„Besser als Obama“

Mal ganz im Ernst: Martin Sonneborn, Gründer der PARTEI, über Politik und mediale Inszenierung : (s.a.mediummagazin Nr. 9/09) . Interview: Matthias Thiele

Herr Sonneborn, wie viele Interviews haben Sie in den vergangen Wochen geführt?

Martin Sonneborn: Zu viele, mehr als genug und nochmal drei dazu. Das habe ich nicht mitzählen können.

Wie beurteilen Sie als Satiriker, dass ihre Partei so sehr im Fokus der Öffentlichkeit steht?

Ich möchte mich zunächst einmal als Vertreter des Titanic-Filmverleihs bedanken bei Rodrich Egeler, dem Bundeswahlleiter. Bedanken dafür, dass er für unseren Film die PR-Arbeit so effektiv übernommen hat. Als Staatsbürger und überzeugter Demokrat sehe ich das allerdings mit gemischten Gefühlen: Dass die OSZE-Beobachter in diesem Jahr einen Blick auf den Umgang mit den kleineren Parteien werfen wollen, ist für eine Vorzeigedemokratie wie die unsere, die oft und gerne andere Staatsformen kritisiert, ein bisschen peinlich. Peinlich ist auch, dass ich mich an die Botschaften von Nord-Korea, Iran und der Türkei wenden musste, um internationale Solidarität einzufordern.

Haben Sie neben der satirischen und der staatsbürgerlichen Sicht auch eine Satire-freie, vielleicht sogar eine journalistische?

Auf gar keinen Fall! Das ist doch ihre Arbeit! Ich bin Bundesvorsitzender einer Partei und kein Journalist.

Der Bundestagswahlkampf der etablierten Parteien könnte einer der langweiligsten in der Geschichte dieses Landes werden. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Nein, dafür habe ich auch keine Erklärung. Man könnte den Wahlkampf natürlich besser machen, man könnte mit Inhalten arbeiten. Aber es ist nicht meine Aufgabe, Erklärungen dafür zu finden. Wir, die PARTEI, sind der politische Arm des Faktenmagazins Titanic. Wir beobachten eine extreme Themenlosigkeit und Verflachung und reagieren darauf satirisch. All das, was man der PARTEI vorwirft, tun derzeit die etablierten Parteien: Mit ein paar gesetzten Themen in den Medien, ein paar prägnanten Sätzen, aber null Inhalt gehen sie auf Stimmenfang. Obama hat diesen modernen Showkampf vorgemacht: Es kommt nicht mehr auf Inhalte an, sondern auf Image und Inszenierung. Und darin sind wir als die PARTEI besser als Obama.

Und wie reagieren die Parteien darauf?

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Martin Sonneborn und Thomas Hintner vermessen hier schon mal ein Abgeordentenbüro

Die etablierten Parteien verstehen es einfach noch nicht. Wenn ich vor dem Bundeswahlausschuss stehe, vor Cornelia Sonntag-Wolgast und Johannes Risse von der SPD, dann sehe ich dort Menschen, die nicht begreifen, dass die Zeit der Volksparteien vorbei geht. An ihre Stelle treten kleine Zusammenrottungen von Interessengruppen. Da gibt es die Piratenpartei für die Porno- und Internetfreunde oder eben Parteien wie unsere PARTEI, in der sich Leute zusammenschließen, die der Politik müde sind, wie sie in diesem Land von etablierten Parteien gemacht wird.

Gibt es denn irgendeinen Ansatz, das Duell Merkel gegen Steinmeier medial interessant darzustellen?

Ich würde Merkel in einen Bikini stecken und Steinmeier in eine lustige Clownsmaske. Das wäre wahrscheinlich das einzige, was das ganze zumindest optisch noch spannend machen könnte, denn dass wieder die üblichen Phrasen geäußert werden, ist erwartbar. Man könnte beide unter Alkohol setzen, so dass die mühsam gewahrte Fassade der Langweiligkeit und des Nichtsagens vielleicht aufgebrochen würde. Aber dass ist ja leider sehr unwahrscheinlich.

Kostüme und Alkohol? Das klingt nach Horst Schlämmer…

Ich schätze Hape Kerkeling und besonders seine frühen Sachen. Den Film habe ich noch nicht gesehen, bislang nur Vernichtendes gehört. Wenn es Hape Kerkeling geschafft hat, Irritation zu erzeugen in den Gesprächen mit Leuten wie Rüttgers und Claudia Roth, wenn der Plan, sich mit Horst Schlämmer fotografieren zu lassen, um Sympathien abzufischen, zum Teil nicht aufgegangen sein sollte, dann gefiele mir der Ansatz von Hape Kerkeling sehr gut. Wenn der Film versöhnlicher Klamauk ist, finde ich ihn verwerflich.

Also sind sie ihm nicht böse, dass er Ihre Idee geklaut hat.

Nein, überhaupt nicht. Der Unterschied ist: Hape Kerkeling hat eine Phantasiepartei. Wir machen wirklich Politik. Das finden Sie jetzt lustig, aber es ist so…

Ich habe nicht gelacht…

Ich habe Ihr Grinsen durch die Telefonleitung gespürt.

Ich habe auch nicht gegrinst…

Jedenfalls macht Die PARTEI nicht nur in Hamburg wirklich Politik. Es haben sich intelligente junge Menschen zusammengefunden, weil sie von der Politik der etablierten Parteien nicht mehr zufriedengestellt werden. Und das ist etwas anderes, als das Medienphänomen Hape Kerkeling, der nur eine Phantasiepartei hinter sich hat.

Wie Hape Kerkeling möchten auch Sie nicht ernsthaft Bundeskanzler werden. Die Medien stecken Sie in den Sack „Spaßpartei“…

Ja, zusammen mit der FDP und der Horst-Schlämmer-Partei und daraus bilden sie dann einen Trend. Wir haben aufgegeben, dagegen zu reklamieren, dass wir auf eine Stufe mit der FDP gestellt werden. Die Medien nennen uns „Satirepartei“, aber ich würde Wählerstimmen verschenken und mich vor dem Bundeswahlleiter angreifbar machen, wenn ich sagen würde, ich sei Bundesvorsitzender einer Spaß- bzw. Satirepartei. Und Dirk Kurbjuweit hat im Spiegel reflektiert, dass ich nur sage, ich wolle nicht ernsthaft Bundeskanzler werden, weil ich mir davon etwas verspreche, und dass jeder Spitzenpolitiker in dieser Situation ähnlich reagieren würde. Wenn es unter uns bleibt: Es ist ernst gemeint, dass ich nicht Bundeskanzler werden will. Und das können Sie auch ruhig schreiben. Das gehört jetzt auch zur medialen Inszenierung und wird uns wieder Sympathien bringen.

Inwieweit trägt denn die mediale Inszenierung der Politik Mitschuld an der Langeweile?

Die Parteien leben von der medialen Vermittlung ihrer „Inhalte“. Die boulevardisierten Medien hungern nach plakativen Sätzen und Bildern, begegnen gerade in der Konkurrenz mit den Online-Medien damit, möglichst schnell und gerne ungeprüft etwas in die Welt zu setzen und auf Schlagworte zu reagieren. Das prägt den Politikstil, denn die Politik ist natürlich primitiv genug, mitzuspielen. Als wir vom Bundeswahlleiter nicht zugelassen wurden, war sehr interessant zu beobachten, wie dies zu einer Nachricht wurde, was das für eine Nachricht wurde, und dass es extrem schwer war, diese Nachricht in die Öffentlichkeit zu bringen.

Inwiefern?

Es ist ein komplexes Thema, das von 98 Prozent aller Journalisten nicht verstanden wurde. Es wurde nicht recherchiert, nicht geprüft, nicht nachgelesen. Der PARTEI wird der Vorwurf der mangelnden Ernsthaftigkeit gemacht. Kaum jemand hat begriffen, dass es bei der Frage der Ernsthaftigkeit nicht um die politischen Ziele der PARTEI geht, sondern lediglich um die ernsthaften Parteistrukturen, die der Bundeswahlleiter uns – bei 9 Landesverbänden natürlich zu Unrecht – abspricht. Ich lese immer noch, dass der Vorwurf der fehlenden Ernsthaftigkeit unserer Inhalte verantwortlich sei. Das ist schlicht falsch und schlecht recherchiert. Dietmar Hipp vom Spiegel hat sich in Karlsruhe dankenswerter Weise einmal hingesetzt hat und den ganzen Vorgang aus juristischer Sicht ausgewertet und reflektiert. Er ist einer der wenigen, die verstanden haben, worum es geht: um Grundrechte einer Demokratie, die von einem böswilligen oder überforderten Beamten ausgehebelt werden.

Solidarisieren Sie sich in der Frage der Zulassung mit anderen kleinen Parteien wie der von Gabriele Pauli?

Nun, es ist uns natürlich peinlich, dass wir mit dieser unseriösen Partei in einer Reihe stehen. Andererseits ist der Umgang mit Frau Pauli natürlich nicht rechtmäßig. Der ehemalige Verfassungsrichter Hans Hugo Klein hat ja eindeutig Stellung bezogen zum Umgang mit Pauli-Partei, mit den Grauen und unserer Partei: Es gefährdet die Gültigkeit der Bundestagswahl. Wir lassen die Titanic-Leser gerade abstimmen, wann sie Zeit haben für eine Wahlwiederholung und wann sie gern wählen möchten: Dienstagsvormittag, an einem Freitag im November oder am Volkstrauertag.

Fotos: www.parteifilm.de