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Rechts im Blick

Seit Jahren berichtet Andrea Röpke über Neonazis. Sie fordert: Medien sollen am Thema dranbleiben, und zwar klischeefrei

Interview: Anne Haeming

Sie wurden gerade für unser Cover fotografiert. Gab es eine Zeit, in der Sie das nicht gemacht hätten?

Andrea Röpke: Ja klar. Manchmal sehnt man sich auch nach der Phase zurück, in der man nicht so in der Öffentlichkeit stand. In den Neunzigern war es mir wichtig, gar nicht als Person in Erscheinung zu treten, sondern im Hintergrund zu recherchieren, um nicht erkannt zu werden.

Wie recherchieren Sie denn jetzt, in aller Öffentlichkeit?

Ich habe durchaus auch einmal eine Perücke dabei. Auch nur in die Nähe einer Veranstaltung zu kommen, ist für uns mitunter sehr schwer, im Internet kursieren unsere Fotos – und gerade als eine der wenigen Frauen bin ich in diesen Kreisen bekannt wie ein bunter Hund. Wir werden sogar vor den Augen der Kollegen „aussortiert“. Letztes Jahr im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt verweigerte der Ordnerdienst der NPD uns unter Drohungen den Zutritt zu einer öffentlichen Veranstaltung. In Mecklenburg-Vorpommern brauchten wir es gar nicht versuchen. Da wir häufig dokumentieren müssen, ohne entdeckt zu werden, benötigen wir ein gutes Equipment. Womit wir uns ausrüsten, möchte ich aber aus Sicherheitsgründen nicht preisgeben. Auch zu unserem eigenen Schutz. Auf Blicke hinter die Kulissen reagieren Neonazis erfahrungsgemäß sehr aggressiv.

Wieso gaben Sie die Unbekanntheit auf?

Ende der Neunziger häuften sich die Drohungen aus der rechten Szene, vor allem nach Berichten, für die ich verdeckt im Milieu recherchiert habe. Ich habe mir das lange überlegt, doch es war klar: Die Öffentlichkeit kann auch ein Schutz sein. Außerdem sind wir den Verfassungsschutzbehörden mit unseren Recherchen immer wieder voraus und haben keine Lust, unsere Erkenntnisse von ihnen vorführen zu lassen.

Inwiefern?

Wenn Interviewanfragen kommen, kommentieren wir selber, was wir herausgefunden haben. Das ist gerade für freie Journalisten wichtig. Wenn man monate- oder gar jahrelang an einem Thema sitzt und nicht selber vor die Kamera geht, werden eben Ansprechpartner bei den Behörden gesucht. Wird man als Rechercheur nicht ab und an auch wahrgenommen, wird es schnell existenziell.

Ein schizophrenes Verhältnis: Wie oft bestehen Redaktionen darauf, dass Sie eine Stellungnahme von den Behörden zu Ihren Recherchen liefern?

Das passiert oft. Zum Beispiel bei enttarnten Neonazi-Pädagogen, Lagern und Schulungen mit Jugendlichen oder als wir vor der allerersten Schulhof-CD warnten. Aber auch bei gefährlichen Gruppen oder Immobilienkäufen – von denen die Behörden bis dato scheinbar gar nichts wussten. Das dann bestätigen lassen zu müssen, bedeutet erst einmal drei, vier Tage Verzögerung für uns – und Aufschub für die Nachrichtendienste.

Ohne geht es nicht?

Im vorletzten Jahr wollten wir etwa über eine militante Firma berichten, die Schießübungen für Neonazis organisiert. Die Redaktionen wollten uns die Geschichte zunächst nicht abnehmen, weil das so abenteuerlich klang, aber wir konnten alles belegen. Die „Süddeutsche“ brachte das letztlich online – andere haben es danach übernommen. Deswegen ist es sehr wichtig, dass wir Redaktionen haben, die uns vertrauen, wie etwa das Fachorgan „blick nach rechts“, die „taz“ oder auch Verlage, die Freiräume für investigative Hintergrundgeschichten geben, ohne jedes Mal ein Statement des Verfassungsschutzes danebenstellen zu müssen.

Zynisch gesehen ist die Aufdeckung der Zwickauer Neonazi-Zelle also gut für Ihre Auftragsbücher, oder?

Klar – man hört uns endlich zu, wir können nun andere wichtige Themen hinterherschieben, die vorher nicht „knackig“ genug erschienen. Zum Beispiel das Rechte-Frauen-Thema oder die bürgerliche Verankerung der Neonazis. Wir hätten wohl nicht dieses Gehör gefunden, wenn diese schrecklichen Anschläge nicht geschehen wären.

Also funktioniert Rechtsextremismus nur in Form von Eventberichterstattung – also zu Wahlen, nach Morden, Festnahmen?

Leider. Das Jahr 2011 etwa war völlig kalkulierbar, bis auf die Anschläge in Oslo und die Aufdeckung des NSU. Es war ein Wahljahr, also war klar: Es wird zu den Wahltagen Interesse geben. Insbesondere der Umgang der überregionalen Medien mit der NPD in Mecklenburg-Vorpommern war ernüchternd: Ich habe mich über Wochen hinweg an alle möglichen Redaktionen gewandt, für eine präventive Berichterstattung geworben, gewarnt, die NPD kommt wieder in den Landtag. Es hat nichts genutzt, denn laut Umfragen stand die NPD nur bei vier Prozent. Kurz vor der Wahl kam dann der Hype, weil sie über die Fünfprozenthürde kam. Aber dann war es zu spät.

Es ist ein altes Problem, dass die Medien nicht kontinuierlich über Rechtsextremismus berichten. Was folgt denn daraus?

Die Berichterstattung über die Zwickauer Zelle schürt eher Ängste in der Bevölkerung. Es wird dauern, bis viele Leute sich trauen, Gesicht zu zeigen. Ich würde mir wünschen, dass wir nicht nur solche Hysterie erzeugen. Zumal die Menschen, die dem NSU angehören, in der Mitte der Gesellschaft agieren. Vor denen können wir nicht mit Schreckensbildern warnen. Da müssen wir nachhaltig und in Ruhe aufklären und diejenigen stärken, die unsere Unterstützung benötigen. Das passiert zu wenig.

Denken Sie, jetzt, mit dem NSU-Fall ändert sich etwas daran?

Wohl kaum. Ich befürchte: Nach der Gedenkfeier für die Opfer kommen noch die Untersuchungsausschüsse, danach verebbt das Interesse am Thema wieder. Für uns könnte es dann sogar noch schwieriger werden: Denn nun assoziiert man mit „Rechts“ den Terror der NSU – alles andere erscheint dagegen harmlos. Unsere Aufgabe besteht dann darin, das vermeintlich Harmlose wieder in die Öffentlichkeit zu tragen.

Sie sagten in einem Interview, die Existenz des NSU hätte Sie nicht überrascht.

Dass es militante Untergrundzellen gibt, ist nicht überraschend. Und das Zwickauer Netzwerk ist auch längst nicht alles. Es gab viel zu viele Waffenfunde. Der NSU hat sich als militante Spitze der „Bewegung“ gesehen. Tatsächlich trainieren in der Szene viele für einen angeblich bevorstehenden Bürgerkrieg. Dafür wird aufgerüstet.

Wenn das so lange bekannt ist, wie etwa auch die zunehmend wichtige Rolle von Frauen in der rechten Szene, wieso hat es das Thema nicht in die Medien geschafft?

Das ist einfach zu wenig sensationell. Wir haben ja 2006 mit Fachkollegen die ersten Kinderlager gefilmt, mit Führerbunker-Schild und Uniformen. Das ging richtig durch die Medien. Es wäre logisch gewesen, nach den Kindern auch die Rolle der Mütter, der Frauen zu beleuchten – aber die meisten Redaktionen wollten nicht mehr nachlegen. Einerseits war das Thema wohl verstörend genug, andererseits konnten wir die Bilder einfach nicht toppen.

Dass vor allem über Rechtsextremismus in Ostdeutschland, aber nicht in Westdeutschland berichtet wird, gehört das zum gleichen Verdrängungsprinzip?

Es scheint so. Zu zeigen, dass sie aussehen wie wir und zugleich einer menschenverachtenden Ideologie anhängen, zu zeigen, dass sie siedeln, in der Mitte der Gesellschaft Akzeptanz gewinnen und dadurch gefährlicher werden, fällt vielen Redaktionen schwer. Dann müsste man sich auch mit der alarmierenden Demokratiemüdigkeit, den rassistischen Ressentiments innerhalb unseres Alltags auseinandersetzen und der Frage nachgehen: Warum gewinnen die Rechten in vielen Regionen an Raum? Klischees von ostdeutschen Glatzen, mit Springerstiefel und Bomberjacke, sind schneller zu bedienen.

Welche Themen gehen denn besser?

Alles, was mit Militanz zu tun hat, geht gut, Hooligans, Gewalt in den Stadien, alles, was verboten ist, etwa rechtsextreme Musik. Es ist schizophren: Die Redaktionen sagen: Wie halten Sie das aus, das ist so gefährlich! Andererseits erwarten sie, dass wir ihnen fortwährend hochbrisantes Material beschaffen.

Sie sind eine der wenigen Journalistinnen, die in dieser Szene recherchieren. Ist es eher ein Vorteil, weil man als Frau nicht ernst genommen wird – oder ein Nachteil, weil man ein leichtes Opfer zu sein scheint?

Gerade am Anfang war es ein Vorteil, bei den verdeckten Recherchen. Denn die rechte Szene ist nun einmal eine Männerbastion, da hat keiner auf mich geachtet. Heute ist das anders. Ich bin eher eine Provokation für sie. Wir haben mal resümiert: Während sie sich mit den männlichen Kollegen eher inhaltlich auseinandersetzen, werde ich beleidigt als „Berufsdenunziantin“, „Schlampe“, „Hure“, ich gehöre „vergast“ und soll einen „Brandsatz unters Auto“ bekommen. Es scheint für die Neonazis ein Frontalangriff, wenn eine Frau es wagt, sie vorzuführen.

Wie brenzlig das sein kann, zeigt ein Video, in dem Sie im Auto verfolgt werden und dann über eine rote Ampel fahren, um zu entkommen. In einem Supermarkt wurden Sie auch schon geschlagen.

Dass mich ein Nazi angreift, ist nicht so verwunderlich. Viel schlimmer fand ich, dass in einem überfüllten Supermarkt, morgens um 10 Uhr, niemand half. Alle schienen nur erstarrt. Mein Kollege, der mir helfen wollte, wurde durch den halben Laden geschubst. Er rief um Hilfe. Später trauten sich die meisten nicht mal als Zeugen auszusagen. Es klingt fürchterlich abgebrüht, aber als ich zu Boden ging, war mein einziger Impuls, die Kamera anzuschalten.

Bekommen Sie Gefahrenzulage?

Nein, von wem? Aber es wäre gut, wenn wir juristischen Schutz hätten. Das ist wirklich schwierig, für unsere Arbeit gibt es nicht mal eine Haftpflichtversicherung. Ich bin auf die Unterstützung von ver.di angewiesen. Auch die anderen freien Fachkollegen haben dicke Ordner mit Klageandrohungen.

Die Verlage, die Sender wollen die presserechtliche Verantwortung nicht übernehmen?

Oft kommen die Anzeigen, wenn die Beiträge noch gar nicht veröffentlicht sind. Oder ich werde persönlich verklagt, während der Recherche, da haben wir meist noch nicht einmal einen Auftrag. Wegen Beleidigung, Hausfriedensbruch, das ganze Programm.

Wie schützen Sie sich?

Es ist Teil unserer Professionalität, einzuschätzen, ob man etwas machen kann oder eben nicht. Der beste Schutz ist ein zuverlässiges und ehrliches Team. Wir beraten uns, ob eine Situation zu brisant ist, ob es sich lohnt. Wir verlassen uns aufeinander.

Alleine recherchieren geht gar nicht?

Ich mache das ab und an, aber eigentlich geht das nicht. Sobald entdeckt wird, dass einer von uns alleine ist, wird es schwierig.

Sie recherchieren erst, der Auftrag kommt erst später – wieso?

Die Redaktionen wollen sehen, was sie kaufen. Früher war das in der Tat anders, da haben wir ein Exposé eingereicht, den Auftrag bekommen und dann bezahlt weiterrecherchiert. Das waren Goldene Zeiten, mit Leihwagen und bezahlter Unterkunft. Aber irgendwann war das vorbei, gerade von den Sendern hörte man dann immer öfter: Das ist ein Quotenkiller. Oder: Nicht schon wieder dieses Thema! Ohne „Hitlergruß“ oder kernige Nazi-Uniformen im Bild ginge es schon gar nicht.

Wie häufig haben Sie das Gefühl, dass die Redaktionen nicht wirklich verstehen, was Sie eigentlich machen?

Immer mal wieder. Manche denken, mit einem Anruf beim Verfassungsschutz, der Polizei oder der NPS wäre es schneller getan. Für den MDR wollte ich letztes Jahr eine Geschichte machen über heidnische Feiern auf einem Neonazi-Gutshof und fragte, ob sie mir ein Kamerateam mitgeben. Erst gab’s Interesse, aber als die Kameraleute meinen Namen hörten und das Thema erfuhren, haben sie sich geweigert. Ich kann das nachvollziehen. Schlimmer ist etwas anderes.

Was denn?

Dieses Denken in Klischees! Glatze, Baseballschläger und Springerstiefel: Sogar die „taz“ benutzt gern solche Bilder, wenn Andreas Speit und ich über moderne Neonazis berichten. Auch die Vorstellung, Neonazis sind dumm, stört. Der Spruch von Klaus Staeck: „Herr, lass Hirn auf ihre Häupter regnen“, hat sich erledigt. Wir haben es nicht mehr mit bildungsfernen Subkulturen zu tun, sondern mit professionalisierten Nationalsozialisten.

Und Frauen spielen dort eben nicht nur eine Rolle als „Nazi-Braut“, wie die „Bild“ nach der Festnahme von Beate Zschäpe auf der Seite eins titelte. Hat Sie diese Schlagzeile überrascht?

Nein, aber es war eine Ausnahme. Ich habe mich gefreut, dass so viele Medien das Frauenthema aufgriffen und sogar in aller Vielschichtigkeit darüber berichteten. Beate Zschäpe hat den Gang in den Untergrund selbst gewählt, sie wusste von den Waffen und hat das Bekennervideo noch nach dem Tod ihrer beiden engsten Komplizen abgeschickt. Medial wurde anerkannt, dass es radikale, fanatisch denkende Frauen gibt, die ein geschlossenes rassistisches Weltbild haben. Um das zu verdeutlichen, haben wir lange und hart an dem Thema gearbeitet. Und siehe da: Auch die Verfassungsschutzämter haben auf einmal die Frauen entdeckt und warnen vor ihnen.

Kennen sich die Redakteure denn zu wenig aus?

Ja, in vielen Redaktionen scheint die Zeit dafür zu fehlen. Manche rufen einfach nur an, um schnell Informationen abzuschöpfen. Andererseits gibt es ja viele neue Recherchepools und auch Ansätze, dass der Sport- oder Umweltredakteur für seinen Bereich das Thema Rechtsextremismus mitbetreut, sich auskennt. Das ist auch deshalb wichtig, weil die Nazis inzwischen offensiv auf die Medien zugehen, ihnen smarte, gut geschulte Ansprechpartner anbieten.

Die NPD hat jüngst die Parole ausgegeben, professionellere Pressearbeit zu machen, freundlich zu Journalisten zu sein. Wie macht sich das bemerkbar?

Die NPD-Führung hofiert genau die Medien, die ihnen für ihre Pläne von Vorteil sein können. Andere werden abgewiesen, bekommen Hausverbote, werden bedroht. Die Neonazi-Strategen versuchen zu manipulieren und erzielen nicht selten den Effekt: Die sind ja gar nicht so schlimm! Dabei hat ihre Gewaltbereitschaft durchaus zugenommen, die Bedrohungen sind nur subtiler geworden.

Wie war das denn, als Sie anfingen?

Anfang der Neunziger ging man als Journalist sowieso davon aus, dass sie manipulativ sind und gefährlich. Das ist heute vielen nicht mehr klar. Der bürgerliche Auftritt der Nazis verschleiert das. Natürlich kann man auch Interviews mit der NPD führen, sollte aber nicht erwarten, dass die ihre tiefsten Geheimnisse ausplaudern. Ich habe damals gelernt: Man kann mit ihnen reden, aber die eigene Recherche ist viel wichtiger, um Grundlegendes zu erfahren.

Sie waren über Ihr Politikstudium zu dem Thema gekommen. Wie landeten Sie beim Journalismus?

Zielgerichtet war mein Weg nicht. Ich wollte vor allem recherchieren, etwa über eine Altnazi-Organisation, die SS-Verbrecher ins Ausland geschleust und Spenden gesammelt hat. Die Karrieren von Nationalsozialisten nach 1945 waren lange mein Thema, damit landete ich im Journalismus. Dabei hatte ich Glück, weil mich erfahrene, investigativ arbeitende Kollegen unter ihre Fittiche nahmen. Anfangs habe ich nur meine Recherchen abgeliefert, geschrieben haben andere, beim „stern“, „Focus“ oder „Spiegel“. Ich kam, wenn überhaupt, unter „Mitarbeit“ vor, oft fehlte mein Name ganz. Das ging auch anderen Kollegen so. Es ist eine harte Schule. Und finanziell war es auch nicht so leicht.

Wovon haben Sie gelebt?

Ich habe immer viel nebenher gearbeitet, hatte Jobs in der Industrie am Band, beim Partyservice oder im Büro. Aber ich kann hartnäckig sein, wenn ich von etwas überzeugt bin.

Wann war Ihr Frustlevel denn erreicht?

Natürlich habe ich viel von den Kollegen gelernt – aber irgendwann wollte ich nicht mehr nur zuarbeiten. Wir vernetzten uns unter Fachleuten, Fotografen und Autoren. Mittlerweile habe ich mit Kollegen ein umfangreiches Bild- und Filmarchiv aufgebaut. Das gibt uns auch finanziell mehr Sicherheit.

Das Archiv haben Sie auch, weil Sie mit Kamera und Mikrofon losziehen. Aber: Nur mit Stift und
Block wären Sie doch viel unauffälliger.

Ja, nach den Zeiten sehne ich mich schon mal zurück. 1995 habe ich mit einem Fotokollegen für den „stern“ einmal als nationales Paar getarnt eine Woche beim Waffen-SS-Treffen in Bayern verbracht, wir lebten mit ihnen. Wenn üble Sprüche fielen, bin ich schnell zur Toilette und habe mir Notizen gemacht. Heute würde man ein MP3-Mikrofon einstecken müssen oder mit versteckter Kamera drehen. Das ist noch anstrengender. Zudem hat uns die Redaktion damals auch so geglaubt.

Sie können ja nicht mehr undercover recherchieren: Arbeiten Sie daher kaum noch für Print, sondern vor allem fürs Fernsehen?

Ich würde auch mehr schreiben, aber das ist finanziell einfach nicht machbar. Ich kann nicht drei Wochen recherchieren und dann für einen Online-Artikel 150 Euro bekommen. Damit könnten wir oft nicht mal die Benzinkosten finanzieren. Und ich bin ja auch nicht alleine unterwegs; um alle im Team zu honorieren, brauchen wir Bildmaterial. Fernsehen ist die einzige Möglichkeit, dafür adäquat honoriert zu werden. Und man kann eben auch nur im Fernsehen zeigen, wie eine Horde Nazis feiert und draußen stehen die Dorfbewohner und lächeln begeistert.

Der Kreis an Journalisten, die sich auf das Thema Rechtsextremismus spezialisiert haben, ist überschaubar. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

In erster Linie wohl am Geld. Es ist nicht die Gefahr, die die Kollegen abstößt, die gibt es auch in anderen Berufen.

Und der Nachwuchs?

Viele junge Kollegen können sich für das Thema begeistern, wir bekommen unheimlich viel Feedback und geben auch Seminare für Journalistikstudenten. Aber im Berufsleben gibt es dann eben nicht nur Ärger mit Neonazis sondern auch mit der Polizei. Und die finanziellen Durststrecken kommen noch dazu.

Oder sie stellen sich ans Fließband …

Oder das. Ich bin ein bodenständiger Mensch. Für mich war die jahrelange Jobberei wichtig, ich konnte viele Erfahrungen sammeln. Aber wenn Sie sich, wie bedrohte Kollegen, Stahltüren und Gitterfenster einbauen lassen müssen, ein Auto brauchen, weil es sonst zu gefährlich wird, muss das auch erst einmal finanziert werden. Wir können uns den Luxus, frei als Fachjournalisten zu arbeiten, nur leisten, weil wir nebenher Vorträge halten. Dort treffen wir sehr viele Menschen, die viel engagierter und gefährdeter sind als wir Journalisten. Da merkt man, dass man das Richtige tut und weitermachen muss.

 

Anne Haeming ist freie Journalistin in Berlin und Mitglied der „medium magazin“-Redaktion.  

 

ZUR PERSON
Andrea Röpke (*1965) hat sich als freie Journalistin auf das Thema Rechtsextremismus spezialisiert. Die Politologin beschwört mit ihren Texten über Rechtsextremismus in Deutschland seit den Neunziger Jahren die Öffentlichkeit, die Radikalisierung der braunen Szene nicht zu unterschätzen. Wie recht sie hatte, zeigte sich Ende 2011 bei der Aufdeckung einer jahrelangen Mordserie durch Rechtsradikale. Dem Thema Frauen in der Neonazi-Szene hat sie sich, zusammen mit ihrem Kollegen Andreas Speit, zuletzt im Buch „Mädelsache” gewidmet.

Ende Januar wurde sie vom „medium magazin“ als Politikjournalistin des Jahres 2011 ausgezeichnet: „Ihre Hartnäckigkeit und der Mut, für ihre Recherchen immer wieder auch persönliche Gefahren in Kauf zu nehmen, sind ein Vorbild für alle Kollegen“, begründete die Jury ihre Wahl.

 

LINKTIPPS:
Begleittext über die Medien und die rechte Szene: hier.
Blog „Störungsmelder“: blog.zeit.de/stoerungsmelder
Onlinemagazin „blick nach rechts“: www.bnr.de
Projekte der Amadeu-Antonio-Stiftung in Kooperation u. a. mit „Zeit“ und „Stern“:
www.netz-gegen-nazis.de, www.mut-gegen-rechte-gewalt.de
Apabiz-Seite mit Infos über rechte Jugendkulturen: www.dasversteckspiel.de
„Zeit Online“-Grafik über Opfer rechter Gewalt: www.zeit.de/themen/gesellschaft/todesopfer-rechter-gewalt
BpB-Dossiers über Rechtsextremismus: www.bpb.de/rechtsextremismus
Das Zentrum Demokratische Kultur bietet auch Coaching zum Thema an: www.zentrum-demokratische-kultur.de
Die Doku „Blut muss fließen. Undercover unter Nazis“ über die Recherche des Journalisten Thomas Kuban in der Neonazi-Musikszene lief auf der Berlinale. Eine Kino-Tour ist geplant. www.filmfaktum.de

 

BUCHTIPPS:
Andrea Röpke, Andreas Speit: „Mädelsache“, Ch. Links 2011, 200 S., 16,90 Euro.
Andrea Röpke, Andreas Speit: „Neonazis in Nadelstreifen“, Ch. Links 2010, 224 S., 16,90 Euro.
Astrid Geisler
, Christoph Schultheis: „Heile Welten“, Hanser 2011, 224 S., 15,90 Euro.

 

Erschienen in Ausgabe 03/202012 in der Rubrik “Titel” auf Seite 16 bis 19 Autor/en: Interview: Anne Haeming. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.