MAGAZIN +

"Als ob man ins Feindeslager geht"

Klaus Peter SieglochZDF-Mann Klaus-Peter Siegloch ging in Rente. Nur um als Lobbyist für den Luftverkehrsbranche weiterzumachen. Ein Gespräch mit ihm über seine Fernsehkarriere bei ARD und  ZDF und seinen Wechsel auf die andere Seite.

Interview: Jan Söfjer

Noch ist Klaus-Peter Sieglochs Arbeitsplatz inmitten einer Baustelle: Die Zentrale des Bundesverbandes der deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) in der Französischen Straße in Berlin ist noch nicht ganz fertig. Die Fahrstuhlwände sind mit Holzplatten versperrt, die Anzeige tot. Oben im Lift-Vorraum werkeln noch Arbeiter, in Tür zum Flur fehlen die Scheiben. „Sie können auch durchsteigen“, grüßt Siegloch, bietet Getränke an und nimmt das Jackett ab. Sein Büro ist groß und ziemlich leer. Auf dem Tisch in der Sitzecke liegt ein Buch über Zeppeline.

Herr Siegloch, Sie wohnen zum ersten Mal in Berlin. Hat das den Abschied von New York leichter gemacht.

Ja, das kann man so sagen. Manches hier ist zwar nach wie vor Provinz und nicht Weltmetropole, die New Yorker sind da cooler, die wissen, Städte sind ein Organismus, verändern sich immer weiter, aber Berlin hat auch ein bisschen von dieser New Yorker Gebrochenheit, ist nie ganz fertig. Man entdeckt immer etwas Neues, das macht Spaß.

Im Mai gingen Sie in den Ruhestand, nach 23 Jahren beim ZDF und achteinhalb bei der ARD. Wie haben Sie sich gefühlt, als es tatsächlich soweit war?

Das war gar nicht so schwierig, wie ich es mir vorgestellt hatte. Am 1. Juni fing ich beim BDL an, da war nicht viel Zeit zum Nachdenken. Als ich dann aber noch mal für meine Verabschiedung vier Tage in New York war und mit den Kollegen im wunderschönen Büro mit Blick auf Manhatten saß, auch der Intendant war da, ist noch mal der Film der ganzen Jahre abgelaufen. Da wurde mir deutlich, was für eine fantastische Zeit es gewesen ist. Ich habe mehr Dinge erreicht, als ich mir als Student erträumte. Ich hatte verdammt viel Glück.

Und jetzt ist es vorbei.

Es ist eine gewaltige Lebensumstellung. Manchen Kollegen macht das auch richtig Probleme. Journalismus ist ja kein 9-to-5-Beruf, sondern etwas, das alles umfasst, dem man letzten Endes alles unterordnet, wenn man ehrlich ist. Doch man muss die Zäsur nutzen. Wenn man versucht, einen Abschied ewig hinaus zu zögern, ist man unehrlich zu sich selbst. Ich hätte natürlich die Möglichkeit gehabt, noch ein bisschen was für das ZDF zu machen, aber ich hielt das für beide Seiten für keine glückliche Lösung. Ich bin mit Leidenschaft Reporter gewesen, finde aber, dass wir Alten irgendwann verschwinden und den Jungen Platz machen müssen.

Nun haben Sie die Seiten gewechselt, sind nun Lobbyist: als Präsident des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL). Wie kam’s?

Ich bin im vorigen November von einem Headhunter angesprochen worden, ob ich mir diese Aufgabe vorstellen könnte. Zunächst war ich verwundert, weil ich kein Fachmann für Luftverkehrswirtschaft war. Das habe ich denen auch gesagt, aber sie meinten, wir suchen jemanden, der in einer komplexen Organisation moderieren kann und Erfahrung in der Personalführung hat. Die Menschen kennen mich nur als Moderator und Reporter, aber beim ZDF habe ich auch Administratives gemacht und damals die Hauptredaktion Aktuelles mit fast 250 Mitarbeitern geleitet. Das war eine Management-Ausgabe. Der neue Job ist für mich natürlich eine Herausforderung, aber als Journalist musste ich mich immer relativ schnell in neue Themen einarbeiten, das hat mir hier geholfen.

Was ist Ihre Aufgabe?

Eine wichtige Aufgabe ist die Moderation. Beim BDL haben die Mitglieder oft sehr verschiedene Interessen. Die Flughäfen und die Fluggesellschaften zum Beispiel. Die einen setzen Entgelte fest, die anderen zahlen. Da gibt es Spannungen und dann ist es hilfreich, wenn jemand moderiert, der einen Blick von außen hat.

Gab es denn Alternativen?

Ich habe mir verschiedene Dinge überlegt, nicht alles Fulltime-Szenarios. Denn nichts zu machen und in die Luft zu gucken, wäre nichts für mich gewesen.

Sie sind durch Ihre Karriere im öffentlich-rechtllichen Rundfunk bekannt geworden. Nun nutzen Sie Ihre Bekanntheit als Lobbyist. Sehen Sie darin keinen Konflikt?

Das Echo unter den Kollegen war sehr unterschiedlich. Manche fanden es toll, andere sagten, jetzt gehst du ja auf die andere Seite. Das klingt immer so, als ob man ins Feindeslager geht. So empfinde ich das gar nicht. Ich kommuniziere und bin Mittler. Ich möchte aber auch von der Gesellschaft in unsere Branche zurück vermitteln. Wir sind ein Teil der Gesellschaft und können nicht sagen, wir wollen hier nur Profit machen. Ich habe mir vorgenommen, mich auch mit Umweltorganisationen und Kritikern von neuen Startbahnen zu treffen, um mir ihre Argumente anzuhören. Ich mache etwas, das ich auch in meinem Fernsehjahren gemacht habe.

Wo begann Ihre Karriere als Journalist?

In meinem Hamburger Gymnasium habe ich mit Freunden die Schülerzeitung 57-61 gegründet, benannt nach der Hausnummer. Im Studium gründete dann ein Kommilitone ein Magazin mit Reportagen. Das kam mir entgegen, weil ich schreiben und fotografieren wollte. Ich jobbte damals auch mal beim NDR Jugendfunk, aber da fehlten mir die  Bilder. Gegen Ende der Uni bewarb ich mich als freier Mitarbeiter bei der Tagesschau. 1972, im Jahr des Anschlags auf die Olympischen Spiele in München. Bei diesem tragischen Ereignis konnte ich mich als Journalist bewähren und bekam einen festen Vertrag.

1988 verließen Sie dann die ARD und gingen zum ZDF. Warum?

Beim NDR habe ich sowohl fürs Regionale gearbeitet als auch die Tagesthemen als einer von sechs Leuten moderiert. Das war aber vorbei als Hajo Friedrichs und Ulrike Wolf kamen und nur noch die beiden moderierten. Ich moderierte noch das Hamburg Journal, hatte aber das Gefühl, dass sich beim NDR nichts bewegte, es war ein totes Gleis.

Wie gelang Ihnen der Wechsel?

In der Maske beim NDR traf ich oft Hajo Friedrichs. Irgendwann fragte er mich: Herr Siegloch, wollen Sie eigentlich ewig im Regional-Programm bleiben? Dann hat er mit seinen alten ZDF-Kollegen geredet und eines Tages bekam ich einen Anruf vom ZDF-Intendanten. Er fragte, ob ich nicht mal vorbeikommen wolle.

1994 gingen Sie dann als Büroleiter nach Washington.

In Amerika zu arbeiten, war immer ein Traum von mir. Ich bin am liebsten Reporter, bin gerne bei den Menschen. Wenn man aus der Distanz berichtet, fühlt man das Leben nicht. Nur vor Ort bekommt bekommt man die Stimmung mit, die Reporter den Zuschauern vermitteln sollen.

Sind Ihre Frau und Ihre Kinder gerne in die USA mitgekommen?

Meine Kinder fanden das zuerst gar nicht komisch. Sie waren mitten in der Pubertät. Meine Frau hat sich dann sehr um sie gekümmert. Ihren Beruf als Krankengymnastin konnte sie in Amerika leider nicht ausüben, weil es dort andere Prüfungsvoraussetzungen gibt.

Gaben Sie Ihren Traumjob fünf Jahre später wegen der Familie auf?

Es war eine Konzession. Unsere Kinder waren mit der Schule fertig und wollten in Deutschland studieren.

Wo sie dann die „heute“-Nachrichten moderierten.

Ja, das war auch interessant, aber kein Reporterleben, man steht im Studio und bekommt die Wirklichkeit nur vermittelt. Deswegen habe ich damals den „anchor on location“ eingeführt. Wir sind dann vier fünf Mal im Jahr mit der Sendung an den Ort des Geschehens gegangen.

Acht Jahre später waren sie „heute journal“-Moderator und stellvertretender Chefredakteur und schmissen dennoch alles hin, um wieder nach Washington zu gehen. Kam da wieder der Reporter durch?

Ja, ich war Chef der Aktualität, einer Riesenabteilung, und nebenbei Moderator. Aber ich habe immer gesagt, ich möchte das nicht bis zu meiner Pensionierung machen. Ich habe dann das große Glück gehabt, als ich wieder nach Amerika ging, den spannendsten Wahlkampf seit 50 Jahren zu erleben. Eineinhalb Jahre lang bin immer wieder durch die USA gereist und habe Obamas Wahlkampf verfolgt. Da hat mir das Land noch mal viel erzählt. Auch die letzten zweieinhalb Jahre in New York, die Wallstreet, die Vereinten Nationen waren spannend.

Vor drei Jahren kritisierten einige ZDF-Korrespondenten, dass Außenpolitik im Haus nur noch selten Primetime-fähig sei. Hat sich der Stellenwert der Korrespondenten verringert?

Nein, er hat sich vergrößert. Es gibt aber eine Veränderung, die wir beklagen, die aber nicht rückgängig zu machen ist. Die kontinuierliche Berichterstattung ist von der Krisenberichterstattung abgelöst worden, eine Katastrophe jagt die nächste. Wir können aber nicht sagen, wir verschweigen manches, um Entwicklungsberichterstattung zu machen. Doch im Vergleich zu den amerikanischen Zuschauern, werden die deutschen noch relativ gründlich über die Ereignisse in der Welt informiert. Wenn es nicht rummst und keine Amerikaner beteiligt sind, findet in den USA praktisch keine Auslandsberichterstattung statt.

Was hat sich noch verändert?

Der Zeitdruck. Als ich bei der Tagesschau gearbeitet habe, da kamen die Filmrollen erst mit einem Tag Verspätung an. Heute gibt es Bilder zu Ereignissen, zu denen wir noch gar nichts wissen. Als 2004 Rebellen die Schule von Beslan im Kaukasus überfielen, hatten wir Livebilder von drei Kameras, aber selbst wir wussten zuerst überhaupt nicht, was los war.

Welches Ereignis Ihrer nun beendeten Fernsehkarriere behalten Sie ganz besonders in Erinnerung?

Den Fall der Mauer. Ich war damals Chef der ZDF Innenpolitik geworden und hatte das ZDF-Spezial eingeführt. Als die Mauer fiel, haben wir jeden Tag eins gesendet und im Anschluss daran sind wir ein halbes Jahr durch Ostdeutschland getourt und haben überall Sondersendungen gemacht.

Haben Sie auch mal etwas furchtbar verhauen?

Ja. An dem Tag, an dem offiziell das Brandenburger Tor wiedereröffnet wurde. Helmut Kohl sollte  dort mit großer politischer Begleitung vom Westen durch das Tor nach Osten gehen. Wir hatten alles vorbereitet, überall Kamerapositionen, alles von der Polizei abgesperrt. Kohl sollte an mir vorbeikommen und einen O-Ton geben. Doch plötzlich wurden die Barrieren beiseite geräumt. Innerhalb von zwei Minuten waren die Menschen überall. Alles schob sich, es war das Chaos. Und dann fing es wie wahnsinnig an zu regnen.

Sie bekamen kein Kohl-Zitat.

Nein. Ich sollte mit Ruprecht Eser, der auf der anderen Torseite stand, im Wechsel moderieren, doch ich war nicht mehr zu finden. Eser hat, glaube ich, zwei Stunden ununterbrochen geredet. Irgendwann einmal kam ich völlig durchnässt an einer Kamera vorbei, machte einen halben Aufsager und war schon wieder weitergedrängelt worden. Das war der größte Reporterflop, den ich mir je geleistet habe. Die ARD war auf Nummer sicher gegangen und hatte ein großes Gestell gebaut, auf dem Fritz Pleitgen saß, aber ich wollte nicht auf einem Turm sitzen, wenn da unten das Leben ist.

 

Foto: © BDL

Schreibe einen Kommentar