Die Welt in einer Salatschüssel

In Sara Geislers Texten werden Raufasertapeten und Pauschalreisen zu Symbolen einer tieferen Wahrheit. Warum ist das nicht völlig drüber – sondern einfach nur wunderbar? Aus unserer Serie „Mein Beat“. 

Text: Ariel Hauptmeier

Der Vorschlag kam von Alexander, dem Chef hier beim „medium magazin“. „Wie wäre es mit Sara Geisler?“, fragte er. „Schreibt absurd-geniale Reportagen über Symbole des deutschen Alltags.“ „Schaue ich mir an“, schrieb ich zurück. 

Ich kannte Sara nicht. Ich wusste nur, dass sie in der „Zeit“ mal einen Text über Salatschüsseln geschrieben hatte, der derart schwungvoll sein musste, dass er hier und da immer mal wieder aufpoppte. Über Raufasertapeten hatte sie geschrieben, die Farbe Beige und die Weltsicht eines Brandenburger Bioschweins. 

Ob wir mal zoomen könnten, mailte ich sie an. „Das ist ja lustig“, schrieb sie zwei Tage später zurück. „Aber ja, natürlich gerne! Wann wär gut für dich?“ 

Ich bat sie um drei Texte. Schon kam es hereingeflattert, das Stück über die Blattglasschale. Warum kaufen wir Deutschen seit Jahrzehnten ­ausgerechnet diese blattartig geriffelte Schüssel aus Pressglas, lautete die Frage, und dann suchte Sara bei Designern, Verkäuferinnen und Christian Ströbele nach Antworten. Das Stück begann in einer Berliner Sauna und endete mit einem Steil­aufschwung: 

Die Blätterschüssel, verstand ich endlich, sie kommt nicht aus der Mode, weil sie nie in Mode war. Darin liegt ihre Superkraft: Ihre Zauber binden wieder, was Löhne, Religionen, Parteimitgliedschaften und Impfbereitschaft streng geteilt haben. Die Menschen in diesem Land mögen nicht die modischsten sein. Manchmal erkennen sie aber, was wahre Anmut ist. Nicht das Glatte, sondern das Eigenwillige. 

Friedrich Schiller meets Roland Barthes. Kühn. Zu kühn? Ich mochte das Stück: die absurde Frage, das bescheidene Ich, die sorgfältig notierten Dialoge, das zeitlose Präteritum, ihre offene Art zu fragen, ihr Pathos.

Die Reporterin Sara Geisler. (Foto: Elena Peters-Arnolds)

 

Noch mehr mochte ich Saras zweiten Text. Er war im „Standard“ erschienen (und wurde dort einer der meistgeklickten Texte 2022) und war ähnlich aufgebaut: ein Zufall, eine Suche, ein tastendes Erzählerinnen-Ich, eine auf den ersten Blick komplett nebensächliche Frage: Wie tickt ein Zwölfjähriger? 

Das Stück beginnt an einem Valentinstag auf einem Networking-Event, der Modephilosoph Byung-Chul Han darf etwas sagen, vor allem aber besteht auch dieser Text aus Dialogen. Etwa, als die Autorin den Zwölfjährigen nach seinem ersten Handy fragte: 

„War das schon ein Smartphone?“

„…“

„Also eins mit Internet?“

Am Ende tanzte der Junge mit seinem Stiefvater durch eine Kantine: 

Erik auf dem Hoverboard, der Stiefvater auf dem Boden, durch Eriks Helm waren sie fast gleich groß.

„Huiii!“, rief die Mutter.

„Rock and rolll!“, rief der Vater.

„Wohooo!“, rief Erik.

Stark. Also: richtig stark. Ich war neugierig. 

Wir zoomten. Es war ein Donnerstagmorgen, 11 Uhr, ihr Bild erschien, im Hintergrund die Küche, in die die Sonne leuchtete, ich sagte (Präteritum, genau, ich versuche gerade schon die ganze Zeit zu klingen, wie Sara klingt, und darum kommt hier, na klar, ein Dialog): 

– Du hast ja eine schöne Wohnung.

– Seit Kurzem.

– Und vorher?

– Hab ich in einem Rattenloch gewohnt.

– Im Wortsinn?

– Fast. Es gab Mäuse, aber dafür Nordseite und ohne Bad.

Schon fragte Sara, wo ich denn wohne, machte sie wunderbar, dieses Zurückfragen, übers Redigieren würden wir uns unterhalten und den Poststrukturalismus, am Ende der zwei Stunden wusste ich erstaunlich wenig über sie. 

Sara sprach langsam, überlegt, im weichen Zungenschlag Österreichs. Aufgewachsen ist sie in Tirol als Kind evangelikaler Christen, mit 18 lebte sie ein Jahr bei einem Missionarspaar in China, ehe sie sich vom Christentum verabschiedete, auch darüber hat sie einen berührenden Text in „Dummy“ geschrieben: 

Ich kann nicht behaupten, dass es befreiend war. Kein Wald lichtete sich, keine Sonne brach durch. Es war schmerzfreier, das Leben als Proberunde zu sehen, in einem Spiel aus zu vielen Teilen. 

Sie hat dann Journalismus an der Fachhochschule in Graz studiert und ihr erstes Praktikum beim Wiener „Fleisch“-Magazin gemacht, ein wildes Gesellschaftsblatt, gleich als Erstes ging sie mit einer Band auf Tournee. Und warum dann Deutschland?

– Mein Chef meinte dann so: Ja, wenn du wirklich was machen willst, musst du nach Deutschland. Das ist oft der Duktus in Österreich: Wenn du was lernen willst, musst du erst mal ins Exil.

– Wie hast du den Unterschied wahrgenommen zu Österreich? 

– Größer als den zu China. 

Praktikum beim „Zeit-Magazin“, Bachelor in Sinologie, Praktikum beim Dummy-Verlag, und dort ist sie nun seit sieben Jahren. Inzwischen leitet sie fluter.de, schreibt für „Dummy“, die „Zeit“ und den „Standard“, geht gern Laufen und Tanzen, hat eine Dauerkarte fürs Kino und ist 33 Jahre alt.


Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 03/23. Sie ist digital oder als Printausgabe hier erhältlich oder im ikiosk. Das neue „medium magazin“ 04/23 erscheint am 28. September. 

 

 

 

 


Jetzt im Frühjahr klingelte eine Kollegin bei Sara an: Ob sie eine All-inclusive-Reise mit Tui machen und darüber schreiben wolle? So entstand Text drei, und den mochte ich am liebsten von jenen, die Sara mir geschickt hatte. In „Die Vertreibung aus dem Paradies“ (abrufbar mit dem QR-Code auf dieser Seite) erzählte sie die Geschichte einer schmerzvollen Erholung: 

Am nächsten Morgen aber erwachte ich früh und mit einem unwohlen Gefühl. Ich klapperte ab: Bekam ich meine Tage? Nein. War ich einsam? Nein. Auch Mangelernährung war ausgeschlossen. Ich tastete Deadlines und Verflossene ab wie eine Zunge faule Zähne. Doch nichts davon schmerzte. Es ging mir gut und trotzdem schlecht. 

Warum die Tränen am Buffet? Die Verweise auf die Schöpfungsgeschichte? Dieses Verletzliche, Suchende, Offene, weist das in Richtung – Literatur? 

Womit wir bei einem heiklen Begriff wären: „Literarischer Journalismus“. Der hat im Lauf der Jahrhunderte vieles bedeutet: literarische Erzähltechniken nutzen; das Spiel mit Konventionen und Beobachterpositionen; Erlebtes zu überhöhen und zu verfremden, um einer vermeintlich wahreren Wahrheit auf die Spur zu kommen. Letzteres, klar – das ist vorbei. Wo Journalismus draufsteht, sind Fakten heilig. Was ist es dann? 

Gabriel Proedl, ebenfalls aus Österreich, hat mit Sara auf der Leipziger Buchmesse über Literarischen Journalismus diskutiert. Anruf bei Gabriel. Was schätzte er an ihren Texten? 

Darin ist sie besonders stark: Moments of Truth zu finden, mit denen alle eine Identifikation haben. Es geht dann eben um mehr als die Schüssel, es geht darum, ein Lebensgefühl einer oder mehrerer Generationen zu beschreiben. Sara spielt mit Erzählperspektiven, und das ist vielleicht das Literarische an ihren Texten: dass sie sich der Erzählhaltung, der Perspektive, der Form sehr bewusst ist. 

Und du, liebe Sara? Sie sah die Angelegenheit pragmatisch. 

– Ich finde, dass du gute Texte auch Jahre später noch lesen kannst. Die Zeit hat sich geändert und das Thema ist nicht mehr aktuell, aber es ist doch noch aktuell, weil eine größere … Weisheit? … drinsteckt. 

In dieser Serie stellt Autor Ariel Hauptmeier Reporterinnen und Rechercheure vor, die uns inspirieren. Die nicht ständig auf Podien sitzen, aber mit Akribie und Leidenschaft ihr Ding machen. Weil sie sich mit Energie und Handwerk ihren Weg bahnen, um ihrem Herzensprojekt nachzugehen – ihrem ganz eigenen „Beat“.

Und noch mehr sagte sie, ich verstehe: Dass ein „ich“ oft ehrlicher als ein „man“ ist. Dass sie versucht, die Dinge extrem ernst zu nehmen – aber auf eine lustige Art. Dass ihr kindlich klingendes, vielleicht sogar ignorantes Fragen dazu führe, dass die Leute dranbleiben. Dass sie gerade nicht die typischen Fachleute befragen möchte, weil es vorhersehbar ist, was sie sagen werden. Dass sie nicht gern schreibt, wie die Leute so sind, sondern lieber zeigt, wie sie reden. Dass sie sich oft erschlagen fühlt von diesem „Hardcore-Actionfilm-Porn-Journalismus“, der seine Relevanz aus Schwere und Grellheit bezieht, sondern ihre Themen lieber weiter im Halbschatten suchen möchte. Dass sie das Offene, nicht bis ins letzte Ausbuchstabierte mag: „Ich finde es schön, wenn man nicht überall einen Deckel draufmachen muss.“

Und so endete auch die All-inclusive-Tui-Fuerteventura-Reisegeschichte. Offen und ein wenig rätselhaft und bezaubernd: 

Wäre ich eine Woche länger geblieben, ich hätte begonnen, am System zu sägen. Aber so saß ich am Flughafen und schälte eine Orange. Die Finger gruben sich ins Fruchtfleisch, das Weiße schmerzte unter den Nägeln. Es war mühsam. Ich wollte mehr.