wer will, dem schicke ich die Liste.  (Anm. d.Red.: Wir leiten Anfragen gerne weiter. Nachtrag: Die beiden genannten sowie die weiteren Organisationen auf Christoph Reuters Liste sind als gemeinnützig anerkannt und berechtigt Spendenquittungen auszustellen.)

Liebe Grüße zu Weihnachten, euer

Christoph (Reuter)

 …verzeiht den ungewöhnlichen Brief – aber es ist das Grauen dort.

Christoph Reuter, "Der Spiegel": Für seine Berichte aus Syrien wurde er 2012 zum "Reporter des Jahres" gewählt. Das Foto zeigt ihn bei der Ehrung in Berlin im Januar 2013.

Christoph Reuter, „Der Spiegel“: Für seine Berichte aus Syrien wurde er 2012 zum „Reporter des Jahres“ gewählt. Das Foto zeigt ihn bei der Ehrung in Berlin im Januar 2013.

    Fotos: Wolfgang Borrs.

 

 

 

 

21 Kommentare

  1. Hallo

    Der Youtube-Link funktioniert nicht.

  2. Lieber Christoph Reuter,

    DANKE!!!!! Ich kann jeden einzelnen Satz unterstreichen und möchte mich dem Appell anschließen.

    Martina Sabra
    Journalistin (Nahost/Nordafrika)

  3. Danke, dass Du dort bist.
    Danke, dass Du berichtest.
    Eine Entschuldigung fuer diesen ungewöhnlichen Brief halte ich nicht fuer notwendig.
    Ich werde sehen, was ich tun „kann“.

  4. Lieber Christoph Reuter,
    vielen Dank, dass Sie den Mut haben, aus diesem grauenhaften Krieg zu berichten und diesen Brief geschrieben haben. Als ich vor Monaten auf change.org einen öffentlichen Appell an Asma al-Assad gerichtet habe, ihren Einfluss für die Zivilbevölkerung geltend zu machen und das Land mit ihrem Mann zu verlassen, haben 180.000 Menschen aus 172 Ländern mitgezeichnet. Der Krieg war neu. Es sah noch so aus, als ob es eine Lösung geben könnte. Jetzt ist der Krieg Alltag. Wir haben uns daran gewöhnt. Derweil wachen die Eltern, die den Weg über die Grenzen in den Libanon schaffen, neben ihren erfrorenen Kindern auf. Dürfen wir uns daran gewöhnen? Es ist richtig, dass Sie um Spenden bitten und es wichtig, dass wir sie geben, weil das Elend unermesslich ist. Wenigstens das können wir tun. Alles Gute für Sie. Huberta v. Voss (New York)

  5. Danke für den Hinweis. Ist repariert und funktioniert jetzt. /ami

  6. SYRIEN FILM VON SYRERN

    Es gibt seit kurzem eine von Syrern gemachten Film aus Syrien, der sich an ein westliches Publikum richtet – 50min davon sind frei zugänglich – und dessen Regisseur ebenfalls bei den Dreharbeiten starb… – Und da alle inzwischen äbersättigt von Blut und Leiden sind, benutzt er schwarzen Humor:
    http://www.syria-inside.com

  7. Scheinheilig…. das DRK lässt grüßen. Wieviel wird vom DRK hierfür bezahlt?

    Hilfe geht anders, so nicht.

  8. sehr geehrter Herr Reuters,
    ich verbeuge mich vor Ihnen. Dass sich jemanden wie Sie noch in meinem Land begibt und alles riskiert, ist es nicht selbstverständlich.

  9. Die humanitäre Hilfe und Unterstützung der hier in Deutschland lebenden Syrer für die Menschen in Syrien und den Flüchtlingen ist unermüdlich. Jeder einzelne opfert Kraft, Schlaf, finanzielle Mittel und alles was er ermöglichen kann um das Gefühl zu haben etwas zu tun. Das Grauen wir Leider erst oft dann wahrgenommen, wenn es fast schon vor der Haustür steht.. Trotzdem geht es hier um Menschlichkeit und Menschenrechte. Es geht um Grausamkeiten die fast schon unvorstellbar geworden sind.
    Danke für Ihre Worte und den Aufruf zum Spenden.. Es ist das Mindeste was man tun kann!

  10. Sehr geehrter Herr Reuter,

    danke für Ihren aufrüttelnden, erschütternden Brief und Appell und alles, alles Gute für Sie und Ihre Unterstützer – und für das maßlos leidgeprüfte syrische Volk!!!!!

  11. […] SPIEGEL-Reporter Christoph Reuter bat vor Weihnachten eindringlich um Spenden für Syrien, das vom Bürgerkrieg zerrüttete Land, aus dem er berichtete, und in dem neun Millionen Menschen […]

  12. […] 6. “Es ist das Grauen dort. Bitte helft!”(mediummagazin.de, Christoph Reuter) Der Reporter Christoph Reuter berichtet in einem persönlichen Brief über die Situation in Syrien und bittet um Hilfe: “Ihr habt das sicher schon alle gehört, dass Millionen auf der Flucht sind, ihre Städte zerbombt, ihre Existenzen vernichtet, sie selbst ausgehungert, frierend und voller Angst. Aber ich erlebe das. Und dann wird aus Zahlen eine nicht abreißende Kette kurzer, langer Begegnungen mit Menschen.” […]

  13. Sehr geehrter Herr Reuter,

    vielen Dank für Ihre Arbeit und den Aufruf! Meine Spende wurde soeben überwiesen.

    Alles Gute!

  14. […] SPIEGEL-Reporter Christoph Reuter bat vor Weihnachten eindringlich um Spenden fr Syrien, das vom Brgerkrieg zerrttete Land, aus dem er berichtete, und in dem neun Millionen Menschen auf […]

  15. […] der Privatsphäre etwas an, das nicht so konkret sei wie notleidende Menschen in Syrien. Ein Spiegel-Reporter hatte vor Weihnachten um Spenden für das vom Bürgerkrieg zerrüttete Land gebeten. Aktivismus hat man ihm dafür nicht […]

  16. Wir werden Spenden……

    Dürfen wir den Artikel für Facebook kopieren und veröffentlichen?

  17. Ja – bitte mit verlinktem Quellenhinweis. BG A.Milz

  18. Was dieser journalist erzaehlt ist echt interessant.(Er schildert: Wie Menschen, die nichts Unstatthaftes gefordert haben, von Scharfschützen wie Tiere gejagt werden, wie Hubschrauber über Krankenhäusern kreisen und Raketen dorthin feuern, wo sich jemand regt. ). Die Loesung sieht er aber in Spende Hilfe !!!! Dieser Vorschalg ist witzig. Die Menschen brauchen keine Spende Hilfe . Es besteht ein Bedarf an UN oder US Anwesenheit in regionen wo Internationale Gesetze missachtet werden und Verletzungen von Menschen Rechte eine tagesordnung sind. http://www.ahmadannan.webs.com

  19. […] Weihnachten hat mich ein erschütternder Rundbrief erreicht, vielmehr eigentlich ein Hilferuf von einem Reporter, der aus Syrien berichtet: Spiegel-Reporter […]

  20. […] “Adopt a Revolution” gab es in der Vergangenheit viel Lob – von Syrien-Experten, in der Region tätigen Journalisten, auch von Politikern aller Bundestagsparteien. Die Initiative unterstützt derzeit laut […]

  21. […] “Adopt a Revolution” gab es in der Vergangenheit viel Lob – von Syrien-Experten, in der Region tätigen Journalisten, auch von Politikern aller Bundestagsparteien. Die Initiative unterstützt derzeit […]

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