• Geld für Journalismus

    Wo es lohnende Töpfe für aufwändige Recherchen und mutige Medien-Startups gibt

  • Kontroverse Medienschelte

    Richard David Precht und Harald Welzer im Doppelinterview

  • Inside RBB

    Wie das interne Investigativteam die Recherche im eigenen Haus erlebte

Medium Magazin 04/2022

 

EDITORIAL / Alexander Graf, Chefredakteur

 

 

Angst vor Populisten

Warum die Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen derzeit auch fragwürdige Seiten hat. Und warum wir dennoch mehr davon brauchen.

In ereignisreichen Zeiten steht auch die journalistische Berichterstattung immer besonders im Fokus. Ist diese ausgewogen und fundiert, befeuern Medien Alarmismus, wird staatliches Handeln ausreichend hinterfragt? Oder auch: Wer kommt zu Wort, wem wird Expertise zugestanden? Kurz: Jeder gesellschaftliche Belastungszustand ist immer auch eine Bewährungsprobe für unser Mediensystem.  

Neu war in diesen von Krisenmeldungen überschatteten Wochen nun allerdings, dass Teile des Journalismus selbst ins Zentrum einer solchen Krise gerieten: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wurde plötzlich zum Schauplatz handfester Affären. In Berlin wurden rbb-Intendantin Patricia Schlesinger gleich mehrere Verfehlungen aus dem Bereich der Vetternwirtschaft, Klüngelei und Vorteilsnahme zum Verhängnis. Einblicke in die Erfahrungen des internen rbb-Rechercheteams lesen Sie auf Seite 22. 

Im NDR-Landesfunkhaus Kiel wiederum soll Ressortleiterin Julia Stein die kritische Berichterstattung über das Deutsche Rote Kreuz verhindert haben – ebenfalls aufgrund persönlicher Verflechtungen. Zuletzt warf der „Spiegel“ in einem Bericht jedoch grundlegende Zweifel an den Vorwürfen gegen Stein auf. Ein guter Anlass, um die Berichterstattung einmal zu reflektieren. Denn diese wirkte oft so, als hätte jemand die sprichwörtliche Büchse der Pandora geöffnet: Kaum war eine Affäre öffentlich, schienen sich alle darin überbieten zu wollen, noch einen neuen Skandal auszugraben. 

Ich glaube, dass die Öffentlich-Rechtlichen und auch unsere Branche an dieser entfesselten Dynamik eine gewisse Teilschuld haben. Jahrelang wurde der Fehler gemacht, berechtigte Kritik allzu schnell ins Lager der „Zwangsgebühren-­Schwurbler“ zu verfrachten. Gleichzeitig war auch die Lust vieler Kolleginnen und Kollegen eher gering, sich einmal intensiv mit möglichen Fehlentwicklungen und Skandalen in den Funkhäusern zu beschäftigen – eben aus jenem Grund, den zahlreichen populistischen „Kritikern“ des ÖRR nicht noch fundiertes Futter zu liefern. Dass jetzt Springer-Recherchen den Stein ins Rollen brachten, ist deshalb besonders pikant: Schließlich ist es kaum mehr ein offenes Geheimnis, dass der gebührenfinanzierte Rundfunk dem Konzern ein Dorn im Auge ist. 

Schon jetzt sollte also eine Lehre sein: Wir brauchen in Zukunft viel mehr kritische Berichterstattung über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk – nur so kann verhindert werden, dass einzelne Affären gleich zu einer ganzen Lawine aus berechtigten Vorwürfen und haltlosem Populismus werden. 

Was haben Precht und Welzer uns zu sagen?

Applaus aus der Populisten-Ecke bekommen derzeit auch Richard David Precht und Harald Welzer für ihr neues Buch „Die vierte Gewalt – Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist“. Klar, die beiden Star-Autoren sind selbst Meister der Aufmerksamkeitsökonomie und reichweitenstarke Meinungsmacher. Dennoch war mir die vorauseilende Wagenburg-Mentalität der Branche angesichts der im Buch formulierten Journalismuskritik etwas zu billig. Wir wollten wissen, was an ihren Thesen zur Medienkrise wirklich dran ist, und haben Welzer und Precht zum Doppelinterview getroffen. Machen Sie sich selbst ein Bild: Seite 36. 

Noch etwas Positives zum Abschluss, nachdem es nun so viel um Krisen ging: In unserer Titelstrecke zum Thema „Geld“ finden nicht nur, aber vor allem freie Journalistinnen und Journalisten zahlreiche Anregungen und Tipps, wie und wo sie finanzielle Unterstützung für ihre Arbeit bekommen (ab Seite 68). Gerade Stipendien sind ein wertvolles Mittel, um aufwendige Recherchen zusätzlich zu finanzieren. Immer wieder merke ich aber in Gesprächen, dass Kolleginnen oder Kollegen diese tollen Möglichkeiten entweder gar nicht auf dem Schirm haben oder zögern, sich zu bewerben. Mein Tipp: Probieren Sie es einmal aus – es lohnt sich. 

 

Die Ausgabe medium magazin 04/2022  mit hilfreichen Tipps zu Stipendien und Förderungen, Hintergründen zur Krise der Öffentlich-Rechtlichen, einem Doppelinterview mit Richard David Precht und Harald Welzer sowie ganz viel Nutzwert für die journalistische Berufspraxis ist ab sofort digital oder als Printausgabe hier erhältlich oder im ikiosk. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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