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Redigier-Praxis: Bitte mit Feile statt Meißel!

Wenn Redaktionen Freien-Texte wie Rohware behandeln, werden die Artikel selten besser, findet Eckhard Stengel. Viele Fehler wären vermeidbar, wenn die Absprachen besser funktionieren würden. Ein Plädoyer für mehr Sorgfalt und Respekt im Umgang mit Autorentexten.

Was wäre, wenn es keine redigierenden Journalisten gäbe, fragte neulich die „Zeit“-Textchefin ihre Leserschaft. Dann, so antwortete sie selbst, bekäme das Publikum nur „Rohware“ vorgesetzt. Erst die Redaktion verhelfe den Texten von Autoren und Reportern „zu ihrer druck- oder sendefähigen Perfektion“.
Schön wär’s. Seit über 30 Jahren schreibe ich als freier Korrespondent für diverse Zeitungen, und nach jedem Produktionstag frage ich mich bei der Morgenlektüre: Welche Patzer haben sie diesmal eingebaut?
Zum Glück gibt es Redaktionsmitglieder, die ganz sensibel mit der Feile arbeiten. Aber andere greifen zu Hammer und Meißel. Mal kürzen sie sinnentstellend, mal verlängern sie meine Texte und bauen dabei Fehler ein. Meine Sammlung solcher Verschlimmbesserungen ist inzwischen so dick wie zwei Telefonbücher.

Eine typische Panne: Die Redaktion kürzt nur halbherzig. Sie lässt einen „zwar“-Satz stehen, streicht jedoch die folgende „aber“-Passage. Oft stimmen auch die Anschlüsse nicht mehr: „X bestreitet das.“ Was er bestreitet, bleibt im Dunkeln, denn es wurde vorher weggekürzt. Womöglich entsteht sogar der falsche Eindruck, dass X etwas abstreitet, was in dem Absatz vor der gestrichenen Passage steht und gar nichts mit seinem Dementi zu tun hat.
Gern gelöscht werden Relativierungen wie „eventuell“, „womöglich“ oder „fast“. Einmal war unter meinem Kürzel zu lesen, Bremen wolle „alle Freibäder schließen“. Zum Glück waren es nur fast alle.
Ein Wort weggekürzt, und schon klingt eine Aussage absurd: „Wie viel verdienen die Neuen? Bis zu 30 Prozent“, stand in der Druckfassung eines Artikels über neu eingestellte Leiharbeiter, die schlechter entlohnt werden als die Stammbelegschaft. Das Manuskript enthielt ein Wort mehr: „Wie viel weniger verdienen die Neuen?“

Noch heikler als Kürzungen sind unabgesprochene Ergänzungen. Da hat jemand irgendwo etwas gelesen oder gehört und schreibt es ungeprüft in meine Vorlage hinein. Etwa, dass die Kanzlerin den neuen Tiefwasserhafen Jade-Weser-Port (JWP) einweihen wolle. Das hatte eine überregionale Zeitung behauptet, bevor ich selber ein Feature über den JWP schrieb. Gern hätte ich diese Information übernommen, aber vorsichtshalber fragte ich beim Bundespresseamt nach. Dort wusste niemand etwas von einem Merkel-Termin beim JWP, und ich ließ diesen Aspekt natürlich weg. Doch bei einer großen Regionalzeitung wird offenbar auch das überregionale Blatt studiert. Jedenfalls baute die Redaktion den imaginären Merkel-Auftritt ohne Absprache in mein Feature ein.
In dem überregionalen Blatt stand auch, dass Deutschland mit dem besonders tiefen Hafen „Anschluss an die neuen Dimensionen des internationalen Schiffstransports“ erhalte. Die Regionalzeitung übernahm das mit leichten Kürzungen: Deutschland erhalte mit dem JWP „Anschluss an den internationalen Schiffstransport“. Aha, bisher kamen die Container aus China wohl per Lkw. Und dazu die Überschrift: „Deutschlands größte Baustelle“ – wieder knapp daneben, denn da gibt es größere. Auf meine Beschwerde meinte eine Redakteurin, dieser Superlativ „geistert ja schon seit längerem durch die Medien“. Dann muss er ja stimmen – Journalismus als Stille Post.

Bei Überschriften patzen auch andere Redaktionen. 2007 konnte ich Günter Grass kurz zum Ex-Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz befragen. Rot-Grün ließ den Bremer Türken damals im Lager versauern und stand deshalb unter Beschuss. Grass kritisierte die Kritiker. (Korrektur:) Die einstige rot-grüne Bundesregierung hatte den Bremer Türken jahrelang im Lager versauern lassen und stand deshalb auch nachträglich noch unter Beschuss. Grass kritisierte die Rot-Grün-Kritiker. Am nächsten Tag titelte einer meiner Kunden: “Grass kritisiert Rot-Grün“. Die einstige Bremer Ampelkoalition bewertete ich mal mit den Worten: „Alles in allem war die bisherige Inszenierung keine Glanzleistung, sondern manchmal ein peinliches Laienspiel.“ Der Artikel erschien unter der Überschrift: „Durchaus kein peinliches Laienspiel“.
Bei einem anderen Thema erdichtete eine Zeitung den Zwischentitel: „Wird die Nachwahl angefechtet?“ Darauf ein Leserbriefschreiber: „Es hat mich umgehaut“

“Nicht mal Zitate sind heilig: Ein Strahlenexperte sprach einst von Atomanlagen, „die hochversifft sind“. Das war einer Redaktion wohl zu umgangssprachlich. Sie machte daraus „hochverseucht“, was ihr zum Glück keine Gegendarstellung einbrachte. Selbst in Reportagen darf man dem Volk nicht immer aufs Maul schauen. Die wörtliche Rede „nur noch was“ wird dann zu „lediglich noch etwas“ – als ob Menschen spontan so hölzern reden würden. Oft wurden auch schon meine eigenen Formulierungen in Anführungsstriche gesetzt, als stammten sie von Gesprächspartnern – oder umgekehrt.

Und dann die vielen falschen Begriffe! Ein Dorf wird zu einem „Städtchen“ ernannt, ein SPD-Unterbezirk zu einem „SPD-Bezirk“ aufgeblasen. Sogar die Maßeinheit „Pikogramm (ein Billionstel Gramm)“ übersteht das Redigat nicht unversehrt – für die Leser wird daraus „ein Millionstel Gramm“. Dass das Parlament in Bremen „Bürgerschaft“ heißt und die Regierung „Senat“, muss ein auswärtiger Redakteur nicht unbedingt wissen; aber dann sollte er doch bitte die Finger davon lassen, statt mir einen falschen Begriff unterzuschieben. Und wer eine Geldbuße mit einer Geldstrafe verwechselt oder eine Zivilklage als „Anklage“ bezeichnet, müsste eigentlich mit Zwangslektüre der „Neuen Juristischen Wochenschrift“ nicht unter zwei Jahren bestraft werden. Nur weil etwas ähnlich klingt, ist es schließlich nicht dasselbe – siehe Bundestag und Bundesrat.

Achtung übrigens, wenn jemand Kommentare von mir liest: Gut möglich, dass da Einschätzungen stehen, von denen ich bisher nicht wusste, dass ich sie teile. (Anmerk. der Redaktion: Dieser Kommentar ist abgesprochen!).

Nette Überraschungen erlebe ich auch, wenn ein fast nur aus Agenturmaterial bestehender Text unter meinem Namen läuft. Oder wenn Redakteure sorglos Daten aus Agenturmeldungen einbauen, die meinen Angaben widersprechen. Da wird dann innerhalb desselben Beitrags eine Firmenbelegschaft mal mit 6.000 und mal mit 5.700 Beschäftigten angegeben, und der JWP-Kai wächst zwischen Artikel und Bildunterschrift schlagartig von 1,7 auf 1,8 Kilometer.
Manchmal passiert es auch, dass eine gut abgehangene Geschichte ohne Aktualisierung aus dem Stehsatz geholt wird. So brauchte ein Feature über Missstände in einem Behindertenheim volle neun Monate, bis es das Licht der Welt erblickte. Darin fand sich auch meine Originalformulierung: „Doch getan hat sich bis heute nichts.“ Ein bisschen hatte sich mittlerweile doch getan: Der im Artikel namentlich erwähnte Sozialminister hatte sein Amt längst an einen Nachfolger abgegeben.

Viele Redigierfehler lassen sich mit Zeitdruck und Personalmangel erklären. Doch wenn sich Redaktionen die Muße nehmen, Manuskripte selber zu verlängern oder kräftig umzuschreiben, sollte auch noch soviel Zeit bleiben, kurz mit dem Verfasser zu telefonieren oder ihm die redigierte Endfassung zum Gegenlesen zu mailen. Aber nicht nur gestresste Tageszeitungsleute gehen teils nachlässig mit Manuskripten um. Ein Kollege der „Zeit“-Textchefin wollte mal aus „Vokalmusik“ platte „Volksmusik“ machen. So veredelt man Rohware.

Was könnten Redaktionen tun? Zum Beispiel uns Autorinnen und Autoren bitten, Manuskripte selber auf die richtige Länge zu bringen. Und etwas mehr Respekt vor unseren Fachkenntnissen und unserem persönlichen Stil entwickeln. Wir machen leider schon genug eigene Fehler (die oft unredigiert gedruckt werden, weil nur für Insider zu erkennen). Da wollen wir nicht auch noch für Redigierpannen unsere Namen hergeben.

Die Rechtslage
Streng genommen, dürften Redaktionen fast gar nichts an den Geschichten ihrer Autoren eigenmächtig, d.h. ohne Absprache ändern, jedenfalls wenn es sich um „persönliche geistige Schöpfungen“ und nicht bloß um Wasserstandsmeldungen handelt. Nach § 14 des Urheberrechtsgesetzes (UrhG) hat der Verfasser „das Recht, eine Entstellung oder eine andere Beeinträchtigung seines Werkes zu verbieten, die geeignet ist, seine berechtigten geistigen oder persönlichen Interessen am Werk zu gefährden“. Und das hat Folgen: „Auch die ‚Verbesserung’ eines Werkes des Neulings durch den Meister kann eine Entstellung zur Folge haben“, schrieb der Jurist Ringo Krause schon 2008 in einem Kommentar zum UrhG, als ob er damals bereits geahnt hätte, was 2012 die „Zeit“-Textchefin zum Thema Rohware-Veredelung schreiben würde. Eindeutig ist auch der Wortlaut von § 23 UrhG: „Bearbeitungen oder andere Umgestaltungen des Werkes dürfen nur mit Einwilligung des Urhebers (…) veröffentlicht oder verwertet werden“ – es sei denn, „der Nutzungszweck macht bestimmte Änderungen unumgänglich“, wie das Landgericht Hamburg 2010 in seinem viel beachteten, aber noch nicht rechtskräftigen Urteil gegen die Zeitschrift „Geo“ schrieb (Az.: 308 O 78/10). Kisch-Preisträger Christian Jungblut hatte damals mit Erfolg gegen massive Textänderungen der Redaktion geklagt.
Aber so weit muss es ja nicht kommen, wenn Redaktionen auf Augenhöhe mit ihren Autoren zusammenarbeiten und sich gemeinsam um gute journalistische Qualität bemühen. (stg)

Der Autor

ECKHARD STENGEL (57) ist freier Bremen-Korrespondent für etliche große Tageszeitungen, schreibt auch für Zeitschriften, sitzt für die DJU im Deutschen Presserat und arbeitet nebenbei als Dozent für verständliches Schreiben an der Universität Bremen und am Niedersächsischen Studieninstitut für kommunale Verwaltung.

Tipp

siehe zum Thema auch:

> DerStandpunkt” von Eckhard Stengel im aktuellen “medium magazin” 7-8/2012 (Printversion).
> Im “medium magazin” Archiv: eine Umfrage zum Thema Redigieren aber wie?
> Unsere Journalisten-WERKSTATT: “Richtig redigieren” von Peter Linden / Christian Bleher / Steffen Sommer, 16 Seiten, 4,99 Euro zzgl. Versand

Bezug: über www.newsroom.de/shop ; per mail vertrieb@mediummagazin.de,

17 Kommentare

  1. Schön, aber bei den Tipps fehlt doch noch was, da habe ich mal einen Text zu einem ganz ähnlichen Thema gesehen, der hat nur etwas mehr auf die K. gehauen. Wo stand der doch… Ah, da drüben, bei den Kollegen vom “journalist”, Titel mit alberner Aliteration: Rigide redigierende Redakteure.
    http://www.journalist.de/ratgeber/handwerk-beruf/menschen-und-meinungen/timo-rieg-zur-redigierwut-von-redakteuren.html

  2. Die ewige alte Leierd: freie Journalisten gegen Redakteure. Ich könnte Ihnen aus meiner Tätigkeit als Redakteurin locker ein halbes Dutzend Fälle allein aus den letzten paar Monaten aufzählen, in denen ich grobe Fehler und unverständliche Formulierungen oder Zusammenhänge “zurechtredigiert” habe, nicht selten auf den letzten Drücker, weil die zugesagten Texte zu spät geliefert wurden und ich meinen Lesern irgendwie ungern leere Seiten präsentiere. Mal ganz abgesehen davon, dass ich regelmäßig Texte kürzen oder verlängern muss, weil sich manche freie Autoren ums Verrecken nicht an Längenabsprachen halten. “Ist ein bisschen mehr geworden, aber das kriegen Sie bestimmt rein. Lassen Sie halt ein Bild weg …”

    Was sagt uns das Ganze also? Doch wohl nur, dass es auf beiden Seiten schlampige Arbeit und menschliche Fehler gibt.

  3. [...] viaRedigier-Praxis: Bitte mit Feile statt Meißel! – medium magazin – medien journalismus z…. Teilen Sie dies mit:Gefällt mir:Gefällt mirSei der Erste dem dies gefällt. [...]

  4. Während es relativ offensichtlich ist, wie Redaktionen ihr Redigieren verbessern können, würde mich mehr interessieren, was wir Freie Journalisten gegen schlechtes Redigieren machen können.
    Redakteure haben es nämlich gar nicht gerne, wenn man sie auf Fehler stößt – vor allem wenn sie aus mangelnder Bildung, Vorurteilen oder Fehlschlüssen entstanden sind.
    Was mache ich denn, wenn ein Redakteur in einem Artikel vor jede (recherchierte und überprüfte) Tatsachenfeststellung “vermeintlich” setzt, um sich “rechtlich abzusichern” und sich später herausstellt, dass er den Unterschied zwischen “vermeintlich” und “mutmaßlich” nicht kennt?
    Wer als Freier zu viel meckert, gilt als unbequem – und es gibt dutzende von Schreiberlingen, die für kleines Geld schreiben und die Klappe halten.
    Komme mir jetzt keiner mit “Qualität”… Bei flächendeckenden Monopolzeitungen spielt die kaum noch eine Rolle.
    Ich würde mich sehr über weitere Meinungen und Anmerkungen freuen.
    beste Grüße, G.

  5. Herzlichen Dank für diesen Artikel. Ein Aspekt sei gerade für Auslandsfreie noch hinzugefügt: Da es sich gerade bei Ländern des Südens für Redakteure um “böhmische Dörfer” handelt, ist man hier (v. a. sachlich noch viel ungenauer.
    So geschehen neulich wieder bei einer meiner Veröffentlichungen in einer Tageszeitung. Auf einmal hatte ich einen anderen Vornamen, abgesehen davon war mein Nachname auch noch falsch geschrieben. Im Text selbst war relativ wenig gekürzt, doch wenn, wurde hinsichtlich der Syntax oberflächlich redigiert – mit der Folge, dass Relativsätze auf einmal frei in der Luft standen. Klarer Fall von “Drüberfliegen”. In der Mode sind bei einigen Zeitungen auch Infokästen. In meinem Fall wurde dieser textlich mit generellen Infos über das Land (Fläche, Einwohner etc.) sowie einer Karte bestückt. Abgesehen davon, dass der Ort, um den es ging, falsch geschrieben wurde (dabei war er nun wirklich keine große fremdsprachliche Herausforderung), war die Länderinfo aus Wikipedia kopiert. Die Leser wissen jetzt immerhin, dass ein Großteil der Bevölkerung Kolumbiens an den Ufern der Flüsse Magdalena und Cauca lebt….

  6. “2007 konnte ich Günter Grass kurz zum Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz befragen. Rot-Grün ließ den Bremer Türken damals im Lager versauern und stand deshalb unter Beschuss. ”

    Rot-Grün regierte nur bis 2005, Herr Schreiberling. Manchmal braucht’s gar keine redigierenden Redakteure, um peinliche Fehler in Texte zu bringen.

  7. @ Francis: Anmerkung des Schreiberlings: Vielen Dank für den berechtigten Hinweis! So kann’s gehen, wenn man Hunderte von Redigierpannen-Belegen durchforstet und einmal nicht genau hinschaut: Ich habe in meiner Fundsache von 2007 schlicht überlesen, dass es um die EINSTIGE rot-grüne Bundesregierung ging, die aber nachträglich immer noch unter Beschuss stand und 2007, wie von mir beschrieben, von Grass in Schutz genommen wurde. “medium magazin” hat meinen Ursprungstext inzwischen entsprechend korrigiert (s.o.).
    Ich wiederhole es übrigens gerne: Wir Autoren machen schon genug eigene Fehler, und oft werden sie beim Redigieren nicht entdeckt. Quod erat demonstrandum. 
    Eckhard Stengel
     

  8. Ich möchte hier nicht schlampige Redakteure verteidigen, die gibt’s wohl auch, muss allerdings aus meiner eigenen beruflichen Praxis her klarstellen, dass es in der Regel andersrum ist: Die Redaktion erhält regelmäßig Texte (und zwar von angeblichen “Schreiber-Profis”, nicht von Vereinsvorständen oder pensionierten Lehrern), die unter aller Sau sind. Würden wir den Schund 1:1 abdrucken, gäbe es unser Medium längst nicht mehr, weil uns die Leser davongelaufen wären. Wenn wir dann aber 10 krasse Fehler (inhaltlich und/oder sprachlich) rausredigieren und ab und zu einen rein, dann jammern die Superschreiber gleich über die pösen Redakteure, die schlampig arbeiten würden. Alles hat eben zwei Seiten, nicht wahr?

  9. Was mich noch viel mehr ärgert: Die augenscheinliche Undankbarkeit, wenn wir in unserer Redaktion mal wieder aus einem katastrophalen Text einen guten gemacht haben. Bedankt hat sich in den letzten 10 Jahren dafür niemand bei mir oder meinen Kollegen. Dafür aber kommentarlos das Honorar kassiert (das in diesen Fällen wohl eher den Redakteuren zugestanden wäre) und mit den oftmals nur in Fragmenten selbst verfassten Texten munter bei fremden Redaktionen beworben – und teilweise sogar von diesen eingestellt worden.

    Auf gut deutsch: Man hat seinen Job in einer Redaktion erhalten, weil die Mitarbeiter einer anderen Redaktion unentgeltlich ihren Job gemacht haben.

    Ich habe allerdings das dumpfe Gefühl, dass da draußen nur die allerwenigsten das gedruckte Endprodukt mit dem vergleichen, was sie ursprünglich als “fertigen Artikel” abgeliefert haben. Oder sich nur empört melden, wenn dem Redakteur mal doch ein Fehlerchen unterlaufen ist.

  10. Ich kenne das Problem von beiden Seiten. Bei einem kleinen Magazin bin ich Redakteur, ansonsten freier Journalist und schreibe für Agenturen, Zeitungen, Magazine. Die Fehler und Verschlimmbesserungen, die vor allem von Agenturen in meine Texte eingebaut wurden, kann ich schon gar nicht mehr zählen.

    Als Redakteur redigiere ich nur wenig. Wenn mir ein Autor mehrmals offensichtlich schlampig recherchierte und schlecht geschriebene Texte schickt, beende ich die Zusammenarbeit. Mehr als eine Vorwarnung gibt es nicht. Bei den kompetenten und professionellen Kollegen hingegen muss ich allenfalls mal einen Tippfehler ausbügeln.

  11. Früher habe ich auch viel für Tageszeitungen geschrieben. Was Eckhard Stengel hier sehr lesens- und nachdenkenswert beschreibt, kann ich nur bestätigen. Als die Entstellungen meiner sorgfältig recherchierten Texte ebenso absurd wie die Honorare mickrig wurden, habe ich mich schon vor einigen Jahren von der Mitarbeit an Tageszeitungen verabschiedet.

    Seitdem arbeite ich nur noch für weniger hastige Medien, bei denen sich die Redakteure noch die notwendige “Zeit” nehmen können, mit ihren Autoren womöglich notwendige Feinarbeiten am Text abzustimmen. Allerdings habe ich inzwischen feststellen müssen, dass es auch unter Wochen- und Monatsmedien nur wenige gibt, die es ihren Autoren erlauben, wirklich authentische Arbeiten zu veröffentlichen.

    Es ist jedes Mal harte Arbeit, und der Erfolg ist nie sicher. Der Autor sitzt immer am kürzeren Hebel und riskiert sein Gewissen. Da ist etwas grundsätzlich faul am journalistischen System.

  12. Das ist ein sehr interessanter Beitrag auch fuer mich. Zwar bin ich kein freier Schreiber. Aber schon frueher habe ich mir ab und an einen Leserbrief erlaubt. Der wurde regelmaessig gekuerzt und zwar immer, ich betone immer, derartig, dass der ganze Beitrag verzerrt wurde. Ja oft genau das Gegeneil dessen aussagte, was gesagt werden sollte. Weil genau die Saetze, die meine Gedanken klaeren sollten, einfach wegredigiert worden waren. Oder es standen dort Saetze ohne Sinn, weil der Anschluss einfach fehlte. Insofern kann ich diese Klage sehr gut verstehen.
    Bei Leserbriefen ist es heute per Internet einfacher. (Leider auch fuer viele schlimme Beitraege, zugegeben.) Dafuer sind die Artikel oft unglaublich schlecht und offenbar von Agenturen uebernommen. Bildblog macht es deutlich, wie oft und wie schlimm inzwischen geschlammt wird. Insofern kann ich die Klage in diesem Artikel gut verstehen.

  13. “so dick wie zwei Telefonbücher.”
    .
    Welcher Stadt?
    (es gibt da immense Größenunterschiede)

  14. Ich schreibe seit Jahren Texte für LPs und nun für CD-Booklets.
    Inzwischen lass’ ich die nicht mehr vor irgendwelchen Ahnungsbefreiten in der Plattenfirma korrigieren oder gar übersetzen; das mach ich seit Jahren alles selbst … seit einer meiner kurzen klaren deutschen Texte (von zwei mir völlig unbekanten Namen) derart ins Englische übersetzt wurde, dass ich (der fließend Englisch beherrscht) ihn nicht wiedererkannte: mein nun englischer Text war plötzlich ohne jeden Sinn, vulgo: Unsinn. Da hat wohl ein Labelangestellter zwei Freunden ein paar Euro zukommen lassen und, wie gesagt: seitdem mach ich alles selbst: schreiben, übersetzen, lesen, korrigieren, nochmal lesen, korrigieren, und nochmal lesen, korrigieren… Der Grafiker schickt mir dann das Layout der CD-Verpackung und dann geh’ ich da auch nochmal drüber. Man muss nur drauf bestehen. Und dann natürlich auch alles selbst richtig machen, sonst ist man der Blamierte (habe aber den Eindruck, Texte in Booklets liest in der Plattenfirma kein Aas).

  15. @Jeeves: Ich habe mal nachgemessen: Meine Mappen mit Redigierpannen-Belegen sind insgesamt fast neun Zentimeter dick.
    Eckhard Stengel

  16. ich wundere mich doch sehr, wie sich hier redakteure und freie gegenseitig auf den schlipps getreten fühlen. vorallem machen aber die werten festen kollegen aus den redaktionen einen merkwürdigen vergleich: die unleserlichsten beiträge stammen eben häufig von pensionierten lehrern/vereinsvorsitzenden etc.
    dass diese meist einer korrektur bedürfen, liegt in der natur der sache. professionelle schreiberlinge, welche damit ihren lebensunterhalt verdienen, liefern da gegen mehrheitlich sehr gute qualität ab. müssen sie auch, denn sonst würde ihnen niemand mehr. probleme gibt es eher bei lokalzeitungen, welche aus “finanziellen gründen” gerne auf hobbyschreiber zurückgreifen.
    grundsätzlich sollten aber beide seiten nicht so polemisch miteinander umgehen ;)

  17. Zitat: “Was wäre, wenn es keine redigierenden Journalisten gäbe, fragte neulich die „Zeit“-Textchefin ihre Leserschaft. Dann, so antwortete sie selbst, bekäme das Publikum nur „Rohware“ vorgesetzt.”
    Herrje, das Publikum BEKOMMT laufend Rohware vorgesetzt. Man muss nur mal Nachrichtenseiten vergleichen.

    egbertmanns.wordpress.com/2014/02/22/unverwechselbar-und-stilsicher-zeitungssprache-18-nachtrag/

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