Ist Wallraff ein Jobkiller?

Angeblich waren die verdeckten Recherchen Günter Wallraffs in einer Großbäckerei und sein anschließender Bericht über die katastrophalen Arbeitsbedingungen dort Schuld daran, dass der Betrieb vor einigen Wochen dicht gemacht hat. Daniel Bouhs ging für „medium magazin“ 10/11 den Vorwürfen nach:

Günter Wallraff, ohne Verkleidung, in seiner Bibliothek in Köln. Foto: R.Scheidemann
Günter Wallraff, ohne Verkleidung, in seiner Bibliothek in Köln. Foto: R.Scheidemann

Auf den ersten Blick sieht das nach dem GAU der investigativen Recherche aus: Vor gut zwei Jahren malochte Undercover-Journalist Günter Wallraff in einer Industriebäckerei im 3.200-Einwohner-Städtchen Stromberg im Hunsrück. Unter dem Titel „Unser täglich Brötchen“, erschienen im „Zeit Magazin“ 19/2008, berichtete er von einem „ständigen Kampf gegen den Schimmel“ und einem Chef, der seine Arbeiter „wie Sklaven“ behandele. Ende September 2010 meldet schließlich der SWR: die Bäckerei ist dicht.

Insgesamt 23 Arbeiter haben ihren Job verloren, weil „die Angelegenheit Wallraff den Inhaber und seine Familie belastet“, wie es offiziell hieß. Diese Botschaft könnte klarer nicht sein: Kommt Günter Wallraff, gehen die Jobs drauf. Gehen seine Undercover-Recherchen also zulasten seiner vermeintlichen Kollegen? So scheint es zumindest, titelte doch auch die dpa: „Bäckerei schließt nach Wallraff-Bericht“. Doch ein Blick hinter die Kulissen zeigt, dass der Fall völlig anders gelagert ist.
Zu der kolportierten Theorie, der Inhaber der Bäckerei habe seinen Laden geschlossen, weil er nach den Enthüllungen zu große Bauchschmerzen gehabt habe, sagt der Journalist: „Das ist eine Legende!“ Das alles sei gekommen, weil Lidl als zuletzt einziger Kunde des Betriebs „sein Image verbessern musste“ und die Bäckerei nicht mehr ins Bild passte. Gut möglich, dass er bald auf den Besitzer der Bäckerei treffen wird: Der muss sich dort voraussichtlich im November verantworten.

update 3.11.: In dem Prozess um die Arbeitsbedingungen in der  Großbäckerei soll am Donnerstag 4.11., Günter Wallraff als Zeuge vor dem Amtsgericht Bad Kreuznach aussagen, meldet dpa: „Der 44-jährige Inhaber der Großbäckerei ist wegen fahrlässiger Körperverletzung angeklagt, da sich Mitarbeiter wegen mangelnder Sicherheitsvorkehrungen an heißen Blechen verbrannt haben sollen. Weitere Ermittlungen gegen den Inhaber waren noch 2008 eingestellt worden. So konnten der Brotfabrik keine Hygieneverstöße nachgewiesen werden. Mittlerweile ist der Betrieb geschlossen.“

update: 5.11. Der Prozess wurde verschoben, meldete dpa: „…Eigentlich sollte der Enthüllungsjournalist am Donnerstag vor dem Amtsgericht in dem Prozess gegen einen Brötchenfabrikanten aus dem Hunsrück wegen der Arbeitsbedingungen in dessen Werk als Zeuge aussagen. Doch daraus wurde nichts. Die Verteidigung stellte einen zweiten Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter, der Prozess wurde erneut vertragt.“ s.a. Meldung in newroom.de: http://bit.ly/9XajzI

Zwischenzeitlich hätten sich die Bedingungen in der Industriebäckerei sogar deutlich verbessert – die Kameraüberwachung verschwand, mit den Gewerkschaften sei gar ein Tarifvertrag abgeschlossen worden. Doch als Lidl wieder aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwand, sei wieder „aus Mensch und Maschine das optimale rausgepresst“ worden. Viele hätten sich gar „wie Zwangsarbeiter im Straflager“ gefühlt, berichtet Wallraff. „Die jetzt raus sind, empfinden das als eine Befreiung.“ Der Undercover-Mann unterstützt sie nach eigenen Angaben mit mehreren tausend Euro, Teil eines Preisgeldes von der rheinland-pfälzischen Landeszentrale für politische Bildung, die Wallraff für dessen Recherchen auszeichnete.

Der Bezirkssekretär der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, Harald Fascella, stützt Wallraffs Version ohne Einschränkungen: „Eine Kündigung aus eigenem Antrieb heraus hätten sich viele gar nicht leisten können.“ Die Beschäftigten der Bäckerei seien „ungelernte Hilfsarbeiter“ gewesen, die am Existenzminimum genagt hätten. Fascella räumte ihnen „kaum eine Chance“ auf einen neuen Job ein und betont: „Wer eine Beschäftigung selbst kündigt, dem versagt die Arbeitsagentur das Überbrückungsgeld.“ Von dieser Zwangslage berichtete dem medium magazin auch eine ehemalige Arbeiterin der Bäckerei. Sie sagt: „Dass es so gekommen ist, ist die beste Entscheidung, die unser ehemaliger Chef jemals getroffen hat.“

Dazu der O-Ton von Günther Wallraff:

Herr Wallraff, in Medienberichten hieß es, die Bäckerei in Stromberg, deren skandalöse Arbeitsbedingungen Sie mit einer Undercover-Recherche aufgedeckt haben, sei nun geschlossen worden – weil der Inhaber nach Ihrer Veröffentlichung im „Zeit Magazin“ zu große Bauchschmerzen hatte. Stimmt das denn?
Günter Wallraff: Das ist eine Legende! Die Sache verhält sich so: Lidl war der einzige Kunde dieser Bäckerei. Mein Bericht kam zu einer Zeit, in der Lidl ohnehin schon erheblich unter Druck stand – Stichwörter: Kameraüberwachung und Datenschutz. Lidl hat deshalb erst einmal Zugeständnisse gemacht, etwa den finanziellen Spielraum für die beauftragte Bäckerei vergrößert. Die Kameraüberwachung in der Fabrik wurde abgestellt und der Lohn der Beschäftigten erhöht, sogar per Tarifvertrag. Das alles kam nicht etwa, weil der Inhaber so kulant war, sondern weil Lidl sein Image verbessern musste.

Also eine Erfolgsmeldung?
Ja, erst mal sah es danach aus. Als die Öffentlichkeit das alles nicht mehr im Blick hatte, wurde das rückgängig gemacht: Die Kameraüberwachung wurde wieder eingeführt, der Betriebsrat drangsaliert und gemobbt. Die Bäckerei hat ihre Beschäftigte zudem dazu gebracht, die Gewerkschaften wieder zu verlassen – der Köder: eine eigene Rechtschutzversicherung, was letztlich aber nichts anderes war als eine reine Erpressung. Dann passierte Folgendes: Die Stammbelegschaft, die eine ordentliche Lohnerhöhung erfahren hatte, wurde einfach abgebaut. An ihre Stelle kamen viele Leiharbeiter rein. Die mussten wieder zu den armseligen Löhnen von sieben Euro schuften. Nachher war die Situation wieder so, dass die Leute, die übrig blieben, riefen: Hoffentlich werden wir bald entlassen!

Hat nicht jeder die Möglichkeit zu kündigen?
Grundsätzlich schon. Bei einer Kündigung aus eigenem Antrieb heraus sperrt die Arbeitsagentur den Arbeitern aber erst einmal die Leistung. Sie waren mit den miesen Löhnen über Jahre schlichtweg derart ans Existenzminimum gedrückt worden, dass sie es sich ganz einfach nicht leisten konnten, zu kündigen.

Was war so schlimm – wenig Geld ist doch allerorts üblich, oder?
Schon, hier kamen aber eben noch desaströse und menschenverachtende Arbeitsbedingungen hinzu. Aus Mensch und Maschine wurde das optimale rausgepresst. Wir mussten ins laufende Band greifen, wenn etwas danebenging. Auch ich habe mir immer wieder Brandverletzungen zugezogen, weil ein Produktionsstopp um alles in der Welt verhindert werden musste. Dagegen ermittelte schließlich auch die Staatsanwaltschaft, die sich auf meinen Bericht stützte. Ich glaube, Lidl und der Inhaber der Bäckerei wollten sich dem wie auch weiterer öffentlicher Debatten entziehen, die bei dem im November beginnenden Prozess zu erwarten sind.

Was ist jetzt mit den Mitarbeitern?
Die jetzt raus sind, empfinden das als eine Befreiung. Da fühlten sich welche wie Zwangsarbeiter im Straflager. Die Entlassenen bekommen jetzt erst mal Arbeitslosengeld. Den Kollegen, die noch Forderungen an den Firmeninhaber haben, stelle ich im Übrigen den besten Arbeitsrechtler an die Seite.

Text und Interview: Daniel Bouhs